Bravo: Ausstrahlungstipps im Zeitalter von Twilight und 50 Shades of Grey

Ich für meinen Teil habe ja nie die Bravo gekauft. Die Pubertät habe ich so lange hinausgezögert, dass ich direkt mit dem Metal Hammer eingestiegen bin. Trotzdem kam man ja damals nicht ganz an diesem Machwerk vorbei – in Ferienfreizeiten und Jugendgruppen, und ja, auch im eigenen Freundeskreis gab es immer irgendwen, der sie doch bei sich hatte.

Unter dem Vorwand „sich darüber beömmeln zu wollen“ haben dann auch Antis wie ich irgendwann mal reingeschaut. Und, was haben wir gelesen (natürlich aus rein humoristischen Gründen)? Den Teil mit Dr. Sommer und den Beziehungs- und Sextipps. Was soll ich sagen? Natürlich habe ich mich darüber lustig gemacht, aber es hat Spuren hinterlassen. Ich war für meine Pubertät und teilweise darüber hinaus geschädigt von diesem Machwerk.

Welcher Art dieser Schaden war (mittlerweile sind die seelischen Wunden, die ich damals erlitten habe, verheilt oder zumindest vernarbt) fiel mir letztens auf, als ich durch Nummer 1s und 2s „Mädchen“ blätterte. Die Beziehungs- und Sextipps sind noch immer voll von 12-Jährigen, die sich Sorgen machten, weil alle in ihrer Klasse schon Sex hatten. Von 13-Jährigen, die sich nicht sicher sind, wie sie ihren Freund oral befriedigen sollen. Von wirklich deutlich zu jungen Mädchen, die sich darüber Sorgen machen, ob ihr Freund sie verlässt, wenn sie ihn nicht bald mal ranlassen.

Heute bin ich dann von Ms. Essential auf die aktuelle Kritik an der Bravo für ihre „Ausstrahlungstipps“ aufmerksam gemacht worden. Was soll ich sagen – was habt ihr denn erwartet? Ein Massenmedium hat noch nie die gesellschaftliche Avantgarde verkörpert. Und wie die gesellschaftliche Nicht-Avantgarde aussieht, erkennt man leicht an diesem Fundstück meiner kurzen Recherche:

Doppelmoral

Ganz im Ernst – so lange eine Künstlerin noch immer darauf setzen kann, dass sie als Käfig-Kätzchen mehr Aufmerksamkeit für ihre Musik bekommt, so lange sind wir garantiert noch nicht so weit, als dass Bravo oder Mädchen Tipps geben könnte wie:

  • Beeindrucke Deinen Freund am besten durch einen geistreichen Beitrag zum feminstischen Diskurs. Boys stehen auf Mädchen, die intelligent sind und an einer Verbesserung der Rollenklischees in unserer Gesellschaft arbeiten wollen.
  • Du solltest Dich nur in ökologisch erzeugte und fair gehandelte Baumwollstoffe kleiden. Boys stehen darauf, wenn Mädchen ein Bewusstsein für die Umwelt haben. Wenn Du ihn verrückt machen willst, lass ruhig das Ökotex-Label oben aus dem Top raushängen.

Wir sind halt einfach noch nicht so weit

Ich möchte garantiert kein überkommenes Rollenbild entschuldigen. Natürlich sind die Tipps in der Bravo blöde, natürlich transportieren sie ein überkommenes Frauenbild. Natürlich transportieren sie gleichzeitig auch – ebenso wie die Hotpants-Debatte – ein veraltetes Männerbild. Aber die Bravo ist halt kein Medium, dass gesellschaftliche Veränderungen vorantreibt. 90 Prozent aller Beziehungstipps in Frauenzeitschriften sind so ein Hirnmüll, dass sich die Redaktionen aus journalistischem Ethos eigentlich die Frage stellen sollten:

„Wenn unsere Klicks und die Auflage uns sagen, dass unsere Leser so einen Mist lesen wollen, müssten wir dann das Publizieren nicht eigentlich aus ethischen Gründen aufgeben?“

Ich denke, die Antwort ist in vielen Fällen klar.

Die gesellschaftliche Realität ist doch, dass die größten belletristischen Erfolge beim weiblichen Publikum von Beziehungen handeln, die von Hörigkeit, Unterwürfigkeit und Bewunderung gegenüber dem Auserwählten handeln. Tipps wie der „devote Blick von unten“ dürften doch der geneigten 50 Shades of Grey-Leserin nicht fremd sein. Auch wenn sie das Bravo-Alter vermutlich schon länger hinter sich hat. Ebenso der 1a-Tipp schön tollpatschig zu sein ist durchaus etwas, dass sich in dieser Literatur wiederfindet.

Letztendlich bilden Bravo, Mädchen, gehypte Groschenromanzen und viele andere literarische und journalistische Formen doch nur die gesellschaftliche Realität ab, dass viele Frauen noch immer Männer wollen, die ihnen gesellschaftlich überlegen sind.


Exkurs: Ms. Essentials kleine Theorie der Partnerwahl

Ms. Essential hat hierzu ihre eigene Theorie und kommentiert hier gerade:

„Wir wollen halt in Wirklichkeit nur Männer, die wenigstens Geld haben und nicht viel blöder sind als wir. Da Männer durchschnittlich nun mal unbrauchbar, unmotiviert, fauler und müffelnder sind als Frauen, sollten sie wenigstens materiell einen Ausgleich schaffen. Das hat mit gesellschaftlicher Stellung gar nichts zu tun.“

Sie belegt das dadurch, dass viele Frauen nur über ihre Männer klagen, diese nicht ganz ernst nehmen und sie als „ein Kind mehr“ bezeichnen. Eine anständige Karriere sorgt da für das notwendige erotisierende Gegengewicht. Er schafft es beispielsweise nicht, seine Socken in die Wäschetonne zu werfen – dafür verdient er wenigstens genug für die Putzfrau. Das gilt übrigens nicht beim Sex – da zählt vorwiegend das Aussehen.

Ich frage mich, was dieses Rollenbild mir über mich sagen soll. Und ich versuche mich zu erinnern, ob ich ihr vor dem ersten Mal meine akademischen Qualifikationen nachweisen musste. Ach, das ist ja nett, sie bringt mir gerade einen Kaffee und tut noch diesen leckeren Süßstoff aus dem kleinen Fläschchen rein.


Was ich eigentlich sagen wollte: Die meisten Medien spiegeln die gesellschaftliche Realität nur wieder und wollen sie gar nicht verändern. Wir hatten schon auf dem letzten Elternbloggercafé mit Simone von KiKo Kinderkonzepte diskutiert, dass eigentlich ein Jugendmagazin mit Anspruch – quasi das frühjugendliche Äquivalent zu einer Nido oder Brigitte MOM – auf dem Markt fehlt.

Die Bravo kann diese Rolle definitiv nicht erfüllen. Aber sie liegt ja sowieso schon in den letzten Zügen*. Lassen wir sie doch einfach dumm von dieser Welt gehen.

*Das hat übrigens nichts damit zu tun, dass sie größtenteils Mist enthält. Jugendliche lieben Mist, der ihre Eltern ärgert. Aber sie mögen halt kein Papier mehr. Lasst uns also dafür beten, dass die Redaktion keine vernünftige Digitalstrategie findet. 

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8 Gedanken zu “Bravo: Ausstrahlungstipps im Zeitalter von Twilight und 50 Shades of Grey

  1. Hahahahahahahahihihihihi! Ich füge hinzu, dass sehr attraktive, aber promovierte Heldinnen es wirklich schwer haben, einen Helden zu finden. Scheint doch was dran zu sein.
    Im übrigen fand ich diese komischen Rollenbilder schon in meiner Jugend überholt und nahm es quasi desillusioniert in Kauf, niemals einen Typen zu finden. Irgendwie integrierte es sich in die „Schwarze Schaf“-Rolle, die ich in meiner Familie einnahm … Die waren nämlich entsetzt.

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    • Ja, da gibt es ja einige Erhebungen zu, dass „Powerfrauen“ es schwer haben, weil die Auswahl an Männern mit noch mehr „Power“ dann klein wird und ein Partner mit weniger davon (was auch immer das jetzt genau ist 🙂 ) eben doch nicht attraktiv sind …

      Kann die Problematik aus meinem persönlichen Umfeld durchaus bestätigen, da kommt mir die Statistik auch nicht lebensfern vor 🙂

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  2. Gibt es überhaupt noch eine Jugend im eigentlichen Sinne? Ich behaupte, dass es sie zumindest nicht mehr so gibt wie zu meiner Jugendzeit (vor 20 Jahren). Mädchen wie Jungs werden von Kindern beinahe ohne Übergang zu jungen Erwachsenen. Das trifft meiner Meinung insbesondere auf Mädchen zu inkl. aller dazugehörigen Nebenwirkungen.

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    • Gute Frage – wie unterscheidest Du denn „Jugend“ und „junge Erwachsene“? Wir nehmen bei Nummer 1 und 2 (aktuell 11 und 12) schon einige Veränderungen wahr, die ich als Wandel zum Teenie/ Jugendlichen interpretiert hätte. Wahrscheinlich ist es eine Definitionsfrage, würde mich interessieren wo Du die Unterschiede festmachst! 🙂

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      • Ich hätte dazuschreiben sollen, dass es sich eine rein subjektive Wahrnehmung meinerseits hält, wobei meine Frau mir bei manchem zustimmt.
        Da wäre zum Beispiel die Optik: ich kann keinen großen Unterschied mehr zwischen einer meinetwegen 12-jährigen und einer 18-jährigen (oder älter) feststellen. Mir ist bewusst, dass man das schon vor etlichen Jahren gesagt hat, aber meiner Meinung nach ist das inzwischen weniger eine Ausnahme als der Mainstream. Die Kleidung ist fast identisch und die Schminke und der Duft sind es ebenfalls. Wobei man den älteren Mädchen zu Gute halten muss, dass sie ihr Schminkhandwerk besser verstehen, als ihre jungen Pendants :-D. Ein Beispiel hierzu aus meinem Orchester: eine neben mir sitzende Flötistin habe ich gefragt, ob sie auch zu einem bekannten Festival fahren würde. Darauf meinte sie entgeistert, dass sie gerade 15 geworden sei.

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