Weicheier voraus! (?)

Dieser Artikel der Huffington Post (inzwischen vielen bekannt) hat mich zu einem Blogpost inspiriert, den ich schon lange schreiben wollte.

Die Frage dahinter: Erziehen wir Eltern von heute die Memmen von morgen?

Mir fiel beim Nachdenken auf, dass ich exakt keiner eindeutigen Meinung war. Es gab Einiges, das für eine sensible, bedürfnisorientierte Erziehung sprach, sowie Einiges, das mich nachdenklich machte. Natürlich finde ich nicht, dass alle heutigen Kinder in der Zukunft „Memmen“ sein werden. Ich setzte mich aber mit dem Gedanken dahinter auseinander – mit der Kritik am Erziehungsstil der Gegenwart.

Und so etwas tue ich bekanntlich gerne differenziert und so sachlich wie möglich. Beim Thema Erziehung ist das ja für uns Mütter nicht immer einfach. Ich mag es, mich auch in gegenteilige Meinung hineinzuversetzen und manchmal finde ich darin ein Korn Wahrheit – besonders, wenn ich mich zuerst aufregen wollte …

Auch dieses Mal wollte ich mir die Kritik so ruhig und objektiv wie möglich ansehen. Hierfür habe ich die Kritik gründlich beleuchtet und denke, der Ausdruck „Memmen-Erziehung“ zielt auf das ab, was eben gerade in der Erziehung aktuell gelebt wird. Und damit habe ich mich dann auseinandergesetzt. Ich schreibe strukturiert auf, was gegen und was für die aktuelle Erziehungs-Strömung spricht.

Einmal die Pros der „Memmen-Erziehung“ und dann die Contras:

essentialunfairness.wordpress.com

Kann man zu viel Liebe bekommen?

Pro: Zum Thema der Panik vor Schadstoffen in Kleidung, Nahrung, Spielzeug, Schnullern oder Trinkbechern: Eltern sind heute sehr informiert, die Medien für jeden immer greifbar. Man erfährt von jedem neuen Skandal und jedem Produktrückruf sofort. Man liest als Kommentar unter etwas wie

„Alnatura ruft Dinkelstangen zurück“ etwas wie Folgendes:

„Na toll, wem kann man denn noch vertrauen, wenn nicht mal denen?“

Und dann denkt man sich:

„Jup. Genau. Wem eigentlich?“

So wird man sehr vorsichtig und gefahrenbewusst. Und so wird schlimmstenfalls ängstlich, mindestens aber vorsichtiger. – Man wird durch die eigene, liebevolle (!) Motivation und moralischen, beziehungsweise gesellschaftlichen Druck dazu gebracht, immer das Beste zu wollen und was das genau ist, wird auch mitgeliefert:

Es gibt so viele Regeln und ungeschriebene Gesetzte speziell für Mütter! So viele Kommentare und Ratschläge. Vieles beginnt mit

„Wie kann eine Mutter nur …?“

Das macht uns vorsichtig und auch umsichtig. Ich sehe nicht ein, dass beides für die Kinder unbedingt schlecht sein soll. Nein, man muss nicht sofort springen, wenn ein Kind etwas möchte, aber es kategorisch ignorieren, damit es „seinen Platz findet“ auch nicht.

Kinder sind sensibel. Will man gestählte und eventuell harte Menschen oder mitfühlende Erwachsene großziehen? Solange man seinem Kind Empathie nahebringt, wird es das selbe mit seinen Mitmenschen tun. Klar, man darf nicht um das Kind herumspringen und es mit Konsum zumüllen, ohne sich ihm wirklich zu widmen und zu öffnen. Aber das tun ja auch die wenigsten, denke ich.

Negative Erfahrungen können, wenn sie nicht richtig begleitet werden, sehr negative Auswirkungen haben. Wenn man seinen Kindern etwas zumutet, dann nur, wenn man sie stärkend hindurch begleiten kann. Weil man selber sehr stark und gefestigt ist oder psychologisch versiert, pädagogisch geschult oder Ähnliches. Wenn das gewährleistet ist, dann profitieren Kinder enorm von der Begleitung auch durch schwierige Lebensereignisse, anstatt sich selbst überlassen zu werden, so wie es oft in den 80ern war.

Die Eltern denken sich ihre Ängste nicht aus. Diese werden geschürt. Auch von Firmen, die ihre Produkte verkaufen wollen. Die Bio-Label sagen

„Alles andere ist Giftmüll – hier ist die passende (von uns in Auftrag gegebene) Studie.“

So geht es mit vielen weiteren Produkten. Zudem gibt es laufend Nachrichten über verschwundene Kinder, sexuellen Missbrauch, Mobbing und vieles weitere Gefahren. Zudem gibt es Gefahren durch den vielen Verkehrß, Umweltgifte und vieles mehr. Das verängstigt und verunsichert Eltern – wie sollen sie da mutig ihre Kinder in das Leben schicken?

Ja, in den guten alten 80ern bekamen wir Fanta mit zwei Jahren und hatten keinen Schutzhelm. Und tranken puren Saft aus der Nuckelflasche. Und steckten im Gehfrei (meins klappte bei voller Fahrt übrigens gern zusammen …).Und atmeten Zigarettenqualm ein. Und wir waren nicht angeschnallt. Und saßen auf dem Gepäckträger.

Und wenn dabei nie ein Kind verunglückt oder (auch als Spätfolge) erkrankt wäre, wieso wurden diese Dinge dann geändert? Sind das nur Verschwörungen der Industrie? Oder gab es in der Tat früher viel mehr kindliche Verkehrstote? Mehr Karies? Mehr Unfälle im Haushalt? Ja, das alles gab es und heute ist das Leben für Kinder viel gesünder und sicherer. Warum es immer mehr Allergien und verhaltensauffällige Kinder gibt, das fragen sich allerdings sehr viele Experten.

Einerlei: Die 80er waren mitunter gefährlich, die meisten haben überlebt und können sagen:

„Hey ja, es war wüst, aber uns hat es auch nicht geschadet!“

Und die anderen … ja, die können leider nicht mehr mitreden.

Kinder könnten mit ihren Problemen allein gelassen werden oder irgendwann nicht mehr daran glauben, dass ihnen jemand hilft, wenn sich kein Erwachsener ihnen zuwendet. Zu viel Zuwendung schadet – zu wenig schadet aber weit mehr.

Kinder brauchen verlässliche und interessierte Zuhörer

Kinder brauchen verlässliche und interessierte Zuhörer

Menschen, deren Bedürfnisse zuverlässig erfüllt werden, entwickeln Urvertrauen. Damit sind natürlich Grundbedürfnisse gemeint: Liebe, Zuwendung, Nahrung, Schlaf, Sauberkeit. Es geht nicht um teuerste Kindermode oder Ähnliches. Es geht um’s Lieben, Wärmen, Nähren, Kümmern. Um ein offenes Ohr bei Problemen. Und das braucht jeder Mensch. Wer so aufwächst, gibt diese Liebe auch an Andere weiter. Und das wiederum bräuchte die ganze Welt.

Kinder atmen Atmosphäre. Herrscht zuhause ein liebevolles Klima, in dem auch die Erwachsenen liebevoll und ehrlich zueinander sind, dann werden die Kinder sich ebenso verhalten. Hektik, Vorwürfe und Streitereien sowie Machtspielchen zwischen den Eltern sind destruktiv. Kommt so etwas aber doch vor, dann fängt die konstruktive familiäre Atmosphäre dies gut ab. Wenn sie da ist. Daher ist es wichtig, sein Verhalten ehrlich zu beobachten. Diese Ansätze kann man in der „Memmen-Erziehung“ sehr wohl aufgreifen und ausarbeiten. Hier geht es um Gemeinsamkeit, statt um selbstverliebte Einzelkämpfer, die ihre eigenen Gefühle auf das Kind projizieren. Natürlich gibt es die auch. Von ihnen unterscheidet man sich, indem man seine Motive erkennt. Und das steht jedem frei.

Contra:

Seine Kinder ins Zentrum zu stellen gehört einfach (und vielleicht manchmal mit seltsamen Auswüchsen) zum aktuellen Mainstream der Erziehung. So gut die Gedanken und Wünsche einer Idee auch sein mögen – nichts ist ohne Schattenseiten. Man sollte seinen Standpunkt flexibel halten, gerade wenn es um Menschen geht, die sich entwickeln und wachsen. Um Individuen. In den 70ern kam beispielsweise das Laisser-faire auf und war in Mode.

Es erschien vielen Eltern als der einzig selig machende Weg für Kinderseelen.

Nie wieder Gewalt gegen Kinder! Freie Selbstentfaltung! Weg mit der Distanz zu den Erwachsenen! Weg mit dem autoritären Mist der Kriegs(verbrecher-)generation! Nachvollziehbare und zeitgemäße Gedanken. Und Grundsteine des Umgangs mit Kindern, wie wir ihn heute kennen.

Von der linksliberalen Ecke wanderte die Idee des Kindes als gleichberechtigtem Familienmitglied in den Mainstream. Eine sehr gute Entwicklung. Mit teilweise erschreckenden Auswüchsen, über die man heute nur die Köpfe schütteln kann.

Es entstanden die berühmten Kinderläden – dort durften die Kinder auch mal mit Essen werfen, sich lachend ausziehen, sie spürten ihre Grenzen und die anderer, sie konnten sich frei entfalten. Sie sollten Grenzen selber erkunden und selbstbewusst werden, indem sie selbst etwas tun und entscheiden durften.

Und sie „durften“ leider auch immer mal wieder manche Erzieher an Stellen streicheln, an denen man sich nicht von Kindern streicheln lassen sollte. Auch das geschah im Gedanken an das Kindeswohl. Das Establishment war prüde und verbot die freie Entfaltung. Da musste man sich aufstellen und protestieren, die kindliche Sexualität als ur-kindliches recht entfalten. Es gab die Idee, man sollte Kinder beim elterlichen Sex zuschauen lassen. Sie sollten auch ruhig mitmachen. Dadurch entstünden mündige und freigeistige Staatsbürger.

Ja, die Revolution in der Pädagogik hatte schräge und verstörende Blüten.

Dieses (wirklich sehr extreme, aber deshalb nicht unsinnige) Beispiel zeigt, dass die besten Ansätze nicht vor (oftmals großen) Fehlern gefeit sind.

Jede nachfolgende Generation fasst sich dann an den Kopf und denkt: „Ja, aber wir wissen es ja Gott sei Dank besser. Wir wissen jetzt, wie es richtig ist.“

Dabei sind alles Entwicklungen, die aufeinander aufbauen. Es gibt Trends und Tendenzen. Mal sollen Frauen  nur ja keine Hausfrauen werden und dann sollen sie hingebungsvoll den sicheren Kern der Familie wahren. Dann wieder von vorne. Und noch mal zurück. Das wird noch lange so gehen. So lange es Menschen gibt. Daher sollte man Kritik ruhig erst einmal ansehen. Vielleicht zeigt sie die nächste Strömung – das kann man nie wissen.

Im Augenblick hat sich die Pädagogik dahin entwickelt, dass kindliche Bedürfnisse sehr genau wahrgenommen werden und auch (oftmals umgehend) befriedigt werden sollen. Die Kinder sollen dadurch im Selbstvertrauen gestärkt und sich geliebt sowie angenommen fühlen.

Der Ansatz ist großartig! Und auch er birgt Schattenseiten.

Als Langzeitfolgen nennen Experten (und beobachtende Mitmenschen) das Heranwachsen kleiner Narzissten ohne Benehmen, Empathie und die Fähigkeit, sich für das Gemeinwohl mal zurücknehmen zu können.

Ja, das sind Extremdarstellungen. Aber dennoch sollte man Warnungen ja vielleicht erst einmal ernst nehmen.

Es sind nicht nur die Experten klug, die das sagen, was einem gefällt.

Da wird man ja zu einer Art Unternehmen, das exakt die Studien in Auftrag gibt, die es bestätigen. Und die finden wir ja doof.

Kinder, die in überhöhter Position mit ihren Wünschen und Bedürfnissen über der Familie thronten, bekommen viel zu viel Verantwortung und ein unechtes Selbstbild. Dieses lässt sich später nur mittels knallharter Erfahrungen im „echten“ Leben korrigieren. Da kommen dann all die blutigen Nasen und fieses Konflikte auf. Dort, wo es fordernde Chef*innen und unbequeme Kolleg*innen sowie anspruchsvolle Partner*innen gibt.

Wenn man nun bei der Erziehung nicht die richtigen Schwerpunkte setzte, dann wird das einstige Kind auf sehr unangenehme Weise dazulernen.

Die Komponente der Konsum-Überschüttung ist eine der Begleiterscheinungen des Fokus auf die Kinder, der sich in unserer Gesellschaft eingestellt hat.

Unselbstständigkeit und Verhaltensauffälligkeiten sind zwei Dinge, die Lehrer*innen und Erzieher*innen immer wieder als Beobachtungen aus ihrem Berufsalltag äußern. Das sind weitere negative Auswüchse des an sich sehr guten Grundgedankens. Es liegt vielleicht ja doch nicht alles an den Umweltgiften, sondern an verschiedenen sozialen und pädagogischen Komponenten.

Die „Weichei-Erziehung“ geht nur bei einer geringen Kinderanzahl in der Familie so richtig gut. Das startet man romantisch mit einem Kind und endet spätestens bei Dreien langsam – oder auch ganz schnell.

Denn die Bedürfnisse dreier Menschen (und bitte auch noch die eigenen) kann kaum eine Mutter rappzapp wahrnehmen und befriedigen. Oder sie tut es und erlebt als Langzeitfolge etwas wie Erschöpfungszustände oder andere Erkrankungen, davon kann ich zum Beispiel ein Lied singen. Mir war der Balanceakt nicht gut gelungen. Nicht auf lange Sicht. Es gibt Dinge, die kann man erst nach langen Jahren umfänglich beurteilen, musste ich feststellen.

Auch sind in größeren Familien die Tendenzen der Bedürfnisorientierten Erziehung eher schwierig umzusetzen: Im Elternbett wird es auch eng, wenn da alle so lange mitschlafen dürfen wie sie möchten. Drei Kinder zeitgleich zu stillen wird auch etwas stressig, je nachdem in welchem Altersabstand sie sind und wann das Kind sein natürliches Abstillbedürfnis erreicht hat. Da ist die Orientierung an den kindlichen Bedürfnissen dann etwas schwieriger. (Es gibt nur wenige Prozente Großfamilien, ich weiß das. Aber diese stellen einen sehr großen Anteil an der Gesamtkinderzahl unseres Landes.)

Wünschenswert ist der Einklang des kindlichen und erwachsenen (Er-)Lebens. Solange es für Kinder normal ist, gegen die Badezimmertür zu treten wenn Mama pinkelt und ihr ins Wort zu fallen, wenn sie mit der Nachbarin spricht um dann auch noch immer Gehör zu erhalten, stimmt etwas nicht.

Hier entstehen dann keine Memmen, sondern rücksichtslose Menschen. Den Toiletten-Kampf kenne ich selber. Ab einem gewissen Alter habe ich es dann geschafft, rückgängig zu machen, dass die Kinder die Existenz der Badezimmertür als Affront empfanden. War aber harte Arbeit. Zuvor war ich der Überzeugung, dass sie es brauchen, in meiner Nähe sein zu können. Und weiter habe ich das nicht hinterfragt. Weil das irgendwie einfach von allen Müttern so erlebt wurde …

Es ist inzwischen schon echt schwer, sich gegen den gesellschaftlichen Trend zu wehren und zu sagen: „Ich gehe alleine zum Klo, Kind. Du wartest jetzt.“

– Oft wird nicht hinterfragt oder individuell entschieden, sondern bestimmten festgelegten Regeln gefolgt, weil der soziale Druck groß ist. Es scheint Dinge zu geben, die unerlässlich sind, um die Bindung und Entwicklung zu stärken. Und diese soll man dann irgendwie durchexerzieren. Mainstream ist natürlich per definitionem nicht individuell und man muss sich seinen Teil herausnehmen, ihn für sich passend schleifen.

Aber da bieten sich enorme Schlachtfelder für die berüchtigten Mommy Wars – man steht schnell unter Druck. Das wiederum tut niemandem gut.

Immer mehr Mütter leiden an Burnout – wäre es nicht besser, sie würden zuerst lernen, sich um sich selbst zu kümmern und die eigenen Bedürfnisse beachten? So wie man bei einem Druckabfall im Flugzeug zuerst sich und dann anderen die Sauerstoffmaske aufsetzt? Die Mütter kommen bei der Idee „Die Kinder kommen immer zuerst und stehen im familiären Zentrum“ irgendwie etwas kurz. Das kann ebenfalls ungewollte Langzeitfolgen haben.

Kinder sollen sich etwas zutrauen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Aus der Überbewertung und Erhöhung entstehen anscheinend Narzissten. Woher will man wissen, ob man da die Balance hält? Wie gut die eigene Erziehung gefußt hat, merkt man meist erst so richtig nach zehn bis zwölf Jahren.

Misserfolge können stärken. Aus dem Weg geräumte Schwierigkeiten schwächen. Auch hier ist die Balance-Frage da. Wie viel kann ich meinem Kind zumuten? Wo soll ich eingreifen? Beim Schuheanziehen? Beim Spielplatz-Streit? Beim Schulfhof-Mobbing, das in den good old times noch „Ärgern“ hieß?

Hier ein persönlicher Hinweis zum Maßstab:

In den guten, alten 80ern wurde ich an der Haltestelle gemobbt. Geärgert, getriezt und verprügelt hieß das da noch. Ich konnte mich nicht wehren, stecken Misserfolge ein. Ich klagte das meiner Mutter, die klagte es hilflos meinem Vater und brachte mich zum Bus.

Das war irgendwann auch blöd und mein Vater stattete widerwillig den Eltern des Mobbers einen Besuch ab. Der Mobber beschwerte sich darüber bei mir. Schließlich gab mein Vater mir den Hinweis, ich solle dem Mobber Angst machen. Irgendwie gelang mir das nicht. Ich war so entmutigt und mir fehlte das Selbstbewusstsein.

Einerlei: So motiviert waren meine Eltern selten.

Und? Hat mir alles nicht geschadet!

Doch, hat es.

Ich steckte Misserfolge und Demütigungen ein. Weil ich ein klassisches Opfer war. Von klein auf. Deprimierend war das, frustrierend und ego-raubend. Und es stauten sich viele Aggressionen an. Auch nicht gesund. Die Eltern, die heute zu den Lehrern rennen und sich beschweren, sind nicht unbedingt hysterisch. Mütter, die wie verrückt nach dem einen blauen Nuckel suchen oder in drei Supermärkte wetzen, weil das Kind nun mal nur den einen Apfelsaft trinken möchte – die … hm … dürften ihre Lebenszeit manchmal vielleicht anders planen, ohne dadurch ihre Kinder zu traumatisieren.

Kindern kann man etwas zumuten. Man sollte es sogar. Selbstverständlich nur in einem begleiteten Rahmen. Aber nicht in einer fahrbaren Intensivstation mit Vollfederung und doppeltem Boden.

Das Kind wurde mehr und mehr zum Projekt, statt zum selbstverständlichen Lebensbestandteil. Daher steht es im familiären Mittelpunkt. In meiner Kindheit ging es am Wochenende darum, dass möglichst alle etwas Nettes erlebten. Oder oft auch nur die Eltern. Da musste man irgendwie durch. Bei gutem Wetter gingen die Eltern Tennis spielen oder die Mutter wollte sich sonnen – dann ging es an den Baggersee oder ins Freibad. Oder es ging zum Einkaufen in die Stadt. Und man trieb sich da irgendwie rum. Oder es ging zu einer Autoausstellung, einem Stadtfest oder mal zum Minigolf.

Die Idee, „Wir Eltern atmen das Glück der Kinder ein und allein das ist für uns Freude genug“ ist recht jung.

Die Ängstlichkeit der Eltern hemmt die Kinder in ihrer Entwicklung. Ein Kind, das klettern und fallen darf, lernt rasch, dass es sehr gut wieder aufstehen und erneut klettern kann. Es lernt seine Grenzen kennen und erfährt sich in allen Schwächen und Stärken. Das gibt Selbstsicherheit.

Was kann man Kindern denn nun zutrauen und zumuten?

Können Zehnjährige bügeln, wenn man in der Nähe bleibt und sie sich dadurch sicher fühlen? Ja.

Traue mir etwas zu, damit ich lernen kann. Auch wenn es ein mühsamer Weg für Dich sein kann ...

Traue mir etwas zu, damit ich lernen kann. Auch wenn es ein mühsamer Weg für Dich sein kann …

Können sie Wäsche nach Farben sortieren? Ja. Nein. Meistens.

Können sie über 8 Stunden lang im Steinbruch Säckeweise Steine schleppen? Zum Beispiel in Pakistan? Ja. Sollten sie aber nicht.

Können sie einen Kaffeeautomaten bedienen und stolz dem Besuch Getränke bringen? Aber sicher.

Können sie ihr Bett machen und ihr Zimmer aufräumen? Theoretisch ja. Praktische Umsetzung schwieriger als beim Steineschleppen.

Können Kinder jedweden Alters alleine verarbeiten, etwas Bedrohliches oder Beängstigendes gesehen oder erlebt zu haben? Nein.

Können Kinder es heil überstehen bei einem Autounfall nicht angeschnallt zu sein, wie in den 80ern? Nein.

Können Kinder emotional sowie physisch heil aufwachsen, wenn sie nicht oder nur kurz gestillt wurden, nie in einem Tragetuch saßen, früh im eigenen Zimmer schliefen, Gläschenkost bekamen und den Schnuller immer in der auf der Packung angegebenen Größe benutzten? Ja.

Können sie emotional sowie physisch heil aufwachsen, wenn sie in einer Umgebung leben, in der sie verunsichert werden, in denen die Erfüllung ihrer ureigenen Bedürfnisse unzuverlässig stattfindet und in der sie sich nicht oder nur zeitweise geborgen fühlen können? Nein.

Können Kinder gut aufwachsen, wenn man ihnen eine gesunde Mischung aus Liebe, dem gesunden Etwas-Zutrauen, Rückhalt, manchmal etwas gesundem Druck, Verständnis und dennoch zuverlässiger Anleitung zuteil werden lässt? Unbedingt.

Erziehung verändert sich im Laufe der Lebensjahre

In den ersten Lebensjahren ist man in einer warmen Wolke aus romantischer Liebe. Das Kind ist niedlich und sehr nah an einem selbst. Es findet und zeigt sich immer mehr selbst, je älter es wird.

Bis zum Eintritt in die Grundschule empfand ich persönlich das Leben mit Kindern immer als sehr „niedlich“.

Klar, es war auch stressig und immer wieder beanspruchte es mich sehr. Überwiegend war es einfach (be-)rührend, süß, bereichernd, beglückend und kuschelig mit den drei Kleinen.

Aber so ein Kindergartenkind, das nach dem Vorlesen auf dem Sofa der Kuschelecke eingeschlafen ist oder eines, das im Garten für Mama einen Blumenstrauß abrupft, der nur aus Blütenköpfen besteht, ist ganz anders als ein Schulkind, das von Klassenkameraden verhauen wird. Oder eine pubertierendes Mädchen, das abends plötzlich im Wohnzimmer steht und mitteilt, dass es gerade seine erste Periode bekommen hat. Die Zeiten ändern sich. Und eben nicht nur die. Man selbst muss mitgehen. Bedürfnisse verändern sich.

Während der Grundschulzeit sieht man bereits immer mehr der eigenen kindlichen Persönlichkeit und noch mehr kann man dann erleben, wie das Kind in der „ernsten“ Welt zurechtkommt. Man hört von Lehrern, dass es sehr schüchtern ist oder schlampig oder albern oder eben selbstbewusst, sozialkompetent oder was auch immer. Da spürt man dann spätestens immer mehr, dass man einen kleinen Menschen zu einem großen Menschen werden lässt.

Dieser wird irgendwann einen Chef und Kollegen haben, er muss sich Konflikten und Druck stellen können.

Hierfür braucht er Vertrauen in sich selbst. Und dieses erhält man nicht durch zu viele Misserfolge und auch nicht, wenn man zu oft sich selbst überlassen wird. 

Daher lehne ich ein Verteufeln der „Memmen-Erziehung“ rundheraus ab.

Aber auch ein Übertreiben der selben in Richtung Überfürsorge – denn diese verkehrt den schönen elterlichen Wunsch in das Gegenteil.

Persönliche Anekdote zum Schluss

Als ich ungefähr acht oder neun Jahre alt war machte ich mit meinen Eltern Urlaub am Meer. Es wurde ein Pony ausgeliehen. Das Tier war mehr eine Art weiße Felltonne mit viel zu kurzen Streichholzbeinen, aber das tut nichts zur Sache – ich fand es schön und weiß bis heute, dass es „Cindela“ hieß.

Mein Vater, durch die Pferdezucht seines Onkels von klein auf Reiter, nahm aus dem Stall eine Longe mit (das ist ein langes Seil, an dem man ein Pferd um sich herum im Kreis laufen lassen kann, während man es vom Zentrum heraus anleitet).

Er trieb die „Felltonne“ an. Und ich saß oben drauf. Die kleinen Beine trappelten unter mir und es wurde immer schneller. Das Pony schaffte es sogar, sich irgendwie zu strecken und noch schneller zu werden.

Dann ließ mein Vater die Longe länger, der Kreis wurde größer, ein größerer Stein lag im Weg und es kam, wie es kommen musste: Ich flog über den Hintern des Pferdes im Bogen auf die Erde.

Mein Vater kam zu mir und sagte in einem Ton, den er sicherlich aus irgendeinem Film hatte und der in meiner Welt mit „Mein Sohn ….“ hätte beginnen müssen: „Steig wieder auf. Wenn man vom Pferd fällt, dann muss man stets wieder aufsteigen.“

(Mein Therapeut kommentierte diese Erinnerung übrigens mit: „Hm, da ist aber eine Menge Sadismus im Spiel, finden sie nicht?“)

Ich habe aus der Situation Folgendes mitgenommen und das als Grundschulkind (soll zeigen, wie viel Kinder begreifen und wahrnehmen können):

– Mein Vater vermisste einen Sohn, mit dem er „etwas anfangen konnte“. Sein Erstgeborener mit Asperger war es jedenfalls nicht.

– Meinem Vater machte es Freude, Lektionen zu erteilen

– Ich wusste, dass ich meinem Vater eine Menge zutrauen musste und bekam Angst vor ihm

– Ich wusste, dass ich richtig reiten lernen wollte, um nie wieder vom Pferd zu fallen

– Das Pferd, das ich rund 10 Jahre später besaß, wollte ich nach einem heftigen Beinahe-Unfall nie wieder reiten und es musste verkauft werden.

Ich bin im Leben immer sofort aufgestanden, wenn ich gefallen bin. Es scheint nichts zu geben, das mich wirklich lange umhaut. Wenn ich etwas wirklich will, strenge ich mich an bis ich es erreiche. Das liegt aber nicht an dieser dusseligen Lektion. Sondern an meiner Resilienz, meinem Charakter und anderen Faktoren. Ich wünschte, es läge daran, dass man mich gesundes Selbstvertrauen geschult hätte, statt diverser Lektionen in Härte, Aushalten, Alleine-Klarkommen und „Wie-der-Sohn-den-Papa-stolz-machen-kann-Lehren“. Durch Letzteres habe ich auch noch ein Störung der Geschlechterrollenidentifikation bekommen.

Fördere mich und fordere mich. Aber überfordere mich so selten wie möglich ...

Fördere mich und fordere mich. Aber überfordere mich so selten wie möglich …

Ich bin mir sicher : Wir ziehen keine Generation von Memmen und Narzissten groß.

Vielen Kinder scheint es an klassischem Benehmen zu fehlen, höre ich immer wieder. Und an manchen anderen klassischen Tugenden. Aber doch nicht allen! Und zudem wachsen sie noch.

Sie sind sehr sensibel und begreifen individuell gesehen oft weit mehr als man denkt. Sie spüren Atmosphären, Launen und Stimmungen. Sie brauchen Schutz und unbedingte Kommunikation. Das heißt nicht, sie dürfen pausenlos schnattern, bis Mama die Ohren bluten.

Sondern sie brauchen zuverlässige Menschen, die sich ihnen widmen und denen sie unbedingtes Vertrauen schenken. Sonst ziehen sie sich in sich selbst zurück und resignieren im schlimmsten Fall. Dann werden sie zu Menschen, die sich hart machen, um nicht verletzt zu werden und zu jenen, die meinen, immer alleine alles bewältigen und schaffen zu müssen. Menschen, für die das Annehmen von Hilfe Angst und Schwäche bedeutet. Huch, jetzt rede ich ja über mich … 😀

Sie sind im Laufe der Entwicklung immer weniger nah an den Eltern und orientieren sich immer mehr an ihrer Peer Group sowie der gesamten Gesellschaft. Sie werden vieles noch lernen. Lernen müssen.

Und das schaffen sie am besten, wenn sie gute Wurzeln entfalten und zugleich den Kopf in die Wolken stecken durften.

Da bin ich mir ganz sicher.

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Ein Gedanke zu “Weicheier voraus! (?)

  1. Danke für diese ausführlichen Gedanken. Ich gebe ja zu, ich habe mich bisher geweigert, den Artikel oder Reaktionen darauf zu lesen, denn es ist eh immer das gleiche Blabla.

    Was mich – an welchem ‚Erziehungsstil‘ auch immer – so nervt ist diese Ausschließlichkeit. Man muss das so machen, sonst passiert irgendwas ganz Schlimmes! Und plötzlich sollen dann Kinder und Familien und Situationen nicht mehr individuell sein und Improvisation erfordern, sondern Kinder funktionieren dann immer nur genau so, wie’s im Buch steht. Damit demontieren ‚Experten‘ ihre eigene Theorie sehr zuverlässig.

    Zudem finde ich es erstaunlich, was für unglaubliche Sachen Kinder mit der angemessenen Begleitung verarbeiten können. Viele Kinder erleben ja sehr traumatische Sachen, wie Flucht, Bombenalarm, Krankheit etc. Auch wenn sie das prägt und traumarisiert, können sie ihren Weg in ein selbstständiges Leben und sogar Glück finden, wenn sie Hilfe bei der Verarbeitung bekommen. Kinder sind kein bisschen zerbrechlich und dieses Bild, das wir mit der unschuldigen kleinen zerbrechlichen Seele von ihnen kreieren, beschneidet sie ebenso und wird ihnen kein bisschen gerecht.

    Die Fülle von Möglichkeiten miteinander umzugehen ermöglicht eigentlich für jede Situation und jede Stimmung einen annähernd passenden Umgang miteinander zu finden. Ein guter Erziehungstipp wäre doch mal: Traut euch als Eltern aus euren Erfahrungen zu schöpfen und ohne starre Vorgaben auf eine Situation einzulassen und mit dem Kind je nach Stimmung so umzugehen, wie ihr es für angemessen haltet. Wenn ich mein Kind normalerweise trage und heute aber Rückenschmerzen hab und das Kind in den Wagen setze, dann stirbt dabei niemand, sondern es sind alle glücklich. Meist geht es nicht um weltbewegende Dinge, sondern um so nen Kleinkram und das ist es echt nicht wert, auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, ob man sich da jetzt eventuell vielleicht verunsichern lassen sollte. Und zudem macht diese ‚richtig-falsch‘-Denke die Menschen so kirre, dass sie auf einander losgehen. Kann man das nicht mal abschaffen?

    Und dieses Narzissmusargument find ich super. Kein Mensch war jemals in jeder Situation nur auf seine Mitmenschen fokussiert, allen Mitmenschen gegenüber emphatisch, noch nicht mal halbwegs gnädig. Kein Mensch war jemals frei von Rachegelüsten, Egoismus oder Schadenfreude. In den letzten 5000 Jahren belegter Menschheitsgeschichte kam nie jemand auf die Idee, Menschen wären grundlegend friedliche und gemeinschaftsorientierte Lebewesen. Schon lange vor den Dinosauriern hat die Mischung aus Herdenhierarchie/-zusammenhalt und möglichst egoistischem Verhalten das Überleben der Art gesichert. Dass heute die totale Empathie als Ideal in der Erziehung gelten soll, ist irgendwie unlogisch. Und dass wir meinen unsere Kinder irgendwie ‚programmieren‘ zu können ist ziemlich erniedrigend.

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