ElternRat: Familienbett

Es ist nicht nur die Aussicht, auf ein virtuelles Croissant mit Cappuccino in der Villa Schaukelpferd, die mich dazu bringt, zu diesem Thema zu schreiben.

Schon länger wollte ich das Thema Familienbett aufgreifen.

Vorweg möchte ich natürlich sagen, dass dieses für viele so sensible Thema ein individuelles ist. Niemand kann entscheiden, was einer fremden Familie guttut und was sie braucht – das entscheiden die Familien ganz alleine. Wieso ich das ganz überzeugt so sehe erkläre ich am Ende des Artikels.

Wie stehen wir zum Thema Familienbett? Welche Erfahrungen haben wir gemacht?

Familienbett

Kuschelig zu Sechst: Das imaginäre Essential-Familienbett. Man achte auf Papas Gesichtsausdruck: „Immer weiter lächeln und Augen hoffnungsvoll gen Himmel wenden“

Wir haben mit keinem einzigen Baby eine Nacht zusammen im gemeinsamen Bett verbracht. Und auch nicht mit größeren Kindern.

Neugeborene lagen bei uns immer mit im Schlafzimmer. Dies allein schon hat meinen Schlaf sehr unruhig werden lassen, aber es war dennoch die beste Lösung für uns alle. Schließlich geht es darum, dass alle möglichst gut schlafen. Und so war das für uns umsetzbar.

Die ersten beiden schliefen im Babybett, bzw. im Stubenwagen gleich neben unserem Bett. Die beiden Jüngsten hatten einen Babybalkon an Elternbett. Als die beiden Großen geboren wurden, waren die Balkone für uns nicht verfügbar, weil nur von einer teuren Marke erhältlich – es gab noch keine günstigen Nachahmungsprodukte und wir in der armen Studiumsphase hatten für so etwas schlicht keine Kohle.

Bettchen

Später Luxus: Das zum Babybalkon verwandelbare 4-in1-Bettchen mit Eulen-Druck.

Bei Nummer 4 sind wir ins benachbarte Wohnzimmer auf die Couch umgezogen, während er in seinem Balkönchen das Schlafzimmer okkupierte, weil er von jedem Atemzug seiner Eltern einen unruhigen Schlaf bekam und alleine einfach besser ausruhen konnte. Das war eine der berühmten Instinktentscheidungen: Ich spürte, dass er völlig Ruhe brauchte, um kurz zu sich zu finden und dann schlafbereit zu werden. Er hatte große Probleme mit dem Schlafen, war unruhig und ängstlich, wenn er müde wurde. (Wegen seiner Unruhe haben wir auch das Begleitete Weinen gemacht)

Er schlief die erste Zeit niemals im Liegen ein, bzw. nur auf meinem Körper. Nach circa 60 Minuten konnte man ihn umbetten. Auch nachts. Erst stillte ich in rund 45 Minuten und dann saß ich noch mal 60 Minuten mit ihm in der Dunkelheit und Stille und starrte auf die Wand vor mir. Nur dann schlief er tief genug, um abgelegt zu werden. Also meine Nächte waren schon mal ätzend, ehrlich gesagt. Neben mir schlummerte Mister Essential – dafür war er aber der, der mitten in der Nacht mit dem weinenden Kleinen durch das Dorf spazierte, damit dieser wieder einschlief. Das kam in der Tat auch vor.

Morgens schlief er (Nummer 4, nicht Mister Essential) aber sehr gut, wenn ich mir mit ihm auf dem großen Schlafsofa eine Art Nest baute. Er lag in meinem Arm, ich las eine Zeitung auf dem Tablet und er schlummerte. Abends ging das nicht. Da brauchte er eine bestimmte Art, in der er geschuckelt wurde, damit ihm die Augen zufielen. Danach wieder 45 Minuten auf dem Papa liegen, dann erst in das Bettchen. Im Liegen schlief er zu diesem Zeitpunkt gar nicht ein. Weder alleine, noch zwischen uns – nix zu machen.

Alle Kinder zogen mit rund drei bis vier Monaten (sobald sie durchschliefen) in ihre Zimmer um. Dort schliefen sie zusammen mit ihren Geschwistern – aber alle in ihren eigenen Betten. Außer Nummer 4, der hat ein Einzelzimmer – dies ergab sich einfach dadurch, dass wir nach dem Umzug für jedes Kind ein eigenes Zimmer hatten. Er schlief auch erst mit neun Monaten durch und somit erst später in sein Zimmer als die großen Schwestern.

Nummer 3 schlief bis vor Kurzem sehr gerne bei Nummer 1. Als diese dann den pubertären Wunsch nach mehr Privatsphäre hatte, gab es einen sehr tränenreichen Abschied. Nummer 3 bekam aber ein neues Bett, das eh nötig war und so zog sie wieder in ihr Zimmer. Äußerst ungern allerdings.

Unser Reich

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Im Mittelalter schlief man übrigens nicht immer zusammen, wie oft behauptet wird. Das hier ist ein Ehebett. Die Kinder hatten eigene Betten. Aus Angst vor SIDS schliefen Kinder meist in Wiegen – das nur als kleiner historischer Exkurs.

Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir alleine zu Zweit schlafen wollen, wenn die Kleinen uns nachts nicht (oder fast nicht) mehr brauchen. Das hat verschiedene, persönliche Gründe:

– Wir beiden lieben Nähe nicht besonders. Wir liegen nicht oft Arm in Arm zusammen herum. Weder auf dem Sofa, noch im Bett. Und wir schlafen sogar dann schon nicht so dolle, wenn wir nur zu zweit sind. Da wir aber für unsere große Familie und unsere Aufgaben des Tages fit sein müssen, sorgen wir für die Art von Schlaf, die uns am meisten Energie liefert – und die ist für uns jenseits von Knderknien in unseren Rippen.

– Wir sind gerne für uns, wenn wir nach oft pausenlosen 14 Stunden Feierabend haben

– Wir haben inzwischen viele Diskussionen zu diesem Thema gelesen. Wir haben auch noch den sympathischen Kommentar von Patricia (Das Nuf) im Kopf, in dem sie sich ein bisschen über den „Sofa-Sex“ der Familienbett-Schläfer*innen amüsierte.

Und den wollten wir nie. Auch die zahlreichen Foren/Facebook-Kommentare mit den verheißungsvollen Zwinker-Smileys bezüglich der vielen anderen Orte, an denen sexuelle wirklich kreative Eltern im Haus oder der Wohnung Sex haben, reizten uns auch im Nachhinein nicht. Die nutzen wir ja auch selbstverständlich und natürlich alle gerne. Aber wir wollen einfach nicht flüsternd in unser Bett steigen. Erst Recht nicht, nachdem wir eventuell diese ganzen vielen erotischen Orte des Hauses nutzten.

Woran das liegt? Das weiß ich nicht. Ich bin nur froh, dass Mister Essential und ich da einer Meinung sind und die gleichen Empfindungen haben.

Bedürfnisorientiert?

Ja, wir leben mit unseren Kindern bedürfnisorientiert zusammen. Unsere eigenen Bedürfnisse kommen dabei naturgemäß öfter mal etwas zu kurz, aber die Kinder haben einen guten Rahmen für ihre eigenen.

Wir folgen in unserer Aufmerksamkeit für die individuellen Bedürfnisse weniger den inzwischen berühmten Punkten (Still-Dauer nach Bedarf, Familienbett, Tragen etc.), sondern ganz frei der familiären Atmosphäre, den Kindern und unseren persönlichen sowie familiären Möglichkeiten.

Dabei heraus kamen durchaus Stillen und Tragen, aber auch Wegwerfwindeln, Gläschenkost im Wechsel mit Selbstgekochtem, „Sauberwerden“ (den Ausdruck mag ich eigentlich nicht) nach kindlichem Impuls, viel Nähe und Kuscheln, Zuhören, die Kinder nicht belügen (auch das empfinde ich als Bedürfnis der Kinder), gesunde Ernährung, sexuelle Aufklärung, Impulse setzen, Hinterfragen, begleitetes und bewusst gemeinsames Meistern von schwierigen Situationen (wie Tod und Krankheit), das Beantworten ausnahmslos aller kindlicher Fragen und Einiges mehr, das wir als menschliche und insbesondere kindliche Bedürfnisse ansehen.

Dadurch dass sie Geschwister haben, werden sie automatisch in der Bedürfniserfüllung auf natürliche Weise begrenzt. Daher können wir ihnen eine Menge geben, ohne dass sie sich wie kleine Majestäten fühlen oder verhalten. Dazu ist der Thronsaal hier einfach zu voll.

Ich sehe an ihrem Verhalten – und höre dies auch als Feedback von Lehrer*innen, Freund*innen, Erzieher*innen: Sie sind wohl sehr in Ordnung so, wie sie sind.

Sie kennen ihre Rechte und auch ihre Grenzen. Sie fühlen sich geliebt und vertrauen mir sehr persönliche Dinge sowie Probleme an – sie haben Vertrauen und fühlen sich akzeptiert. Auch wenn wir Kritik üben oder ihnen Anregungen für ihre Entwicklung geben. Sie sind selbstbewusst genug, ab und an Selbstironie zu üben, was mich immer wieder verblüfft.

Obwohl ich das Stillen nie besonders mochte (was rein psychologisch gesehen an meiner persönlichen Biographie liegt), habe ich ihnen selbiges ermöglicht, bis sie es nicht mehr wollten. Da sie eine Einheit mit mir bildeten, war das meist vor einem Ablauf von sechs Monaten so – vermutlich haben sie einfach meine innere Abwehr gespürt. Trotzdem haben sie dann all die Abwehrstoffe und die Nähe erhalten, die zum Wert des Stillens beitragen.

Eine kurze erklärende Bemerkung zur Andeutung bezüglich meiner Biographie: Ehemalige Opfer sexualisierter Gewalt haben oft Probleme mit dem Stillen, da es sich für sie sehr unangenehm anfühlt, intime Körperteile jemand Anderem auf dessen Verlangen zur Verfügung zu stellen (ja, auch beim eigenen Kind). Ihre eigene Grenzsetzung und Intimsphäre lernten sie oft erst mühsam wieder zu schützen und es fällt verständlicher Weise schwer, diese wieder aufzugeben.

Ich kann sagen, ich kenne diese vier Individuen sehr gut.

Sie dürfen sich sehr frei entfalten – aber nicht in meinem Bett.

Ausnahmen?

Ja, wenn Mister Essential auf Geschäftsreise ist. Dann darf immer eines der drei Mädels zu mir ins Elternbett. Und darauf freuen sie sich, weil es etwas Besonderes ist. Ich finde das auch immer sehr gemütlich. Aber nach den üblichen zwei bis vier Nächten (in denen sie sich abwechseln) reicht es mir dann auch wieder.

Wenn sie Albträume hatten, dann kamen sie selbstverständlich auch zu uns. Sie wurden getröstet und wenn es ihnen wieder gut ging, dann entließen wir sie aus unserer Fürsorge in ihr eigenes Bett. Weil: Wenn wir sie bei uns ließen, dann wurden wir in den folgenden Nächten sehr oft wegen einer mysteriösen Serie von Albträumen geweckt und waren schnell übermüdet und gereizt. Denn: So etwas spricht sich bei Geschwistern oft schnell herum und prompt öffnet sich die Schlafzimmertür dann eben drei Mal pro Nacht – wenn man Pech hat drei Mal pro Nacht und Kind.

Horror Bild

Klar: Kinder, die so etwas zeichnen, haben vermutlich oft Albträume. (Schul-Kunstprojekt „Total gruselig“, von Nummer 2)

„Ja, dann lasst sie doch alle gleich in euer Bett, da schläft man besser“ wäre da wohl der Rat der gerne gemeinschaftlich Schlummernden. Nee, das wollen wir nicht. Wir lagen meist auf 1,40 m oder 1,80 m und dann mit drei Kindern dabei: Hm, reizte uns irgendwie nicht, der Gedanke.

Sobald sie etwas brauchen, sind wir für sie da.

Manchmal kam Nummer 2, weil sie über etwas grübelte und deshalb nicht schlafen konnte. Dann sprachen wir mit ihr. Immer freundlich und geduldig, auch nachts. Und dann ging es wieder ins Bett.

Der Weg zurück ins eigene Reich war uns nicht nur wegen unseres Schlafes wichtig, sondern auch, weil er ein Stück weit zur Selbstverantwortung dazugehört. Seine Gefühle (und dazu gehören nun auch Ängste) in den Griff zu bekommen ist – soweit situativ und individuell zumutbar – sehr wichtiger Bestandteil des Großwerdens.

Unsere Erfahrung zeigte: Wenn man zu lange zuhörte, sich kümmerte und gab, dann hörte das Nehmen nicht auf. Auch nicht nach Wochen – während derer man immer weniger geben wollte, weil man irgendwann sehr angestrengt war.

Und auch das ist in einem bedürfnisorientierten Zusammenleben sehr wichtig: Alle haben Bedürfnisse. Und auch wenn Erwachsene selbstverständlich den Bedürfnisaufschub besser beherrschen, sollte ihr Leben nicht weitestgehend daraus bestehen. Kinder sollten lernen, dass Eltern ebenso ein Recht auf die Erfüllung ihrer Bedürfnisse haben. Leider wird (besonders von uns Müttern) immer wieder erwartet, dass wir diese hintenan stellen oder am besten und gleich ganz abgewöhnen. So vermitteln wir den Kindern doch aber ein falsches Bild von Beziehung und Zusammenleben, denke ich.

Zudem wird man abhängig, wenn man sich in seinen Gefühlen auf jemand Anderen fallenlässt. Wenn man sehr klein ist, dann ist das auch genau richtig so. Aber während des Großwerdens sollte dies abnehmen. Hier kann man niemanden zwingen und sollte auch nicht vor dem Kopf stoßen. Wer aber über seine Grenzen hinaus dauernd gibt, der wird gereizt – das spüren die Kinder und es wirkt auf sie genau so, wie ein grenzsetzendes Wort – da kann man auch bereits eine Grenze setzen, sobald sie spürbar ist.

Am Ende hat man nicht mehr unbedingt Geduld und wenn man mehrere Kinder hat, dann muss man seine Ressourcen einteilen. Weil man am Ende dann eh entnervt sein wird. Da ist es sinnvoll, dann seine Grenzen aufzuzeigen, wenn man sie nahen spürt und nicht erst, wenn sie niedergerissen wurden und man ganz gereizt ist.

Mouth to mouth

Die MtM-PR des Familienbettes hat uns zusätzlich darin bestärkt, unseren Weg weiterzugehen. Denn: Die meisten persönlichen Berichte waren eher negativ, während es online alles ausnahmslos rosig klang. Das machte uns misstrauisch. Es schien im Internet nur Begeisterung zu geben oder eben Ablehnung. So etwas wie „Joa, wir schlafen zusammen, aber es strengt mich an und ich hätte es langsam lieber wieder anders“ las man fast gar nicht. Und da dachten wir uns heimlich, dass vielleicht und eventuell da ein Bisschen etwas verschwiegen oder beschönigt wird. Vielleicht weil man seien Entscheidungen eben lieber untermauert als zu sagen: „Ma ehrlich? Dat war  nix:“  Und genau das machte uns Angst.

Wir waren sicher: Es muss, wie bei allen Dingen, auch hier negative Seiten geben. Und wenn man von denen nie etwas liest, dann stimmt etwas nicht. Dann hat es vielleicht eine Menge davon und wenn man sie alle erst kennengelernt hat, dann ist man schon mittendrin und kommt nicht mehr raus? Das Opfer einer früheren Entscheidung. Und das wollten wir nicht. Angsthasen, die wir sind.

Freunde, die mit den Kindern zusammen schliefen oder länger als ein Jahr das Schlafzimmer teilten, erzählten von nächtlichem Weinen und Schreien in der Entwöhnungsphase, waren viele Wochen oder Monate wie gerädert und völlig entnervt. Weil sie eben doch nicht, wie zuerst angedacht, das Kind bei sich lassen würden, bis es selber in sein Zimmer umziehen will. Sondern weil es ihnen vorher schon reichte. Das hatten sie ja nun nicht wissen können und mussten dann zusehen, wie sie mit der Situation zu Rande kamen.

Manche hatten es satt, stumme Liebesspiele im Elternbett zu erleben, während das Kind im Babybett daneben schlief und wollten das Zimmer wieder für sich. Vielleicht weil all die vielen anderen verheißungsvollen erotischen Orte zu nahe am Zimmer des größeren Geschwisterkindes waren? Eventuell. Oder weil man abends im Bett schon mal auf die Idee kommt, die Nähe zu intensivieren. Da wollten sie vielleicht nicht extra wieder aufstehen und das Wohnzimmer, die Küche, das Bad oder die Garage sowie den Keller zu frequentieren.

Andere Eltern mochten es nicht, dass es am Ende so ablief: Papa schlief bei Sohn im Zimmer, Mama bei Tochter. Und das dann zwei Jahre lang. Beziehung wurde auf eine Probe gestellt, alles anstrengend.

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Gemeinsam schlafen verbindet – auch Paare als ebensolche.

Ansonsten haben wir nicht so viele Freunde mit Kindern. Manche bekommen gerade ihr Erstes. Und so kann ich nicht auf viele Erfahrungsberichte meines Umfelds zurückgreifen. Die wenigen aber bestätigten mich. Man neigt ja nämlich immer zum schlechten Gewissen, wenn man argwöhnt, man gäbe den Kindern etwas nicht, dass sie aber sicher brauchen. Wie eben die Nähe beim Schlafen. In Wahrheit entscheidet man nicht einfach nach seinem Bedarf und gut is. Man muss eine innere Befreiungsaktion anwerfen – gleich nachdem man gründlich recherchierte, ob man sich diese Gewissenserleichterung überhaupt herausnehmen darf.

Was denke ich generell über das Familienbett

Ich verstehe total, dass es Eltern gibt, die das warme und kuschelige Familienbett sehr genießen. Ich hab mich auch gern morgens mit Baby Nummer 4 hingekuschelt und noch etwas gedöst oder eben etwas gelesen.

Dennoch wäre es kein Konzept für mich, das mir auf Dauer zusagen würde. Vor allem, da die Kinder die Dauer bestimmen würden und nicht ich. Denn das würde ich dann so erleben wollen: Richtet sich das Projekt nach den kindlichen Bedürfnissen, dann endet es auch exakt dann, wenn die Kinder das Bedürfnis danach haben. Denn „Klar, schlaf bei uns, Schnubbelchen“ sollte meines Erachtens nach nicht enden mit „Und jetzt reicht es uns, schnell an’s eigene Bett gewöhnen!“ Da müsste ein Einklang her, damit das harmonisch und genießbar ist. Und zwar für alle. Und den könnte ich nicht gewährleisten. Da ich ahnte, dass es so ablaufen könnte, habe ich es lieber gleich sein gelassen.

Nun sind wir ja einiger Maßen viele hier im Haus und ich las auch davon, dass Familien mit 3+ Kindern auch Matratzenlager statt eines Ehebettes haben. Das macht dann sicherlich Sinn. Wir möchten aber unser hübsches Bett mit dem schnieken Himmel darüber nicht gegen eine Matratzenburg tauschen. Über unserer schneeweißen Kommode hängt ein großes erotisches Foto in einem barocken Schnörkelrahmen, auf der Fensterbank stehen meine Schmuckkästchen und die Statuette zweier sich umarmender Liebender. Ganz ehrlich: Da passt doch kein Matratzenlager hin, oder? An Hand der beschriebenen Details ahnt man es schon: Weil es eben nicht zu uns, Mister Essential und mir, passen würde. Es würde uns nicht glücklich machen. Also lassen wir es.

Liebe zwischen Windeln und Hausaufgaben - nicht einfach ... aber möglich

Unser Rückzugsort vor der Horde bleibt unser Fort Sleep – mit Ausnahmen

Das Familienbett hat keinen Wert an sich. Es ist eine Geschmacksfrage, eine Idee und eine Entscheidung. Aber kein moralisch fesselndes Element perfekter Elternschaft. Manchen tut es gut, anderen nicht und beide sind dennoch gleich gute Eltern. Weil sie nachdenken und überlegen, was für alle gut sein könnte. Und auch darin kann man irren. Manchmal merkt man das erst Jahre später. Daher ist es immer mutig, wenn Eltern etwas entscheiden, denn die Verantwortung ist groß und die Folgen längst nicht immer so absehbar, wie zeitgenössische Erhebungen, Zeitungsartikel und Fachbücher mitteilen.

Anmerkung zum Schluss

Über die bedürfnisorientierte Erziehung wollte ich ohnehin noch einen gesonderten Artikel schreiben und werde das zukünftig auch tun. Ich befürworte diese, lebe sie jedoch in weiten Teilen anders aus, als im Moment in Mode – wie weiter oben auch erwähnt.

Ich habe in meinem Beruf als Familienpflegerin sehr intensiv in völlig unterschiedliche Familien hineinsehen dürfen. (Soll ich dazu eigentlich auch mal etwas schreiben? Würde Euch das interessieren?)

Und da habe ich gelernt, wie jede ihren Weg geht. Dieser ist, so lange niemandem ein Schaden zugefügt wird (leider musste ich auch das öfter erleben), immer erst einmal akzeptabel. Wenn man sich lange mit einer Familie befasst, dann erspürt man sie – ihren Umgang, ihre eigene Sprache, ihre Geheimnisse und ihre Wertvorstellungen. Am Ende begriff ich immer: Was zu Beginn vielleicht seltsam wirkte, war genau richtig für diese bestimmte Familie.

Deshalb: Es gibt kein Besser oder Schlechter. In diesem Sinne: Schlaft alle gut, ihr lieben Eltern – ob zu Zweit, alleine oder gemeinsam mit Euren Kindern. Wer zufrieden aufwacht, der hat sich gut gebettet – und nur das zählt ❤

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Heilsames Begleiten weinender Babies

Von unseren vier Kindern waren zwei Babies intensiv fordernd und zwei selbstzufrieden.

Nummer 1 und Nummer 4 weinten viel, waren unruhig, fordernden viel Nähe und zeigten sich sehr unsicher -> High Needies.

Das war schon sofort nach ihren (tendenziell eher heftigen) Geburten so: Sie weinten laut und lange. Nummer 4 über eine halbe Stunde ohne Pause. Nummer 2 und Nummer 3 haben gar nicht geweint. Nummer 3 lag völlig entspannt zwischen meinen Füßen und ich hatte schon Sorgen, ob es ihr überhaupt gut ging. Nummer 2 arbeitete sich aus meinem Körper sogar selbst heraus (schräge Sache das, aber gut) und lag dann entspannt auf meiner Brust. Nummer 1 musste durch drei Stunden heftiges Dauerpressen (Hebamme drängte zum Full-Power-Dauer-Pressen ab 8 cm MM-Öffnung, warum auch immer), hatte davon ein Riesen-Hämatom auf dem Oberkopf und weinte dementsprechend laut.

Nummer 4s Geburt war für uns beide sehr intensiv.

An seinem Beispiel möchte ich aufzeigen, welche wunderbare Erfahrung ich mit ihm und seinem Weinen machen durfte.

Er stellte sich uns also mit lautem Weinen vor und tat uns sehr leid. Ich tat mir auch etwas leid, aber er mir eindeutig mehr. Mit vor Erschöpfung zitternden Händen hielt ich ihn und er schrie. Kein Wunder – die Wehen war ungewöhnlich intensiv gewesen, seine Herztöne waren durch die Belastung dramatisch gesunken und er hatte wirklich „einen Stiefel mitgemacht“, wie man so sagt.

Die Hebamme hatte erklärt, dass ab einer vierten Geburt immer das Risiko übermäßiger Wehen bestünde, weil die Gebärmutter sehr viel mehr Kraft aufbaue als beim ersten, zweiten oder dritten Kind. Das müsse nicht passieren, könne es aber. Die Gebärmutter habe dann die Kraft einer sich schließenden U-Bahntür.

So fühlte sich das auch an. Eher so, als sei ich zwischen einer solchen Tür – aber gut. Für die PDA war es zu spät, statt dessen wurde die Fruchtblase geöffnet und ich durfte ganz befreiend laut schreien. Mehr Unterstützung gab es da medizinisch nicht. Schreien als Medizin. Okay. Es half immerhin irgendwie.

Also schrie zuerst ich, danach schrie er. Das passte schon mal soweit.

Ich lernte ihn dann zuhause in Ruhe kennen. Er war ängstlich, hatte wenig Vertrauen und war nervös. Er schien richtig Panik vor dem Einschlafen zu haben. Nummer 2 mutmaßte dazu: „Im letzten Leben ist er bestimmt ganz fies gestorben und hat noch voll das Trauma und weil Einschlafen ähnlich wie Sterben ist – Schlafes Bruder und so – hat er nun Panik davor.“

Das lasse ich einfach mal so stehen. Es passte insoweit, dass es genau sein Verhalten illustrierte. Und die Abwesenheit seines Vertrauens. Aber das sollte alles viel besser werden.

Dankbar eine Lösung gefunden

Natürlich haben wir alles getan, damit es ihm gut geht. Und er Vertrauen fasst. Wenn er weinte, dann trug ich ihn – mal im Tuch, mal auf dem Arm – , sang und streichelte ihn. Und wir gaben ihm Schnuller und wir summten und sangen. Und er bekam die Brust und wurde wieder getragen. Manchmal brüllte er 30 oder 40 Minuten ab Stück ohne physischen Grund. Bauch war weich, Windel neu, er war satt. Aber er litt. Wir probierten weiterhin, ihn zu beruhigen. Ein Baby soll ja bekanntlich nicht weinen, man soll sich schließlich um es kümmern. Klar wollten wir ihn nicht weinen lassen. Aber nichts half. Ich ärgerte mich, dass in Filmen in so miesen Wohngegenden und schmierigen Hochhäusern immer als Stilmittel ein Baby weint. Weinende Babies lassen also auf unmöglich Zustande schließen – so fühlte sich das für mich auch irgendwann an.

Da waren wir so erfahren, aber der kleine Kerl so unglücklich.

Irgendwann stieß ich auf den Artikel einer Hebamme – den ich leider nicht mehr finde.

Sie sagte: „Man kann ein Kind begleiten beim Weinen. Es will erzählen und das Leid muss aus ihm heraus. Wenn ihr Partner ihnen seine Probleme erzählen will, dann stecken sie ihm ja auch nicht alle Nase lang eine Praline in den Mund.“

Das war es! Ich las ihren Artikel, den ich mangels Wiederauffinden in meinen Beschreibungen einfach mit eigenen Worten wiedergebe:

Das unzufriedene Kind möchte erzählen, es wünscht sich einen Zuhörer. Leider braucht dieser bei der Art der Kommunikation aber starke Nerven. Am Ende weint selten nur das Baby, sondern mindestens auch die Mutter.

Es wird nach einer bestimmten, einfachen Methode vorgegangen, deren wichtigste Punkte ich hier aufzähle:

– Das Kind sollte unbedingt in einem Zustand sein, in dem es körperlich wirklich zufrieden ist. Dann finde die Mutter einen angenehmen Sitzplatz. Sehr schön ist es, dabei nicht alleine zu sein. Ich würde sogar dringend empfehlen, dass beide Eltern an dieser Kommunikation teilnehmen. Zum Einen, weil es für die Mutter weniger belastend ist und zum Anderen, weil der Vater sowohl seine Frau als auch sein Kind besser kennenlernen kann. So könnte man sich beispielsweise gegen seinen Partner lehnen und das Kind in den Arm nehmen.

– Im Arm wird es gehalten und zwar in der Tat so, als würde man es mit seinen Armen pucken. Die Händchen sollten nicht durch das Gesicht wischen und fuchteln können, weil dies sehr viel Unruhe bringen kann. Das fällt einem anfangs sehr schwer. Das Baby wehrt sich eventuell etwas und da regieren dann zwei Dinge: Das schlechte Gewissen und der Instinkt. Man fühlt sich ganz furchtbar und sollte natürlich nur dann weitermachen, wenn man spürt, dass es das Richtige ist.

– Blickkontakt ist während der gesamten Kommunikation unerlässlich wichtig.

– Schnuller, Flasche, Brust  – alle „Beruhigungsmittel“ („Pralinen“ … ) sind tabu.

– Nun wird das Baby mit dem Weinen beginnen – es spürt, dass ein Raum geboten wird. Man hält es fest an sich gedrückt und lässt es weinen. Das Weinen kommt, wird lauter, steigert sich zu einem Höhepunkt und ebbt dann wieder ab. Wenn es so verläuft, dann ist man mitten im kindlichen Problem-„Gespräch“. Hierbei kann man sich wirklich furchtbar fühlen, weil man ein weinendes Kind festhält und ihm nicht irgendwie auf eine Weise zu helfen versucht, die man erlernt hat. Und dann kommen noch weitere Wellen.

Bei unserem kleinen Kerl waren es beim ersten Mal vier dieser Wein-Wellen.

Währenddessen beobachtete uns unser Kommunikationswissenschaftler (Mister Essential) und war absolut beeindruckt. Er erkannte eine Kommunikationsstruktur und sagte mir das auch flüsternd. Bald musste ich auch weinen und sah Nummer 4 weiter in die Augen. Plötzlich, ohne zuvor einen Gedanken gefasst zu haben, sagte ich zu ihm: „Ja, ich weiß. Ich wollte dich auch noch nicht hergeben und dann warst du plötzlich geboren und nicht mehr warm geschützt in mir.“ Daraufhin weinte er noch heftiger und ich auch – es war wirklich ziemlich tränenreich, das Ganze.

Nach der vierten Welle ebbte das Weinen ab. Er war erschöpft und döste ein wenig ein. Als er wieder aufwachte, war er so ausgeglichen wie noch nie zuvor.

Wir haben diese Methode nur noch ein einziges Mal angewendet und wieder hatte er danach viel mehr Vertrauen und Ruhe. Schließlich weinte er viel weniger, war insgesamt ausgeglichener und wir sagten ihm zu, ihm zuzuhören, wenn er es brauchen würde.

Zusammen mit unserer Achtung vor seinen Bedürfnissen ist er inzwischen ein richtig zufriedener, ausgelassener kleiner Mann. Eine ungarische Bekannte nennt ihn immer so süß „Glück-Baby“ und meint damit, er sei ganz besonders glücklich. Das strahlt er auch aus.

Die Methode klingt gewöhnungsbedürftig, war in unserem Fall aber wirklich wundervoll. Ich bedaure sehr, sie bei Nummer 1 nicht schon gekannt zu haben.

Natürlich ist das kein Allheilmittel und jede Familie muss für sich selbst entscheiden, ob es passt oder eben nicht. Ich hatte zuerst ganz schön Zweifel daran, merkte aber, dass es für Nummer 4 sehr heilsam war.

Kinder und Trauer – wie erleben sie den Tod und wie unterstützt man sie im Trauerfall?

Kinder und der Tod. Ein für viele Eltern ist es ein problematisches Thema, das ich heute aufgreifen werde. Ich habe mich aus persönlichen Gründen mit diesem Thema intensiv beschäftigt und gebe gerne gesammelte Informationen sowie meine Erfahrungen weiter. Und hierbei schreibe ich ausführlich, denn meine Erfahrung zeigt, dass gerade eine oberflächliche Behandlung dieses Themas nicht hilfreich ist.

Ich schildere unsere Erfahrung so, wie wir sie als Familie gemeinsam machten.

Als unsere Kinder zum ersten Mal dem Tod begegneten

Ulisse Albiati flickr

Es war im Januar 2012 als sie ihre Oma verloren, die zuvor mehrere Monate gegen den Krebs kämpfte und deren Körper dann durch die Folgen der sehr intensiven Chemo-Therapie sehr geschwächt aufgab. Der Krebs war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits besiegt. Es kam völlig überraschend für unsere ganze Familie, da sie bereits in der Reha war.

Mister Essential kam morgens weinend ins Schlafzimmer und weckte mich mit den Worten:

„Meine Mutter ist gestorben.“ Am Ende des Satzes schien ein Fragezeichen zu stehen. Er konnte es wohl kaum glauben. Sein Vater hatte ihn angerufen und gesagt:

„Heute ist kein guter Tag. Deine Mutter ist letzte Nacht gestorben.“

Da es seine Mutter war, wollte ich ihm die Bürde abnehmen, es den Kindern sagen zu müssen. Sie kamen alle langsam und nacheinander herunter – es war ein Samstag und sie hatten daher schulfrei. Daher musste ich es drei Mal mitteilen.

Wir saßen am Esstisch und jede Einzelne war sofort alarmiert, als sie herunterkam. Zuerst erfuhr es Nummer 2 und weinte natürlich. Dann Nummer 1 und zum Schluss Nummer 3. Sie waren zu diesem Zeitpunkt 10, 8 und 5 Jahre alt.

Mister Essential fuhr sofort zu seinem Vater und seiner Schwester, um alles zu organisieren. Die Kinder blieben bei mir. Sie bekamen alles, das sie brauchten und taten das, was ich in meinen Recherchen zum Thema las: Sie ließen sich von ihren Gefühlen führen und folgten dem genialen Überlebensinstinkt der Kinder. Mal spielten sie, dann stellten sie mir Fragen. Dann bekamen sie warmen Kakao und weinten. Dann kamen Fragen und wieder lenkten sie sich ab.

Kinder trauern nicht linear und so individuell, wie Menschen es eben tun: Nummer 1 weinte sehr viel, Nummer 2 war eher wissbegierig und Nummer 3 verstand die Endgültigkeit natürlich noch nicht.

Abends machte ich für den erschöpften Mr. Essential und mich einen Film an, den ich schon lange mit ihm hatte ansehen wollen: „Das Geisterhaus“ nach Isabel Allende. Mr. Essential schlief bald auf dem Sofa ein und ich sah mir den Film an, an dessen Ende der Patriarch Esteban seine geliebte Frau in einem weißen Sarg beerdigt. Mit roten Rosen auf dem Deckel. Ich dachte: „Irgendwie ähneln sich dieser Esteban und mein Mann in manchen Zügen. Ich werde auch mal in so einer weißen Kiste liegen.“ Das war, zugegeben, ein recht lakonischer Gedanke, über den ich aber auch ein bisschen lachen musste.

Die erste Verarbeitung

Ich nahm mir Zeit zu weinen, als die Kinder Montagmorgen in der Schule und im Kindergarten waren. Dazu hörte ich bewusst fröhliche Musik, um nicht in ein Loch zu fallen. Ich wollte ja für die Kinder so ausgeglichen wie möglich sein. Sie sollten natürlich sehen dürfen, dass ich traurig bin. Aber keine Angst bekommen, weil ich völlig down sein könnte.

Sie waren in der Schule und dem Kindergarten abgelenkt gewesen, was mich sehr beruhigte. Deshalb hatten wir sie trotz allem auch dorthin gebracht. Es gab danach Mittagessen wie immer und sie erzählten von ihrem Tag. Dann spielten sie und ich ließ sie etwas fernsehen. Dazu wurde gekuschelt. Es flossen auch immer wieder Tränen. Bei ihnen und bei mir. Bei der Jüngsten am wenigsten und der Ältesten am meisten. Nummer 1 hatte eine sehr starke Bindung an ihre Oma und litte sichtbar. Sie war blass und die Augen waren entweder etwas trüb oder eben nass.

Als ich später dann Mister Essentials Vater begegnete fielen wir uns weinend in die Arme. Und auch die Kinder drückten ihn weinend.

Ich hatte erfahren, dass die Familie sich am offenen Sarg würde verabschieden. Den Vormittag hatte ich genutzt, um zu recherchieren, was Kinderpsychologen dazu sagen. Sollte man den Kindern dies ermöglichen oder gar zumuten? Rasch zeigte sich, dass dazu geraten wird. Wenn man die Kinder begleiten kann, dann ist eine Verabschiedung sehr gut. Sie zeigt den Kindern die Endgültigkeit und sie können durch den Abschied ihren Frieden mit der Situation machen.

Dann rief ich unseren Pastor an, weil mein Schwiegervater mich hatte bitten lassen, diesen besonderen Menschen zu fragen, ob er die Bestattung vornehmen würde. Obwohl er als katholischer Priester von der anderen Konfession stammte – doch mein Schwiegervater fand ihn bei Nummer 1s Kommunion menschlich so beeindruckend, dass er gerne durch ihn von seiner Frau Abschied nehmen wollte. Und genau am Mittwochmorgen hatte der besagte Pastor noch einen Termin frei – es passte somit perfekt.

Montagabend waren wir dann zum Gespräch mit ihm im Haus des Schwiegervaters.

Ich erzählte den Kindern, wie eine Beerdigung von Statten geht und sie freuten sich, dass sie den Pastor bereits so gut kannten. Ein Fremder hätte sie irritiert und so konnten sie sich ein kleines Bisschen besser fühlen in der Aussicht auf den Mittwoch.

Dienstags fuhren wir alle zusammen in ein Einkaufszentrum, um uns die schönsten Trauerkleider zu kaufen, die der Oma gefallen hätten. Sie liebte es, wenn ihre „Ladies“, wie sie die drei Mädchen immer nannte, schick aussahen. Zugleich waren wir abgelenkt und das tat uns ehrlich gesagt sehr gut.

Wie können Kinder Abschied nehmen?

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Es ist wichtig, Kindern alles ehrlich zu beantworten. Geschönte Aussagen wie „die Oma schläft“ helfen Kindern nicht, denn sie erwarten zum Einen, dass die Oma wieder aufwacht und zum Anderen könnten sie Angst vor dem Einschlafen bekommen. Die kindliche Phantasie treibt oft wilde Blüten und manche Kinder erleben heftige Ängste im Rahmen eines Todesfalles, weil die Erwachsenen sich oft eben mit der Organisation und ihren Gefühlen beschäftigen. Und weil sie sich gerne durch Spielen ablenken, wird schnell mal vergessen, dass sie ja auch leiden.

Kinder dürfen unter keinen umständen mit ihrer Trauer und ihren vielen Fragen alleine gelassen werden, sonst kann ein Trauerfall traumatische Züge für sie mit sich bringen. Solange sie nicht wegen scheinbarem Desinteresse (Ablenkung, Lachen) beschämt oder zu erwünschten Gefühlsausdrücken gedrängt werden, weil sie „zu viel“ oder „zu wenig“ trauern, sondern gehalten werden, geschieht ihnen nichts weiter. Sie trauern auf ihre Weise und der Schmerz wird auf seine Weise vergehen. Und im individuellen Tempo.

Ich hatte unter meinen Kolleginnen der Familienpflegerinnen damals eine, die eine Weiterbildung zur Tauerbegleiterin gemacht hatte. Von ihr habe ich vieles erfahren und auch im Rahmen meiner Ausbildung hatte ich schon viel darüber gehört, wie man Kinder unterstützen kann.

Für Kinder ist die Endgültigkeit sehr schwer zu fassen. Jemand niemals wieder sehen – puh – das klingt schon sehr seltsam. Und unmöglich irgendwie. Da schleichen sich Hoffnungen ein. Und magische Gedanken wie „wenn ich ganz brav bin, dann kommt die Oma wieder“. Kinder sollen immer dort abgeholt werden, wo sie stehen. Das gilt natürlich ebenfalls – und ganz besonders – in einer so intensiven Zeit wie der Trauer.

Kinder entwickeln genau wie Erwachsene aus Gefühlen von Ohnmacht oder Unwissen sowie Hilflosigkeit Gefühle wie Angst und Wut. Hier brauchen sie unbedingt Unterstützung durch einen Erwachsenen, der ihnen zeigt, dass auch er trauert. Und ihnen sagt, dass dieser Schmerz nicht immer so stark sein wird. Schmerzen beängstigen Kinder, weil ihnen die Erfahrung fehlt, dass diese aufhören werden. Das gilt auch für emotionalen Schmerz.

Trauer hat eigene Wege

Im Grunde können wir von den Kindern im Umgang mit der Trauer Einiges lernen. Sie empfinden intuitiv. Wer einmal Kinder laut brüllend ein kaputtes Lieblingsspielzeug betrauern oder es ausgelassen lachend über eine Blumenwiese hüpfen sah, der weiß, was ich meine. Wir Erwachsenen sind weiter weg von starken Gefühlen und gerade der Tod wirft uns mitten hinein. Wenn wir es zulassen (können).

Oft wird erwartet, dass man schnell wieder „funktioniert“. Trauerzeiten von ungefähr vier Wochen steht man jedem zu, aber dann „muss auch langsam mal gut sein“. Dabei kann Trauer ein Leben lang dauern.

Wenn man bedenkt, dass man jemanden verliert, den man liebt und ihn nicht wiedersehen wird, dann erscheint es sehr angemessen, etwas länger als einen Monat traurig zu sein, oder?

Es ist eine besondere Fähigkeit des Menschen, den Tod zu verdrängen. Wir brauchen das, um unseren Alltag zu meistern und nicht dauernd ängstlich in Starre zu verfallen. Denn er kann jederzeit eintreten und wir wissen das. Verdrängung scheint leichter zu sein, als damit seinen Frieden machen zu können. „Nur wer den Tod nicht fürchtet, der lebt wirklich frei“ heißt es und das stimmt wohl. Aber dazu muss man sich eben damit konfrontieren. Fragen wie „Wie wird es sein, tot zu sein?“, „Was erwartet mich?“ oder „Was erleben Verstorbene?“ sollte man nicht scheuen. Aber genau das tut man oft. Bis das Thema eintritt.

Der Trauer im Weg stehen manchmal Gefühle durch unverarbeitete Konflikte, die man mit der verstorbenen Person hatte. Oftmals kann man an seine Gefühle der Trauer nicht heran. Doch ohne die Trauer fehlt eben auch die Heilung. „Man muss die guten Dinge betrauern, um die schlechten vergessen zu können“ ist hier ein passender Satz. Alles loszulassen kann sehr heilsam sein: Das Schöne, die Enttäuschung, die Wut und die Frage danach, wie alles hätte anders laufen können, wenn man nur etwas Anderes getan hätte.

Kinderfragen und innere Vorbereitung

Vor dem Mittwoch graute es mir. Ich hatte Angst vor meinen Gefühlen. Viele Monate nach dem Tag sagte eine mütterliche Freundin, die mich kennt seit ich 15 Jahre alt war: „Das muss schlimm gewesen sein. Du hast so viel verloren: Du hattest endlich Frieden mit deiner Schwiegermutter und ihr ward auf einem so schönen Weg. Da hast du die Chance auf die Familie verloren, nach der du dich immer gesehnt hast. Und zugleich war das die Zeit, in der du dich aus Selbstschutz von deiner Mutter trennen musstest. Du hast ja zwei Mütter zeitgleich zu Grabe getragen. Das tut mir sehr leid für dich.“

Das sagt alles aus.

Die Kinder waren aufgeregt und ein bisschen ängstlich.

Sie stellten mir sehr viele Fragen. Vor allem Nummer 2 mit ihrem üblichen Wissensdurst und ihrem Vorstellungsvermögen. Und ich – getreu meinen Idealen – antwortete auf alles:

Sie: „Wie lange dauert es, bis man verwest ist?“

Ich: „Das hängt von vielen Faktoren ab. Knochen können Millionen Jahre bestehen, das weißt du ja durch die Archäologie. Aber ich glaube, es ist schöner, wenn man es sich so vorstellt: Man wird zu Erde und aus der Erde wird eine Blume wachsen und aus der wird eine Biene Honig sammeln. Und sie wird die Blume verbreiten. Man wird ein Teil der Erde und das für immer.“

Sie: „Okay. Das klingt irgendwie kitschig. Aber es macht Sinn. Ich versuche, es mir so vorzustellen.“

Und weiter ging es mit:

„Stimmt es, dass man nach dem Tod noch Pipi macht? Wo läuft das hin? Stinkt das dann aus dem offenen Sarg? Stinkt die Oma dann eigentlich auch schon?“

Ich: „Ja, da die Muskeln nicht mehr arbeiten können, könnte das passieren. Dafür ist aber in einem Sarg extra, so für alle Fälle, etwas eingeschüttet, dass das aufsaugen würde.“

Sie: „Was ist das für ein Zeug? So ’ne Art Katzenstreu? Ich will nie in Katzenstreu liegen und mich vollpieseln. Das ist ätzend.“

Ich: „Das finde ich nicht ätzend. Du bist ja dann gar nicht mehr dabei, wenn es passiert, verstehst du? Und es ist nichts Schlimmes daran, Pipi zu machen.“

Sie: „Aber die Oma würde es hassen, wenn sie das wüsste. Für so etwas war sie nicht der Typ. dafür war sie zu fein.“

Ich: „Da hast du Recht.“ An dieser Stelle mussten wir wieder ein Bisschen weinen.

Dann fragte sie:

„Wird die Oma wiedergeboren?“

Ich: „Das weiß ich nicht. Möglich ist es sicherlich. Du sagst ja immer, alles würde mehr Sinn machen, wenn nicht manche nur zehn Minuten leben und dann für immer tot sind. Oder andere eben Hundert Jahre. Sondern wenn ihre Erfahrungen zu etwas führen würden. Da passt dieser Gedanke sehr gut hinein.“

Sie:  „Was für einen Sinn hätten all diese Dinge und Erfahrungen sonst? Ich glaube das. Und das fühlt sich gut an. Dann kommt Oma irgendwann bald wieder. Ich kenne sie dann zwar nicht, weil sie ganz woanders ist, aber ich weiß, dass sie da ist. Und das ist schön.“

Ich: „ich habe neulich eine Beileidskarte gesehen. Darauf stand ein Spruch von Khalil Gibran. Das ist ein Philosoph gewesen, der sehr schöne und weise Dinge sagte. Der Spruch geht so: „So groß kann das Universum nicht sein, dass wir uns beide nicht wiedersehen.“ Schön, oder?“

Sie: „Das ist genau das, was ich meine. Das klingt sehr schön. Fühlt sich gut an.“

Die Bestattung

Ulisse Albiati

Die Bestattung war unfassbar intensiv.

Es waren viele Menschen anwesend und wir hatten einen sehr kleinen Raum, in dem die Verstorbene aufgebahrt war.

Ihr Sarg war weiß.

Auf dem Deckel waren viele rote Rosen und zwei weiße. 40 rote für 40 Ehejahre und zwei weiße für die beiden Kinder.

Ein weißer Sarg mit roten Rosen. Wie in dem Film. Ich musste sehr schlucken.

Die Kinder baten mich, zuerst hinein zu gehen und bleiben etwas ängstlich im Gang zurück.

Ich näherte mich und dachte:

„Tja, nun liegst du hier und alle sehen dich an. Ob dir das gefallen würde?“

Sie trug einen Pullover, den sie eigentlich nicht gemocht hatte. Sie hatte über diesen gesagt: „Der war ein Fehlkauf, viel zu viel Klimbim vorne dran.“ Dazu hatte man ihr ein rotes Tuch umgelegt, das Mister Essential ihr geschenkt und das sie sehr gemocht hatte.

Sie wirkte so zerbrechlich und ausgeliefert auf mich.

Ich sah, wie mein Schwiegervater die Babybürste von Nummer 1 hervorholte und das zarte, nach der Chemo nachgewachsene Haar zärtlich bürstete. Dann legte er das Bürstchen neben sie in den Sarg.

Die Kinder trug ich einzeln an den Sarg. Sie blickten sehr verunsichert, fassten dann etwas Mut und sahen hin. Nicht sehr lange, dann wollten sie weg. Nur Nummer 1 wollte gar nicht. Doch ich sagte ihr, dass ich es gut fände, wenn sie es sich trauen würde, weil es diese Möglichkeit nie wieder geben würde. Aber dass sie sie es ganz sicher nicht muss. Sie wollte, hatte aber Angst. Also trug ich auch sie an den Sarg. Schritt für Schritt, immer etwas näher. Das war sehr bildhaft: Wir schleppten uns beschwerlich auf die Verstorbene zu – denn Nummer 1 war mit ihren 10 Jahren viel zu schwer zum Tragen.

Von Gefühlen übermannt

Während der Andacht und der Rede des Pastors weinte Nummer 1 in meinem Arm. Dann wurde es immer schlimmer und sie geriet in einen Weinkrampf. Schließlich begann sie, immer wieder das Bewusstsein zu verlieren und ich schüttelte sie immer vorsichtig. Dann blinzelte sie, sah sich um, blickte auf den inzwischen geschlossenen Sarg und begann wieder zu weinen. Ich fragte mich, wie ich mit ihr den Weg bis zum Grab bewerkstelligen sollte. Was, wenn sie draußen in der Eiseskälte wieder in Ohnmacht fiel? Ich dachte sogar kurzzeitig daran, ob ich einen Arzt rufen sollte. Doch ich beobachtete sie (so gut es meine verweinten Augen eben zuließen) und entschied mich dagegen.

Den Weg zum Grab weinte sie immer noch sehr heftig. Die anderen Beiden weinten nicht mehr. Sie hatten sich nach dem Abschied am Sarg draußen zwischenzeitlich mit Spielen abgelenkt und waren ein wenig ausgeglichener.

Ich erinnere mich auch noch, wie verzweifelt mein Schwiegervater aussah und höre ihn sagen:

„Mein Güte, ich dachte, ich stehe das besser durch.“

Ich machte mir wirklich Sorgen um ihn, aber auch er hielt sich gut auf den Beinen, obwohl er blass und grau aussah.

Das Kaffeetrinken

Das Beisammensein war sehr schön von Mister Essentials Vater und Schwester gestaltet worden. Es gab einen Beamer, der so viele Fotos der Verstorbenen an die Wand warf. Sie als junges Mädchen, dann sie verliebt mit ihrem Mann im ersten Urlaub und später mit den Kindern und schließlich zusammen mit den Enkeln.

Endlich durfte man ein wenig loslassen, sah Menschen, die man lange nicht (oder noch nie) gesehen hatte. Es wurde in Erinnerungen geschwelgt und ich sah, dass es meinem Schwiegervater sehr gut tat.

Nummer 1 schaufelte Kuchen. Sie isst einfach sehr gerne und kann etwas Leckeres richtig genießen. Es tat ihr sehr gut in diesem Moment.

Ich hatte ihr einige Jahre zuvor beigebracht, wie man mit starken Gefühlen umgehen kann: „Es ist gut, wenn die Gefühl ein Ozean sind. Sie sind wie das Meer. Und du bist eine Surferin. Man sollte immer auf dem Brett bleiben und nicht hinunterfallen.“

Daran hatte sie sich wohl erinnert,  sagte kauend und etwas grinsend:

„Mama, heute bin ich voll vom Brett gefallen, oder?“

Und ich erwiderte: „Ja, das sah ganz so aus. Aber auch das ist in Ordnung. Wenn das Meer so aufgewühlt wird, wie in so einer traurigen Situation, dann kann das passieren.“

Zeit ist vergangen

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Inzwischen wird sich in wenigen Monaten dieser Tag zum vierten Mal jähren.

Was ist inzwischen passiert?

Wir reden natürlich noch immer über die Oma und die Zeit mit ihr. Ich liebe viele ihrer Sprüche und benutze sie inzwischen sehr bewusst und sehr oft.

„Lach mal ohne Gesicht!“ ist so einer und auch „Aus der Traum, mein treuer Vater!“

Die Kinder wissen, welche Sprüche von ihr sind. Und wir pflegen sie daher ganz bewusst.

Mein Schwiegervater macht sich unglaublich gut. Er reist viel, gönnt sich etwas, ließ neulich sein Wohnzimmer renovieren, kauft neue Möbel und lädt gerne alle unser vier Kinder über Nacht zu sich ein. Er genießt, was am Leben schön ist. Natürlich hat auch er seine Hochs und Tiefs – das ist ja ganz verständlich.

Schlimm für uns sind aber Familienfeiern.

Und traurig war es auch, als wir begriffen, was sie alles nicht mehr miterleben konnte:

Ihren 70. Geburtstag (sie mochte Familienfeiern), die Kommunionen der Mädchen (sie wäre so unendlich stolz gewesen) und ihre Goldene Hochzeit.

Ja die Erfüllung ihres Traums erlebte sie auch nicht mehr mit: Die Geburt ihres Enkelsohns.

Genau wie ich hatte sie nach Nummer 1 immer auf einen Jungen gehofft.

Und als er dann kam, da war sie bereits fort. Nun ist er da, sieht aus wie Mister Essential und sie hätte ihn echt vergöttert.

Ich bin immer noch traurig und die Kinder sind es auch. Manchmal fließen von Nummer 1 noch Tränen und sie bittet uns öfter mal harsch, aufzuhören, wenn wir etwas länger über die Oma sprechen.

Immer mal wieder ärgere ich mich sehr, dass sie nicht mehr da ist – ich könnte so vieles mit ihr teilen, das ihr gefallen hätte.

Wir hätten so viel erleben können und das alles wird niemals sein. Nicht nur für Kinder ist die Endgültigkeit schwer zu fassen.

Im Badezimmer meines Schwiegervaters steht noch jeder Lippenstift an seinem alten Platz, jede Cremedose im Regal und die Kleider sind alle noch im Schrank.

Trauer kennt keine Zeit, so sagt man. Und das ist wohl auch so.

Hilfe im Trauerfall

Wer sich einem Trauerfall gegenüber sieht, kann auf verschiedene Weise Hilfe in Anspruch nehmen.

Es ist möglich, eine*n Therapeut*in aufzusuchen, um Unterstützung zu finden.

Daneben gibt es Seelsorger*innen der Kirchen in den Gemeinden, diese kann man über das Pfarrbüro finden und einen Termin vereinbaren.

Wohlfahrtsverbände wie die Caritas bieten zudem wohnortnah Trauerbegleitung an. Hier sucht man am besten die Telefonnummer einer nahen Organisation heraus. Meist erhält man schnelle Hilfe.

Zusätzlich gibt es online Trauerhilfe -und Gruppen.

In dunklen Momenten kann auch die Telefonseelsorge eine Ersthilfe anbieten.

Literatur, die ich persönlich empfohlen bekommen habe:

„Lass deiner Trauer Flügel wachsen“ von Earl A. Grollman und „Trauer hat heilende Kraft“ von Jörg Zink. Je nach Alter gibt es für Kinder ebenfalls hilfreiche Bücher wie „Von Tod und Trauer den Kindern erzählt“ von Georg Schwikart (für kleine Kinder). Von der Expertin für das Thema Tod, Elisabeth Kübler-Ross, gibt es das Buch „Kinder und Tod“ als Informationswerk.

Und nachgetragen, weil es mir von einer Leserin empfohlen wurde: “Der Baum der Erinnerung” von Britta Teckentrup als Buch, um mit Kindern das Thema Tod und Trauern behandeln zu können.

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Fotos: Ulisse Albiati und Ms. Essential

Weil’s so schön war …

In unserer neuen Kategorie „Weil’s so schön war“ stellen wir frisch überarbeitete Blogartikel vor, die als Evergreens immer wieder interessant sein können.

Themen rund um Babies, Schwangerschaft, das Leben mit Kindern – wie immer gnadenlos ehrlich, mitunter lustig und natürlich manchmal auch heart-warming.

Den Anfang macht der Blogpost „Fremdbestimmt“, in dem ich über das Leben mit Babies und Kleinkindern schreibe. Wie erfüllt man als Mutter überhaupt seine eigenen Bedürfnisse, wenn man ein oder mehrere kleine Kinder hat? Geht das überhaupt oder gerät man selbst ins Hintertreffen? Habe ich das hinbekommen? Wie entwickelte ich mich als Mutter?

Zu diesem hat Christian von familista übrigens einen Artikel mit besonders charmant passenden Fotos geschrieben.

Los geht’s:

Fremdbestimmt

Fremdbestimmt

So kann es sich durchaus öfter mal anfühlen, das Muttersein .

In einem Gespräch mit einem Kollegen kam Mister Essential auf unsere Nummer 4 zu sprechen.

Der sympathische Mann und erfahrener Vater zweier Kinder sagte dazu:

“Wow, dass ihr euch das noch mal angetan habt. Das ist so heftig – diese krasse Fremdbestimmung …”

Mister Essential erzählte mir das als er wieder zu Hause war und meinte, es sei ja schon sehr treffend, dass er genau diesen Aspekt zuerst genannt habe. Die Fremdbestimmung.

Und ich sagte, ohne lange nachzudenken:

“Ja, das ist ja auch genau das, was mich länger hat darüber nachdenken lassen, ob ich noch ein weiteres Kind möchte. Und ich finde das ganze Gepöngel mit Baby, Tasche, Kinderwagen und so auch schon anstrengend. Das Geschmiere beim Essen, das Wickeln oder Gesichtswaschen unter harter Gegenwehr und all das – aber das ist gar nicht weiter schlimm für mich. Die Fremdbestimmung ist für mich das mit Abstand Härteste.”

Mein Mann hatte beim Essen geantwortet:

“Ja, das erste Jahr war auch richtig hart. Und meine Frau empfindet die Fremdbestimmung auch wirklich als belastend.”

Oh ja, das tut sie. Vor allem eben weil sie nicht mehr Mitte Zwanzig ist und das Abenteuer Mutterschaft mit neugierigen und ganz hingebungsvollen Schritten zum ersten oder zweiten Mal erkundet. Sie sucht nicht mehr ewig und mit aller Liebe bestimmte Spielzeuge einzeln aus oder näht mit ganz viel Zeit aus der Wildseide, in die eines der Hochzeitsgeschenke verpackt war, ein Rüschenschürzchen für das Kleid der Erstgeborenen. Sie wälzt nicht mehr die Zeitschriften auf der Suche nach nützlichen Tipps. Sie seufzt nicht mehr heroisch-tapfer, wenn sie akrobatisch mit Baby auf dem Schoß zur Toilette gehen muss. Sie weint nicht mehr aus Erschöpfung, wenn das Baby endlich schlummert, nachdem es eine Stunde nur schrie und lächelt dabei noch selig in Gedanken an das süße schlafende Kindchen.

Was macht sie stattdessen?

Alles für die lieben Kleinen

Waaah! Land unter …!

Ich weiß sofort, wie genervt ich bin und lächle nichts mehr erzwungen weg. Ich beobachte, dass da eine innere Grundanspannung in mir ist, die ich in der Retrospektive immer während der ersten eineinhalb Babyjahre hatte. Zuerst dachte ich, das sei eine Art Dauerbereitschafts-Instinkt. Dann hielt ich es für ein bisschen stress-neurotisch und halte es inzwischen für eine Mischung aus beidem.

Bis man einem Kind sagen kann Warte kurz, ja? (und kein Gebrüll als Antwort bekommt) bleibt diese Anspannung einfach in mir. Und ich kann sie nicht ausstehen. Ich finde, sie hetzt mich durch den Tag. Als ob man nicht ich immer wieder alles schnell-schnell machen muss. Schnell-schnell ins Bad, ehe das Kind aufwacht, schnell-schnell einen Tee runterkippen, ehe es Zeit zum Kochen ist, schnell-schnell noch bügeln, damit man danach noch Zeit für’s Spielen hat – denn bald trudeln ja die drei Großen aus den diversen Schulen ein. Es gibt auch noch den Modus schnell-schnell Pause machen, sonst ist es zu spät. Den vernachlässige ich leider immer mal wieder.

Die Sache ist die, dass die Fremdbestimmung einen hart trifft wenn man sich a) nicht besonders gut innerlich gegen die Bedürfnisse des Kindes abgrenzen kann, man b) nicht immer voller Hingabe ist und man c) diese Zeiten schon etwas öfter erlebt hat. Vielleicht sollte man als Punkt d) noch erwähnen, dass es vermutlich hilft, sich aufgeben zu wollen, denn wer ganz gern auf seine (Grund-)Bedürfnisse schauen möchte, der hat quasi verloren. Ich bin eine Punkt-a-bis-d-Kandidatin.

Erinnerungen und späte Analyse

Jetzt nach der vierten Babyphase meines Lebens kann ich auf mich selbst zurückblicken und erinnere mich, wie sauer ich auf mich war, weil ich nicht die relaxte Super-Mama sein konnte, die ich von mir zu sein erwartete. Ich fühlte mich gehetzt und konnte nicht mal entscheiden, wann ich zum Klo durfte. Ich sah zu, wie aus der endlich aufblühenden jungen Frau mit den glänzend lackierten Fingernägeln, der Zeit zum Ausgehen und der hübschen Unterwäsche unter den schönen Klamotten jemand wurde, der dauernd vergaß, sich die Nägel überhaupt zu feilen, mit dem Rest-Schwangerschafts-Übergewicht kämpfte und der einen weißen Baumwollstill-BH trug. Aufblühen war vertagt. Definitiv.

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Leben mit Kindern: Eine Herausforderung. Täglich neu. Und ja: das ist ein Handabdruck im ausgekippten Essen.

Ich hockte vor elf Jahren mit einem (dauerspuckenden) Säugling und einer (alles auseinandernehmenden) Eineinhalbjährigen in einer sehr (hübschen) Wohnung (mit zwei Etagen, sehr nett) im Stadtteil einer Kleinstadt. Ich hatte kein Auto zur Verfügung und die nächste Haltestelle war so weit weg (wie auch der nächste Supermarkt), dass ich die halbe Stunde zur Innenstadt meistens latschte. Das machte ich oft, weil die Zimmerdecke die Tendenz zum Herunterfallen hatte. Auf dem Rückweg war der gefühlt vier Meter lange Geschwisterkinderwagen gefüllt mit Einkäufen aus dem Lieblings-Drogeriemarkt.

Und ich fragte mich, warum ich eigentlich zu schwächlich war, ihn die paar Kilometer ohne Schnaufen zu schieben. Einmal schob eine mich begleitende Freundin ihn und stöhnte nach zwei Metern: “Mann, ist das Monsterteil schwer. Mach den Einkauf doch mit dem Auto am Wochenende oder schnell am Abend.”

Aber der Einkauf war ja mein Wochenhighlight – das wollte ich ungern hergeben. Habe dann weniger eingekauft. Und bin öfter mal in den nahen Schlecker. Die Filiale war ungefähr so groß wie eine Camenbert-Schachtel und mit dem Schlachtschiff Kinderwagen kaum zu durchfahren. Ich war trotz allem total stolz, wenn ich den Kinderwagen schob und ich fand die beiden Mädels da drin einfach himmlisch.

Es gab einen Spielplatz im Stadtteil. Da konnte Nummer 1 drei Mal rutschen und ein paar Mal schaukeln bis es Nummer 2 im Wagen langweilig wurde und sie zu meckern begann …

Ich sagte mir damals, dass dieser Zustand, so frustrierend öde ich ihn immer mal wieder fand, besser war als der zuvor mit dem Schreikind als erstes Baby. Oder der in der letzten Schwangerschaftsphase mit Nummer 2 – die ich oft nachmittags wie erschossen auf dem Sofa liegend verbrachte, während Nummer 1 mich zum Spielen animieren wollte. Dies tat sie, indem sie ihr Spielzeug rund um meinen Kugelbauch warf und stapelte.

Einmal in der Woche war Nummer 1 in dieser Phase bei den Schwiegereltern – und ich als brave Schwiegertochter machte mir nicht etwa einen Tee und las ein gutes Buch. Ich nutzte meinen Freiraum zum Putzen und aufräumen. Sollte ja niemand sagen können, ich sei faul. Und zudem musste ich ja zeigen: Ja, ich bin sehr schnell wieder schwanger geworden, aber ich habe selbstverständlich alles im Griff – kritisiert mich bitte ausnahmsweise mal nicht.“

Es reichte ja, dass ich ungehöriger Weise schon wieder schwanger geworden war. Damals bastelte ich auch Geburtstagskarten für alle Verwandten meines Mannes und zog den Kindern die juckenden, hässlichen Pullover an, die meine Mutter wie ein Perpetuum mobile strickte. Ich war also zusammengefasst einfach sehr jung und sehr unsicher.

Das Leben drehte sich plötzlich in einem kleinen Kreis rund um das eigene Zuhause.

Die Babyzeit mit Nummer 3 verbrachte ich in einer sehr schön geschnittenen Altbauwohnung (wieder mit zwei Etagen – also genug Platz)  in Düsseldorf. Wunderbare 90 Treppenstufen trennten uns von der Welt und allen Verwandten, die älter als 60 waren – denn die kamen so selten wie möglich bis gar nicht.

Das wiederum kam mir großartig vor, aber 180 Stufen am Tag (zum Spaziergang runter und wieder rauf) in hochschwanger und danach mit Baby fand ich blöd. Aber ich wurde recht sportlich und hatte prima Muskeln. Das Vor-Schwangerschaftsgewicht hatte ich schnell wieder und untertraf es sogar noch. Ich war viel unterwegs mit den Dreien, kaufte mir neue Klamöttchen, machte die Mädels ebenfalls chic und war irgendwie war ich nicht mehr ganz so angespannt. Es ging bergauf.

Spannten mich vielleicht und eventuell auch die eigenen Ansprüche an? Und hatte dies nachgelassen? Oder tat es mir gut, nicht mehr in der Kleinstadt zu hocken und mich für jede winzige gegönnte Bequemlichkeit mies zu fühlen, weil ich Kritik von der nahen Schwiegermutter befürchtete? Nummer 3 war zudem ein formidables Baby – sie weinte fast nie. Sie hatte nie Bauchweh und das Zahnen schien sie einfach zu ignorieren. Sie schlief pünktlich und immer gleich lang. Unfassbar war das. Ich war wirklich entspannter und begann sogar, wieder freiberuflich zu arbeiten – während Nummer 3s Mittagsschlaf ging das sehr gut. Unsere Babys waren mit jedem weiteren immer pflegeleichter geworden. Und ich immer ein klein wenig entspannter.

Die letzte Babyzeit meines Lebens

Daher dachte ich, als Mister Essential im Jahr 2012 mit glänzenden etwas wie „Hm, also, wo drei groß werden, würden auch vier groß …“ murmelte ein nächstes Baby wäre vermutlich schlichtweg im Alltag nicht zu bemerken. Nein, nicht wirklich – ich hatte vor den Nächten Respekt und wusste, dass ich die Babyphase oft öde finden würde. Aber ich entschied mich für ein viertes Kind.

Am meisten Angst (ja, wirklich Angst) hatte ich vor der Fremdbestimmung. Und sie traf mich knallhart, muss ich sagen. Nummer 4 war im ersten Jahr nicht das pflegeleichteste, sondern das anstrengendste Baby.

Ich war nicht mehr oder weniger fremdbestimmt, sondern vielmehr zu einem selbstaufgegebenen Bedürfniserfüllungsroboter geworden. Dazu kam, dass mich zum Einen mein Alter und zum Anderen die beiden Fehlgeburtserfahrungen prägten. Dem kleinen Wunschkind soll es nur ja an nichts fehlen – predigte die Verlustangst.

Nun, wo er tatsächlich herumläuft, seine Zahnbürste nach der Benutzung selber wieder in den Becher steckt und sich bestens verständigen kann, sehe ich Land. Ich weiß, dass nun der Punkt erreicht ist, an dem es steil nach oben geht. Denn mir fiel wieder ein, dass Kommunikationsreife und Alter des Kindes viel ausmachen. Er versteht fast alles, das ich sage und er kann mir hinterherlaufen anstatt zu weinen, wenn ich kurz aus dem Raum muss. Ich muss ihn auch nicht mehr überall hintragen – na ja, wenn es nach ihm geht schon. Das ist schon viel wert: Er ist ein Kleinkind geworden.

Dennoch spüre ich, dass ich mich eigentlich schon in der Phase der Selbstbestimmung befunden habe, als er auf die Welt kam. Ich habe mir gepredigt, die Babyzeit zu genießen. Während ich wie ein Zombie den Kinderwagen vor mir her schob (ich verwendete ihn ob der Müdigkeit gern als eine Art Rollator), hörte ich von allen Seiten: “Ach genießen sie es! Die sind ja nicht lange so klein!” und dachte mir immer: “Bitte wiederholen sie nur den letzten der beiden Sätze und schütteln mich dabei ein wenig aufmunternd, ja?”

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Nummer 2 und ihr erster Schuh, 10 Jahre nach dem Kauf: Sie wachsen wirklich irgendwie, diese Kinder.

Gute Seiten

Ich fühlte mich am Ende des berühmten ersten harten Jahres jedenfalls viel besser als mittendrin. Ich begriff, dass ich ja nicht nur Ende Dreißig bin und nicht mehr Mitte Zwanzig, sondern dass ich vor allem für insgesamt sechs Menschen sorgen muss.

Ich schließe mich nun in den Kreis der Personen, die meiner Fürsorge bedürfen, endlich selbst mit ein, denn auch diese Lektion des Lebens habe ich (viel zu) langsam verstanden. Ich denke mir, es wird schon anstrengend sein, was Du da alles schaffst – kein Wunder wenn Du Dich dauernd so etwas schlapp wie während einer Erkältung fühlst. Ich erkenne also meine Leistung an. Das konnte ich vor zehn Jahren definitiv nicht. Ich bin selbstsicher in meinen Entscheidungen und kann sie bestens vor mir vertreten.

Ich fühle mich nicht nur müde und fremdbestimmt. Sondern reif, stolz und erfahren. Ich bin keine junge Frau mehr, die sich innerlich von Ansprüchen unter Druck setzen lässt und äußerlich versucht, es allen recht zu machen. Das Stadium der jungen, unsicheren Mama habe ich längst verlassen. Inzwischen habe ich eine große Tochter, die in diesem Jahr zum Teenager wurde und eine andere große Tochter, die sich öfter die Nägel lackiert als ich (wäh!) und eine kleinere große Tochter, die morgens alleine auf die Uhr schaut um zu sehen, wann sie die Jacke anziehen muss. Wenn das mal nicht eine gute Bilanz ist!

Die Drei passten in der letzten Erkältungsphase nachmittags auf Nummer 4 auf als ich heftig erkältet war. Ich lag im Bett und bekam Tee gebracht! Das stelle man sich mal vor! Kein Kind hopste auf mir herum und niemand musste von mir zum Klo begleitet werden während ich ein Fieberthermometer im Mund hatte. Ich lag da, machte Bingewatching mit dem iPad und wurde gesund.

Fremdbestimmt und dennoch Danke

Also danke ich dem lieben Gott und auch mir selbst für das Erreichen wunderbarer Meilensteine. Ich bin inzwischen in der Lage zu erkennen, dass anstrengende Phasen ihr Gutes haben und ebenso, dass ich nichts andauernd schönreden muss, nur weil ich mich dazu entschieden habe (zum Beispiel Leben mit Kindern :D). Ich danke für die lebhaften, schlauköpfigen und bereichernden Kinder um mich herum. Ich danke für den kleinen, heiß ersehnten Mann mit den großen Knopfaugen, der so gerne mit mir kuschelt.

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Mein Mantra. Auch wenn es Phasen gibt, in denen es schwerfällt. Vor allem sollte man auch sich selbst mit Liebe behandeln, statt sich aufzuopfern, wie man es oft von Müttern verlangt.

Toddler Traces

Er war wieder unterwegs – der Toddler.

Zuerst machte er sich über die Obstkisten her:

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Unersättlich – der Toddler

Dann wollte ich Wäsche in den Trockner packen und fand ihn wie folgt vor:

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Man kann alles überall lagern. Gez., der Toddler

Und dann hatte ich für Nummer 1, die ja nun 13 Jahre alt ist, neben ihrer „Zelda-Torte“ einen Winnie-Puuh gemacht. Um sie zu ärgern, weil sie den gelben Bären früher sehr liebte. Inzwischen ist es ein für unseren Teenie ärgerlicher Running Gag geworden („Du und dein Freund … denk, denk, denk“)

Der Toddler fand irgendwie Gefallen am Geburtstags-Ärger-Winnie:

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Enthauptung eines Idols durch unersättlichen Toddler

Eltern werden: 100 Dinge, die sich ändern

Für die Baby Shower, die ich für eine liebe Freundin initiierte, habe ich als kleinen (stellenweise etwas lakonischen …*hüstel*) Scherz basierend auf 100 Punkten von Liliput-Lounge.de persönlich kommentiert. Das Fettgedruckte ist das Original, in kursiv habe ich ergänzt.

Die beiden parents to be fanden das so lustig, dass sie meinten, ich solle das Ergebnis hier veröffentlichen, damit noch mehr Leute was zum Schmunzeln haben – das tue ich hiermit:

Was sich ändert, wenn man Eltern wird:

1. Die Nacht ist dann zu Ende, wenn der Nachwuchs aufwacht. Das kann auch um 5:00 Uhr sein. Danach lohnt Schlaf oft nicht mehr. Erhebende Erfahrungen mitten in der vermeintlichen Weichzeichner-Phase des Lebens: Dem Babyjahr


2.
Einfach mal alleine Duschen ist jetzt Luxus. Oder alleine zur Toilette gehen. Oder lässt man einen weinenden Säugling einfach liegen, während man schnell zum WC rennt …? Man darf entscheiden. Entscheidungen sind auch Luxus.

Dusche

Endlich allein: Nichts wie unter die Dusche!


3.
Das Wort „Mama“ kann in 100 Varianten ausgesprochen werden, von auffordernd bis traurig. Man bringt es ihnen mühsam bei und später wünscht man sich, man hätte das sein gelassen.


4.
Ein regelmäßiger Tagesrhythmus ist nichts Spießiges mehr, sondern wichtig. Er ergibt sich von allein, durch das spießigste aller Wesen: Das Kind


5.
Die meisten Scheidungen werden während des ersten Babyjahres eingereicht. Absolut: Eventuell von Leuten, deren Beziehung keine besondere Belastungssituation aushält und faktisch vermutlich vorher schon nichts Solides war. Das Kind trägt daran keinen persönlichen Anteil.


6.
Der Speiseplan wird um kinderfreundliche schnelle Gerichte ergänzt, es wird wenig gewürzt. Ja, das ist alles ganz lecker. Oder würde man nicht gern im Lieblingsrestaurant gerne Spinat, Kartoffeln und Fischstäbchen bestellen? Mit Mayo natürlich. Oder Ketchup.


7.
Apfelmus geht gar nicht – aber als Pfannkuchensauce wird es gegessen. Man muss manchmal kreativ sein, wirklich. Es soll aber auch Kinder geben, die Apfelmus essen.

Manchmal muss man kreativ sein ....

Manchmal muss man kreativ sein ….


8.
Nur noch heimliches Naschen in der Küche, um den Kindern ein gutes Vorbild sein. Manchmal trifft man dort die Kinder. Weil sie heimlich naschen. Sie leben nach Vorbild.


9.
Neue Freundschaften entstehen (Krabbelgruppe, Spielplatz …). Ja, und man hat so tiefschürfende, philosophische Themen: Stuhlkonsistenz bei Stillkindern, Windelgrößen, Backenzähne, Durchschlafen und wieder von vorne.


10.
Wahre Freunde zeigen sich, wenn man sie braucht. Ja, das sind die, die einem eine Baby-Shower ausrichten! Im Ernst: Wenn man sie braucht, kann man anrufen und sie helfen. Ob mit Tipps, Beruhigung, Humor oder durch tatkräftige Unterstützung. Einfach ausprobieren. Wahre Freunde erkennt man in der Not und direkt neben der Wiege.

11. Die Waschmaschine läuft täglich. Das tut sie. Manchmal auch mehrfach.


12.
Der Korb mit der Wäsche, die gefaltet werden möchte, ist immer voll. Manche Menschen benutzen ja sogar ein Bügeleisen. Dieser Korb ist dann auch dauernd voll.

Wäschekammer

Viele gehen hinein und wurden nie mehr gesehen: Die Wäschekammer


13.
Der Haufen mit Einzelsocken wächst mit jedem Familienmitglied enorm. Einfach alle inne Kiste. Und nach und nach die Paare zeremoniell wieder zusammenführen. Das ist oft das einzige Romantische, das monatelang passiert.


14.
Ein Moment der Stille – etwas, das man jetzt wirklich genießen kann und sollte. Unbedingt. Denn sie sind so selten und wunderbar wie ein Regenbogen. Oder die Blaue Mauritius.

Ein Moment der Stille: Jede*r genieße ihn, wie er möchte ...

Ein Moment der Stille: Jede*r genieße ihn, wie er möchte


15.
Brot wird in kleine Häppchen geschnitten – auch für den Partner – huch! Kann passieren. Muss aber nicht. Ist ein Zeichen dafür, dass man zu tief in seiner Rolle aufgegangen ist.


16.
Abendessen gibt es am Tisch und nicht vor dem Fernseher. Besser ist das ohnehin. Und kultivierter.


17.
Sie kaufen ganz anderes ein mehr Bio-Gemüse, mehr Dinkelkekse und die ersten Quetschies des Lebens. Ja, was zur Hölle sind denn Quetschies, ne?


18.
Der Tag hat plötzlich wirklich viel zu wenig Stunden. Ja, man fragt sich, wie man vorher nur jemals gestresst sein konnte. Alles kinderlose und dennoch jammernde Memmen um einen rum!


19.
Es gibt immer jemanden, der etwas von einem will. Man schaltet nie mehr wirklich ab. Das Wort „Fremdbestimmung“ wandert in den eigenen Sprachschatz und wühlt sich von dort langsam ins Nervensystem.


20.
Mal eben abends weggehen ist mit Aufwand (Babysitter) verbunden. Oder mal eben einkaufen. Oder mal eben … egal was.

  1. Eintrag im Kalender: Montagabend Sex. Oder Freitagabend. Ach nee, freitags ist man im energieleeren „Freitagloch“. Unter der Woche regiert der Alltag. Also Samstag. Oder mal eben früh morgens um 6? Das muss doch nicht in den Kalender. Kalender-Sex. Pft. Was ist das hier für ein Punkt?
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Ja, bitte, bitte …. !

  1. „Zieh dir doch mal etwas Anderes an“ bezieht sich nicht auf Dessous, sondern auf Spuckflecken. Oder auch auf Dessous. Nicht alle Eltern leben plötzlich wie Bruder und Schwester zusammen. Und wenn, dann vielleicht wie Lucrezia und Cesare Borgia.
  2.  Zopf oder Kurzhaarschnitt? Der Begriff „Mutti-Haarschnitt“ bekommt eine andere Bedeutung bloß nicht damit anstecken lassen! Die Haare bleiben dran. Die Fingernägel auch!
  1.  Schreiende Kinder im Supermarkt? Man ist nicht mehr genervt, sondern blickt die Mutter voller Mitleid an. Oder voller Vorwürfe, weil das eigene sich besser benimmt.
  2.  Sport, was war das noch einmal? Das ist das dauernde Sich-Bücken und alles jemandem hinterhertragen, der zuerst zu klein und dann zu faul dazu ist. 
  3. Eine winzige Hand, die den eigenen Finger umklammert bringt sie zum Weinen. Und ein Lächeln, und das erste „Mama“ und eine Schulaufführung. Und, und, und …
  4. Autokauf wird anders. Passt ein Kinderwagen rein? Wie empfindlich sind die Sitze? Und wie viele Sitze sind es? Kann man sich im Kofferraum verstecken, wenn die Kinder zu sehr nerven?
  5. Urlaubsplanung: Gibt es dort Kinderärzte? Sind die Steckdosen kindersicher? Am besten geht man in ein kindersicher ausgestattetes Ferienhaus. Mit Baby im Hotel kann furchtbar sein. Außer es ist ein 2.500-Euro-Familyhotel-Urlaub. Im Allgäu. Muh.
  6. Sie lernen freundliche Leute kennen, die einfach helfen, wenn es nötig ist. Oder Leute, die einem pausenlos ein schlechtes Gewissen einreden möchten. Oder die, die einem nicht mit dem Kinderwagen in die S-Bahn helfen wollen. Oder die ein kurzes, elterlichen Stöhnen mit „Haste dir ja so ausgesucht!“ kommentieren. Und freundliche, ältere Damen, die freundlich sagen: „Macht die Mama dir die Mütze über die Augen, du armes Kind? Siehst du nichts, du armes Kind?“
  7. Sie hören kinderfeindliche Sprüche und sehen böse Blicke. Zum Glück können Eltern ebenfalls sehr böse Blicke. Sehr, sehr böse.

31. Den Wutanfall eines Zweijährigen souverän gemeistert zu haben macht stolz. Immer dieser Hype um die Wutanfälle. Hatte bei vier Kindern selten welche. Also ich.


32.
Ein Kreis mit zwei Strichen und einer Art Gesicht rührt sie. Ja. Und erst recht, wenn da dann „Mama“ drüber steht! Und wenn die Kleinen dann sagen: „Guck mal, die gemalte Mama sieht genau so müde und genervt aus wie du!“ dann ist das Glück perfekt.


33.
Sie streiten mit dem Partner, ob jedes kreative Frühwerk aufgehoben werden muss. Es gibt kluge Männer, die sagen: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ und antworten dann auch selber: „Kann in jedem Fall weg.“ (Mr. Essential) Und Recht haben sie. Wenn man alles aufbewahrt, dann kommen pro Kindergartenjahr zwei bis sechzehn Ordner dabei herum.


34.
Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil Sie mehr Zeit für den Haushalt als für Ihr Kind aufwenden. Das Dumme nur: Ohne das Kind gäbe es diese ganze Arbeit nicht. Und es ist eine Tradition, dass Kinder sich nur lernen, selber zu beschäftigen, wenn sie es auch tun. Mütter sind nicht in erster Linie Spielkameraden.


35.
Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil Sie mehr Zeit für Ihr Kind als für den Haushalt aufwenden. Siehe Punkt 34: Juchu! Eine Lose-Lose-Situation. Davon haben Mütter verdammt viele – gleich mal daran gewöhnen!


36.
Neue Diskussionsthemen wie „Impfdebatte“ erweitern Ihren Horizont. Ja, aber oft auf eine Art, die einem Angst vor den Mitmenschen macht.


37.
Warum Schlafmangel eine erprobte Foltermethode ist, wird Ihnen klar. Oh mein Gott, ja. Ja!


38.
“Es war eine ruhige Nacht“ wird ein magischer Satz. Das ist er auch bei Altenpflegern, Krankenschwestern und Gefängnisaufsehern.


39.
Ein krankes Kind ist schlimm, zwei kranke Kinder sind schlimmer. Sich selbst auch elend zu fühlen am schlimmsten. Ja, denn das bedeutet, dass man sich angesteckt hat und die Hölle losbrechen wird.

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Alle dürfen krank werden – außer Mama.


40.
Mütter dürfen gar nicht krank sein. Dürfen sie schon. Aber es hat schon Mütter gegeben, die das Kind auf dem Schoß stillten, während sie erbrechend über der Schüssel hingen. Oder Mütter mit schlimmen Rückenschmerzen, die das besonders anhängliche Baby auf ein Handtuch legten, um dieses mit den Zähnen und Händen nach oben zu befördern, damit sie es tragen können. Vornübergebeugt wie der Diener im „Dinner for One“. Das waren die mit den mehreren Hexenschüssen nacheinander. Äh, das war ich.

41. Am Sonntagvormittag allein im Bett bleiben, während Papa mit dem Nachwuchs spazieren geht ist das schönste Geschenk. Das ist toll! Ist aber noch nie passiert. Bei niemandem.


42.
„Oh, ist der groß geworden“ – das sage ich plötzlich selbst. Ja, und das ist leicht peinlich. Und man fühlt sich alt. Das wiederum muss einem nicht peinlich sein.


43.
Wahre Geduld wird täglich getestet. Und sie ist eine der wichtigsten Tugenden für Eltern. Kinder geduldiger Eltern fassen viel Selbstvertrauen und fühlen sich sehr geliebt.


44.
Wer braucht Fitnesstrainer? Kinder bringen einen ganz schön oft zum Schwitzen. Das ist aber eher eine Art miese Sauna. Und ganz sicher kein Bauch-Beine-Po-Training, das man so dringend nötig hätte …


45.
Ein widerspenstiges Kleinkind in einen Schneeanzug zu bugsieren sollte olympische Disziplin werden.  Und wenn man den Schneeanzug erstmal über das Kind „gestreift“ hat, dann muss es garantiert Pipi.


46.
Urteile wie das, dass ein Kindergarten wegen Lärms schließen muss, machen unendlich wütend. Und sind ungesetzlich inzwischen. Kinderlärm ist stets tolerabel – sagt das Gesetz. Also lasst Euch gehen, Ihr lieben Kleinen!


47.
„Ja, Sie haben den Krippenplatz“ – ein Satz, der glücklich macht. Ja, viele macht das in der Tat sehr glücklich.


48.
Kollegen, die Kinderbilder aufhängen, werden nicht mehr belächelt. Ich habe schon vor dem Muttersein keine anderen Menschen belächelt. Und danach auch nicht – denn was wäre ich für ein Mensch und Vorbild, hm? 


49.
Mittagspause – nein, danke. Lieber früher das Kind abholen. So spricht die wahre Mutter. Oder der wahre Vater. Meist aber die Mutter.


50.
Endlich wieder Disney-Filme gucken und herzhaft lachen. Oder weinen. Ja, auch solche Mütter soll es geben. Hormone und so.

51. Es gibt so viele „erste Momente“ – das erste Lächeln, der erste Schritt. Der erste Zahn, die erste Magen-Darm-Grippe, der erste Nieser mit dem Mund voll Möhrenbrei. Und ganz kurz danach: der erste Liebeskummer.


52.
Im Schuhregal stehen plötzlich niedliche kleine Schuhe. Und so viele! Die sind aber auch zu niedlich!


53.
Sie stellen fest, dass Sie ständig neue, teure Schuhe kaufen müssen. Vorher war das toll – weil da waren es die eigenen Schuhe. Die gibt es seltener. Dafür mehr von diesen niedlichen kleinen Schuhe, die genau zwei Wochen lang passen.


54.
Beim Einkaufsbummel kaufen Sie nur selten etwas für sich. True! Man kauft für sich nichts oder etwas aus dem Sale und die Tasche ist voll mit noch mehr niiiiedlichen Sachen. Ist wie ein Zwang. Ohne Therapiemöglichkeit.


55.
Sie leiden bei Kummer richtig mit. Ja, man wird empathischer, als man es je für möglich gehalten hätte.


56.
Der erste Schnupfen macht Sorge. Kann das Kind noch atmen? Erste Schürfwunde: Blutvergiftung? Erster gekauter Regenwurm: Magen auspumpen?


57.
Ernste Krankheiten oder Unfälle machen unbeschreibliche Angst. Und zwar so richtig. Auch wenn gar nicht das eigene Kind sie hat, sondern ein fremdes. Man lernt Ängste kennen, die man sich niemals im Entferntesten hätte vorstellen können. Wer je ein krankes Haustier hatte und sich sorgte, der multipliziere diese Sorge mit dem Faktor 1.000.000.000.000.000.000.000. Und nähert sich dem wahren Gefühl.


58.
Die Liebe zum eigenen Kind ist unbeschreiblich. Sie ist tief und rein. Und unkündbar. Man macht nie Schluss, wird nie verlassen. Außer man benimmt sich wie der letzte Henker seinem Kind gegenüber. Dann geht es vielleicht irgendwann. Und leidet vermutlich sein Leben lang darunter. Diese Liebe ist so kostbar und unbeschreiblich. Wer sie erfährt, darf tiefen Dank empfinden.


59.
Ein so kleines Bündel Mensch kann aber auch unendlich wütend machen. Es ist ganz schlimm, was sie aus einem machen können. Wie oft man sie gerne mal kurz an die Wand klatschen würde. Oder dem Postboten mitgeben. Das war immer meine Idee bei meinem ersten Kind. Ich war aber sicher, er würde es sofort wieder zurückbringen und der Aufwand würde sich somit nicht lohnen. Nur deshalb habe ich es behalten.


60.
Rituale können so schön sein: Gemeinsam lesen, gemeinsam kuscheln. Ja und das rituelle Hämmern an der Klotür, wenn man gerade sitzt. Nein – Rituale sind großartig und geben der Seele Halt. Bis auf das mit der Klotür.

61. Der erste lange Abschied tut unendlich weh. Ja und man weint. Es ist schrecklich.


62.
Das erste Wiedersehen nach längerer Zeit ist wunderschön. Das sollte zumindest so sein. Ansonsten sollte man das Kind vielleicht noch mal etwas länger abgeben, weil man völlig overdosed ist?


63.
Tupperdosen für Obsthappen und Dinkelkekse halten Einzug in den Küchenschrank. Ja, immer alles schön gesund und frisch. Vitamine werden ein ganz großes Thema. 

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Immer schön gesund: Eltern


64.
Das Kind, das Ihres beißt ist Ihnen unsympathisch. Und dessen Mutter auch. Weil beißende Kinder aber wirklich nervige Kreaturen sind. Und bleiben werden. So.


65.
Elternmikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren: Wird gespielt im Elternbett, auf dem Sofa oder am Esstisch. Weint das Baby? Huch, ich höre das gar nicht. Das Mikado gibt es aber auch so: Baby ist endlich eingepennt. Auf Mama. Nun sitzen die Eltern flüsternd nebeneinander auf der Couch und wagen es nicht, sich zu rühren. Gewinner gibt es übrigens nur einen: Das selig schlummernde Kind.


66.
Eine helle Couch kaufen? Weiße Teppiche? Vielleicht in 40 Jahren, wenn die Enkel aus dem Gröbsten raus sind. Da ist was dran. Oder man ist verwegen und reinigt zudem gerne Teppiche und Polster. Täglich.


67.
Kinderstühle vorhanden? Neue Lieblingslokale werden entdeckt. Meist aber geht man mit Kindern zusammen eher nur ein Mal im Jahr essen. Ist kein totales Vergnügen irgendwie. Nicht so wie vorher zumindest.


68.
Das Kind soll keine Waise werden – plötzlich ist man vorsichtiger. Ja, da sind sie wieder, diese verdammten Ängste. Man fährt im Auto und denkt: „Zum Glück ist das Kind gerade bei der Oma/Tante/Freundin. Da ist es gut aufgehoben, falls ich gleich sterbe.“ Und das ist kein Zeichen einer Geistesstörung. Das ist ganz normal.


69.
Gemeinsam durch Pfützen springen und Waldelfen suchen ist Glück. Oder ein Abend alleine mit dem Mann/der Frau zum Knutschen und nackt durch’s Haus hüpfen. Kann auch pures Glück sein. Aber Waldelfen und Pfützen sind auch nett.


70.
Todesangst haben, wenn das Kind sich losreißt und auf die Straße rennt. Deshalb habe ich einen speziellen Trick beim Hand halten: Ich winde Daumen und kleinen Finger zusätzlich zu den von den vom Kind gehaltenen Fingern um dessen Handgelenk. Bisher riss sich nie eines los. Vielleicht habe ich einen speziellen Nervenpunkt am Gelenk gedrückt – so wie Katzenmütter mit ihrem Mund am Katzenwelpenhals.

71. Jetzt gilt: Es gibt kein falsches Wetter, sondern nur falsche Kleidung. Absolut wahr! Man sollte ausreichend Gummistiefel, Regenjacken und Daunenmäntel haben. Auch für das Kind.


72.
Styling ist auf dem Spielplatz egal. Schon, ja, aber kann hervorragend als die gestylte Puppe auffallen. Und böse Blicke auf sich ziehen, die man dann genießt. Machen aber nur fiese Frauen – Gestylte Puppen eben.


73.
Handys und Schlüssel können schreiende Babys prima ablenken. Das ist richtig. Man sollte sie ihnen nur nach dem Spielen wieder wegnehmen. Sonst sind sie weg. Für immer.


74.
Omas, Opas, Tanten und Onkel, die schreiende Kinder beruhigen können sind bei Ihnen sehr beliebt. Wenn man solche talentierten Verwandten denn verfügbar hat. Und wenn nicht, dann tun gute Freunde den gleichen Dienst. Es wirkt manchmal Wunder, die Verantwortung nicht alleine zu tragen.


75.
Umweltbewusstsein wird wichtig – es ist ja auch der Planet, den die Kinder erben sollen. In der Tat wird man zum Umweltaktivisten, wenn man Kinder hat. Da ist was dran.


76.
Sie lernen Lilifee und Captain Sharky kennen. Und Laura, Conni, Bobo Siebenschläfer, Leo Lausemaus und andere weltfremde Schauergestalten. Die man hassen wird. Spätestens nach dem 700. Mal Vorlesen der selben Geschichte.


77.
Endlich wieder alle Lieblingsbücher der eigenen Kindheit lesen. Hallo kleiner Wassermann… Ja, das ist eine tolle Gelegenheit für Nostalgie. Die stellt sich eh immer mehr ein. Und dann fühlt man sich alt – das hatten wir vorhin ja schon.


78.
Bei Schnee geht es nach Herzenslust auf die Rodelbahn. Empfehlenswert, da fühlt man sich auch manchmal alt.


79.
Und im Sommer an den Badesee. Ja, auch das kann man machen. Man bekommt aber schnell Herzinfarkte mit einem kleinen Kind nahe eines ungesicherten Gewässers. Tollkühne finden dort eine Menge Spaß und Entspannung. Ich persönlich jetzt eher nicht so.


80.
Familienausflüge sind eine logistische Herausforderung – denn Wechselkleidung und Essen muss mit. Und Urlaub erst! Und mit mehr als einem Kind erst! Aber man wird Profi-Logistiker – das geht von ganz alleine.

81. High Heels? Praktische Schuhe sind beim Kinderwagen schieben und auf dem Spielplatz wichtiger. Also wer hat diese Liste denn geschrieben? Wieder so eine Frau, die das Frausein an der Kreißsaaltür abgibt? Klar sind Sneaker praktischer im Sand. Aber doch bitte kein Teil einer öden Mama-Uniform.


82.
Zu dritt gemeinsam im Bett kuscheln ist wahres Glück. Das meint nicht nach einem heißen Threesome, sondern im Elternbett. Für viele Familien findet das dauerhaft statt. Bis die Kinder ungefähr achtzehnJahre alt sind.


83
. Im Auto hören Sie keine Musik, sondern Kinderhörspiele. Das kann man machen. Muss man aber nicht. Kinder können durchaus auch das Radio vertragen. Oder Heavy Metal.


84.
„Mama, ich muss mal“ – so lernt man die eigene Stadt aus einer ganz anderen Perspektive kennen. Stimmt. Aber es ist durchaus erlaubt, Kindern beizubringen, ihre Blase auch in vollem Zustand zu ertragen. Man muss nicht pausenlos aus dem Auto springen oder jede öffentliche Toilette besuchen. Denn bei letzteren entwickeln Kinder so ihren Sport: Sie empfinden das wohl als Reviermarkieren, denn sie müssen nämlich immer genau dann, wenn man in der Nähe einer öffentlichen Toilette ist. Hab ich als Kind auch gemacht.


85.
Im Tempo der Kinder sieht man Kleinigkeiten – den üppigen Busch, den Marienkäfer. Und das ist das beste Achtsamkeits-Training der Welt. Unbedingt darauf einlassen. Man sieht die Welt mit anderen Augen und ist viel ausgeglichener als wenn man hetzt.


86.
Baustellen und Polizeiautos können kleine Kinder stundenlang beschäftigen. Da braucht man Ausdauer. Denn das stimmt.


87.
Sie belügen die Kinder – denn eigentlich wissen Sie, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Aber wer will schon eine Illusion zerstören?  Ich habe binnen 13 Jahren meine Kinder nur dann belogen, wenn es um diese vier erwähnten Gestalten geht. Und sie verzeihen es mir. Aber der Moment, indem sie es verstanden haben, der tut weh. Denn er markiert das nahende Ende der Kindheit.


88.
Und es gibt keine schöneren Feste, als die, die Sie mit Ihren Kindern genießen dürfen. Das stimmt! Es stimmt nicht, wenn man gerne Parties mit viel Alkohol, lauter Musik und knappen Klamotten mag.  Aber Weihnachten scheint mit Kindern erst seinen Sinn zu behalten. Es dreht sich im Kern hierbei ja schließlich auch um ein Kind. Und das berühmte „Leuchten der Kinderaugen“ ist wirklich einzigartig wunderbar!


89.
Im Auto macht man sich zum Affen, nur damit der Nachwuchs auf der Rücksitzbank sitzt und lacht. Das ist nicht ganz wahr: Man macht es, damit man vorne auf dem Sitz nicht weinen muss.


90.
Man ist am Sonntag als Erster beim Bäcker und bekommt die frischen Brötchen, weil das Kind ab fünf nicht mehr schlafen will. True.

91. Durch Zimmer, in denen das Kind spielt, bewegt man sich nur noch mit Hausschuhen als Schutz vor Bauklötzen. Und ansonsten: Aua, aua. Spielzeugtretminen sind eine unterschätzte furchtbare Gefahr. Das kann richtig weh tun.

  1. Alte Hausmittel bekommen eine neue Bedeutung (Kleidung mit Möhrenflecken in die pralle Sonne hängen ..) Stimmt. Und sie sind fast alle gut. 
  2.  Man singt in der Öffentlichkeit laut Lieder und wird nicht schräg angeschaut. Außer, man hat die Kinder nicht dabei …
  3. Die Wände in der Wohnung sind nicht mehr weiß, sondern bunt, mit Feen oder Tieren, etc, wahlweise noch individuell mit Buntstift ergänzt. Das muss nicht sein. Man kann auch auf Kinder aufpassen. Und es größeren Kindern verbieten. Manchmal aber bricht das künstlerische Genie durch und man hat Pech. Die Ergebnisse nennt man dann „bleibende Erinnerungen“. Manchmal muss man sich die Dinge schönreden. 
  4. Wenn es ruhig in der Wohnung ist, ist das ein Warnzeichen und man sollte ganz schnell handeln. Unbedingt! Kostprobe gefällig? Wir lagen sonntagmorgens im Bett und freuten uns naiv, dass die Mädels ruhig waren. Bald legte sich ein Töchterlein in unser Bett zum Kuscheln. Ich fasste in das Kinderhaar und fragte: „Bäh! Warum sind die Haare so zauzig und nass? Und was ist DAS?“ – „Äh ja, wir haben Friseur gespielt. Und das war der Lockenstab und der geht nicht mehr raus.“ Das stimmte, er saß fest. Was genau dieser Lockenstab war? Die KLOBÜRSTE!
  5.  Die Antwort “Nichts” auf die Frage “Was machst du gerade?” wenn das Kind aus dem Sichtfeld ist kann schlimmere Angstattacken hervorrufen als jede Spinne. Jepp. Nichts wie hin, wenn das Kind dieses „Nichts“ fröhlich flötet!

97. Dinge, die man nicht mehr braucht: Badezimmertüren, Tischdecken, Glastische. Und Badezimmertüren. Die werden auch unnötig. (Dieser Punkt stammt von mir)

98. Man schiebt den leeren Einkaufswagen müde und gedankenverloren hin und her wie in einen Kinderwagen. Das muss einem nicht peinlich sein. Man frage sich, wie sich anderen Menschen nach starkem Schlaf- und Freizeitentzug verhalten würden. Dann geht es wieder. (Dieser Punkt auch)

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99. Kinder spielen zwei Stunden am Stück, bis Mama den Telefonhörer in die Hand nimmt. So ist das. Mamas Aufmerksamkeit gehört nur dem Kind. Jederzeit. Wann immer es diese einfordert. So glaubt es zumindest. Aber man hat rund 20 Jahre Zeit, ihm das Gegenteil beizubringen. Meist scheitert das aber.

100. Man hat gerade das Gröbste hinter sich, schläft wieder durch, hat wieder Sex und will schon das nächste Kind. Bei vielen Paaren ist das genau so. Und es zeigt doch nichts Anderes, als etwas Schönes, oder?