Public Relations der Extraklasse oder: Die Rosarote Hölle

Angestoßen durch einen Artikel von Frida Mercury auf 2kindchaos, beziehungsweise den Hinweis darauf bei Facebook greife ich ein Thema auf, über das ich schon lange gerne schreiben wollte:

Die rosarote Zwangsbrille oder Die mütterliche Schweigespirale

Wir Mütter kennen alle den herrlichen Duft eines Babynackens, können quietschen vor Freude, wenn unsere Kinder die ersten Worte sprechen und sind megastolz, wenn sie die Welt erkunden. Wir freuen uns mit ihnen über ihre Erfolge, trauern mit ihnen, wenn sie schlimmen Streit mit Freunden haben und sind immer bei ihnen, auch wenn wir ganz woanders sind.

Und wir Mütter kennen alle diese Tage. Jene Tage, an denen die ganz Kleinen schon nölig aufwachen, die Größeren miesgelaunt in die Küche kommen und gleich Streit anfangen. Tage, an denen wir hochschwanger am Boden herumkriechen und Spielzeug einsammeln. Und die vielen Tage, an denen jemand gegen die Klotür hämmert, sobald wir auf der Schüssel sitzen.

Und die vielen Phasen, in denen die Kinder Zähe bekommen. Oder in denen sie noch nicht durchschlafen. Schlafentzug ist nicht umsonst eine Foltermethode. Man vergisst oft, dass diese Kräfte zehrenden Phasen, in denen man immer nur inselartig Spaß oder Freude empfindet, nicht ewig dauern.

Wir sind hart zu uns und fordern uns auf, dennoch zu lächeln. Gute Mütter kriegen alles hin und sind dabei eine Bereicherung. Sie klagen nicht. Sie flöten und summen, während sie Toiletten putzen, für die Schule basteln und im Regen mit quakendem Baby einkaufen.

Wagen sie es hingegen jedoch öffentlich, etwas zu sagen – vor allem eben im anonymisierten Raum der sozialen Medien, dann gibt es schnell mal Gegenwind.

Die Nestbeschmutzer: Gegenwind aus eigenen Reihen

Der schlimmste Feind der Mütter ist die Moral.

Sie diktiert ohnehin jeden Menschen durch den Tag (ohne dass wir es bewusst merken – der Großteil menschlicher Gespräche dreht nur um dieses Thema) und bei Mütter legt sie sogar noch einen Zahn zu. Alles wird bewertet und beurteilt. Entweder von uns selbst oder auch gerne von der Umwelt.

Beispiel?

#RegrettingMotherhood war ein komplettes Moralthema. Kaum hatten einige Mütter irgendwo auf der Welt (Israel) innerhalb ihrer eigenen Lebensbedingungen (andere als in Deutschland übrigens) gesagt, sie wären lieber kinderlos geblieben – da gab es sofort eine Moralwelle und viele fühlten sich berufen, zu erklären, dass sie ihre Mutterschaft liiiiieben. Zu jedem Zeitpunkt. Ja, sie seien manchmal müde. Aber das sei es ihnen wert. Ist auch so – sie haben damit nicht Unrecht und das Ganze gut beschrieben. Aber es war eine moralische Angstreaktion: Jemand wagte es, so große Kritik zu üben, da muss man sich schnell distanzieren, ehe man selber noch verdächtigt wird. Oder sich selbst verdächtigt.

Habe übrigens ähnlich dazu geschrieben. Hatte auch das Gefühl, mich distanzieren zu müssen. Kenn ich also. Außerdem ist es so: Wenn die bösen Frauen lieber keine Kinder hätten, dann kann man selber sagen: „Ich bin aber eine von den Braven! Wird das bitte honoriert?“ Und das wird es natürlich. Ich habe mich währenddessen beobachtet und das auch an mir so analysiert, was für mich sehr spannend war.

Wir Mütter lieben unseren Job. Unsere sinnstiftende Lebensaufgabe natürlich.

Ja, auch um 4 Uhr morgens, wenn danach kein Schlaf mehr möglich ist. Ja, auch wenn der Kleine Durchfall bekommt an dem Abend, an dem man endlich einen Babysitter hat. Wir sind 24/7 glücklich. Dafür gibt es nämlich das, was Moral immer verspricht: Zuspruch und Anerkennung. Denn Anpassung fühlt sich für uns Menschen nun mal gut an. Es ist erwiesen, dass Protestler und Querdenker tendenziell unglücklicher sind, als Mit-dem-Strom-Schwimmer. Das kann man nun blöd finden – es ist aber so.

Als ich an Janas Blogparade teilnahm, kam auf Facebook auch ein Kommentar mit dem obligatorischen „Wie kann man nur über diese armen, hilflosen Wesen jammern, die uns so sehr brauchen?“ (das war jetzt kein O-Ton, nur sinngemäße Wiedergabe). Dabei hatte ich gar nicht über mein Baby abgemeckert, sondern nur ehrlich ein paar Startschwierigkeiten geschildert …

„Der schlimmste Feind der Mutter ist stets eine andere Mutter“

habe ich mal gelesen. Und da ist wohl etwas dran. Frauen sind nämlich seit Ewigkeiten die Hüterinnen der Moral (hatten im Patriachat ja sonst viel, ne?) und da sie eben auch zufällig diejenigen sind, die sich überwiegend um die Aufzucht der Nachkommenschaft kümmern, wachen sie wie Gargoyles über ihre Kolleginnen.

Es spricht nichts gegen das Konstrukt der Moral zur Regulierung sozialer Gruppierungen. Erst einmal. Man sanktioniert Abweichlertum. Das kann sehr gut sein und die Gruppe schützen. Meist ist es nicht so prickelnd für die Abweichler, aber eben für die gesamte Gruppe. Und da ist der Mensch eben ganz tierisches soziales Wesen: Wer Unerhörtes tut (Wäsche falsch aufhängen, Konservendosen kaufen, Kinder umbringen) wird von der Gruppe bestraft. Ausgegrenzt, abgemahnt.

Wer beim Einkauf gerade die Bonduelle-Erbsen-und-Möhren-sehr-fein in der Hand hält und mitbekommt, wie im Nachbarregal zwei Frauen ihr Moralgespräch abhalten („Also ICH koche immer frisch!“ – „Ja, ich auch. Nur faule Frauen kaufen Dosen!“), stellt die Dose schnell wieder zurück. Das meine ich beispielhaft. Äh und auch real.

Was passiert aber, wenn man die Dose dennoch kauft?

Erstens, man sagt sich: „Ich lasse mich nicht von so Übermuttis einschränken. Ich habe heute keine Zeit und mache Ravioli. Die Kinder lieben sie, ich liebe sie und morgen gibt es artig Gemüse.“

Zweitens, das schlechte Gewissen (Oberster Beamte der Moral) meldet sich und tut so, als sei er das Unterbewusstsein, damit man es nicht schnell identifiziert: „Ja, rede dir das nur weiter ein, Liebes,“ säuselt er wie der stets besoffene wirkende Captain Jack Sparrow, „wir beide wissen ja, dass du schon immer eher die Bequeme warst und nun nach Ausreden suchst.“

Das Dritte, das passiert ist: Mit einer Trotzfalte auf der Stirn und etwas zu lauten Handgriffen wird die Dose erwärmt. Im Topf – nicht in der Mikrowelle. Irgendwas muss man ja schließlich leisten, um Essen zu servieren. Es schmeckt vermutlich irgendwie lecker, hinterlässt aber einen blöden Nachgeschmack wie billiges Stevia – nur ohne die Lakritznote. Nur genau so unerwünscht.

Und nun, viertens: Die erste Regel im Bonduelle Club lautet: Es gibt keinen Bonduelle Club.

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Wird von niemandem gekauft. Nur von Ms Essential: Eine Backmischung. Aber nur, weil ich soooo viele Kinder und soo wenig Zeit habe oder: Ha-ha, Ms Essential hat ’ne Backmischung, die faule Nuss!

Hier, genau an dieser Stelle – direkt vor dem Mülleimer mit den vorwurfsvollen, leeren Konserven setzt ein Phänomen ein, das Generationen von Müttern an den Rande der Neurose und darüber hinaus trug: Die Schweigespirale.

Es wurde natürlich nie eine Backmischung gekauft, man schläft immer geduldig und gern mit den Kindern in einem Bett, man stillt immer voller Liebe und ist niemals genervt von Ewig-Saugern oder Hampel-Nucklern, man schaut nur selten auf das Smartphone während die Kinder da sind, man spricht immer flötend und zwei Oktaven höher mit den Kindern – auch wenn man mit ihnen alleine ist. Und man ist kein Mitglied im Bonduelle Club.

Aber man ist Mitglied im Club der Mütter, die sich niemals beklagen dürfen und sich stets von der besten Seite zu präsentieren haben.

Es ist für Diktaturen, die Mafia und für Sekten eine altbekannte Art der Mitgliedschaft: Man möchte kein Mitglied sein, ist aber dennoch eins.

Wer miterlebt, wie Andere gesellschaftlich sanktioniert werden („Wie kann man als Mutter nur …?!“), der schweigt selber lieber und gibt stattdessen ein bewusst gestaltetes Bild von sich ab. Unter Auslassung vieler Aspekte.

Keine Butter bei die Fische

Unsere Fische werden trocken gebraten und serviert. Statt Butter gibt es Luft und Liebe. Natürlich. Mal ehrlich dazu stehen, ein ganz normaler Mensch zu sein? Ne – dann lieber keine Butter.

Wir, die immer zufriedenen und nur manchmal im erlaubten Rahmen erschöpften Mütter. Wir wissen, wie man das macht, dieses perfekte Bild zu vermitteln, das von uns erwartet wird:

Wir sind PR-Göttinnen. Wir verdrehen, lassen aus und zeigen nur das, was unserem Unternehmen zuträglich ist. Wir können Krisen-Prävention und Krisen-PR. Wir haben das drauf. Wir kennen jede Ausrede, beherrschen Ausflüchte auf moralisch ansprechende Art und vermeiden gekonnt Schweißflecken, während wir innerlich rotieren.

Ja klar, steigt die Gefahr eines Burnout, wenn man nie selbstehrlich seine Grenzen wahrnimmt und immer weitermacht – man kann sie aber leider nicht wahrnehmen, diese Grenzen. Denn das ist verboten.

‚N sommerliches Beispiel gefällig?

Der Familienurlaub war natürlich schön und es war toll, wie die Kinder spielten. Ja, da war der eine Regentag, aber hey! wir haben das süße Foto von klein Georg im zauberhaften Matschanzug, auf dem er so niedlich in die Pfütze hüpft. Wir haben geduldig im Regen gestanden und dankbar geseufzt über das Glück, dass wir/Gott/das Schicksal und schenkte/n.

Wir waren nicht angenervt und nicht gestresst, weil wir neben dem Kackwetter und dem ewigen In-der-Bude-hocken auch noch eine Erkältung befürchten mussten. Quatsch! Und dank moderner Technik können wir seit geraumen Jahren auch allen zeigen, wie unglaublich glücklich wir waren. Man wird uns selig beim Selfie mit Kind in die Kamera grinsen sehen. Wir können nämlich nicht nur PR, sondern schauspielern auch Greta Garbo an die Wand. Oder mindestens Madonna.

Und was macht unsere Freundin Simone/Martina/Karla zuhause, wenn sie das Bild sieht? Sie denkt sich:

„Puh, die Elfriede/Johanna/Gertrude ist aber zufrieden und happy im Familienurlaub. Komisch, dass man den Gert/Thomas/Wolfgang nie auf den Fotos sieht. Ob der sich ’nen Lauen macht, dieser alte Macho? Hm, nein, der ist sicher nur fotoscheu, wie viele Männer und räumt das Ferienhaus auf, während sie Fotos macht. Jedenfalls sitze ich selbst hier in der Ferienwohnung, die auf den Fotos bei Airbnb echt schöner aussah und bin angekotzt. Vom Wetter, von den nöligen Blagen Kindern und träume davon, alleine mit Wilhelm an einem maledivischen Strand zu knutschen. Kacke, echt. Ich mach nachher schnell mal ein paar Fotos mit Mia-Sophie/Lea-Leandra/Elfriede-Mirabella und stell die flott auf’s Profil. Nicht, dass die denken, ich wäre genau die überanstrengte Mutter, die ich in Wahrheit bin vom Familienurlaub angekotzt.

Dieses Beispiel geht auch mit folgenden Szenarien und Drehorten: Weihnachten bei den Großeltern, Schulfest, Gesunder-Gemüsenachmittag in der Grundschule, Bastelsamstag im Kindergarten. Und weitere.

Alles spitze, echt!

Wer meckert, wird ausgeschimpft. Macht man mit seinen Kindern nicht. Ist das Nicht-Wahrnehmen kindlicher Emotionalausdrücke. Machen wir mit uns schon. Auch gerne gegenseitig.

Ich bin ja die Tante Essential mit dem Wahrheitsfimmel. Daher schreibe ich hier auch so bewusst und gerne ehrlich. Darüber, wie die nervtötend ersten Monate mit Babies sein können, was an Kleinkindern das mütterliche Wahnsinnsrisiko steigert und so weiter. Ich poste ein Bikinifoto von mir (Hat ne Schubkarre Courage gekostet, hab ich ja erwähnt) und schreibe gern dazu, dass ich das nur tue, weil ich ein High-Waist-Bikinihöschen trage.

Wieso pfeife ich auf Mama-Eigen-PR (weil obwohl ich ja mal in einer PR-Agentur gearbeitet habe!)? Weil ich meine Mit-Mütter liebhabe. So richtig. Ich mag nicht so gerne die, die ihre Kinder verhauen, zu wenig mit ihnen sprechen und ihren Müll auf sie projizieren – für diese habe ich dann eher etwas wie eine Mischung aus Wut, Mitgefühl und Trauer in mir.

Ich lehne Schweigespiralen prinzipiell ab. Sie führen zu nichts Gutem. Niemals. Zumindest ist mir nichts dergleichen bekannt – ansonsten belehrt mich bitte. Ich will den Mut haben, anderen Müttern ehrlich zu zeigen:

Ich könnte manchmal auch kotzen, meine Liebe(n), echt!

Das schreibe und sage ich im guten Bewusstsein, dass wir alle wissen, wie viele glückliche und dankbare Moment wir in Wahrheit eben auch haben. In denen wir dann ganz ehrlich selig grinsend unsere Nachkommenschaft in die Kamera halten, die Geduld haben, einem Marienkäfer beim Krabbeln zuzusehen, während wir eigentlich schnell und routiniert vom Kindergarten nach Hause wollen und in denen wir weinen vor Glück, weil unserem Kind beim Sturz vom Kinderzimmerregal nichts wirklich Schlimmes passiert ist – laut wegen hysterischer Gluckenmutter genervter Notfallambulanzassistenzärztin.

Kuss zum Schluss

Ja, Ihr lieben Mit-Mütter (und falls vorhanden auch Schweigespiralen-betroffener Väter):

Lasst uns mutig sein und die Schweigespirale – wenn möglich – ab und zu in die Tonne hauen. Es passiert nichts Schlimmes. Ja, wir befürchten moralische Sanktionen. Und manchmal kommen die auch. Aber wir gewinnen auch etwas: Freiheit und Entspannung. Stellt Euch mal vor, wir würden uns so unterhalten:

Freundin Eins: „Grr, bin so angenervt – gestern mal endlich wieder netter Abend mit Klaus-Dieter und natürlich – zack: „Mami, Mami, die Lotta-Grazia hat ins Bett gemacht“. Ich hätte kotzen können! Kann es denn wahr sein, dass Kinder einem dauernd das Bisschen Zeit rauben, das man noch als Paar hat?“

Freundin Zwei denkt nicht wie programmiert: „Also echt, Kinder sind das Wichtigste im leben. Sie sollte mal lieber an die arme Lotta-Grazia denken, die sich sicherlich verunsichert und gedemütigt fühlte, weil ihr dieses schlimme Missgeschick passierte. Vermutlich hat sie die viel zu früh auf’s Töpfchen gezwungen – das hat sie nun davon. Und das arme Kind! Und dann ist ihr Sex wichtiger. Es gibt ja so Eltern, die nichts Anderes im Kopf haben! Unmöglich!“

Freundin Zwei ist das, als was sie hier dargestellt wird: Eine Freundin. Sie verfällt nicht der Sucht nach innerer Bestätigung und benutzt Freundin Eins als Werkzeug derselben. Sie sagt: „Ja, Kacke, echt. Kenne ich. Weißte was? Ich schnappe mir am nächsten Samstag Lotta-Grazia und Hugo-Klaudius, die spielen ja so gern mit meinem Sohni und ihr geht mal schön aus.“ Augenzwinkern. Lächeln. Fertig.

Man kann das Ganze auch umsetzen, ohne gleich Lotta-Grazia und Hugo-Klaudius bei sich einziehen lassen zu müssen. Einfach so mal mitfühlen und ehrlich sein. Das geht nicht nur mit der besten Freundin – da kann man das leicht, weil man ihr vertraut, dass sie nicht über einen urteilt.

Man ist ehrlich und Andere trauen sich dann auch. Und schließlich feiert man das, was man sich da gerade so couragiert erarbeitet hat: die Freiheit, ein authentischer Mensch sein zu dürfen. Ohne PR.

Denn wie mies und böse PR ist, wissen wir doch alle spätestens seit Mad Men, Thank you for Smoking oder Wag the dog. Oder?

P.S.: Wer noch mehr Filme über diese höllische Sparte sehen möchte, findet hier eine gute Liste.

P.P.S.: Sorry, Mr. Essential (PR-Berater!), Du weißt, ich liebe Dich, Handlanger des Satans :-*

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Qualitätszeit

Ich muss Euch mal was gestehen. Sagt das aber bitte nicht Ms. Essential. Ihr habt ja vielleicht mitbekommen, das Nummer 4 seit einiger Zeit eine ziemlich anstrengende Phase hat. Er ist total süß und alles und so, aber er macht mich auch echt ein bißchen fertig. Wenn ich abends von der Arbeit komme, nimmt er mich als erstes in Beschlag. Sobald die Sonne scheint, will er entweder in den Garten und auf dem Rasenmäher sitzen oder in den Schuppen Werkzeuge gucken. Ich habe mir mittlerweile angewöhnt im Büro noch etwas zu essen, bevor ich heimfahre, weil ich dazu häufiger abends keine Zeit habe, bis die Kinder im Bett sind.

Wenn ich dann um 22.00 Uhr halb bewusstlos auf der Couch liege, frage ich mich manchmal: „Wie packt SIE das eigentlich alles?“ Ich meine, mir reichen meine ein bis zwei Stunden abends manchmal schon aus. Klar ist das irgendwie auch das, was man „Qualitätszeit“ nennt, aber die Qualitätszeit mit einem achtzehn Monate alten Jungen gestaltet sich halt häufig auch nur so:

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Draußen:

  • Ihn auf dem Rasenmäher durch den Garten ziehen
  • Ihm fünf unterschiedliche gefährliche Werkzeuge verbieten, weswegen er weint
  • Ihn in den Sandkasten zu setzen, von wo er flieht um sich wieder Werkzeuge zu holen

Drinnen:

  • Seine Feuerwehrautos durch die Tiefgarage fahren lassen
  • Sich am kleinen Finger durch das Haus führen lassen
  • Ihm zu verklickern, dass er jetzt nicht mehr baden kann

Und so weiter.

So sehr ich mich jeden Morgen und Abend freue ihn zu sehen, so wenig ist das mitunter das was ich gerade brauche. Ich sage mir dann zwar dass ich das gefälligst zu brauchen habe, weil ich ja eh fast nicht zu hause bin, und ziehe das auch mit disziplinierter Freude durch. Aber manchmal, manchmal frage ich mich wie man das viele, viele Tage aushält. Ganze Tage.

Ich rede mir dann ein, dass irgendwelche weiblichen Hormone schon vermutlich dafür sorgen, dass das alles Spaß macht. Hoffe ich zumindest. Und in der Tat ist Ms. Essential da auch ungefähr eintausend Mal hingebungsvoller und geduldiger als ich. Aber trotzdem kriege ich natürlich mit, dass der natürliche Drogencocktail auch für sie nicht immer ausreicht.

Ich mache dann pragmatische Vorschläge, wie sich irgendwelche „Ich kann nicht kochen weil Nummer 4 mir heulend am Bein klebt“-Situationen besser meistern lassen. Leider helfen meine Ideen nicht, aber ich habe es wenigstens versucht.

Und kann meinen Horror bei der Vorstellung, das alles selber hinbekommen zu müssen, so gekonnt verbergen.

Liebe Ausländerfeinde

Es ist mittlerweile kaum noch von der Hand zu weisen, dass es in Deutschland einen ganzen Haufen von Menschen gibt, die Fremde nicht besonders gerne mögen. Vor allem nicht die Art von Fremden, die zu uns kommen, weil sie irgendetwas brauchen (oder „wollen“).

Diese Menschen fabulieren sich zusammen, dass ihnen ihr Hartz 4 gekürzt wird, damit es an die ganzen fiesen Flüchtlinge ausgeschüttet wird. Oder dass die Fremden ihnen bald ihren prekären Job wegnehmen werden. Oder ihnen ihre sonstigen Sozialleistungen streitig machen.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich kann das verstehen! Wenn ich außer dem Glück, in Deutschland in ein funktionierendes Sozialsystem geboren worden zu sein, auf der Habenseite auch so wenig zu vermelden hätte, würde ich mir auch Gedanken machen. Das sind halt größtenteils nicht die Globalisierungsgewinner, die hier Angst vor Kriegsflüchtlingen aus den Krisenherden dieser Welt haben.

Wobei, eigentlich haben sie ja Angst vor den fiesen Wirtschaftsflüchtlingen aus Albanien und so. Dabei wollen die doch eigentlich das gleiche wie sie: Unterstützung vom deutschen Staat, weil sie aus irgendwelchen Gründen mit dem, was sie selbst erwirtschaften können, nicht glücklich werden. Dabei haben die Flüchtlinge ihnen eigentlich sogar etwas voraus – denn sie haben es immerhin trotz widriger Umstände in ein neues Land geschafft, um einen Neuanfang zu wagen. Der ihnen ja auch noch sehr, sehr häufig verwehrt wird.

Ich kann absolut verstehen, dass wir kritisch prüfen wollen, wem wir hier Schutz gewähren. Allein schon damit der Schutz, den wir geben können, auf die Bedürftigsten verteilt wird. Ich kann aber nicht verstehen, wie sehr hier eine Alltagsfremdenfeindlichkeit vielleicht nicht salon-, aber doch immerhin stammtischfähig ist.

Deshalb habe ich mir überlegt, wie sich das Problem lösen lässt. Das ist nämlich eigentlich sehr, sehr einfach.

Liebe Ausländerfeinde, Ihr habt Angst vor der Überfremdung? Davon dass Euer Stadtteil von den falschen Menschen annektiert wird? Das ist blöd, denn wir Deutschen kriegen ja nun mal viel zu wenige Kinder. Wir brauchen die bösen Fremden sogar, insbesondere die, die besser qualifiziert sind als Ihr. Sonst geht das hier mit der schönen Wirtschaft, die Euch zwar fast abgehängt, aber immerhin nicht hängen gelassen hat, nicht ewig so weiter.

Deswegen möchte ich Euch einen Rat geben:

Bekommt doch erstmal drei, vier stramme deutsche Kinder. Sorgt dafür, dass diese optimal ausgebildet sind und produktive Mitglieder der deutschen Volksgemeinschaft werden. Und dafür, dass Ihr dabei der deutschen Volksgemeinschaft nicht auf der Tasche liegt, sondern Euren Beitrag leistet.

Ich kann Euch sagen, das ist ziemlich anstrengend. Kostet ziemlich viel Zeit. Und Nerven. Ihr werdet dann gar keine Zeit mehr haben, Flüchtlingsheime anzuzünden und blödsinnige Parolen zu rufen. Oder das Internet mit Hasskommentaren vollzuspammen.

Aber Ihr werdet das gar nicht mehr vermissen, weil die Flüchtlinge plötzlich keine Bedrohung mehr sind, sondern Menschen, die Hilfe brauchen.

Ihr habt doch nur Angst, das Mama Euch ein kleineres Stück Kuchen gibt. Backt Euch doch selber einen Kuchen. 

#Mutterkörper – Mein Körper und ich – eine Geschichte voller Missverständnisse

Hier noch ein Artikel zum Thema Körperwahrnehmung und #Mutterkoerper. Sehr lesenswert, wie ich finde.

needless to say

Ich bin über einen Beitrag von Lareine auf Essential Unfairness auf diesen Blogroll von Das frühe Vogerl aufmerksam geworden.

Eigentlich muss ich an meiner ersten Hausarbeit schreiben (eventuell folgt hierzu mal ein Beitrag), aber offen gesagt, übe ich mich seit knapp einer Woche in der Kunst der Prokrastination.

Heute also ein Beitrag zum Thema „Mein Körper und ich – eine Geschichte voller Missverständnisse.“ Ich war nie ein besonders körperbetonter Mensch. Wie in fast allen Dingen habe ich eine sehr rationale Haltung zu meinem Körper. Ich habe Auge um zu schauen, Beine um zu gehen, Hände um zu greifen usw. Irgendwann bekam ich Brüste, aber wofür, das war mir irgendwie nicht ganz klar. Natürlich wusste ich, warum Frauen Brüste haben, aber für mich hatten sie keine Funktion, sie waren nicht nützlich. Aber sie waren halt da und das war okay.

In der Bravo (die bei uns Zuhause verboten war) studierte ich…

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Mein #Mutterkoerper: Jubel und Tränen

Das Thema ist für mich nicht einfach – das sage ich zu Beginn.

Auch habe die vier (eigentlich sechs) Schwangerschaften immer mit gemischten Gefühlen begonnen. Ich mochte es nicht immer, mir meinen Körper zu teilen, nach der ersten Geburt fürchtete ich das für mich so nervtötende und schmerzhafte Stillen, ich hasste es, wie taub und wabbelig sich der Körper nach der Geburt anfühlte. Und dann diese tausend Dinge, die nie vorher mal jemand ausspricht oder einem sagt. Ich hatte immer Angst vor den Geburten und beschreibe sie bis heute als überwältigende Ereignisse. Jede auf ihre Art.

Nein, der Zustand, immer heftiger werdender Wehen mit Aussicht auf Steigerung, nackt auf allen Vieren bei der Hausgeburt vom Bad ins Wohnzimmer kriechen, das taube Gefühl beim ersten Pieseln nach der Geburt und Dammnähte, die sich anfühlten als reichten sie bis in den Nacken –  oder bei der vierten und mit Abstand heftigsten Geburt, als ich lakonisch dachte: „Hey, schlimmer kann es nicht mehr werden, weil ich nicht mehr lauter schreien kann“ – all das macht es für mich nicht zum „schönsten Tag in meinem Leben“.

Nur der Moment, in dem man den neugeborenen Menschen zum ersten Mal umarmt – der ist absolut überwältigend einmalig. Da wären dann also die schönsten Momente im Leben.

Der Rest kann mir gestohlen bleiben. Ja, ich war total stolz auf mich – besonders nach der ersten Geburt, während der ich den Wunsch unterdrückte, um einen Kopfschuss zu bitten. Der ganze Sermon rund um „ich hab es ohne Schmerzmittel durchgehalten“ gilt auch für mich. Drei Mal weil ich keine Schmerzmittel brauchte (oder im Geburtshaus/Hausgeburt hätte haben können) und einmal weil es dafür schon zu spät war. Hab mich ganz brav ganz tapfer geschlagen – so, wie es von uns Frauen verlangt wird. In der modernen Zeit, in der man sich des Naturalismus bedient, wann immer es en vogue erscheint (ausschließlich beim Kinderkriegen- und haben!)

So viel zu der Zeit vor dem „After Baby Body“ (Was’n Wort, würg)

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Bauchmuskeln ohne Ende – nutzen aber nix: Geht genau so wenig in die Form zurück wie der Überraschungsei-Inhalt …

Mutterkörper

In unserem Urlaubs-Beitrag habe ich ein Bikinifoto von mir veröffentlicht. Darüber habe ich natürlich vorher ein Bisschen nachgedacht. Dann aber entschieden, dass es eine gute Entscheidung ist. Für mich war es ein Schritt, etwas selbstsicherer mit meinem Körper umzugehen. Das Foto selbst war dann sogar Anlass für Resonanz – damit hatte ich nicht gerechnet. Und sie war sehr positiv für mich. Es war für mich echt ein weiter Weg bis zu diesem Foto.

Ich habe nach der ersten Schwangerschaft – ein paar Tage nach der Geburt – nackt vor dem Spiegel gestanden und einen infernalischen Schock bekommen, der verzweifelt versuchte, sich in einem Weinkrampf Luft zu verschaffen.

Ich war bis vor der Schwangerschaft eine Frau, die ihren Körper sehr mochte und gerne zeigte. Echt jetzt: Es gibt eine Menge Nacktfotos von mir. Deshalb kann ich meine Fotoalben nur einem ausgewählten Publikum zeigen. Weil ich die einfach da rein geklebt hab. Zwischen „Ausflug zum Strand“ und „Netter Nachmittag mit Freunden beim Picknick“ bin ich halt auf manchen Fotos nackt irgendwo auf einer Wiese oder alten Ruinen – da finde ich nichts dabei.

Ich gefiel mir und das fühlte sich sehr gut an. Und dann das. Dieser Anblick – das war der blanke Horror für mich. Ich dachte:

„Das war’s. Dein Körper ist hinüber und du bist gerade mal Mitte Zwanzig.“

Und dieses Gefühl blieb. Keine weitere Schwangerschaft beeinträchtigte meinen Körper weiter. Das hat alles die erste arrangiert.

Ich hatte zusätzlich noch viel zu viel zugenommen und fühlte mich einfach grauenhaft. Dann gab es da ja auch noch diesen kleinen Menschen, der mein Leben neu durchstrukturierte und der gefühlt pausenlos an diesem geschundenen Körper schmerzhaft herumsaugen wollte – ich kam kaum dazu, mich in diesem derangierten Etwas zu arrangieren. Nachts lief die Milch so stark aus meinem Busen, dass ich immer unter einen nassen Decke aufwachte, auf der Seite schlafen ging nicht, weil meine Brüste zu prall gefüllten, gefühlt kiloschweren Melonen geworden waren.

Ich fühlte mich in diesem von Milch überquellendem Körper, der sich um mich herum anfühlte wie ein geweiteter Ballon, aus dem man die Luft abgelassen hatte, mehr als unwohl: Einfach nicht zuhause.

Es war alles in allem eine körperlich gesehen nicht wirklich bereichernde Phase, echt nicht.

Ja klar, das Baby war süß und ich liebte es sehr. Das verstehst sich ja von selbst – ich finde nicht, dass man das dauernd betonen muss. Aber ich wusste, dass ich für immer verändert aussehen würde. Negativ verändert. Für immer.

Skalpell und Co

Vor einigen Jahren – da war Nummer 3 bereits im Kindergarten und ich hatte längst mein Idealgewicht zurück, suchte ich einen Facharzt für plastische Chirurgie auf. Er ist einer der renommiertesten in unserem Wohnumfeld und ich erhielt dennoch recht schnell einen Termin. Dann saß ich da zwischen lauter Frauen, deren Gesichter erstaunlich gefühlvoll straffgezurrt worden waren. Mir wurde Kaffee und Gebäck gebracht – im Riesenfernseher an der Wand lief eine Nachrichtensendung.

Ich sprach mit dem Arzt. Er bat mich, meinen Bauch freizumachen und sah sich das Ganze an. Er fasste (das ist mal erhebend!) in die überschüssige Haut und zog sie etwas vom Körper weg.

Ich, scherzend: „Das machen sie sicher nur, damit man sich in jedem Fall FÜR eine Operation entscheidet, oder?“

Er, schmunzelnd: „Nein, das geht nicht anders, um den Körper, also die Hautbeschaffenheit zu beurteilen.“

Dann sah er mich an, strich rechts und links über meine Taille, blickte an mir rauf und runter, lächelte und sagte mit strahlenden Augen:

„Sie haben perfekte Körperproportionen, Frau Essential. Sie haben einen wunderschönen Körper. Ihr Schultern-Taille-Hüftverhältnis ist nahe an der Perfektion. Unglaublich. Ich möchte ihren Körper nicht operieren.“

Ich guckte ihn vermutlich an, als hätte er gerade spontan seinen Namen getanzt. Er ließ sich nicht beirren:

„Wissen sie, das, was sie da stört, das ist nichts – ich würde es lassen. Wenn sie die Dehnungsstreifen stören, dann verstehe ich das. Und sicher könnten sie die irgendwann irgendwo lasern lassen. In Düsseldorf geht das, glaube ich. Aber ganz im Ernst: Meine Frau sieht genau so aus. Sie hat besonders viele Streifen an den Oberschenkeln. Mehr als sie. Und ich finde es eigentlich traurig, einen Körper, der so viel geleistet hat, das sich dann zeigt, wieder zurückbasteln zu wollen. Ich tue das, wenn sie das unbedingt wollen und mir sagen, dass ihr Seelenheil davon abhängt. Dieses Seelenheil bekommen sie dann für 7.186 Euro. Ich werde ihren Bauchnabel ausschneiden und die Haut drumherum straffen und wieder annähen. Dann gibt es einen Schnitt für den Nabel, dort fügt man ihn wieder ein. Die Streifen aber kann man nicht passgenau wieder zusammenfügen. Das wird man sehen können – sie verlaufen nicht perfekt ineinander.“

Den nicht unerheblichen Betrag schrieb er während der Erklärungen bedeutungsschwer auf einen Klinikflyer und schob ihn mir hin.

„Möchten sie, dass ich das tue?“

Und ich hörte mich sagen: „Nein.“

Er lächelte zufrieden und verabschiedete mich.

Perfekte Proportionen. Oh Mann, ich brauchte eine Zigarette – aber ich bin Nichtraucherin. Also musste ich so klarkommen.

Mr. Essential grinste nur während meines abendlichen Berichts des Erlebnisses und sagte:

„Das hätte ich dir auch ohne Termin sagen können.“

Und ich dachte mir: „Nahe an der Perfektion. Klang gut. Trotzdem irgendwie verhunzt, dieser Körper. Weit weg von Perfektion. Ganz weit.“ Komplimente oder fachkundige Feststellungen scheinen nicht viel zu helfen.

Schlank zu sein hilft mir. Ich fühle mich gut, wenn ich in die meisten Sachen, die ich in die Umkleide schleppe, hineinpasse. Vielleicht ist das auch schon brainwashed – wer weiß das schon? Aber ich empfinde eine gewisse Kilozahl als Wohlfühlgewicht. Und ich fühle mich damit dann in der Tat wohl. Ich bekomme Komplimente wie: „Vier Kinder und so eine Figur? Wow!“ Aber ich denke mir dann immer: „Tja, Schätzchen, IN den Klamotten sieht das gut aus.“

Man kann so hart zu sich sein …

Gedanken und Geschichte

Ich habe Freundinnen mit und ohne sichtbare Schwangerschaftsspuren. Und bei einigen anderen weiß ich nichts darüber, denn man fragt ja nicht danach. Ist nach wie vor ein Tabuthema, viele schämen sich (ich!) …

Ich finde es übrigens immer wenig tröstlich, wenn ich lese, wie jemand schreibt: „Ja, ich fühle mich irgendwie unglücklich mit meinen Streifen/meinem Bauch/meinem Busen aber dafür habe ich ja ein/zwei tolle Kind/er.“

Ich möchte dann ketzerisch rufen: „Ja, die Kinder haben auch andere – und die sehen aus wie vorher! Was soll des das für ein Trost sein, hä?“

Oder beliebt bei mir auch: „Da muss man sich mal in der Schwangerschaft nicht so gehen lassen, dann passiert das nicht.“ Blödsinn. Es gibt dünne und dicke und mitteldick/dünne Frauen, deren Körpern man die Schwangerschaften ansieht.

In einer Welt, in der man es einfach akzeptieren würde, in der wäre es leicht.

Es gab sie mal – das war unsere. Ist aber schon lange her. Ich kenne durchaus viele mittelalterliche Gemälde und Holzschnitte. Und viele sind ehrlich. Man sieht hängende Brüste und Bäuche und Schwangerschaftsstreifen. Man ging zusammen ins Badehaus, da schämte sich keine für ihren Körper. Das war eben einfach so.

Frauen bekamen weit mehr Kinder als die heutigen 1,3 – das wird man ihren Körpern wohl auch angesehen haben. Die Minderheit der Frauen geht ohne Spuren durch diese tiefgreifenden und beeindruckenden körperlichen Veränderungen. Das war früher nicht anders. Zudem begannen die Frauen mit dem Gebären in einem Alter zwischen 12 und 16 Jahren. Und hörten damit auf – äh, wenn sie fast starben. Was im Schnitt mit spätestens 50 Jahren (bei der Landbevölkerung mit 45 Jahren) der Fall war. Ein junger Körper reagiert der Sache nach heftiger auf eine Schwangerschaft. Also gab es eine Menge Tigerinnen mit Stripes – wie manche Amerikanerinnen Dehnungsstreifen nennen: „Tigerstripes“

Ehrlichkeit

Ich beneide ganz offen all jene, die makellos aussehen und sich darüber beschweren, dass ihr Popo eventuell einen Zentimeter tiefer sei als vor der Schwangerschaft. Eventuell.

Ich beneide es, dass sie sich gerne zeigen, nicht schämen (wieso zur Hölle tut man so etwas eigentlich?) und … äh … dennoch nicht zufrieden sind (wieso zur Hölle tut man so etwas eigentlich?)

Und zugleich möchte ich keinen Laser und kein Skalpell. Weil ich trotzig bin. Ich bin zu wütend auf diese ignorante Welt, die uns eintrichtert, dass wir uns zu schämen haben. Dass wir gefälligst Leben schenken sollten, ohne zu Murren und nach festen Vorgaben (selbstbewusst, Modus: spontan, schmerzmittelfrei, danach bloß nicht Jammern, weil das Baby anstrengend ist und immer schön 24/7 glücklich sein) und anschließend gefälligst noch unsere „Fuckability“ (Danke, Du großartige Caroline Kebekus) zu erhalten.

Wir habe verflucht noch eins das Wichtigste zu erhalten, das wir darstellen: Makellose Schönheit. Diese soll verdammt noch mal da bleiben. Damit wir mit über 60 auch so sexy wie die Stars sind (die waren alle bei meinem Arzt in der Klinik!).

Im Ernst: Wisst Ihr, was es alles für Möglichkeiten gibt? Mommy Makeover: OPs und Laser für zigtausend Euro. PersonalTrainer, Ernährungsberater …

Aber vor allem kann man sich für viel Geld jeden einzelnen be*** Schwangerschaftsstreifen mit kleinen Nadeln wegsticheln lassen. Aber nein – das machen unsere zweifelhaften Zwangsvorbilder nicht! Quatsch! Die schlafen einfach nur mehr und essen während der Schwangerschaften einen verdammten Reiscracker am Tag! Das ist so ein Schwachsinn!

Ich mochte ein Interview mit Kate Winslet besonders gerne. In diesem kramte sie ihr Bäuchlein raus, zeigte die Stretchmarks und sagte grinsend: „Kampfnarben.“ So einfach ist das. Kampfnarben – so etwas erwirbt man sich, Ladies – das gibt es nicht geschenkt. Kampfnarben haben Leute, die etwas geleistet haben. Vielleicht sogar mehrere Male! Seht her – ich habe welche! Das drückte sie mit diesem Wort aus und ich mag es. Was ’ne Mutige. Ich bin da schissiger. Und verschämter.

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Tigerstripes: Verdient man sich wie das Lametta an ’ner Gardeuniform (?)

Die Mehrheit aller Mamas sieht aus wie Menschen, die Kinder in sich trugen. Und die Körper sagen: „Uff, Collagenketten sind schwer zu halten, wenn sie in alle Richtungen derart gedehnt werden …“

Es gibt einfach Frauen, deren Körper das gut wegstecken und diese dürfen sich herzlich gerne freuen – es sei ihnen doch gegönnt. Und jene, bei denen es anders ist – tja, wir sollten zusammenhalten und uns daran erinnern, dass es ganz normal ist.

Vielleicht wäre es einfacher, wenn man mal drüber reden „dürfte“ statt sich zu schämen. Man müsste einfach mal drüber reden.

Oh, hey, dazu hatte Bettie ja eingeladen.

Ein dickes Küsschen dafür, liebe Bettie ❤ 

Upcycling – Neue Kinderkleidung aus Papas Sachen

Upcycling – Neue Kinderkleidung aus Papas Sachen

Schon wieder habe ich die Vorher-Fotos vergessen …

Aber ich glaube, das macht nichts.

Das folgende Ensemble war ein Streifenshirt vom Dad:

Upcycling

Und hierfür habe ich Dadas Leinenhose geschlachtet:

IMG_5208

Und ich liebe besonders diese Label, die ich mir neulich gegönnt habe:

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Und dann habe ich aus einer alten Kinderbluse und einem Stück Gardine einen Retro-Klammerbeutel gemacht, den ich nun aber irgendwie nicht benutze, weil mich Klammerbeutel nerven und ich die Klammern lieber auf die Leine pinne, wenn ich sie nicht brauche …

Klammerbeutel 2

Habe inzwischen eine ganze Kiste alter Kleidung in unserem Näh-/Gäste-/Arbeits -Zimmer stehen. Aber leider zu wenig Zeit, um alles umzugestalten …

Wir renovieren ja gerade und basteln hier einiges um – dazu gibt es bald auch ein paar Bilder. Vom Horror-Wasserschaden in letztem Jahr bis zur Fertigstellung.

Trennungsschmerz – Kinderbetreuung und ihre Folgen

Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an die Komplikationen, die wir mit unserer ersten Tagesmutter für Nummer 4 erleben mussten. Anschließend fanden wir rasch eine neue Tagesmutter, zu der er seit Jahresbeginn geht.

Es ist nicht nur eine Tagesmutter, sondern es sind Tageseltern. Ich stelle sie kurz vor, damit Ihr Euch ein Bild machen könnt.

Die Tagesmutter hat zwei erwachsene Söhne mit ihrem Mann, den sie in noch heute spürbarer Verliebtheit sehr jung heiratete. Sie ist eine Frau mit sehr viel Kinderliebe und einer ganz besonderen Beobachtungsgabe für ihre Mitmenschen. Vor ihrer Ausbildung zur Tagesmutter arbeitete sie in der Flüchtlingshilfe – sie ist türkischstämmig und kann recht gut Arabisch sprechen, daher war sie dort eine große Hilfe.

Der Tagesvater hat einen so selbstverständlich liebevollen und freundlichen Umgang mit Kindern, wie ich ihn selten bei Männern erlebe. Das mag sexistisch klingen, entspricht aber eigentlich nur meinen persönlichen Beobachtungen. Nummer 4 ist sehr gern in seiner Gesellschaft und nickt eifrig, wenn man fragt, ob denn dieser Mann sein Kumpel sei. Die beiden frühstücken immer ausgiebig – zusammen mit den anderen drei Betreuungskindern.

Der Wohlfühlfaktor

Die beiden leben in einer Wohnung mit einem Spielzimmer für die Kinder – inzwischen haben sie sich ein Haus gekauft, damit sie für die Tageskinder mehr Platz und einen Garten haben. Im späten Herbst wird umgezogen, zuvor renovieren sie mit Hilfe ihrer großen Familie.

Ich habe mich mit der Tagesmutter oft unterhalten – während der Eingewöhnungsphase nach Berliner Modell. Und auch beim Abholen, wenn sie mit den Kindern auf einem Spielplatz sind – was sie oft sind. Ich mag sie sehr gerne und ich merke, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Ich erzählte ihr sogar ein bisschen von meiner Familie, was ich ungern und selten tue. Sie empfand eine Menge Mitgefühl – wurde sie doch ganz anders groß. Mit fünf Geschwistern auf engem Raum und ganz viel Zusammenhalt.

Ihre Gegenwart ist sehr angenehm und man fühlt sich wohl. Kaum saß ich während der Eingewöhnungsphase auf der Esstischbank, bekam ich türkischen Tee. Ich habe vor vielen Jahren mal ein paar Grundkenntnisse in Türkisch erworben und ein bisschen blieb mir erhalten – das war ein netter Eisbrecher, weil die beiden sich sehr darüber freuten. Das Familiäre, Gastfreundliche und diese Mentalität, es anderen gerne angenehm und schön zu machen – das rührte mich. Hat es schon immer, wenn ich bei türkischen Familien eingeladen war. Ich wog auch immer fünf Kilo mehr, wenn ich abends nach Hause ging.

Die Tagesmutter sagte einmal in etwa zu mir: „Du hast ein richtiges Mutterherz. Du hast es geschafft, auch wenn du keine echte Mutterliebe bekommen konntest, selber so viel davon zu geben. Ich bewundere das sehr. Und es tut mir sehr leid, was du erleben musstest – auch wenn ich noch nicht alles weiß, das spüre ich. Aber was ich weiß, das reicht aus, um ein bisschen zu verstehen.“

Das Mutterherz und sein Nesthäkchen

Affenhorde: Zusammenhalt und Nähe inklusive (Foto RacoonyRE)

Affenhorde: Zusammenhalt und Nähe inklusive (Foto RacoonyRE)

Unsere anderen drei Kinder kennen die Tageseltern inzwischen auch. Nummer 3 bekommt immer Kekse, wenn wir zusammen Nummer 4 abholen. Diese darf sie sich aus einem Schrank in der Küche nehmen und an den anderen Kindern vorbeischmuggeln – ein Ritual, das sie liebt. Ein bisschen Oma-Ersatz empfindet sie dann, das spüre ich. Auch die großen Kinder mögen die beiden liebevollen Menschen richtig gern.

Aber: Bis vor zwei Tagen weinte Nummer 4 bei jedem morgendlichen Abschied. Jedes einzige Mal. Er rief nach mir, klammerte sich an mich – es war ein echtes Drama. Und das Wort Drama verwend eich hier nicht, um darzustellen, dass ich es übertrieben empfunden hätte. Oder dass ich einfach genervt gewesen wäre. Ich habe gelitten. Weil er gelitten hat. Nein, wir haben beide gelitten.

Ich konnte mich nie gut von den Kindern trennen und sie sich auch nicht von mir. Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Mindestens, seit Mr. Essential seine doofe Krankheit gehabt hat.

Und Nummer 4 hängt so sehr an mir – vielleicht noch mehr als mein Klettenkind Nummer 2.

Er mag die Tageseltern sehr gern, sagte früh ihre beiden Vornamen. Und er erzählt mir auch von seinen Vormittagen dort. Er beschreibt, dass er gemalt hat und berichtet, dass seine kleine Freundin (deren Namen er wütend korrigiert, wenn ein anderer Junge dort ihn falsch ausspricht: „Beleidigt nicht den klangvollen Namen meiner Herzensdame, Schuft!“) ein „Aua“ hatte.

Wenn ich ihn abhole, dann hüpft er und quietscht und ruft Mama!Mama!. Wenn ich morgens gehe, dann weint er und ruft auch Mama!Mama! – aber eben richtig leidend.

Lange, ehrliche Eingewöhnung

Die Eingewöhnungszeit betrug bei ihm, wenn man sie als abgeschlossen ansieht, sobald das Kind sich tränenfrei und zufrieden verabschiedet, acht Monate. Acht Monate. Und ich habe inzwischen genau hingefühlt, was in mir vorgeht, wenn ich ihn zurücklasse.

Ich freue mich, liebevolle Menschen in seiner Nähe zu wissen. Ich weiß, dass sie durchweg liebevoll und erfahren sind. Sie kümmern sich mit sehr viel Hingabe und auch Fleiß um ihre vier Schützlinge.

An einem Morgen in den Ferien durfte Nummer 2 auch bei den beiden bleiben. An diesem Morgen weinte Nummer 4 nicht.

Wölfe, Gérard van Drunen

So richtig schön ist’s doch im eigenen Rudel (Foto: Gérard van Drunen)

Der Welpe braucht sein Rudel. Das Rudel signalisiert ihm Sicherheit und Wohlbefinden. Beim Opa bleibt Nummer 4 auch gerne – weil ein Teil seines Rudels (die Geschwister) dabei ist. Geht das ganze Rudel weg – ist der Welpe alleine. Ich kann das zoologische Beispiel auch mit Affen: Bleibt ein Affenkind alleine bei Fremden, auch bei netten Fremden, ist es unruhig. Es braucht die Horde – heißt das bei Affen Horde? In meiner Welt ist ein Haufen Affen eine Horde. Ich liebe Affen.

Ich spüre, wie das Band zwischen ihm und mir sehr langgezogen wird, wenn ich gehe.

Ich sehe, dass er sagt: „Kann ich dich nicht umstimmen? Ich bin lieber zuhause. Hier bin ich auch gern, aber es bleibt ein Gefühl von Unsicherheit, weil es Fremde sind. Die sind mir inzwischen bekannt, aber die sind nicht mein Rudel. Ich bin abgelenkt und habe Spaß. Aber die sind nicht mein Rudel.“

Ich spüre, wie ich antworte: „Glaub mir, ich fühle mich auch nicht glücklich. Diese Lösung ist die rational beste. Aber emotional kostet sie etwas. Ich kann nicht den ganzen Tag mit dir zusammensein. Es gibt Dinge, die ich erledigen muss und ein Projekt, dem ich mich widmen möchte. Zudem gibt es eine Menge Arbeit in unserer großen Rudelhöhle, es gibt Termine, Besorgungen und Erledigungen. Jemand muss das alles machen. Und dieser jemand bin ich. Ich gebe dich für kurze Zeit hier ab, alle anderen Kinder sind länger hier. Eine so lange Verweildauer würde ich für dich zu diesem Zeitpunkt in deinem Leben niemals wollen. Zu dir und zu mir würde das nicht passen. Wir sind beide nicht hundertprozentig glücklich, aber wir können es aushalten, oder?“

Ich versetze mich in ihn hinein.

Ja, er hat Spaß dort und ich weiß, er lernt Dinge, die er später zu schätzen wissen wird. Hier zuhause wird er betüdelt und betreut, man ebnet ihm den Weg. Er war daher völlig verdutzt, als ihm ein anderes Kind morgens etwas wegnahm. Diese Situation war ihm neu. Hier bringen alle ihm etwas, wenn er es alleine nicht holen kann.

Er musste lernen, sich zu wehren. Und das kann er inzwischen. Nimmt man ihm etwas aus der Hand, zum Beispiel, weil es mal wieder etwas ist, das er nicht haben sollte (Scheren, Schraubenzieher …) dann wird er sauer. Und wie. Er ruft dann: „Meeeins!“ und wenn man Pech hat, dann bekommt man eine verpasst. Hat funktioniert. Sein Vater hat für diese Lektion länger gebraucht und sie erst mit vier Jahren lernen dürfen. Er sagt, es sei gut, wenn jemand das bereits drauf habe, sobald es in den Kindergarten geht.

Dort wird die Gruppe um ein Vielfaches größer. Wenn ich mich da hinein versetze, dann fühle ich mich gestresst und überfordert. Ja, im Gewusel einer großen Gruppe sucht man sich sein Eckchen und seine Freunde. Man geht in andere Räume zum Spielen, bekommt etwas Vorgelesen und isst zusammen.

Rudellos

Ich war ja nie in einem Kindergarten – meine Mutter schaffte es nicht, ihren Wunsch nach einer möglichst engen Bindung (Symbiose) zu mir, zu erweitern – aber jetzt als Erwachsene stelle ich es mir in der Retrospektive nicht als das Richtige für mich vor.

Hugo_Oehmichen_Im_Kindergarten

Romantische Kinderidylle aus Öl (Hugo Öhmichen, „Im Kindergarten“)

Ja, ich hatte keine Übung im Umgang mit anderen Kindern, als ich mit sechs Jahren mit mehr als zwei Kindern gleichzeitig konfrontiert war. Eine Abhärtung in Richtung „große Gruppe“ hätte mir gut getan. Also, sie wäre hilfreich gewesen. Gut getan hätte sie mir nicht. Ich hätte mich auch immer fremd gefühlt, wenngleich gewöhnt.

Klar, ich hätte mich an einen Kindergarten gewöhnen können und ich wäre vielleicht auch ganz gern dort gewesen. Aber es ist eben kein Zuhause. Dieses Gefühl hatte ich Kindergärten gegenüber schon immer.

Ganz mies

Meine Mutter war Kindergärtnerin und sie empfand ihre Ausbildung (für die man 1965 übrigens 234 D-Mark bekam/Kinoeintritt zu der Zeit 50 Pfennig, weiß ich noch – eidetisches Gedächtnis und so) als furchtbar. Die Kinder wurden noch geschlagen und das fiel ihr sehr schwer. Die Mütter sagten morgens: „Das ist ein Frecher, hau ruhig drauf, Fräulein Soundso!“ Die Kindergärtnerinnen hießen noch „Tante Marlene“ oder „Tante Sieglinde“. Als meine Mutter selbst ein Kind war, da wurden die Kinder noch an Stühle gefesselt, wenn sie andere Kinder wiederholt ungehorsam waren. Kratzen oder schlugen sie zu oft, wickelte man ihnen die Hände in Stoffbänder ein. „Die bösen Händchen müssen jetzt ruhen“ hieß das dann.

Irgendwie hat die Fremdbetreuung vielleicht ein mieses Karma, wenn sie noch vor wenigen Jahrzehnten so aussah. Ist ähnlich wie bei den Zahnärzten. Tief in uns rumoren noch die alten Geschichten und Bilder von blutigen Zangen und Extraktionen ohne Betäubung. Vielleicht ergeht es den Kindergärten, ehemals „Kinderverwahranstalten“ auch so. Jedenfalls wird ja viel diskutiert über das Für und Wieder derselbigen. Es muss also auch etwas Schlechtes daran vermutet werden.

Nun lag es nicht an ihren Erinnerungen, dass meine Mutter mich nicht in den Kindergarten ließ – sie wusste, dass die Kinder dort in den 80ern weder gefesselt noch geschlagen wurden. Sie wollte mich eben nahe bei sich haben. Ein Grund, warum ich bei der starken Orientierung auf Bindung an die Mutter heute noch mit Vorsicht reagiere – dazu werde ich demnächst noch etwas schreiben.

Zurück ins Heute und zu Nummer 4. Ich empfinde die Trennung immer noch als unangenehm für uns beide. Dennoch drehe ich durch, wenn ich monatelang mit einem wirklich anstrengendem Kleinkind (sorry, Nummer 4) zuhause hocke. Und nein, Spazierengehen ist auch keine Erfüllung. Und keinen Handschlag tun zu können auch nicht. Und niemals alleine zu sein ebenso wenig. Und arbeiten möchte ich auch ganz gerne, irgendwie. Ein paar Stunden getrennt zu sein ist also die beste Lösung. Und sie fühlt sich dennoch immer mal wieder fies an.

Das eigene Rudel

Jeden Morgen, wenn ich sein Weinen im Ohr hatte und mich auf den Weg zum Auto machte, wägte ich Gedanken und Gefühle ab. Ich dachte, dass es sich immer komisch anfühlt, ein Kind an Fremde abzugeben, die sich gegen Bezahlung kümmern. Und ich fand, die gute alte Großfamilie (die bestimmt sehr oft sehr nervte), wäre ein besserer Ort. Den es aber nicht mehr gibt.

Großfamilie aus Südafrika, Henry M. Trotter

Sieht kuschelig aus, nervt aber sicher manchmal: Großfamilie (Henry M. Trotter)

Das eigene Rudel und so. Wenn ich unsere Kinder bei den Großeltern ließ, dann konnte ich mich abends ohne schlechtes Gewissen vergnügen, wenn wir mal ausgingen. Das war das Rudel – ja, das nervte auch sehr oft – aber es war sicher, dass die eigenen Großeltern gewissenhaft und vertrauenswürdig waren. Und das, obwohl es Konflikte zwischen uns und ihnen gab. Man wusste, das eigene Fleisch und Blut, die eigene Nachkommenschaft, würden sie bestmöglich behandeln. Und das taten sie auch.

Bleibt Nummer 4 mal für die Dauer eines Einkaufs in der Betreuung seiner Mit-Welpen (von denen die beiden Großen eher fast ausgewachsene Wölfinnen sind), hat er keine Probleme, wenn er uns gehen sieht. Bei anderen Personen weint er. Das spricht eine deutliche Sprache für mich.

Gefühls- und Gedankenfazit

Ich sage an dieser Stelle ganz bewusst: „Jedes Kind ist anders – ich berichte nur aus persönlicher Sicht.“ Aber das ist ja immer das, was man tut, wenn man nicht wissenschaftlich argumentiert: aus persönlicher Sicht eigene Beobachtungen und Gedanken oder/und Gefühle kundtun.

Es gibt nicht immer eine perfekte Lösung. Ich empfinde es so, dass eine außerfamiliäre Betreuung ein Kompromiss zwischen der modernen Lebensweise, den Bedürfnissen der Familienmitglieder und allen Notwendigkeiten ist.

Es gibt so viele Studien und Meinungen zu diesem Thema. Und gerade in Deutschland wird es mehr diskutiert als in anderen europäischen Ländern. Unser Nachbarland Frankreich geht damit beispielsweise ja ganz anders um. Und Skandinavien auch.

Eine Studie zeigt, dass Kinder, die sehr früh und stundenmäßig lange fremdbetreut (ja, Entschuldigung“bekanntbetreut“) wurden, in späteren Jahren Bindungsschwierigkeiten entwickeln. Bei Facebook rufen dann Bewohner*innen der einstigen DDR: „Ja was? Sind wir alle bindungsgestört oder wie? Das hat uns nicht geschadet!“ Und ich möchte sagen: „Das weiß ich nicht. Ich kann es nicht beurteilen. Aber dass du oder auch du Kommentator*in dich als Beispiel anführst, widerlegt – wie so oft – die These nicht. Mal ganz wissenschaftlich gesehen.“

Und genau so belegen andere Untersuchungen, dass es keinerlei Langzeitnachwirkungen gäbe.  Wie so oft, entscheidet man sich für die eine oder andere Sichtweise. Meist aus persönlichen und nicht aus wissenschaftlichen Gründen …

Grautöne

Manchmal (oft!) denke ich, es wäre schön, wenn man ehrlich sein könnte. Und nicht schwarz-weiß denken müsste. Einfach mal sagen: „Das und das mag ich an diesem bestimmten Thema, aber das eine Ding daran, das nehme ich nur billigend in Kauf“

Modernes Beispiel gefällig? Das viel diskutierte Zeug wie das Familienbett, das Stillen, das Tragen, das Windelfreie, das Stoffwickeln, die Reboarder … all das.

Wie wäre Folgendes?

„Ja, ich schlafe mit meinem Kind in einem Bett. Und mein Mann schläft auch dort. Ihn nervt es manchmal, mich auch. Wir schlafen schlechter wegen des Gehampels zwischen uns, aber wenn wir zusammen aufwachen, dann finden wir, das Ganze ist es wert. Denn das lieben wir. Wir würden gerne mal quer und laut durch unser Bett vögeln, aber das geht nun mal nicht. Ja, wir schreiben, dass nur Langweiler im Bett Sex haben. Das fühlt sich einfach besser an, als wenn wir uns als die Zwangs-Asketen dargestellt sehen.

Wir wissen auch, dass Nebeneinander zu liegen öfter mal zu spontanen Liebesspielen führt. Diese verlagern wir auf Teppich, Sofa, Dusche, Esstisch … ach ne, eigentlich ist das geflunkert. So kreativ sind wir beide eigentlich im Moment nicht, dazu sind wir zu müde.

Aber: Wir lieben es dennoch. Trotz der Einschränkungen, die es bedeuten kann. Es wird ein paar Jahre in unserem Leben so sein und wir sind sicher, dass es unserer Intimität und Vertrautheit als Paar nicht schadet. Und wenn wir noch mehr Kinder bekommen, dann überlegen wir, ob das für uns so fortgesetzt werden kann. Oder wenn es uns beiden oder einem von uns nicht mehr gefällt. Ja, wir lasen, es sei schwer, das wieder umzustellen und es wird eventuell schwierig, aber das hält uns nicht davon ab, unseren Weg weiter so zu gehen. So lange, wie er sich gut anfühlt.“

Entscheidungen darf man verändern, begrüßen bedauern, revidieren.

Alles andere macht einen starr. Und es verhindert, dass man selbstehrlich ist. Dogmen im Allgemeinen führen allzu oft zu (Selbst-)Lügen. Wenn ich nicht sagen darf, was ich wirklich denke und fühle, dann bin ich mundtot einem Dogma unterworfen. Siehe #regrettingmotherhood: Kaum sagte eine Mikrozahl von Müttern (in einem anderen Land mit anderen Konditionen als bei uns) mal: „Och, noch mal würd‘ ich’s nicht machen“ dann muss schnell die rettende, moralisch hochwertige Gegendarstellung her.

Und schon wissen alle: „Alles klar, die Schweigespirale manifestiert sich da gerade. Ich darf also nicht klagen oder mal sagen, dass ich Manches manchmal bedaure. Besser ich halte meinen Mund.“

So ist es auch beim Thema der Fremdbetreuung. Grautöne stellen die Entscheidungen irgendwie in Frage. Schließlich kann eine Entscheidung nur zwischen Weiß und Schwarz stattfinden, oder? Klar, aber nach der Entscheidung sieht man eigentlich, wie beide Farben einander berühren, beeinflussen und oftmals an den Rändern vermischt werden. Wenn man es denn sehen darf. Und sagen darf.

Ich vermisse das Grau

Und weil ich das Grau vermisse sage ich:

Perfektion gibt es nicht.

Ich wünschte, es gäbe eine Welt, in der sich alle Entscheidungen perfekt anfühlen, aber die ist nicht da, wo ich bin.

Ich wünschte, ich fände es erfüllend, 24/7 mit einem Kleinkind happy together zu sein, dabei noch Zeit für den ganzen großen Haushalt zu haben und meiner Arbeit nachzugehen. Aber so ist es nunmal nicht.

Dennoch will ich meine Gefühle nicht verleugnen müssen. Ich empfinde Schmerz, wenn ich Nummer 4chen abgebe. Und er auch. Ich lasse ihn los und er mich und das lässt ihn und auch mich reifen. Aber das tut dennoch weh und ich halte es für zu früh. Aber es geht nicht anders. Und das fühlt sich doof an.

Ich muss keine Studie ‚rauskramen, die beweist, dass es ihm nicht schadet. Ich weiß, dass es keinen echten Schaden anrichtet. Aber es macht ihn ein bisschen nervöser.

Weil er begreifen muss, dass die Oberwölfin weg sein kann. Einfach weg. Und eine Welpe ohne Wölfin ist in einer potentiell bedrohlichen Situation. Da hilft auch keine andere Wölfin aus einem anderen Rudel. Zumindest fühlt sich das für Klein-Welpi so an. Ich weiß, dass die andere Wölfin da ist und sich kümmern kann, wenn etwas ist. Aber Welpi weiß es nicht wirklich. Er ist klein und instinktregiert. Er ist noch lange, lange kein vernunftbegabtes Wesen.

Loszulassen ist eine wichtige Lektion. Für mich war es immer mal wieder schwierig, zwischen Nähe und Distanz auszutarieren. Eben weil ich in meiner Kindheit erst eng umhüllende (einengende … erstickende …klebende) Nähe und dann, nach circa 12 Jahren, plötzliche Distanz erfuhr.

Ich finde nicht, dass eine möglichst enge oder nahe Bindung zu einem anderen Menschen das erstrebenswerteste Beziehungsgut ist. Weil man eben nicht abschätzen kann, was der andere Mensch da alles mitbekommt und in sich aufnimmt. Nähe darf emotional, körperlich oder geistig stattfinden und diese Ebenen brauchen ein Gleichgewicht. Nähe muss beiden gefallen und nutzen. Wenn ich Nähe will, dann sollte ich meiner Meinung nach stets überprüfen, wieso ich das möchte. Auch dazu gibt es viele interessante Studien und psychologische Theorien sowie Ansätze. Aber das gehört jetzt nicht hierhin.

Gleich fahre ich wieder los und hole Nummer 4. Ich persönlich könnte auf einer Ebene mehr als knappe drei Stunden alleine am Tag brauchen. Aber das wäre zu viel für ihn. Und für mich auch, denn eine andere Ebene würde das wiederum ebenfalls nicht wollen. Und weil man aus so vielen verschiedenen Gefühlen und Gedanken, beziehungsweise Ebenen, bestehen kann, ist das, was ich fühle, ein Kompromiss.

Er ist okay, aber er hat Schattenseiten. Für Welpe und Wölfin.