Unser Mittagessen: Einfach und schön

Unser Mittagessen: Einfach und schön

Ich habe heute Mittag ein Rezept ausprobiert, das ich aus dem Rezept-Beileger der aktuellen Zeitung „Lisa“ habe.

Allerdings habe ich die Zutaten vereinfacht. Sie sind übrigens allesamt sind bei Aldi erhältlich – für mich ein nicht unwichtiges Kriterium, weil wir da den Wocheneinkauf machen.

Dieses Essen ist weder mordsmäßig gesund, noch vegetarisch. Dafür ist es sehr lecker und hübsch. Vor allem für Kinder wie unsere, die bekanntlich täglich mit Gemüse terrorisiert werden. Deshalb heute mal etwas Nicht-Vegetarisches und Nicht-Gesundes. Nummer 3 nannte es

Meerjungfrauen-Schätze

Zutaten:

2 mal Pizza-Kit,1 Packung Mini-Bio-Salami, Reibekäse, 1 kleine Dose Mais, 1 Päckchen Mini-Mozzarella, 3 EL Milch, 1 Ei

Wie wird es gemacht?

Zuerst markiert man mit einem großen Glas (6 bis 8 cm) 24 Kreise nacheinander auf beide, auf Backblechen ausgerollten Teigen. Zeitgleich kann man den Herd auf 180°C Umluft vorheizen.

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Dann schneidet man mit einem spitzen Messer diese Kreise aus und kerbt sie wie Jakobsmuscheln ein.

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Anschließend verquirlt man das Eis mit der Milch und bestreicht damit die Muscheldeckel.

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Die Muscheldeckel wandern für 10 Minuten in den Ofen. Während der Backzeit belegt man die anderen 12 Muschelhälften.

Zuerst mit der Tomatensauce aus dem Pizza-Kit bestreichen, dann Maiskörner darauf verteilen und die Salamischeiben darauf verteilen.

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Danach wird der Reibekäse auf den Hälften verteilt.

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Nun kann man die Muschelhälften aus dem Ofen nehmen und den Ofen auf 200 °C hochschalten, um die unteren Muschelhälften zu backen.

Es bleibt Teig übrig. Diesen habe ich verknetet, ausgerollt und mit einem Ausstecher in Fischform zu kleinen Fischchen verarbeitet. Da auch verquirltes Ei übrig bleibt, konnte ich sie damit bestreichen. Es war auch noch genug von allem übrig, um drei klassische, gefüllte Pizza-Brötchen zu machen. Diese wanderten auch in den Ofen.

Man gießt den Mozzarella ab, holt nach 10 Minuten die Pizzakreise aus dem Ofen und lässt diese kurz abkühlen.

Dann legt man je eine Mozzarella-Kugel als „Perle“ in die Jakobsmuschel und legt den Deckel auf. Dazu passt wunderbar ein Salat. Oder wie bei uns Snack-Gurken mit Cherry-Tomaten. Salz und Pfeffer sowie Balsamico darauf. Fertig.

Da sind die „Meerjungfrauen-Schätze noch mal:

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Sie waren recht schnell verschwunden …

Upcycling

Upcycling

In meinem Eifer habe ich die Vorher-Fotos der ersten beiden Teile vergessen …

Das Erste war eine schlichte Herren-Chino. Sie war am Knie kaputt, daher habe ich sie zu einer sommerlich kurzen Hose umgewandelt („Schnipp-Schnapp-und-Stretch-Zick-Zack“) und die Beine verwendet, um eine ebenfalls halblange Hose für Nummer 4 zu machen.

Das war so ein Zack-Zack-Projekt.

Der Paddington-Aufnäher stammt noch von einer Strickjacke, die alle Mädels getragen haben. Als sie komplett durch war, habe ich die Applikationen und Labels abgetrennt. Das mache ich immer – daher stammt mein Fundus überwiegend.

Upcycling kurze Hose

Dann habe ich gestern noch eine Jeans von Mr. Essential wiedergefunden. Sie war ihm viel zu weit, weil er so fleißig schlanker geworden ist. Und zwar so viel zu sehr, dass man sie nur mit Mühe hätte enger machen können. Waren über 10 Zentimeter zu viel …

Daher habe ich eine kleine Zier-Tasche vom Bund abgetrennt sowie eine Stickerei mit Nieten aus einer des Gesäßtaschen ausgeschnitten. Beides habe ich für die Hosenbeine verwendet, wo ich es mit einem lässig großen Zick-Zack aufgebracht habe:

Upcycling Jeans

Bin gespannt, was Nummer 4 nachher dazu „sagt“.

Er liebt in der Tat bestimmte Kleidungstücke. Als ich ihm neulich ein T-Shirt aus einem Jersey mit allover Print aus Fuchsmotiven genäht habe, hat er es geküsst und an sich gedrückt …

Sehr liebt er auch folgendes Teil: Den Eulen-Schlafanzug, den ich aus einem alten Shirt von Nummer 1 (Ärmelsäume defekt plus unüberwindbarer Fleck) und einem alten Oberteil von mir gemacht habe:

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Und das Ergebnis:

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Mal sehen, welche vermeintlichen Altkeidersammlungs-Objekte mir als nächstes unter die Finger kommen … 😀

Die Fufel-Chroniken

Wieder ein Beitrag aus den Fufel-Chroniken.

Wir gehen nicht chronologisch vor, sondern teilen mit Euch einfach immer mal wieder Eindrücke aus dem Leben mit den Fufels.

Es war im Jahr 2006 und wir steckten mitten in unserem Umzug. Ich war mit Nummer 3 schwanger. Zusammen mit Nummer 1 und Nummer 2 wühlte ich mich durch einige Kartons, um den Inhalt auszusortieren. Beide sind zu diesem Zeitpunkt vier und zweieinhalb Jahre alt.

Nummer 2 hielt freudig lachend eine alte, braune Kurzhaarperücke hoch.

„Mama! Ich hab‘ was Tolles gefunden!“

Ich: „Ja, was denn? Zeig doch mal her.“

Sie, strahlend: „Ich hab Opas Haare gefunden – der hat ja keine mehr.“

 

Noch mehr aus den Fufel Chroniken gibt es hier.

Die Fufel-Chroniken

Da dieses Wochenende der 800. Jahrestag der Unterzeichnung (eigentlich war es ja eine Besiegelung) der Magna Carta gefeiert wird, schlagen auch wir unsere Charta auf.

Na ja, sie enthält eigentlich keine Rechte für übermüdete Eltern. Es gibt keine Artikel, die Herrschaft aufteilen sollen, um für Gerechtigkeit des Volkes und der Barone*innen sorgen. Okay, es sind überhaupt keine Rechte für Herrschende enthalten. Dafür aber mit das Kostbarste, das wir Menschen haben: Erinnerungen.

Unsere Charta ist also eher eine Chronik.

Eine volle und über ein Jahrzehnt alte:

Die Fufel-Chronik

Und in den kommenden Wochen werden wir sie aufschlagen und ab und an Erinnerungen aufschreiben.

Was haben die Fufels 2004 gemacht oder 2008?

Aus dieser Reihe gibt es heute:

Mama war nur kurz unten staubsaugen

Wir schreiben das Jahr 2006.

Nummer 1 ist dreieinhalb und Nummer 2 ist zwei Jahre alt. Nummer 3 war Quark im Schaufenster (das darf sie jetzt nicht lesen, denn sie hasst diesen Ausdruck. Sie sagt dann immer: „Ich war niemals Quark! Ich war bei Gott und wartete auf mein Leben!“

Direkt nach dem Einkauf wollte ich das Souterrain unserer damaligen Wohnung saugen. Oben spielten die beiden. Man konnte sie das ruhigen Gewissens tun lassen – es war das hochgesicherte Gummizellen-Alcatraz die kindersicherste Wohnung, die wir jemals hatten.

Ich habe mich dennoch beeilt und verließ die auf dem Teppich selig Spielenden für rund 10 Minuten. Ja, ich habe ziemlich hektisch den Sauger geschoben – es stand noch irgendein Termin an und ich wollte vorher wenigstens einen „Kölsche Wisch“ machen.

Als ich wieder nach oben komme, sind die Mädels weg.

Sie waren nicht etwa verschwunden, weggelaufen, ausgezogen:

Sie befanden sich unter 10 (!) ausgerollten und verteilten Rollen Klopapier. Mitten im Wohnzimmer. Mir fiel fast der Sauger aus der Hand.

Stimmt! Die Packung Klopapier war vom Einkauf noch im Flur stehen geblieben!

Mein Mund war offen. Es raschelte. Nummer 1 steckte zuerst die Nase aus den 2.000 weißen Blättern vor mir.

„Hallo Mama,“ sagte sie fröhlich.

„Hallo …“ krächzte ich reflexartig und fügte mit brüchiger, aber versiert freundlicher Stimme an, „was …äh … genau macht ihr da?“

Es raschelte erneut, Nummer 2 erschien.

„Hallo, Mama.“

Nummer 1 sah mich an und strahlte:

„Wir sind Biber. Und das hier, “ sie wies mit ausgestreckten Armen auf ihre Zweitausend Morgen schneeweißes Land,  „ist unsere Biberburg. Hier wohnen wir. Das haben wir selbst gebaut.“

Ich sah, dass die Klorollenburg in der Tat mittig aufgetürmt war und an den Rändern flach auslief. Sah aus wie ein 1-A-Biberbau.

In mir bahnte sich die einzig richtige Entscheidung bezüglich einer adäquaten Reaktion an:

„Das ist die beste Biberburg aller Zeiten. Schade, dass ich da nicht mehr reinpasse!“

Sie haben noch eine ganze Weile glücklich gebibert. Danach haben wir zusammen auf Klorollenpappkerne aufgewickelt, was noch zu retten war. Das war erstaunlich viel.

Die Erinnerung an die Biberburg habe ich sehr gerne.

Heute stolzer Besitzer eines Biberburgbausatzes: Prof. Dr. Nagy, Mr. Essentials Kindheits-Biber

Heute stolzer Besitzer eines Biberburgbausatzes: Prof. Dr. Nagy, Mr. Essentials Kindheits-Biber

In dieses Buch hier

Kostbare Erinnerungen an wunderbare Jahre: Die Fufel-Chroniken

Kostbare Erinnerungen an wunderbare Jahre: Die Fufel-Chroniken

habe ich laufend geschrieben, was ich so mit den Kindern erlebt habe und auch, was ich jetzt erlebe.

Es sind sozusagen die Fufel-Chroniken. Dieses Buch gehört zu den ersten Dingen, die ich retten würde, nachdem bei einem Brand alle Menschen in Sicherheit sind. Echt. Und immer, wenn die Kinder mich mal fragen, was ich noch retten würde, nachdem alle Menschen gerettet seien, dann sage ich: Meinen Teddy, die Kiste mit den Kinderandenken und die Fotoalben. Ist mein Ernst.

Was soll man auch sonst retten? 🙂

Zu viel Geld, zu wenig Geld? Ein Seitensprung hilft – wenn Du ein Mann bist

Zu viel Geld, zu wenig Geld? Ein Seitensprung hilft – wenn Du ein Mann bist

Eine neue Studie stellt erstmals einen Zusammenhang zwischen der Verteilung des Haushaltseinkommens und der Wahrscheinlichkeit, seinen Partner zu betrügen her. Das interessante Detail: Wenn ein Mann zu viel oder zu wenig zum gemeinsamen Einkommen beiträgt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er fremdgeht.

Männer, die „komplett wirtschaftlich abhängig“ sind von ihrer Partnerin (ich mag diesen Ausdruck nicht, da meiner Meinung nach eine wie auch immer geartete Arbeitsteilung nicht als wirtschaftliche Abhängigkeit definiert werden sollte – aber gut) betrügen ihre Partnerinnen drei mal so oft wie Frauen in der gleichen Situation. Meine Küchenpsychologie sagt mir, dass man es als Mann halt heute immer noch nicht so gut verknüsen kann, wenn die Frau wesentlich mehr verdient beziehungsweise eine gesellschaftlich deutlich angesehenere Stellung genießt. Das kränkt das männliche Ego – das weibliche Ego gibt es ja nicht, daher stecken Frauen solche negativ konnotierten Situationen leichter ein, ohne sich bei einem Seitensprung ein bißchen Wertschätzung zu holen. Die harten Fakten:

„Of men who were completely financially dependent on their wives, 15% had an affair, compared to 5% of women.“

Es geht aber noch weiter: Männer betrügen auch dann eher ihre Partnerin, wenn sie in der umgedrehten Lebenssituation sind und also sehr viel zum Haushaltseinkommen beitragen, während die Partnerin kein Geld verdient. Tja, sollte man da nicht meinen dass meine Kollegen durch das viele Geld schon ihr Ego pinseln können? Bei Frauen nimmt die Wahrscheinlichkeit des Fremdgehens nämlich ab, je größer ihr Anteil am Familieneinkommen ist.

Meine Erklärung dafür ist folgende: Während ein Mann in der klassischen Ernährerrolle auch die altmodischen „Mad Men“-Konnotationen nacherlebt, stößt eine Hauptverdienerin in neues Terrain vor. Da gibt es keine Historie von gemeinsamen Puffbesuchen, die zum Leben als „Businessfrau“ mit dazu gehört. Für (weibliche) Prostituierte sind Messen auch heute noch Hochkonjunktur, weil gerade von unerfahrenen und wenig selbstsicheren Männern in solchen Situationen schon mal verlangt wird, jetzt aber die Sau rauszulassen. Das kann sich in erhöhtem Alkoholkonsum niederschlagen, aber scheinbar auch in eine andere Richtung. Eine Frau in der gleichen Situation wird viel seltener in eine Situation kommen, in der ihre Kolleginnen sie noch zu irgendwelchen nächtlichen Aktivitäten mitschleppen, die möglicherweise die Grundlage für solche Exzesse sind. Ich kenne eine Menge Geschäftsfrauen – zumindest in meinem Umfeld ist das eher selten. 

 (Natürlich gehen meine männlichen Kollegen auch nicht in den Puff – aber sie feiern schon oft etwas härter, und in meinen eigenen langen Nächten auf Businessreisen waren häufig am Ende eher die Männer in der Überzahl)

Die weibliche Rolle der Businessfrau hat solche lasterhaften Aspekte nicht – sie ist diszipliniert, schlank, attraktiv, aber auf eine fast asketische Art. Eine heilige Jungfrau des Kapitalismus, ganz anders als der Businessmann, der ja schon so viel für seine Familie tut und auch mal ein wenig Freiraum braucht. 

Aber ich schweife ab. Vielleicht gibt es ja auch eine ganz andere Erklärung für diese Diskrepanz … 😉

Liebes Internet, ich bin schockiert.

Ich verfolge das aktuell heiß diskutierte Thema Homo-Ehe ja quasi nur passiv. Ich habe in diesem Thema keine Aktien und keine Eigeninteressen. Es tangiert meinen Alltag als Familienvater in einer Kleinstadt praktisch gar nicht. Manche von Euch erinnern sich vielleicht sogar, dass ich mich schon mal negativ über den Versuch der LGBT-Community ausgelassen habe, sich selbst als die besseren Eltern darzustellen. Aber wie unser aller Liebling Tyrion Lannister habe ich ein Herz für Bastarde, Krüppel und Zerbrochenes, und so bin ich wirklich von der aktuellen Entwicklung in der Diskussion zu diesem Thema schockiert.

Es ist einige Zeit her, da hat die CSU nach dem letzten Vorstoß zur Homo-Ehe plötzlich Familiensplitting in die Diskussion eingebracht.

„Ist doch lustig“, meinte ich damals zu Mrs. Essential. „Jetzt kommt die CSU noch glatt auf den Trichter, das blöde Ehegattensplitting endlich für ein Familiensplitting abzuschaffen – aber nur, damit die Homos nix davon haben.“

Ich bin bis heute über diese Ironie amüsiert, dass konservative Politiker die Angst vor der Schwulenehe brauchen, um so ein Projekt ins Gespräch zu bringen. Das war damals ganz lustig, und ich dachte mir dass es doch schön ist wenn zwei gesellschaftliche Kräfte durch ihre Reibung ein vernünftiges Ergebnis zustandebringen.

Leider brachten sie nichts zustande – das Familiensplitting ging sang- und klanglos unter, weil ein Rechenexempel nicht gefiel, und alles blieb beim alten. Na ja, mir kann es ja latent egal sein, ich bin verheiratet, also habe ich da nur begrenzten missionarischen Eifer. Dann eben nicht.

Plötzlich ist die „Homo-Ehe“ wieder auf dem Plan. Doch statt diesen Veränderungsimpuls zu nutzen, um vernünftige Weiterentwicklungen für das Familienmodell zu entwickeln, lese ich in viel zu vielen Medien „Mama, Papa, Kind“-Plattitüden, die besser in den Kindergarten passen würden. Heute morgen zum Beispiel, dass die FAZ ein mindestens fragwürdiges Argument als formal-juristischen Knockout bezeichnet, später sehe ich Kommentare bei einem anderen Artikel zum Thema:

homoehenkommi1 homoehenkommi2 homoehenkommi3 homoehenkommi4

Ich meine, das ist doch wirklich schockierend, oder? Schlimm genug, dass sich ein Leitmedium hier intellektuell verschwurbelt auf eine Beweislastumkehr für das Recht auf gesellschaftliche Veränderungen beruft – offensichtlich ruft dieses doch eigentlich für die Lebenswelt der meisten Menschen völlig irrelevante Thema beim deutschen Michel und der deutschen Micheline die mehr als latente Homophobie wach.

„Wenn die Schwulen jetzt heiraten dürfen, muss ich auch meinen Hund/ meinen Sittich/ meine Wandlampe heiraten dürfen, außerdem bricht dann praktisch Sodom und Gomorrha los und Deutschland ist zum Untergang verurteilt!“

Noch blöder geht´s wirklich nicht, oder? ich habe Neuigkeiten für Euch: Deutschland ist sowieso zum Untergang verurteilt und Eure „Argumente“ sind keine, sondern nur Befindlichkeiten.

Ich will überhaupt nicht den großen Fürsprecher machen für ein Thema, das mich nur am Rande interessiert. Aber diese Kombination aus Selbstgerechtigkeit und Borniertheit, vorgetragen über eine sich für nichts entblödende Argumentation ruft wirklich mein Herz für Bastarde, Krüppel und Zerbrochenes wach.

Weicheier voraus! (?)

Dieser Artikel der Huffington Post (inzwischen vielen bekannt) hat mich zu einem Blogpost inspiriert, den ich schon lange schreiben wollte.

Die Frage dahinter: Erziehen wir Eltern von heute die Memmen von morgen?

Mir fiel beim Nachdenken auf, dass ich exakt keiner eindeutigen Meinung war. Es gab Einiges, das für eine sensible, bedürfnisorientierte Erziehung sprach, sowie Einiges, das mich nachdenklich machte. Natürlich finde ich nicht, dass alle heutigen Kinder in der Zukunft „Memmen“ sein werden. Ich setzte mich aber mit dem Gedanken dahinter auseinander – mit der Kritik am Erziehungsstil der Gegenwart.

Und so etwas tue ich bekanntlich gerne differenziert und so sachlich wie möglich. Beim Thema Erziehung ist das ja für uns Mütter nicht immer einfach. Ich mag es, mich auch in gegenteilige Meinung hineinzuversetzen und manchmal finde ich darin ein Korn Wahrheit – besonders, wenn ich mich zuerst aufregen wollte …

Auch dieses Mal wollte ich mir die Kritik so ruhig und objektiv wie möglich ansehen. Hierfür habe ich die Kritik gründlich beleuchtet und denke, der Ausdruck „Memmen-Erziehung“ zielt auf das ab, was eben gerade in der Erziehung aktuell gelebt wird. Und damit habe ich mich dann auseinandergesetzt. Ich schreibe strukturiert auf, was gegen und was für die aktuelle Erziehungs-Strömung spricht.

Einmal die Pros der „Memmen-Erziehung“ und dann die Contras:

essentialunfairness.wordpress.com

Kann man zu viel Liebe bekommen?

Pro: Zum Thema der Panik vor Schadstoffen in Kleidung, Nahrung, Spielzeug, Schnullern oder Trinkbechern: Eltern sind heute sehr informiert, die Medien für jeden immer greifbar. Man erfährt von jedem neuen Skandal und jedem Produktrückruf sofort. Man liest als Kommentar unter etwas wie

„Alnatura ruft Dinkelstangen zurück“ etwas wie Folgendes:

„Na toll, wem kann man denn noch vertrauen, wenn nicht mal denen?“

Und dann denkt man sich:

„Jup. Genau. Wem eigentlich?“

So wird man sehr vorsichtig und gefahrenbewusst. Und so wird schlimmstenfalls ängstlich, mindestens aber vorsichtiger. – Man wird durch die eigene, liebevolle (!) Motivation und moralischen, beziehungsweise gesellschaftlichen Druck dazu gebracht, immer das Beste zu wollen und was das genau ist, wird auch mitgeliefert:

Es gibt so viele Regeln und ungeschriebene Gesetzte speziell für Mütter! So viele Kommentare und Ratschläge. Vieles beginnt mit

„Wie kann eine Mutter nur …?“

Das macht uns vorsichtig und auch umsichtig. Ich sehe nicht ein, dass beides für die Kinder unbedingt schlecht sein soll. Nein, man muss nicht sofort springen, wenn ein Kind etwas möchte, aber es kategorisch ignorieren, damit es „seinen Platz findet“ auch nicht.

Kinder sind sensibel. Will man gestählte und eventuell harte Menschen oder mitfühlende Erwachsene großziehen? Solange man seinem Kind Empathie nahebringt, wird es das selbe mit seinen Mitmenschen tun. Klar, man darf nicht um das Kind herumspringen und es mit Konsum zumüllen, ohne sich ihm wirklich zu widmen und zu öffnen. Aber das tun ja auch die wenigsten, denke ich.

Negative Erfahrungen können, wenn sie nicht richtig begleitet werden, sehr negative Auswirkungen haben. Wenn man seinen Kindern etwas zumutet, dann nur, wenn man sie stärkend hindurch begleiten kann. Weil man selber sehr stark und gefestigt ist oder psychologisch versiert, pädagogisch geschult oder Ähnliches. Wenn das gewährleistet ist, dann profitieren Kinder enorm von der Begleitung auch durch schwierige Lebensereignisse, anstatt sich selbst überlassen zu werden, so wie es oft in den 80ern war.

Die Eltern denken sich ihre Ängste nicht aus. Diese werden geschürt. Auch von Firmen, die ihre Produkte verkaufen wollen. Die Bio-Label sagen

„Alles andere ist Giftmüll – hier ist die passende (von uns in Auftrag gegebene) Studie.“

So geht es mit vielen weiteren Produkten. Zudem gibt es laufend Nachrichten über verschwundene Kinder, sexuellen Missbrauch, Mobbing und vieles weitere Gefahren. Zudem gibt es Gefahren durch den vielen Verkehrß, Umweltgifte und vieles mehr. Das verängstigt und verunsichert Eltern – wie sollen sie da mutig ihre Kinder in das Leben schicken?

Ja, in den guten alten 80ern bekamen wir Fanta mit zwei Jahren und hatten keinen Schutzhelm. Und tranken puren Saft aus der Nuckelflasche. Und steckten im Gehfrei (meins klappte bei voller Fahrt übrigens gern zusammen …).Und atmeten Zigarettenqualm ein. Und wir waren nicht angeschnallt. Und saßen auf dem Gepäckträger.

Und wenn dabei nie ein Kind verunglückt oder (auch als Spätfolge) erkrankt wäre, wieso wurden diese Dinge dann geändert? Sind das nur Verschwörungen der Industrie? Oder gab es in der Tat früher viel mehr kindliche Verkehrstote? Mehr Karies? Mehr Unfälle im Haushalt? Ja, das alles gab es und heute ist das Leben für Kinder viel gesünder und sicherer. Warum es immer mehr Allergien und verhaltensauffällige Kinder gibt, das fragen sich allerdings sehr viele Experten.

Einerlei: Die 80er waren mitunter gefährlich, die meisten haben überlebt und können sagen:

„Hey ja, es war wüst, aber uns hat es auch nicht geschadet!“

Und die anderen … ja, die können leider nicht mehr mitreden.

Kinder könnten mit ihren Problemen allein gelassen werden oder irgendwann nicht mehr daran glauben, dass ihnen jemand hilft, wenn sich kein Erwachsener ihnen zuwendet. Zu viel Zuwendung schadet – zu wenig schadet aber weit mehr.

Kinder brauchen verlässliche und interessierte Zuhörer

Kinder brauchen verlässliche und interessierte Zuhörer

Menschen, deren Bedürfnisse zuverlässig erfüllt werden, entwickeln Urvertrauen. Damit sind natürlich Grundbedürfnisse gemeint: Liebe, Zuwendung, Nahrung, Schlaf, Sauberkeit. Es geht nicht um teuerste Kindermode oder Ähnliches. Es geht um’s Lieben, Wärmen, Nähren, Kümmern. Um ein offenes Ohr bei Problemen. Und das braucht jeder Mensch. Wer so aufwächst, gibt diese Liebe auch an Andere weiter. Und das wiederum bräuchte die ganze Welt.

Kinder atmen Atmosphäre. Herrscht zuhause ein liebevolles Klima, in dem auch die Erwachsenen liebevoll und ehrlich zueinander sind, dann werden die Kinder sich ebenso verhalten. Hektik, Vorwürfe und Streitereien sowie Machtspielchen zwischen den Eltern sind destruktiv. Kommt so etwas aber doch vor, dann fängt die konstruktive familiäre Atmosphäre dies gut ab. Wenn sie da ist. Daher ist es wichtig, sein Verhalten ehrlich zu beobachten. Diese Ansätze kann man in der „Memmen-Erziehung“ sehr wohl aufgreifen und ausarbeiten. Hier geht es um Gemeinsamkeit, statt um selbstverliebte Einzelkämpfer, die ihre eigenen Gefühle auf das Kind projizieren. Natürlich gibt es die auch. Von ihnen unterscheidet man sich, indem man seine Motive erkennt. Und das steht jedem frei.

Contra:

Seine Kinder ins Zentrum zu stellen gehört einfach (und vielleicht manchmal mit seltsamen Auswüchsen) zum aktuellen Mainstream der Erziehung. So gut die Gedanken und Wünsche einer Idee auch sein mögen – nichts ist ohne Schattenseiten. Man sollte seinen Standpunkt flexibel halten, gerade wenn es um Menschen geht, die sich entwickeln und wachsen. Um Individuen. In den 70ern kam beispielsweise das Laisser-faire auf und war in Mode.

Es erschien vielen Eltern als der einzig selig machende Weg für Kinderseelen.

Nie wieder Gewalt gegen Kinder! Freie Selbstentfaltung! Weg mit der Distanz zu den Erwachsenen! Weg mit dem autoritären Mist der Kriegs(verbrecher-)generation! Nachvollziehbare und zeitgemäße Gedanken. Und Grundsteine des Umgangs mit Kindern, wie wir ihn heute kennen.

Von der linksliberalen Ecke wanderte die Idee des Kindes als gleichberechtigtem Familienmitglied in den Mainstream. Eine sehr gute Entwicklung. Mit teilweise erschreckenden Auswüchsen, über die man heute nur die Köpfe schütteln kann.

Es entstanden die berühmten Kinderläden – dort durften die Kinder auch mal mit Essen werfen, sich lachend ausziehen, sie spürten ihre Grenzen und die anderer, sie konnten sich frei entfalten. Sie sollten Grenzen selber erkunden und selbstbewusst werden, indem sie selbst etwas tun und entscheiden durften.

Und sie „durften“ leider auch immer mal wieder manche Erzieher an Stellen streicheln, an denen man sich nicht von Kindern streicheln lassen sollte. Auch das geschah im Gedanken an das Kindeswohl. Das Establishment war prüde und verbot die freie Entfaltung. Da musste man sich aufstellen und protestieren, die kindliche Sexualität als ur-kindliches recht entfalten. Es gab die Idee, man sollte Kinder beim elterlichen Sex zuschauen lassen. Sie sollten auch ruhig mitmachen. Dadurch entstünden mündige und freigeistige Staatsbürger.

Ja, die Revolution in der Pädagogik hatte schräge und verstörende Blüten.

Dieses (wirklich sehr extreme, aber deshalb nicht unsinnige) Beispiel zeigt, dass die besten Ansätze nicht vor (oftmals großen) Fehlern gefeit sind.

Jede nachfolgende Generation fasst sich dann an den Kopf und denkt: „Ja, aber wir wissen es ja Gott sei Dank besser. Wir wissen jetzt, wie es richtig ist.“

Dabei sind alles Entwicklungen, die aufeinander aufbauen. Es gibt Trends und Tendenzen. Mal sollen Frauen  nur ja keine Hausfrauen werden und dann sollen sie hingebungsvoll den sicheren Kern der Familie wahren. Dann wieder von vorne. Und noch mal zurück. Das wird noch lange so gehen. So lange es Menschen gibt. Daher sollte man Kritik ruhig erst einmal ansehen. Vielleicht zeigt sie die nächste Strömung – das kann man nie wissen.

Im Augenblick hat sich die Pädagogik dahin entwickelt, dass kindliche Bedürfnisse sehr genau wahrgenommen werden und auch (oftmals umgehend) befriedigt werden sollen. Die Kinder sollen dadurch im Selbstvertrauen gestärkt und sich geliebt sowie angenommen fühlen.

Der Ansatz ist großartig! Und auch er birgt Schattenseiten.

Als Langzeitfolgen nennen Experten (und beobachtende Mitmenschen) das Heranwachsen kleiner Narzissten ohne Benehmen, Empathie und die Fähigkeit, sich für das Gemeinwohl mal zurücknehmen zu können.

Ja, das sind Extremdarstellungen. Aber dennoch sollte man Warnungen ja vielleicht erst einmal ernst nehmen.

Es sind nicht nur die Experten klug, die das sagen, was einem gefällt.

Da wird man ja zu einer Art Unternehmen, das exakt die Studien in Auftrag gibt, die es bestätigen. Und die finden wir ja doof.

Kinder, die in überhöhter Position mit ihren Wünschen und Bedürfnissen über der Familie thronten, bekommen viel zu viel Verantwortung und ein unechtes Selbstbild. Dieses lässt sich später nur mittels knallharter Erfahrungen im „echten“ Leben korrigieren. Da kommen dann all die blutigen Nasen und fieses Konflikte auf. Dort, wo es fordernde Chef*innen und unbequeme Kolleg*innen sowie anspruchsvolle Partner*innen gibt.

Wenn man nun bei der Erziehung nicht die richtigen Schwerpunkte setzte, dann wird das einstige Kind auf sehr unangenehme Weise dazulernen.

Die Komponente der Konsum-Überschüttung ist eine der Begleiterscheinungen des Fokus auf die Kinder, der sich in unserer Gesellschaft eingestellt hat.

Unselbstständigkeit und Verhaltensauffälligkeiten sind zwei Dinge, die Lehrer*innen und Erzieher*innen immer wieder als Beobachtungen aus ihrem Berufsalltag äußern. Das sind weitere negative Auswüchse des an sich sehr guten Grundgedankens. Es liegt vielleicht ja doch nicht alles an den Umweltgiften, sondern an verschiedenen sozialen und pädagogischen Komponenten.

Die „Weichei-Erziehung“ geht nur bei einer geringen Kinderanzahl in der Familie so richtig gut. Das startet man romantisch mit einem Kind und endet spätestens bei Dreien langsam – oder auch ganz schnell.

Denn die Bedürfnisse dreier Menschen (und bitte auch noch die eigenen) kann kaum eine Mutter rappzapp wahrnehmen und befriedigen. Oder sie tut es und erlebt als Langzeitfolge etwas wie Erschöpfungszustände oder andere Erkrankungen, davon kann ich zum Beispiel ein Lied singen. Mir war der Balanceakt nicht gut gelungen. Nicht auf lange Sicht. Es gibt Dinge, die kann man erst nach langen Jahren umfänglich beurteilen, musste ich feststellen.

Auch sind in größeren Familien die Tendenzen der Bedürfnisorientierten Erziehung eher schwierig umzusetzen: Im Elternbett wird es auch eng, wenn da alle so lange mitschlafen dürfen wie sie möchten. Drei Kinder zeitgleich zu stillen wird auch etwas stressig, je nachdem in welchem Altersabstand sie sind und wann das Kind sein natürliches Abstillbedürfnis erreicht hat. Da ist die Orientierung an den kindlichen Bedürfnissen dann etwas schwieriger. (Es gibt nur wenige Prozente Großfamilien, ich weiß das. Aber diese stellen einen sehr großen Anteil an der Gesamtkinderzahl unseres Landes.)

Wünschenswert ist der Einklang des kindlichen und erwachsenen (Er-)Lebens. Solange es für Kinder normal ist, gegen die Badezimmertür zu treten wenn Mama pinkelt und ihr ins Wort zu fallen, wenn sie mit der Nachbarin spricht um dann auch noch immer Gehör zu erhalten, stimmt etwas nicht.

Hier entstehen dann keine Memmen, sondern rücksichtslose Menschen. Den Toiletten-Kampf kenne ich selber. Ab einem gewissen Alter habe ich es dann geschafft, rückgängig zu machen, dass die Kinder die Existenz der Badezimmertür als Affront empfanden. War aber harte Arbeit. Zuvor war ich der Überzeugung, dass sie es brauchen, in meiner Nähe sein zu können. Und weiter habe ich das nicht hinterfragt. Weil das irgendwie einfach von allen Müttern so erlebt wurde …

Es ist inzwischen schon echt schwer, sich gegen den gesellschaftlichen Trend zu wehren und zu sagen: „Ich gehe alleine zum Klo, Kind. Du wartest jetzt.“

– Oft wird nicht hinterfragt oder individuell entschieden, sondern bestimmten festgelegten Regeln gefolgt, weil der soziale Druck groß ist. Es scheint Dinge zu geben, die unerlässlich sind, um die Bindung und Entwicklung zu stärken. Und diese soll man dann irgendwie durchexerzieren. Mainstream ist natürlich per definitionem nicht individuell und man muss sich seinen Teil herausnehmen, ihn für sich passend schleifen.

Aber da bieten sich enorme Schlachtfelder für die berüchtigten Mommy Wars – man steht schnell unter Druck. Das wiederum tut niemandem gut.

Immer mehr Mütter leiden an Burnout – wäre es nicht besser, sie würden zuerst lernen, sich um sich selbst zu kümmern und die eigenen Bedürfnisse beachten? So wie man bei einem Druckabfall im Flugzeug zuerst sich und dann anderen die Sauerstoffmaske aufsetzt? Die Mütter kommen bei der Idee „Die Kinder kommen immer zuerst und stehen im familiären Zentrum“ irgendwie etwas kurz. Das kann ebenfalls ungewollte Langzeitfolgen haben.

Kinder sollen sich etwas zutrauen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Aus der Überbewertung und Erhöhung entstehen anscheinend Narzissten. Woher will man wissen, ob man da die Balance hält? Wie gut die eigene Erziehung gefußt hat, merkt man meist erst so richtig nach zehn bis zwölf Jahren.

Misserfolge können stärken. Aus dem Weg geräumte Schwierigkeiten schwächen. Auch hier ist die Balance-Frage da. Wie viel kann ich meinem Kind zumuten? Wo soll ich eingreifen? Beim Schuheanziehen? Beim Spielplatz-Streit? Beim Schulfhof-Mobbing, das in den good old times noch „Ärgern“ hieß?

Hier ein persönlicher Hinweis zum Maßstab:

In den guten, alten 80ern wurde ich an der Haltestelle gemobbt. Geärgert, getriezt und verprügelt hieß das da noch. Ich konnte mich nicht wehren, stecken Misserfolge ein. Ich klagte das meiner Mutter, die klagte es hilflos meinem Vater und brachte mich zum Bus.

Das war irgendwann auch blöd und mein Vater stattete widerwillig den Eltern des Mobbers einen Besuch ab. Der Mobber beschwerte sich darüber bei mir. Schließlich gab mein Vater mir den Hinweis, ich solle dem Mobber Angst machen. Irgendwie gelang mir das nicht. Ich war so entmutigt und mir fehlte das Selbstbewusstsein.

Einerlei: So motiviert waren meine Eltern selten.

Und? Hat mir alles nicht geschadet!

Doch, hat es.

Ich steckte Misserfolge und Demütigungen ein. Weil ich ein klassisches Opfer war. Von klein auf. Deprimierend war das, frustrierend und ego-raubend. Und es stauten sich viele Aggressionen an. Auch nicht gesund. Die Eltern, die heute zu den Lehrern rennen und sich beschweren, sind nicht unbedingt hysterisch. Mütter, die wie verrückt nach dem einen blauen Nuckel suchen oder in drei Supermärkte wetzen, weil das Kind nun mal nur den einen Apfelsaft trinken möchte – die … hm … dürften ihre Lebenszeit manchmal vielleicht anders planen, ohne dadurch ihre Kinder zu traumatisieren.

Kindern kann man etwas zumuten. Man sollte es sogar. Selbstverständlich nur in einem begleiteten Rahmen. Aber nicht in einer fahrbaren Intensivstation mit Vollfederung und doppeltem Boden.

Das Kind wurde mehr und mehr zum Projekt, statt zum selbstverständlichen Lebensbestandteil. Daher steht es im familiären Mittelpunkt. In meiner Kindheit ging es am Wochenende darum, dass möglichst alle etwas Nettes erlebten. Oder oft auch nur die Eltern. Da musste man irgendwie durch. Bei gutem Wetter gingen die Eltern Tennis spielen oder die Mutter wollte sich sonnen – dann ging es an den Baggersee oder ins Freibad. Oder es ging zum Einkaufen in die Stadt. Und man trieb sich da irgendwie rum. Oder es ging zu einer Autoausstellung, einem Stadtfest oder mal zum Minigolf.

Die Idee, „Wir Eltern atmen das Glück der Kinder ein und allein das ist für uns Freude genug“ ist recht jung.

Die Ängstlichkeit der Eltern hemmt die Kinder in ihrer Entwicklung. Ein Kind, das klettern und fallen darf, lernt rasch, dass es sehr gut wieder aufstehen und erneut klettern kann. Es lernt seine Grenzen kennen und erfährt sich in allen Schwächen und Stärken. Das gibt Selbstsicherheit.

Was kann man Kindern denn nun zutrauen und zumuten?

Können Zehnjährige bügeln, wenn man in der Nähe bleibt und sie sich dadurch sicher fühlen? Ja.

Traue mir etwas zu, damit ich lernen kann. Auch wenn es ein mühsamer Weg für Dich sein kann ...

Traue mir etwas zu, damit ich lernen kann. Auch wenn es ein mühsamer Weg für Dich sein kann …

Können sie Wäsche nach Farben sortieren? Ja. Nein. Meistens.

Können sie über 8 Stunden lang im Steinbruch Säckeweise Steine schleppen? Zum Beispiel in Pakistan? Ja. Sollten sie aber nicht.

Können sie einen Kaffeeautomaten bedienen und stolz dem Besuch Getränke bringen? Aber sicher.

Können sie ihr Bett machen und ihr Zimmer aufräumen? Theoretisch ja. Praktische Umsetzung schwieriger als beim Steineschleppen.

Können Kinder jedweden Alters alleine verarbeiten, etwas Bedrohliches oder Beängstigendes gesehen oder erlebt zu haben? Nein.

Können Kinder es heil überstehen bei einem Autounfall nicht angeschnallt zu sein, wie in den 80ern? Nein.

Können Kinder emotional sowie physisch heil aufwachsen, wenn sie nicht oder nur kurz gestillt wurden, nie in einem Tragetuch saßen, früh im eigenen Zimmer schliefen, Gläschenkost bekamen und den Schnuller immer in der auf der Packung angegebenen Größe benutzten? Ja.

Können sie emotional sowie physisch heil aufwachsen, wenn sie in einer Umgebung leben, in der sie verunsichert werden, in denen die Erfüllung ihrer ureigenen Bedürfnisse unzuverlässig stattfindet und in der sie sich nicht oder nur zeitweise geborgen fühlen können? Nein.

Können Kinder gut aufwachsen, wenn man ihnen eine gesunde Mischung aus Liebe, dem gesunden Etwas-Zutrauen, Rückhalt, manchmal etwas gesundem Druck, Verständnis und dennoch zuverlässiger Anleitung zuteil werden lässt? Unbedingt.

Erziehung verändert sich im Laufe der Lebensjahre

In den ersten Lebensjahren ist man in einer warmen Wolke aus romantischer Liebe. Das Kind ist niedlich und sehr nah an einem selbst. Es findet und zeigt sich immer mehr selbst, je älter es wird.

Bis zum Eintritt in die Grundschule empfand ich persönlich das Leben mit Kindern immer als sehr „niedlich“.

Klar, es war auch stressig und immer wieder beanspruchte es mich sehr. Überwiegend war es einfach (be-)rührend, süß, bereichernd, beglückend und kuschelig mit den drei Kleinen.

Aber so ein Kindergartenkind, das nach dem Vorlesen auf dem Sofa der Kuschelecke eingeschlafen ist oder eines, das im Garten für Mama einen Blumenstrauß abrupft, der nur aus Blütenköpfen besteht, ist ganz anders als ein Schulkind, das von Klassenkameraden verhauen wird. Oder eine pubertierendes Mädchen, das abends plötzlich im Wohnzimmer steht und mitteilt, dass es gerade seine erste Periode bekommen hat. Die Zeiten ändern sich. Und eben nicht nur die. Man selbst muss mitgehen. Bedürfnisse verändern sich.

Während der Grundschulzeit sieht man bereits immer mehr der eigenen kindlichen Persönlichkeit und noch mehr kann man dann erleben, wie das Kind in der „ernsten“ Welt zurechtkommt. Man hört von Lehrern, dass es sehr schüchtern ist oder schlampig oder albern oder eben selbstbewusst, sozialkompetent oder was auch immer. Da spürt man dann spätestens immer mehr, dass man einen kleinen Menschen zu einem großen Menschen werden lässt.

Dieser wird irgendwann einen Chef und Kollegen haben, er muss sich Konflikten und Druck stellen können.

Hierfür braucht er Vertrauen in sich selbst. Und dieses erhält man nicht durch zu viele Misserfolge und auch nicht, wenn man zu oft sich selbst überlassen wird. 

Daher lehne ich ein Verteufeln der „Memmen-Erziehung“ rundheraus ab.

Aber auch ein Übertreiben der selben in Richtung Überfürsorge – denn diese verkehrt den schönen elterlichen Wunsch in das Gegenteil.

Persönliche Anekdote zum Schluss

Als ich ungefähr acht oder neun Jahre alt war machte ich mit meinen Eltern Urlaub am Meer. Es wurde ein Pony ausgeliehen. Das Tier war mehr eine Art weiße Felltonne mit viel zu kurzen Streichholzbeinen, aber das tut nichts zur Sache – ich fand es schön und weiß bis heute, dass es „Cindela“ hieß.

Mein Vater, durch die Pferdezucht seines Onkels von klein auf Reiter, nahm aus dem Stall eine Longe mit (das ist ein langes Seil, an dem man ein Pferd um sich herum im Kreis laufen lassen kann, während man es vom Zentrum heraus anleitet).

Er trieb die „Felltonne“ an. Und ich saß oben drauf. Die kleinen Beine trappelten unter mir und es wurde immer schneller. Das Pony schaffte es sogar, sich irgendwie zu strecken und noch schneller zu werden.

Dann ließ mein Vater die Longe länger, der Kreis wurde größer, ein größerer Stein lag im Weg und es kam, wie es kommen musste: Ich flog über den Hintern des Pferdes im Bogen auf die Erde.

Mein Vater kam zu mir und sagte in einem Ton, den er sicherlich aus irgendeinem Film hatte und der in meiner Welt mit „Mein Sohn ….“ hätte beginnen müssen: „Steig wieder auf. Wenn man vom Pferd fällt, dann muss man stets wieder aufsteigen.“

(Mein Therapeut kommentierte diese Erinnerung übrigens mit: „Hm, da ist aber eine Menge Sadismus im Spiel, finden sie nicht?“)

Ich habe aus der Situation Folgendes mitgenommen und das als Grundschulkind (soll zeigen, wie viel Kinder begreifen und wahrnehmen können):

– Mein Vater vermisste einen Sohn, mit dem er „etwas anfangen konnte“. Sein Erstgeborener mit Asperger war es jedenfalls nicht.

– Meinem Vater machte es Freude, Lektionen zu erteilen

– Ich wusste, dass ich meinem Vater eine Menge zutrauen musste und bekam Angst vor ihm

– Ich wusste, dass ich richtig reiten lernen wollte, um nie wieder vom Pferd zu fallen

– Das Pferd, das ich rund 10 Jahre später besaß, wollte ich nach einem heftigen Beinahe-Unfall nie wieder reiten und es musste verkauft werden.

Ich bin im Leben immer sofort aufgestanden, wenn ich gefallen bin. Es scheint nichts zu geben, das mich wirklich lange umhaut. Wenn ich etwas wirklich will, strenge ich mich an bis ich es erreiche. Das liegt aber nicht an dieser dusseligen Lektion. Sondern an meiner Resilienz, meinem Charakter und anderen Faktoren. Ich wünschte, es läge daran, dass man mich gesundes Selbstvertrauen geschult hätte, statt diverser Lektionen in Härte, Aushalten, Alleine-Klarkommen und „Wie-der-Sohn-den-Papa-stolz-machen-kann-Lehren“. Durch Letzteres habe ich auch noch ein Störung der Geschlechterrollenidentifikation bekommen.

Fördere mich und fordere mich. Aber überfordere mich so selten wie möglich ...

Fördere mich und fordere mich. Aber überfordere mich so selten wie möglich …

Ich bin mir sicher : Wir ziehen keine Generation von Memmen und Narzissten groß.

Vielen Kinder scheint es an klassischem Benehmen zu fehlen, höre ich immer wieder. Und an manchen anderen klassischen Tugenden. Aber doch nicht allen! Und zudem wachsen sie noch.

Sie sind sehr sensibel und begreifen individuell gesehen oft weit mehr als man denkt. Sie spüren Atmosphären, Launen und Stimmungen. Sie brauchen Schutz und unbedingte Kommunikation. Das heißt nicht, sie dürfen pausenlos schnattern, bis Mama die Ohren bluten.

Sondern sie brauchen zuverlässige Menschen, die sich ihnen widmen und denen sie unbedingtes Vertrauen schenken. Sonst ziehen sie sich in sich selbst zurück und resignieren im schlimmsten Fall. Dann werden sie zu Menschen, die sich hart machen, um nicht verletzt zu werden und zu jenen, die meinen, immer alleine alles bewältigen und schaffen zu müssen. Menschen, für die das Annehmen von Hilfe Angst und Schwäche bedeutet. Huch, jetzt rede ich ja über mich … 😀

Sie sind im Laufe der Entwicklung immer weniger nah an den Eltern und orientieren sich immer mehr an ihrer Peer Group sowie der gesamten Gesellschaft. Sie werden vieles noch lernen. Lernen müssen.

Und das schaffen sie am besten, wenn sie gute Wurzeln entfalten und zugleich den Kopf in die Wolken stecken durften.

Da bin ich mir ganz sicher.

Wir dürfen Familienpolitik nicht einfach als teuer und nutzlos abhaken

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Kein Foto aus Deutschland (Quelle: Greene County, Pennsylvania Photo Archives Project)

Ja, das gibt einem schon zu denken, dass wir jetzt die niedrigste Geburtenrate der Welt haben, oder?

Die Situation ist mittlerweile so ernst, dass unsere Frau Bundeskanzlerin uns hochoffiziell zum Einwanderungsland erklärt – ein begrüßenswerter Schritt, der dennoch einen Anklang einer heimlichen Kapitulation in der Familienpoltik hat. Es ist ja schon einiges dazu geschrieben worden über diese neue Bestleistung einer verfehlten Familienpolitik, die unglaublich viel Geld kostet und scheinbar doch nicht hilft. Das Problem bei der ganzen Sache ist, dass die Lösung eigentlich ganz einfach ist, aber niemals umgesetzt werden wird.

Der vielbeachtete, unterhaltsame und schlaue Beitrag von Juramama illustriert die Problematik sehr anschaulich. Ich konzentriere mich heute mal vorwiegend auf den Aspekt der Rente, der neben Themen wie Vereinbarkeit und alternativen Familienmodellen auf politischer und individueller Ebene einige dramatische Implikationen hat. Die Situation ist doch einfach:

Es ist unmöglich, den Generationenvertrag einzuhalten, wenn unsere Generation in einen so spektakulären Geburtenstreik tritt.

Diejenigen von uns, die sich an diesem Streik beteiligen, nutzen einen Bug im System aus – nämlich, dass es wenig für die eigene Rente bringt, Kinder zu bekommen, aber viel, möglichst viel eigenes Erwerbseinkommen anzusammeln. Wer die höchsten Rentenansprüche erwirbt, trägt gleichzeitig am wenigsten zur eigenen Rente bei: Paare mit Kindern senken häufig ihr Einkommen, um der Familienarbeit überhaupt gerecht werden zu können – und selbst wenn sich beide für eine Vollzeit-Erwerbstätigkeit (zur Rentenmaximierung?) entscheiden, lässt der Staat sie ganz schön dafür löhnen, dass er ihre Kinder betreut (die später mal ihre eigene Rente und die diverser andere Leute bezahlen sollen). Das und die Tatsache, dass Kinder nun mal auch ein wenig Geld kosten, erschwert es natürlich ungemein, privates Kapital für die Altersvorsorge auf die Seite zu schaffen, was die elterliche Vorsorgelücke im Vergleich noch einmal deutlich erhöht.

Dementsprechend kann es mit neutralen Augen gar keine andere Lösung für diese Problematik geben als Kinder ganz erheblich bei der Rentenberechnung zu berücksichtigen und gleichzeitig Erwerbstätigkeit abzuwerten, weil diese ja nur in die aktuelle Rentenkasse einzahlt, aber nicht in die zukünftige.

Das Problem dabei: Diese Änderung wird es aller Wahrscheinlichkeit nach niemals geben. Wer erinnert sich noch an die Einführung des erhöhten Pflegeversicherungsbeitrags für Kinderlose? Was wurde da „Ungerecht!“ geschrien und gezetert. „Wir zahlen ja schon mit unseren Steuern die Schulen für Eure Kinder!“ „Ihr kriegt doch eh schon so viel Kindergeld und wir gar nix!“ „Ich finde es ja ok, wenn Leute Kinder bekommen, aber ich will das nicht und auch nicht für anderer Leute Kinder zahlen!“

(Bitte seht mir diese generische Argumentation nach, selbstverständlich gibt es viele Kinderlose, die die Änderung voll akzeptiert und unterstützt haben – aber es gab eben auch viele Gegenstimmen.)

Dabei ist die Antwort auf diesen Aufschrei eigentlich sehr einfach: Niemand bezahlt für die Kinder anderer Leute. Wir zahlen für unseren Staat, damit er seine Aufgaben erfüllen kann, zu denen eben auch Kinderbetreuungseinrichtungen zählen. Dieser Staat aber braucht nun mal unsere Kinder, um das aktuelle Rentensystem aufrecht zu erhalten (dass ihr ja nicht ändern wollt, weil es Euch Vorteile verschafft). 😉

Dennoch: In einer Demokratie ist eine Änderung, die einen immer größeren Teil der Bevölkerung zukünftig negativ betreffen würde, schlicht und einfach nicht durchsetzbar. Die meisten Menschen sind politische Opportunisten, die meisten politischen Argumente eher Fassade für Klientelforderungen als echte Begründungen auf der Suche nach Wahrheit. Man kann das nicht einmal verurteilen – wer soll schon einen Politiker wählen, der die eigenen Interessen nicht vertritt?

Wer auch immer sich diese logisch eigentlich vollkommen notwendige Änderung auf die Fahne schreiben würde, würde nicht den notwendigen politischen Einfluss gewinnen können um sie durchzusetzen. Und wer sie sich nicht auf die Fahne schreibt und sie dann doch umsetzt, politischen Selbstmord begehen. Politiker denken in Wahlzyklen – es ist immer einfacher, grundlegende Probleme auf die nächste Generation zu vertagen und jetzt ein bißchen an der Fassade zu basteln als wirklich etwas zu verändern.

Das Dumme ist nur: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir selbst noch die sein werden, die unter dieser demokratischen Paralyse zukünftig leiden. Ich denke dass wir uns gar nicht über die Rente mit 67 zu ärgern brauchen – bis wir Mittdreißiger in Rente sind, werden wir da vermutlich eine sieben vorne stehen haben. Und das, was es dann an Rente geben wird, wird für uns Eltern erheblich weniger sein, weil wir jahrzehntelang die immensen Opportunitätskosten der Elternschaft gezahlt haben, von denen langfristig mehr andere als wir selbst profitieren.

Natürlich ist die Entscheidung für oder gegen Kinder keine wirtschaftliche. Niemand bekommt Kinder, weil er sich wirtschaftliche Vorteile verspricht, und niemand tut das für den Staat, in dem er lebt (höchstens im Faschismus). Es gibt immer noch ein paar Menschen in Deutschland (ich schreibe absichtlich nicht: genug), die die zahlreichen wirtschaftlichen Nachteile der Elternschaft aus Liebe in Kauf nehmen. Mir ist auch klar, dass es viele Länder mit höherer Geburtenrate gibt, die weniger für ihre Familien tun als Deutschland. Aber so lange die Menschen dort trotzdem genug Kinder bekommen, ist das ja aus politischer Perspektive in Ordnung so. Man darf ja nicht vergessen dass der Staat Familienpolitik vorwiegend betreibt um seine Mitglieder anzuregen, neue Mitglieder auf die Welt zu bringen und nicht, um einem abstrakten Gerechtigkeitsideal nachzustreben.

In Deutschland haben wir halt die spezielle Situation einer fortgeschrittenen, ego- und hedonismusbezogenen postindustriellen Gesellschaft mit faschistischer Historie, in der man keine Kinder mag und den Staat eigentlich auch nicht, dafür aber einem überhöhten Mutterschaftsideal anhängt.

Da langt der intrinisische menschliche Fortpflanzungstrieb offensichtlich nicht aus, um über die wirtschaftlichen Fehlentwicklungen hinwegzusehen und trotzdem genug Kinder in die Welt zu setzen.

Ich hoffe, dass dieser dringend notwendige Weg entgegen meiner Politikskepsis wenigstens teilweise beschritten wird. Natürlich können und sollten wir auch Einwanderung nutzen, um unsere Gesellschaft weiterzuentwickeln. Aber eine erfolgreiche Integrationspolitik, die dafür notwendig ist, wird bei Aufrechterhaltung des familienpolitischen Status Quo vielleicht dazu führen, dass unsere Einwanderer in der nächsten Generation auch keine Kinder mehr wollen.

Die Veränderung muss ja nicht radikal sein. Aber es ist so logisch und der Situation angemessen, die Kinderzahl in den Rentenanspruch einzurechnen, dass es eigentlich schon alternativlos ist.

Blogparade: #männerrollen

Neue Männerrollen: Schon die Kleinen helfen mit.

Neue Männerrollen: Schon die Kleinen helfen mit.

Die liebe Bettina vom Frühen Vogerl hatte eine sehr gute Idee zu einer Blogparade. Kaum hatte ich ihren Artikel dazu gelesen, war ich Feuer und Flamme, denn genau die Beobachtung ihrer Freundin habe ich auch schon oft gemacht:

Die Männer sind oft nur Randnotizen der Mama-Blogs.

Ja, ich lese, was die Mütter fühlen, erleben, denken, suchen, was sie belastet und freut  – aber was ist mit den Vätern? Was sind ihre Gefühle, Gedanken und Ideen zur Elternschaft? Was machen sie mit den Kindern gern, was nervt sie, was belastet sie und was ist überhaupt ihr Job?

Diesen Blog hier startete ja Mr. Essential, weil er mich einfach nicht dazu bewegen konnte, als Mama-Bloggerin zu starten. Er sagte immer: „Was du mir abends oft so von den Kindern erzählst ist so witzig, so originell – Du solltest bloggen.“

Ich habe aber irgendwie nicht anfangen können. Vielleicht dachte ich, das sei mir zu viel oder ich fand irgendwie keinen Einstieg. Er begann jedenfalls damit, aus unserem Familienleben zu berichten und ich las es begeistert. Später wurde es zum Ritual, mindestens einmal wöchentlich per Beamer den Blog zu lesen – und zwar mit der ganzen Familie.

Im Blog ist er also sehr präsent und unseren Leser*innen bekannt.

Ich würde ihn im Rahmen der Blogparade gern genauer vorstellen und seine Rolle in unserem Familiengefüge ein bisschen beleuchten.

Über Mr. Essential

Er ist 37 Jahre alt, seit 12 Jahren verheiratet, PR-Berater von Beruf und kann Besserwisser nicht leiden, grillt sehr gerne und nimmt leider schon zu, wenn er ein Stück Schokolade anguckt. Er ist nicht eitel, aber achtet sehr auf sein Äußeres. Er ist ein waschechter Karrieremensch. Als kleiner Junge hatte er ein fluoreszierendes Dinosaurierskelett auf dem Schrank, das seine Eltern in der ersten Nacht nach dem Aufbauen entfernen mussten, weil er sich davor gruselte. Als Kind war er sehr anhänglich, verschmust, vorsichtig und sensibel. Er konnte stundenlang Fußball spielen und dann am Wasserhahn an der Kirche zwei Minuten lang trinken. Er geht gern zwei mal pro Woche in der Mittagspause ins Fitnessstudio und versucht immer wieder, ein Mal pro Woche Home Office zu machen – das scheitert meist an seinen tausend Terminen.

Er ist in unseren Gesprächen über Erziehung meist eher klassischerer Ansichten als ich. Er wäre der „Strengere“, wenn er denn genug da wäre um großen Einfluss zu nehmen. Ich lege meinen Fokus sehr darauf, dass unsere Kinder im emotionalen Gleichgewicht leben können, sich selbst kennenlernen und reflektieren. Er findet, sie sollten weniger „verpeilt“ und faul sein und ärgert sich über herumstehende Schultaschen, achtlos hingeworfene Schuhe und besonders über verschüttete Becher. (Darüber ärgere ich mich den ganzen Tag, daher bin ich eher genervt als noch wegen einer dieser Phänomene sauer.)

Ich wette, er hätte gerne mehr Zeit und weniger Müll in seinem Leben.

Da er zwischen 10,5 und 11 Stunden am Tag nicht hier ist und erst zur allerbesten Fast-Zubettgeh-Zeit nach Hause kommt (zwischen 19 und 19:30Uhr), ist er kein allzu aktiver Teil der Haushaltsführung unter der Woche.

Morgens allerdings steht er vor mir auf, weil ich noch mit Nummer 3 im Bett kuschle oder sie schnarcht leise, während ich auf dem iPad die Tageszeitung lese.

Mr. Essential umgeht die krassen Stauzeiten, indem er von zuhause aus schon mal die Arbeit startet. Das führt dazu, dass er Nummer 4 mal einen Trinkbecher füllen oder ihm ein Brot machen kann. Abends sieht er ihn ja immer eher kurz und so haben die beiden noch 15 Minütchen.

Noch ein paar Kommentare von Mr. Essential:

Mir fällt es auch sehr schwer, genug Zeit für den Blog zu finden. Wenn Ihr Euch hier etwas genauer umschaut, werdet Ihr leicht sehen, dass die Beiträge aus der Anfangszeit hier noch sehr kurz und seltener als heute waren. Ich fand es aber schon immer eine schöne Plattform, um Gedanken und Erlebnisse aus unserer Familie zu teilen, auch wenn wir auf einer öffentlichen Seite natürlich recht genau darauf achten, wie wir hier etwas teilen – und was. Ich kann schon verstehen, dass Männer generell etwas unterrepräsentiert sind in der Familien-Blogosphäre – während die Vaterschaft typischerweise mit mehr Berufstätigkeit einher geht, sind Mütter doch deutlich mehr zu Hause und haben ob der besonderen „Isolation“ im Leben mit kleinen Kindern einen größeren Wunsch, sich über soziale Medien auszutauschen. Dennoch finde ich es schade, dass wir Väter hier mal wieder weitgehend in der Versenkung verschwinden und dadurch ein veraltetes Rollenbild transportieren, das so heute ja nur noch in wenigen Familien komplett so gelebt wird. Ein Blog ist natürlich keine Pflicht, aber er kann echt Spaß machen und hilft auch, seine eigene Einstellung zur Familie zu reflektieren und ein paar neue Perspektiven zu gewinnen. Von daher, liebe blogscheue Mitväter: Kommt ruhig mal aus der Deckung, es lohnt sich! 🙂

Sachverhalt (annähernd) geklärt

Wow, ich war überwältigt von den vielen Reaktionen zu meinem Artikel gestern. Damit hatte ich absolut nicht gerechnet.

Ich hatte ihn geschrieben, weil ich unsicher war, wie ich reagieren sollte, nachdem Nummer 3 mir gestern von jenem Vorfall im Schwimmunterricht erzählt hatte. Was sollte ich tun? Schulleitung anrufen oder schriftlich schildern? Sollte man das Schulamt hinzuziehen?

Ich beschloss, Schritt für Schritt vorzugehen. So begann ich, ein Schreiben an die Schulleitung aufzusetzen, um anschließend einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Schon öfter hatte ich erlebt, dass ich nach Berichten meiner Kinder aufgebracht ein schnelles Gespräch mit Lehrern gesucht hatte – so wie sicherlich viele von uns. Meist stellte sich die Angelegenheit als harmloser dar, als sie mir vorgekommen war.

Manchmal fand ich auch, die Lehrer wiegelten ab. Es gibt zum Beispiel einen Jungen in der Klasse von Nummer 1 und 2, der andere Kinder intim berührt – er fasst ihnen an den Po oder anderen Jungen in den Schritt. Mit der Klassenlehrerin besprach ich diese Angelegenheit – das ergab sich, weil ich ohnehin einen Termin mit ihr hatte. Die Lehrerin sagte, sie habe darüber bereits mit den Eltern geredet, der Junge „grapscht“ allerdings weiter. Letztlich könne sie da nicht viel machen. So ging es uns oft – wir sind von den Handlungskompetenzen seitens Schulen nicht unbedingt zutiefst überzeugt.

Das alles ermutigte mich nicht, gestern sofort empört loszulegen. Obwohl ich sehr empört war.

Also setzte ich mich hin und schrieb. Ich rief Nummer 3 dazu, auch ihre Freundin Yolanda war da. Ich fragte, wie das Ganze genau abgelaufen war. Schließlich wollte ich ja auch die Lehrerin gerecht behandeln und mich an Fakten halten.

Es stellte sich Folgendes heraus:

Nummer 3 und Yolanda haben Angst vor der Lehrerin. Vor allem seit der Drohung, sie müssten nackt schwimmen. In ihrer Angst hatten sie auf Unterstützung durch uns Eltern gehofft. Irgendwie hatten sie befürchtet, wir würden ihnen nicht recht zur Seite stehen, weil die Lehrerin „nur irgendwas androht“.

Und so hatten sie sich ausgemalt, wie es wäre, wenn ihre Angst Realität würde. Und das Ergebnis hatte man mir schließlich erzählt.

Jeder kennt die Prämisse, seinem Kind zu glauben. Bisher habe ich auch noch nie erlebt, dass sie Unwahres erzählt haben und ich daraufhin unnötig Alarm schlug. Oft empfanden sie Siuationen schlimmer, als sich später herausstellte. Klar, weil sie Kinder sind und die Welt noch nicht so gut kennen wie wir. Oder weil sie eben einfach so empfanden.

Übrig bleibt in diesem Fall zum Glück nur eine Drohung.

Aber:

Ich empfinde diese Drohung als kompletten pädagogischen Fehlgriff. Entweder, man droht etwas Umsetzbares an oder man schweigt. Frau Klotz hatte ja bereits einmal komplett versagt. Ein Kind, das sich vor anderen entblößt, ist verhaltensauffällig. Die Eltern wurden nicht kontaktiert, unsere Tochter bekam lediglich einen geschmacklosen Kommentar, wie man ihn zuletzt in den 1950er Jahren hörte.

Auch ich traute der Lehrerin so etwas zu. Prinzipiell schienen alle kommentierenden Leser*innen dies zu tun. Eigentlich erschreckend, finde ich.

Ich werde die Schulleitung nun in Kenntnis davon setzen. Von beiden Vorfällen. Auch wenn der eine schon zwei Jahre her ist. Weil beide einfach schrecklich unpädagogisch sind. Und weil ich keine Lust habe, verständnisvoll zu denken „Ach, die arme Frau ist überfordert oder hat einfach nicht die nötigen Kompetenzen, weil sie im Studium nicht vermittelt wurden.“ Wer so etwas tut, der ist ja vermutlich ansonsten nicht pädagogisch einwandfrei unterwegs.

Ich habe heute mit einer Bekannten den Fall besprochen, die ebenfalls Grundschullehrerin ist. Wir kamen schnell überein, dass man die Reaktion der Kinder ernst nehmen soll. Auch wenn es seltsam anmutet, dass sie eine Geschichte  konstruierten. Das taten sie, weil das Vertrauensverhältnis zur Lehrkraft eklatant gestört zu sein scheint. Und auch das müssen wir als Eltern natürlich ernst nehmen.

Zuerst dachte ich, ich hätte überreagiert. Doch die vielen Reaktionen zeigten mir, dass es anderen Müttern ganz genau so ergangen wäre. Dann war es mir unangenehm, dass meine Tochter so etwas Konstruiertes erzählt hatte. Doch sobald ich den Hintergrund begriff, nämlich die bebilderte kindliche Angst, räumte ich auch dies für mich aus.

Zurück bleibt das gute Gefühl, dass sich viele Menschen einsetzen würden, wenn ein unpassender oder schädigender Vorfall in der Schule passieren würde. Und dass bisher kein Kind im Schwimmunterricht wirklich zu Schaden kam.