Screentime: „Hedi Schneider steckt fest“

Heute gibt es aus der Reihe Screentime den Film „Hedi Schneider steckt fest“.

Keine Sorge und ich werde nicht spoilern 😉

Das Thema:

Der Film zeigt das plötzliche Auftreten einer Depression im Ausdruck einer Angsterkrankung mit Panikattacken und wie sowohl die Betroffene als auch ihr Umfeld (Familie und Arbeit) damit umgehen. Es wird dargestellt, wie die fragile Konstruktion des alltäglichen Lebensgefüges plötzlich enden oder auf den Kopf gestellt werden kann. Und es fällt auf, dass man diese Konstruktion wohl nicht hinterfragt bis sie eben nicht mehr besteht.

Rezension

Die Hauptdarstellerin Laura Tonke hat nicht umsonst in ihrer Karriere Auszeichnungen bekommen: Während des Films dachte ich immer wieder, man könnte ihr ruhig einen Oscar in die Hand drücken.

Der Film stellt fast kammerspielartig die Beklemmung einer Angsterkrankung dar. Die enge Klimbim-Bude, in der die Familie lebt, tut ihr Übriges. Außen mit Baugerüst und Plane versehen, erstickt der Wohnkarton einen förmlich. Das Kinderzimmer scheint 4 Quadratmeter groß zu sein und aus ein bisschen Pappe an den Wänden, einem hölzernen 80er Jahre Anti-Fliegenvorhang und einem Schlafstatt mit viel zu großem Moskitonetz zu bestehen.

Die Kinderbettwäsche der Ehepaars, die winzige Toilette, die tausend Döschen auf dem Regal der Küche, die so eng ist, dass man mit dem Essstuhl wohl bei jedem Aufstehen gegen den Backofen knallt – alles ist minutiös und perfekt gestaltet.

Es gibt neben der gut gewählten Musik auch einmalige Geräuschkulissen – und Teppiche. Das Ticken der Uhr, das Bein-Zappeln des anderen Patienten im Wartezimmer nach der neuerlichen Panikattacke, das penetrante Bohren und Hämmern der Handwerker an der Häuserfassade … ebenfalls sehr gut gemacht. Man hört den hyperventilierenden Atem Hedi Schneiders während ihrer Angstattacken und sieht ihre aufgerissenen Augen in ihrem Innersten wühlend nach Antworten suchen:

Warum fühle ich mich so?

Was geht hier vor?

Muss ich sterben?

Wie lange wird das dauern?

Woher kommt das alles so plötzlich?

scheinen ihre Augen zu rufen.

Ihr Ehemann (Hans Löw) wird von der Kamera sehr gut durch seine Berg-und Talfahrten begleitet. Er ist hilflos, ambitioniert, besorgt, dann ungeduldig, überfordert und auch wütend. Auch sein Schauspiel ist herausragend.

Man kann, wenn man ein analytisches Auge hat, sehr gut herausfinden, was die Hauptperson deprimiert, bedrängt, bedrückt und in die Enge treibt. Hierbei hilft auch der Kurzauftritt ihrer sie mit Essen und unempathischen Tipps bedrängenden Mutter. Auch die Trigger (Auslöse-Impulse) der ersten Panikattacke werden überschaubar dargestellt.

Die mit Pillen besonders generöse aber an Einfühlungsvermögen verarmte Ärztin ist ein weiteres Highlight der Komposition des Films.

In den ersten Sequenzen, ehe die Krankheit auftritt, wirft man sich aus dem Kinosessel vor Lachen. Laura Tonkes Mimik allein ist schon herzerwärmend, aber diese vor Lebensfreude sprühende Frau mit dem einen ewig selben Bürooutfit (prima Symbol für die Rolle, die sie im Job spielt) reißt einen mit. Während des gesamten Films wird man emotional bewegt.

Wir waren einem zauberhaften Kino mit vielleicht 20 Sitzen (und einer alten Orgel neben dem Eingang) – so hörte man gut die leisen Kommentare der wenigen anderen Zuschauer*innen. „Ist die süß!“ kam immer mal wieder, dann hörte man Empörung über das oft fehlende Einfühlungsvermögen der Außenstehenden und auch über manche Bewältigungsstrategie ihres Mannes.

Der Film ist so liebenswert, so lustig-lebensfroh und so gut bebildert, dass ich sagen kann: Einen so guten deutschen Film habe ich wirklich noch nie gesehen. Ich bin allerdings auch kein Fan deutscher Filme, die mir allesamt zu hölzern, aufgesetzt und gestelzt sind. Natürlich wirkende Personen sind bestenfalls überkandidelt. Alles wirkt wie unbeholfene (Real-)Satire in einem blechernen Regen vorhersehbarer Szenen. Dieser Film ist ganz anders. Auch er wählt die Übertreibung gern als Stilmittel, aber bleibt dabei immer gefühl – und geschmackvoll.

Ich weiß nun nicht, wie der Film auf Menschen wirkt, die nicht vom Thema Angsterkrankung oder Depression irgendwie betroffen sind. Doch sowohl Mr. Essential als auch ich haben uns zumindest immer wieder wissend angegrinst und lakonisch gelacht, wenn typische Situationen vorkamen.

Negative Kritik?

Etwas negativ betrachten würde ich die einseitig unzureichende Behandlung der Krankheit durch die beiden Profis. Die Ärztin war furchtbar, der Therapeut versiert. Es wurde nur eine kurze Therapie-Szene gezeigt, das empfand ich als zu wenig. Man kuriert eine so heftige Erkrankung nicht binnen weniger Monate mit ein paar (oder ein paar zu viel ) Pillen. Es wäre schön gewesen, wenn etwas mehr von Hedi Schneiders Arbeit mit sich selbst zu sehen gewesen wäre. Es wurde auch das Achtsamkeitstraining sowie die progressive Muskelentspannung erwähnt (und gekonnt humorvoll-überzeichnet/ironisch umgesetzt) aber insgesamt fehlte ein bisschen die Antwort auf die Frage nach dem „Warum“.

Ich konnte mir denken, wieso Hedi Schneider depressiv wurde und was ihr das Gefühl zu Ersticken gab. Aber ob das für themenfremde Zuschauer auch leicht zu erfassen war, das kann ich echt nicht sagen.

Eine Anmerkung: Eventuell wirkt die erste Panikattacke der Hauptfigur triggernd auf Menschen mit akuten Angsterkrankungen. Sie ist lang und sehr eindrucksvoll gespielt. Dazu hört man laut den panischen Atem, sieht die Verzweiflung der Frau und die schockierte Hilflosigkeit des Mannes. Das könnte für manche zuschauende Person (zu) heftig sein. Daher mache ich eine kleine „Sicherheits-Warnung“: Die Szene folgt auf die Situation mit der „Dengue-Krätze“ (jahaa, das ist auch eine lustige Szene …). Wer sich also unsicher ist, wie das Ganze auf ihn wirkt, könnte da zur Toilette gehen 😉

Fazit: Ein sehenswerter Film der etwas anderen Art. Er unterhält spielerisch und greift dabei ein schweres Leiden so auf, dass man merkt: Das Leben ist die Essenz des Seins, ganz gleich, was einem begegnet. Die Bandbreite der Selbsterfahrung ist riesig und jeder hat eine individuelle Art der Problembewältigung. Das ist nicht zu toppen. Der Film betrachtet liebevoll seine Charaktere und schafft es, die Leichtigkeit zu erhalten wobei der Humor niemals plump oder deplatziert wird. Sehr gefühlvoll inszeniert und definitiv ein Tipp für alle Interessierten.

… und das „Bratkartoffellied“ hat man auf dem ganzen Heimweg im Ohr 😀

-> Haben inzwischen das ganze Album („Grips Theater: „Wir werden immer größer“) und tanzen dazu durch’s Haus …

Nach dem Film:

Am Ende sind wir bereichert aus dem empfehlenswert einladenden Kino mit dem erwärmenden Retro-Charme (Galerie Cinema in Essen) rausgegangen.

Wir haben uns lange über den Film unterhalten und mussten dauernd über ein Wort lachen, mit dem der Film-Sohn den Film-Vater in seiner hilflosen Wut beschimpft hatte. Das wird wohl ein neuer Running Gag hier bei uns 😉

Persönliche Anmerkung zum Film:

Insgesamt ist meine Angsterkrankung nach außen sehr viel „leiser“ abgelaufen. Die Kinder haben sie zum Beispiel nie bemerkt. Mr. Essential konnte ganz normal seiner Arbeit nachgehen, nachdem ich begriffen hatte, dass ich körperlich gesund war. Ich habe ihn nicht angerufen oder wollte gar nicht mehr alleine bleiben. Wer hätte denn auch bei mir bleiben sollen?

Während meiner Panikattacken habe ich nach außen locker weiter eingekauft oder gebügelt. Ich hatte echt keinen Raum, so einen „Krempel“ auch noch nach außen zu zeigen und wollte ganz sicher niemanden mit „meinem Kram“ belasten. Das ist kein vorbildlicher Ansatz, wie ich inzwischen weiß. Aber so konnte ich mich nur zum Teil mit der Hauptfigur identifizieren.

Zugleich war es wohltuend für mich persönlich zu spüren, wie viel Verständnis ich für die vorgestellte Hauptperson hatte. So steht sie in einer Szene in der Küche und kämpft mit ihrer Panik, als der Sohn (auch ein ganz besonderer Schauspieler: Leander Nitsche) immer lauter brüllt: „Piiiep! Piiiiieeeep! Mama! Such mich! Mamaaaaa! Piiiiiiep!“ Am Ende sucht und findet der Papa ihn im Küchenschrank. Wie erdrückend es doch ist, mit sich so arg beschäftigt sein zu müssen und dabei so fremdbestimmt zu sein. Wer will schon krank sein und dabei laut gebrüllte Forderungen an die eigene Person hören?

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2 Gedanken zu “Screentime: „Hedi Schneider steckt fest“

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