Radeln für Fortgeschrittene und zum Abgewöhnen

Nummer 1 und Nummer 2 haben heute den Übungsdurchgang für die am Freitag anstehende Fahrradprüfung.

Sie hatten bereits in der dritten Klasse der Grundschule eine Fahrradprüfung – nein, nur Nummer 1 hatte eine, denn Nummer 2 hat sich die Dritte ja gespart. Aber sie meckerte trotzdem über die dämliche Prüfung und das blöde Radeln.

Jedenfalls hätte ich zu diesem Anlass alle Kinder frühmorgens ins Auto packen und das Fahrrad schrumpfen müssen, damit es auch noch Platz fände, um alles morgens zur Schule und mittags zurück zu befördern. Netter Weise kam der Opa heute Morgen mit seinem Fahrradtransporterkofferraumanhängdingsda und half mir aus, indem er die beiden plus das Rad (mit dem sie sich für die Prüfung abwechseln um nicht zwei Räder anschleppen zu müssen) zu chauffieren. Freitag tut er das dann noch einmal.

Niemand hier liebt das Radeln, obwohl eine der Lehrerinnen an der Schule Nummer 2s Unwillen gegenüber dieser Radsportveranstaltung wie folgt kommentierte:

„Also wenn man am Niederrhein wohnte, dann muss man ja wohl ein Fahrrad besitzen und viel radeln!“

Echt jetzt? Ich sehe komischer Weise hier kaum Kinder radeln. Erwachsene schon und alle sechs Monate mal ein Grüppchen älterer Kinder oder eben kleine Kinder, die auf dem Laufrad wuseln, während Oma daneben spaziert. Ich bin hier nicht hergezogen, damit ich mal so richtig doll radeln kann. Vom Radeln krieg ich immer Ohrenschmerzen, weil meine Lauscher Wind hassen. Und es strengt mich an und ich finde jeden Sattel unbequem und bin langsam wie ’ne Schnecke. Dabei kann ich locker drei Stunden Zumba am Stück – aber auf dem Rad bin ich spontan 95 Jahre alt.

Ich erinnere mich gut an meine Fahrradprüfung der vierten Klasse. Irgendwie bin ich leider „falsch herum“ (bin umerzogene Linkshänderin, da ist manches „verdreht“) abgestiegen und der nette Polizist, der uns auf dem Schulhof um sich herum radeln ließ sagte:

„Tja, als Flasche der Nation darfst du jetzt noch mal eine schöne große Extrarunde drehen. Vielleicht schaffst du es ja dann, von einem Fahrrad abzusteigen.“

FullSizeRender (1)

Heute Morgen in der Früh entlud sich mein Fahrradzwangsveranstaltungsfrust dann:

Ich: „Was für eine unzeitgemäße Veranstaltung. Als ich Kind war, da machte das ja noch Sinn – da sind wir alle fahrradgefahren, wenn wir irgendwohin wollten. Aber jetzt? Es bräuchte andere Prüfungen in den Schulklassen. Solche, die zum Alltag der Kinder passen.“

Nummer 2: „Was denn für welche?“

Ich: „Zum Beispiel eine Auf-dem-Rücksitz-von-Mamas-Auto-Sitzprüfung oder eine Irgendwann-fahre-ich-nachmittags-alleine-mit-dem-Bus-Prüfung für alle ab 16 Jahren oder auch eine FSK18-Spiel-Prüfung für eure sechste KlasseIn Letzterer lernt man dann zum Einen, wie man bei GTA diesen einen Typen richtig foltert, so dass der nicht dauernd in Ohnmacht fällt und bekommt die homosexuellen Vergwaltigungsandrohungen erklärt, die der Hillbilly mit der Halbglatze von sich gibt. Und zum Anderen lernt man noch, wie man die ganze Gewalt verarbeitet, der man sich beim Spielen aussetzte.“

Nummer 2 griff wortlos nach ihrem Fahrradhelm. Nicht, dass sie GTA spielen würde – Gott (oder in diesem Fall eher ihre gute psychologische Selbsteinschätzung) bewahre – aber vielleicht verblasste angesichts meiner Genervtheit ihre eigene und wich einem Hauch Motivation. Oder sie wollte einfach nur weg 😀

Dear Me – Briefe an mein jüngeres Ich

Anna hat auf ihrem Blog an der Dear Me Kampagne teilgenommen und ich fand das so inspirierend, dass ich mich da gerne anschließen möchte.

Hier also meine Briefe an mein jüngeres Ich:

Dear me 1985,

Du bist jetzt acht Jahre alt und ich möchte Dir ein bisschen etwas schreiben.

Keine Sorge, die Schule wird nicht immer so furchtbar sein. Du wirst später einmal erleben, dass jenes Triezen und Verprügeln einen Namen bekommt. Es heißt dann Mobbing – dann erst wird man begreifen, wie scheußlich das ist, was Dir da gerade passiert. Du wirst das aber alles durchstehen, weil Du unglaublich stark bist. Es wäre so schön, wenn Du den Mut hättest, einfach mal deutlich „Nein!“ zu sagen. Aber ich weiß, dass man Dir dieses Wort abtrainiert hat.

Die Schule kommt Dir langweilig vor – schalte aber nicht ab, sondern lasse Dich darauf ein, soweit es geht. Sonst macht es irgendwann überhaupt keinen Spaß mehr. Und dann könntest Du noch unzufriedener sein.

Du fühlst Dich unverstanden, ich weiß. Da werden aber Menschen sein, die sich ähnlich fühlen und mit ihnen wirst Du die wunderbarsten Freundschaften haben. Ihr werdet noch Freunde sein, wenn Du längst selber Kinder hast.

Wenn Du Dich klein, andersartig und wertlos fühlst, dann liegt das nicht an Dir. Es liegt an der Art, wie deine Eltern mit Dir sprechen und umgehen. Du hast wenig Vertrauen in andere Menschen. Das ist ganz traurig. Es kommt daher, dass Du Dinge erlebt hast, die man einfach nicht erleben sollte. Und es ist schlimm für Dich, dennoch die zu lieben, die böse zu Dir waren. Dafür darfst Du Dich nicht schlecht fühlen. Du hast eine Menge verloren, ich weiß. Du bist so selten albern oder vergisst die Welt um Dich herum, so wie andere Kinder. Schade ist, dass nach außen alles so normal wirkt, dass Du Dir manchmal selber nicht glaubst, wie komisch Du Dich innerlich fühlst. Genieße einfach das Schöne trotz allem, denn es wird Dir gute Erinnerungen schenken.

Du hast tolle Fähigkeiten. Du kannst ganz schnell viele Dinge verstehen. Deine Gehirnleitungen sind gut geölt. Das brauchst Du auch so, weil Du ganz viel in Deinen Gedanken unterwegs bist. Dein Gehirn ist Dein kleiner, geheimer ausgebauter Speicher, auf dem Du stundenlang spielst, nicht wahr? Auch Deine riesige Phantasie ist toll. Sie tut Dir ebenfalls gut. Beide zusammen lassen Dich die tollsten Geschichten erleben und die Menschen um Dich herum mehr und mehr verstehen.

Wenn Du manchmal glaubst, mit Dir würde etwas nicht stimmen und Du gehörtest nicht in deine Familie, dann erinnere Dich daran, wie wunderbar bist und was für ebenfalls wunderbare Freunde Du hast.

Saskia auf Teufel

Dear me 1993,

jetzt bist Du 16 und zuhause ist es sehr wechselhaft, was Dich unter andauernde Anspannung versetzt. Du fühlst Dich seltsam und wie ein Alien. So, als würdest Du nicht dazugehören. Eines Tages wirst Du erkennen, dass es nicht so wichtig ist, ein Teil der Masse zu sein. Eines Tages wirst Du Dich so lieben können wie Du bist. Langsam siehst Du Dich nicht mehr als das hässliche Entlein, dessen Geschichte Dein Vater Dir früher am Bett erzählen sollte. Du siehst langsam, dass Dein Federkleid sich verändert und Dein Hals länger wird.

Wenn Du Dich gerade nicht leiden kannst, denke daran, dass Du klug, witzig und liebenswert bist, auch wenn man Dir ein anderes Gefühl gibt.

Das Leben endet nicht zuhause. Es beginnt nur dort.

In vier Jahren wirst Du in einer eignen Wohnung wohnen. Dort bist Du dann stolz und zufrieden. Du wirst all die Privatsphäre haben, die Du so sehr vermisst, wenn Du Dich unter dauernder Beobachtung fühlst. Hab keine Angst! Sei ruhig mutig und trau Dir etwas zu. Wenn es Dir möglich ist, versuche all die „Das schaffst du eh nicht-Kommentare“ Deiner Eltern zu überhören. Wenn Dir Deine Mutter etwas darüber erzählt, wie das Leben für Dich als Erwachsene sein soll und wird, dann halte Dir nur ja feste die Ohren zu! Zieh Dir davon nichts rein, das ist alles Blödsinn. Und wenn Du es schaffst, setzte Dich in einigen Jahren über ihre Worte und ihre Gegenwehr hinweg und geh studieren! Du kannst ihre Entmutigungen vergessen, die erzählen sie doch nur, weil sie sich schlecht fühlen würden, wenn Du als Erste der Familie studierst. Sonst musst Du das nachholen, wenn Du schon längst Kinder hast, was ungleich nerviger werden wird …

Saskia auf Suleika 1993

Dear me 2003,

ja, Du weißt es, nicht wahr? Du weißt, dass Du den Mann für’s Leben getroffen hast, oder? Gut, dass Du Ja gesagt hast. Wie schön, dass Ihr Eure Tochter so liebt und wie hinreißend zu sehen, wie sehr er in sie vernarrt ist, hm?

Du denkst, nun wird sich Dein ganzes Leben ändern  – und genau das ist wahr. Und es wird sich so viel mehr ändern, als Du gerade ahnst. Nun fasst Du langsam Vertrauen und das ist gut so. Du brauchst nicht misstrauisch zu sein. Liebe bedeutet längst nicht immer Verletzung, Selbstverzicht und Einschränkung. Das hast Du nur von klein auf so gelernt. Sei weiterhin mutig, besiege deine Ängste. Großartig, dass Du auf deine Intuition hörst – diese Fähigkeit wirst Du noch immer weiter entfalten und es wird Momente geben, die weit intensiver sind als dass man sie nur auf Intuition zurückführen könnte.

Auf in ein neues Leben, mit so vielem, das Du Dir schon immer gewünscht hast!

Hochzeit

Dear me 2005,

nun hast Du zwei so kleine Kinder gleichzeitig und meisterst das großartig! All die Selbstzweifel, die Du Dir da von außen durch Deine Schwiegerfamilie herantragen lässt, sind Bullshit. Du bist weder zu faul, noch eine schlechte Mutter, noch taktlos, noch nicht schön genug für ihren Goldjungen. Sei nicht wütend, wenn er es nicht schafft, Dich zu verteidigen. Er ist selbst schockiert davon, dass diejenigen, von denen er sich einst geliebt fühlte, nun seine Verletzungen ignorieren und die Person attackieren, die er so sehr liebt. Was soll er tun, während er wie erstarrt zwischen zwei Fronten steht?

Das alles wird Euch zusammenschweißen, aber auch Konflikte schüren.

Höre nicht auf die Stimme, die Dir sagt, er würde heimlich wie sie denken. Höre nicht auf die Stimme, die Dir sagen will, dass Du alles ertragen musst, weil es sich so gut anfühlt, etwas in der Art von einer Familie dadurch zu gewinnen. Ein Gewinn wäre ein Geschenk – für das hier aber musst Du einen hohen Preis zahlen. Du bist schon ganz verdreht und verstellt. Und versteckst Dein wahres Ich sowie auch deine Gefühle.

Es wäre so schön, wenn Du einfach genießen könntest, was Du hast: Einen Dich liebenden Mann und zwei supersüße Kinder, denen Du Dich sehr verbunden fühlst. Du hast so wunderbare Freunde und interessante Begegnungen! Dein Leben ist voller Kreativität und Optimismus! Wie gut, dass Du Dich zu diesen Elementen hinwendest und nicht verzweifelst. Ich weiß, Du würdest gern weit weg ziehen, aber das wird die Probleme nicht lösen, denn die nimmt man immer mit.

Meine Güte, Du bist so jung und schon wieder oder noch immer mit so viel Anstrengendem konfrontiert, anstatt das Leben einfach genießen zu können! Wie großartig, dass Du diesem Gedanken trotzt und voller Elan bist!

Ohne Titel

Dear me 2008,

ein Supergau, oder? Da liegt Dein großer, baumstarker Mann in einem Bett der Intensivstation und kann sich nicht mehr bewegen. Neben Dir sitzt Eure Jüngste, oben spielen die beiden Größeren. Die Kleine ist Eineinhalb, die anderen Vier und Fünfeinhalb.

Ein Albtraum ist es, ihn leiden zu sehen. Eine Wohltat ist es, aktiv sein und ihm helfen zu können. Wow, Du machst das alles so gut und siehst es mal wieder nicht!

Du hast mal wieder Selbstzweifel. Kein Wunder, denn da sind wieder die Stimmen derer, die Dich so gern kritisieren. Höre nicht auf sie. Du bist gut so, wie Du eben bist. Sie sehen ohnehin nur das in Dir, was sie gerne sehen wollen. Das sind die Spiegel deiner Selbstzweifel – das weißt Du im Grunde auch. Halte durch, denn all das wird zu einem sehr guten Augenblick führen. Es werden Zeiten kommen, in denen Du das Gefühl von Familie haben wirst. In denen man Dich respektieren und um Verzeihung für das letzte Jahrzehnt bitten wird.

Dein Mann wird wieder gesund, auch wenn es gerade nicht danach aussieht und Du vor Wochen noch gefürchtet hast, dass er stirbt. Wieder ist Deine Intuition, diese Verbundenheit mit der Welt, ein großartiger Helfer. Lass Dich leiten und wachse. Du spürst ja, wie sehr Du an all dem wachsen wirst. Lass es ruhig weiterhin zu. Keine Angst vor der Zukunft, auch wenn sie gerade noch so ungewiss aussieht. Höre weiterhin auf Dein Bauchgefühl, das wird Euch allen gut tun.

Familienfoto 2008

Dear me 2011,

es tut mir sehr leid, dass die schöne Zeit mit dem neuen Familiengefühl so kurz war. Es tut mir so leid, dass Du Deine Mutter und auch die Mutter Deines Mannes verloren hast. Wie schlimm es war, die eine in Wirklichkeit und die andere im Geiste und im Herzen zu Grabe zu tragen! Nun hast Du Zeit zu heilen.

Du siehst jetzt, wie viel Schönes und Tiefes Dein Leben hat. Du hast gesehen, dass Du auch in einem Job selbstbewusst vorwärts kommen kannst. Du hast zugleich drei wunderbare Töchter und einen gesunden Mann. Du hast nun sehr viel Angst, aber diese wird Dich zu Dir selbst leiten. Sie täuscht nur vor und lenkt ab. Sie ist ein Stellvertretergefühl. Immer wieder entscheidest Du Dich dafür, lieber Angst zu empfinden als das zu spüren, was an Gefühlen wirklich da ist. Doch das wirst Du bearbeiten. Und Du wirst erkennen, dass es diese Ängste sind, die zwischen Dir selbst und der Freiheit stehen. Genau das ist ihr Daseinszweck.

Ja, das Leben ist anstrengend, aber auch tief und rein. Und voller Wahrhaftigkeit. Du hast gefunden, was Du brauchst und das wirst Du auch weiterhin können.

Taufe

Wow – das war eine spannende Reise. Das könnt‘ ich glatt zur Nachahmung empfehlen. das kann man wohl natürlich auch ohne die Fotos machen. Eigentlich ist es ja eine Kampagne zum Weltfrauentag, aber ich finde, das könnte ebenso gut von Männern geschrieben werden. Mal sehen, ob ich den meinen dazu inspirieren kann 😉

… und der Jüngling blickte in den See und ward verliebt …

… und der Jüngling blickte in den See und ward verliebt …

… als er sich mit dem Schönen vereinen wollte, stürzte er in das Wasser und ertrank. Tragisch, was dem Sohn des Flussgottes zustieß, den Caravaggio so wunderschön malte, oder?

Es gibt ein neues Thema, sogar gleich mit Studie, zur Frage nach dem modernen, elterlichen Umgang mit den Kindern. Die Welt schreibt dazu „Überhöhung durch Eltern fördert Narzissmus bei Kindern“.

Hier geht es darum, dass Eltern (Viele? Manche? Einige? Die meisten?) ihre Kinder als Dreh- und Angelpunkt des Universums ansehen. Die Kinder sind als solche immer besser als andere und über jede Kritik durch andere Eltern, andere Kinder, ErzieherInnen oder LehrerInnen erhaben. Der Ansatz sieht sich hier im Gegensatz zur Psychoanalyse an der Stelle, dass den Kindern der Narzissmus anerzogen wird. In der Psychoanalyse ist es eher so, dass ein Mensch mit zu wenig Bezug zu anderen Menschen, also einer mit kleinem Selbstwertgefühl, zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung neigen kann. Ein eher vernachlässigtes als erhöhtes Kind wird zu einem selbstverliebten Pfau wird. Einer, der keine Kritik verträgt und sich gerne als überlegen darstellt. Weil er sich eben innerlich mickrig fühlt.

Logisch – wie Psychologie immer ist, meiner Meinung nach.

Die neuen Narzissten sollen der Studie nach dazu erzogen oder geprägt werden. Klingt auch nicht unlogisch. Aber ich finde, auch ihnen mangelt es doch an elementaren Dingen: Sie werden gefördert aber wenig gefordert. Sie dürfen nicht in Ruhe mal versagen und verzagen. Sie dürfen sich nichts zutrauen und sich mal überschätzen, um durch die Umwelt eine keine Korrektur des Selbstbildes zu erfahren. Wer perfekt ist und sogar über andere Kinder erhaben, ja, der kann sich ja gar nicht weiterentwickeln – ach, er muss es ja nicht!

Klar, wir alle haben mitbekommen, dass sich die Gesellschaft der Generation Selfie ganz gerne selbst betrachtet. Und jeder kennt mindestens ein Kind, dessen Eltern es glorifizieren, wette ich.

Ich habe immer mal wieder ganz gern betont, wie sehr ich gegen das Prinzip des „Projekt Kind“ bin. Und wie schnell man vor allem bei Einzelkindern (ja ja, Klischeereiterei?) in die Falle gerät, das Kind in ein Zentrum zu setzen. Klar gibt es eine Menge nicht-narzisstische und sehr sozialkompetente Einzelkinder – aber eben auch andere. Um ein Einzelkind so zu erziehen, dass es selber aufräumt, den Müll rausbringt, seine Schuhe putzt und so weiter, braucht man innerlich die Überzeugung des pädagogischen Nutzens, Hat man mehrere Kinder, so ergeben sich diese Tätigkeiten aus der Logik des Zusammenlebens. Allein schon, weil die Eltern gar nicht die Diener markieren können. Die Versuchung, einem einzelnen Kind zu viel des Guten angedeihen zu lassen, ist jedenfalls gegebenen. Klasse ist, dass viele ihr dennoch widerstehen. Auch bei zwei Kindern ist es noch möglich, beiden alles hinterherzutragen und sie zu überhöhen. Aber ich glaube, die Möglichkeiten dazu sinken mit wachsender Kinderzahl. Also bezieht sich die Studie eventuell eher auf die moderne Drei-Personen-Familie, nehme ich an. Aber das macht sie ja weder uninteressant noch unwichtig. Der Trend zu wenigen Kindern ist nach wie vor da. Und er hat viele Ursachen, so viel ist bekannt.

Und wieder möchte ich anmerken, dass in den Zeiten vor dem Projekt Kind kein Raum war für Überhöhung. Klar gab es den klassischen verzogenen Adelsspross – aber schon mal etwas vom verwöhnten Bauernmädchen gehört? Ich auch nicht.

Die Gefahr, die eigenen Kinder zu erhöhen und mit Materiellem zu überhäufen ist recht neu, weil die Möglichkeiten dazu ebenfalls jung sind. Daher können gar nicht alle Eltern auf sie gefasst und innerlich vorbereitet sein. Das eine Kind ist eben eine ganz große Sache im Leben. Sie soll glücklich und perfekt für alle ablaufen.

Da können bestimmte Anlagen eben auf der Strecke bleiben.

Ich glaube definitiv nicht, dass eine Generation soziale Schwachmaten großgezogen wird. Aber es gibt mehr davon als vor ein paar Jahrzehnten. Irgendwie finde ich es nett, wenn es eine Phase im Leben gibt, die nur einem selbst gehört und in der man sich selbst wahrnehmen und seine (Aus-)wirkungen testen kann. Das sollte aber in einem gesunden Rahmen geschehen.

Insgesamt geht es ja immer um Strömungen – schon alte Philosophen der Antike moserten bekanntlich über die schlechten Manieren der nachfolgenden Generation. Daher halte ich nichts von einem Generations-Bashing. Aber ich denke, wenn man messbar machen kann, welche Strömungen und Trends es gibt, dann ist das interessant. Mehr Gewalt unter Kindern und härtere Gewalt unter jungen Erwachsenen ist eine Tendenz, die ich gefährlich finde. Und die wachsende Zahl Selbstverliebter auch.

Was nimmt man seinem Kind nicht alles, wenn man ihm alle Widrigkeiten aus dem Weg räumt? Wie wenig Selbstbewusstsein baut jemand auf, der als kleiner König geboren wird? Als Prinz und Prinzessin. Sind ja auch beliebte Kosenamen für Neugeborene, wenn ich das mal so anmerken darf. War in meiner Kindheit nicht so. Ich hatte keine Freundin, auf deren blütenweißer Bettwäsche in feinsten Rosa der Schriftzug „Kleine Prinzessin“ stand. Und die Kindershirts haben inzwischen aussagekräftige Prints wie: „Mein Papa ist cooler als deiner“ oder „Tut, was ich sage, sonst schreie ich“ sowie „Ich bin die Prinzessin – erwartet meine Befehle“. Ich warte noch auf „Mein Papa hat den Längsten“ und „Ich bin die rosa Projektionsfläche der Vorstellungen meiner Mama“. Das habe ich bisher noch nicht gesehen …

In der Antike, als man sich die verschiedenen Versionen der Geschichte des Narziss erzählt, warnte man bereits vor den Gefahren des Narzissmus: Mangelnde Selbsterkenntnis, die tödlich endet. Tödlich im symbolhaften Sinne. Wer sich nicht erkennen kann, der lebt nicht. Er ist ein Abziehbild, das Produkt seiner oberflächlichen Betrachtung. Er kann im Spiegel niemals erkennen, wer er wirklich ist, sondern erhöht sich aus Selbstschutz durch seine Schönheit oder Äußerlichkeit. So ist das gemeint, glaube ich. Und ein alter Hut, wie ich mal annehmen will. Narzissten gab es schon immer. Man kann sich die psychologischen Biographien vieler historischer Figuren ansehen und stößt immer wieder auf welche. Unter den Diktatoren gibt es zufälliger Weise eine Häufung.

Okay, mein Fazit: Ja, die Tendenz zum Narzissmus nehme ich auch wahr. Und zwar zum anerzogenen, der an der Basis meiner Meinung nach gar nicht so weit entfernt vom klassisch psychoanalytisch betrachteten steht, weil eben elementare Dinge wie Empathie und Selbstwertgefühl nicht durch hohle Glorifizierung entstehen können.

Wir dürfen unseren Kinder ruhig etwas zumuten. Sie können eine Menge (mehr als wir manchmal denken) und auch vieles aushalten. Vielleicht muss man nicht ohne Betäubung den Backenzahn ziehen lassen, aber Kinder können mit so vielen Dingen umgehen, dass ich manchmal ganz fassungslos bin. Das Schöne an Kindern sieht man nicht, wenn man sie mit Goldstaub bewirft. Damit verdeckt man es nur.

Wohngemeinschaft und Gefühlsduselei

Nummer 3 füllte heute Mittag ein Steckbriefbuch aus. Dieses war simplifiziert, so dass man nur ankreuzen musste: Ja oder Nein.

Zuerst schrieb sie Namen, Adresse und Co auf. Dann las sie sich durch die Multiple-Choice-Seiten.

Sie: „Mama, guck mal, hier fragen sie, in welcher Top-Model-WG ich wohnen will.“

Ich sah mir das Buch an.

Ich: „Hinten kannst Du Dir eine Auswahl an WGs ansehen – da sind die Modeltanten immer so zusammen abgebildet, dass sie eine WG darstellen. Da kannst du dir eine aussuchen.“

Sie nickte und blickte dann gleich wieder auf.

Sie: „Äh, ich will nicht mit denen in einer WG wohnen. Das ist mir zu blöd.“

Kurze Pause. Dann: „Äh, was ist überhaupt eine WG?“

Das war schnell erklärt.

Nummer 3 dazu: „Ich möchte überhaupt in gar keiner WG wohnen. Ich wohne hier am liebsten.

Damit war die Steckbriefbuchgeschichte noch nicht vorbei. Sie las die nächste Frage vor:

„Bist du heimlich verliebt?“

Kurzes Nachdenken – dann:

„Ich bin nicht heimlich verliebt. Jeder weiß, in wen ich verliebt bin (Anm.: der „Bienenhonig“)- ich zeige meine Gefühle offen!“

Ich habe mich ziemlich amüsiert über ihre Ausdrucksweise, was sie wie üblich ziemlich ärgerte 😉

Alice im Wunderland – ein ernster Artikel

Alice im Wunderland – ein ernster Artikel

Ich habe diesen Artikel in der Welt zu einem Thema gelesen, das mich selber betrifft: Kinder psychisch kranker Eltern.

Im vorletzten Post habe ich bereits angekündigt, mich zu überwinden, etwas zu meiner Kindheit zu schreiben.

Ich werde Euch hiermit also etwas sehr Ernsthaftes und sehr Persönliches zumuten. Ich finde aber, es ist an der Zeit, mich mitzuteilen. Allein schon, weil es falsch ist, sich für etwas zu schämen, das keiner Scham bedarf. Der nächste Grund, warum ich ungern und selten darüber kommuniziere ist, dass ich meine Umwelt schonen möchte. Schließlich kann sie ja nichts dafür. Im Moment hebe ich also einmal für diesen Post die „Schonzeit“ auf:

Warum möchte ich über meine Erfahrungen schreiben?

Weil ich davon überzeugt bin, dass ich mich eigentlich nicht schämen muss für etwas, das ich weder beeinflussen konnte noch verursacht habe. Ich finde es fast ungerecht, schweigen zu müssen. Ich will gar keine große Aufmerksamkeit, nur mitteilen, was ich erlebt habe. Und auch das nur in groben Zügen. Alles andere wäre zu viel. Vielleicht liest es jemand, der Ähnliches erlebt hat oder es interessiert einfach im Allgemeinen.

Was möchte ich mitteilen?

Einige Ausschnitte, Erlebnisse und Gedanken, die ein Bild entstehen lassen. Wollte ich alles strukturiert und chronologisch aufschreiben, dann müsste ich ein Buch verfassen. Ich schneide einfach einige Schlüsselsituationen heraus und schreibe sie auf. So ist es einfach ein Bild von Erlebnissen. Keine tiefe Analyse und keine unpersönliche Falldokumentation. Es wird, wie solche Ausschnitte es oft sind, ein wenig unchronologisch und fremdartig anmuten. Fremdartig, weil der Lesende immer in eine ganze eigene, fremde Welt hinein geholt wird. In diese muss er sich erst einmal einfinden und er muss sie für sich sortieren.

Kurzer Disclaimer:

Ich muss eingangs Folgendes sagen: Einem Kind kommt die Welt der Familie, dieser „Mikrokosmos“ als komplett stimmig und logisch vor. Es hinterfragt erst einmal nichts. Weder, wie viel die Mama trinkt oder wie oft der Papa flucht oder dass die Eltern bei offener Tür zur Toilette gehen. Es gibt eigene Ausdrücke und fast einen eigenen Slang. Eine Familiensprache, die man selber nicht bemerkt. Als Kind und auch später noch neigt man zur Systemblindheit. Man erfasst alle Dinge als gegeben. Genau so habe ich es auch getan. Ich war längst ausgezogen, als ich begriff, dass manches nicht gut und gesund gelaufen ist.

Wie erfuhr ich von den psychischen Erkrankungen meiner Eltern?

Dass meine Eltern und ihr Umgang mit mir recht besonders waren, fiel mir erst zunehmend auf, als ich Mr. Essential kennenlernte. Das war im Jahr 2000. Ich erzählte von Zuhause und er runzelte die Stirn. Wenn ich Dinge im Plaudertonfall berichtete, die mir normal vorkamen, dann sah er mich fragend an. Ich wusste zu der zeit schon, dass ich mit Dingen zu kämpfen hatte und arbeitete an mir. Und das tat ich eben auch, indem ich mit ihm redete. Irgendwann war er nicht mehr nur verwundert, sondern verständnislos und dann letztlich wütend. Und irgendwann begann er, seine Gedanken auszusprechen. Er sagte. „Deine Eltern sind so: Wenn man irgendwas nur noch ein bisschen schlechter macht als die, dann kommt man in den Knast.“ Er wusste nicht, dass er damit untertrieb. Und ich wusste es selber noch nicht.

Ich habe immer wieder von Menschen meines Umfelds Stirnrunzeln, Kommentare oder auch Unglauben geerntet für etwas, dass ich aus dem Zusammenleben mit meinen Eltern erzählte. Das war für mich natürlich interessantes Feedback und mit der Zeit begriff ich mehr und mehr, dass vieles nicht normal war. Normal im Sinne von: Nicht schädlich für mich, dem liebevollen und gesunden Umgang zwischen Eltern und Kind entsprechend.

Natürlich habe ich in der Zeit auch begriffen, dass mich meine Kindheit sehr beeinflusst hat und befreite mich von den ersten tieferen Folgen des Ganzen erstmal alleine und auch in Zusammenarbeit mit Mr. Essential. Ich tastete mich an Traumata heran und bekam Ahnungen, hatte aber wenig Greifbares, um damit arbeiten zu können.

Ich habe meine Eltern und mein Familiensystem (auch recht typisch) jedoch lange verteidigt. Bis irgendwann (ich glaube, es war im Jahr 2010 oder vielleicht 2011) im Rahmen meiner gestarteten Therapie langsam zu Tage kam, was so alles eben nicht normal war und ich die Zusammenhänge des Familiensystems und meinem Befinden umfänglich begreifen konnte. Zu Beginn war es noch, wie eine Maus in einem riesigen Labyrinth zu sein. Später sah ich das Labyrinth mehr und mehr aus der Vogelperspektive.

Warum habe ich eine Therapie begonnen?

Weil ich 2008 aus für mich heiterem Himmel eine Panikattacke bekommen habe und Mr. Essential den Notarzt rief, da es mir so erschien, als würde ich ersticken. Dieses unangenehme Ereignis wiederholte sich dann immer mal wieder. Zudem bekam ich dauernd Angst, mein Herz könne stehenbleiben. Mein Körper reagierte – ich hatte dauernd irgendwelche Verdauungsprobleme, mein Magen war oft mit Luft aufgebläht, drückte auf die Lunge und gegen den Reiznerv des Herzens. Es stolperte manchmal deswegen, was mir noch mehr Angst machte. Die Ärzte gaben aber nur gutes Feedback – körperlich war ich gesund.

Ich war trotz meiner inneren Bedrängnisse noch nicht bereit, mir Hilfe zu holen und wollte (wie gehabt) weiter alleine kämpfen. Wir zogen bald darauf um und ich war erst einmal beschäftigt. Mr. Essential wurde ja dann auch bald krank und wieder gesund – was Zeit in Anspruch nahm. In dieser Zeit hatte ich keine Attacken oder Ängste. Sie waren wie weggeblasen, denn ich legte meine Psyche auf Eis, damit ich ganz für ihn da sein und die Lage unter Kontrolle halten konnte. Krankenhaus, Kinder, Haus, Arbeit – das reichte mir völlig aus. Da war kein Raum für mich und mein „komisches Angstproblem“…

Ohnehin war ich eher dazu erzogen, mich durch meine Angst dumm und klein zu fühlen. Unfähig und schwach – dagegen musste ich ankämpfen. Etwas in mir sagte, dass ich keinen Grund für solche Schwächeanfälle hatte. Ich hatte keine Akzeptanz meiner echten Befindlichkeit. So etwas hatte ich nie gelernt. Von klein auf war ich auf andere fixiert und bekam oft aus familiärem Umfeld unstimmiges Feedback auf meine Gefühlsäußerungen, bis ich sie immer mehr unterdrückte und letztlich nur noch stark angepasst und rationalisiert äußerte. Dieser Umstand war ein übler Gegenspieler – und ist es bis heute noch immer wieder.

Mein Leidensdruck wurde größer als Mr. Essential wieder fit genug war und arbeiten ging. Ich wollte doch Hilfe, ehe es allzu heftig werden würde:

Es war ein sonniger Nachmittag, an dem ich Müll rausbrachte. Plötzlich hatte ich das Gefühl, während ich da so an den Tonnen stand, ich würde in eine fremde Realität gezerrt oder gesaugt. Das war so intensiv und furchtbar!

Doch ich tat, was ich immer gern tat: Ich atmete durch und machte weiter. Später am Tag folgte dann noch beim Lidl in der Cerealien-Abteilung eine weitere Panikattacke. Ich habe die zu diesem Zeitpunkt schon unter Alltags-Bestandteil abgehakt: „Oha, da ich nicht sterbe, sondern es sich nur so anfühlt, kann ich weiter funktionieren und zur Kasse gehen.“

Aber an diesem Tag beschloss ich, mir Hilfe zu suchen.

Und diese fand ich in Person eines unglaublich guten, erfahrenen, sympathischen und humorvollen Therapeuten für tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Es dauerte viele Monate, bis ich an die sehr, sehr heftigen Inhalte herankam. Und sie ließen mich nicht schlafen. Und sie raubten mir den Atem. Und sie fesselten meine Gedanken.

Ich saß im Büro und sah meine fröhlichen Kollegen an, während ich mir sehr hässliche Bilder aus dem Kopf schütteln musste, um so zu arbeiten als wäre nichts. Das galt auch für den Rest der vielen Tage, Wochen, Monate: es gab schließlich keine Krankschreibung – ich musste alles so leisten wie sonst auch. Kinder, Job, Haushalt, Termine. Alles wie immer.

Ich konnte kaum über die Dinge sprechen, die sich als Erinnerungen zeigten. Ich konnte spüren, hören und mich an Bilder erinnern. Ich habe diese Inhalte bisher auch nur sehr wenigen Menschen anvertraut, was ich auch in Zukunft so handhaben werden. Ich sage so viel: Es geht unter Anderem um gemeinschaftliche sexualisierte Gewalt, die mir durch meine Mutter und einen Verwandten begegneteIch sehe die Erkrankung meiner Mutter als großen Teil des Antriebs, so etwas zu tun. Nicht alle Menschen mit ihrer Erkrankung tun so etwas. Das möchte ich betonen.

Es kamen auch viele weitere Zusammenhänge in mir hoch. Endlich bekam ich Erklärungen für so viele Gefühle, für Ängste und unbewusste Mechanismen. Ich begriff woher meine ganzen Unsicherheiten und Befürchtungen kamen. Und ich war so zutiefst verunsichert – in der Retrospektive bin ich manchmal noch erschrocken darüber. Äußere Betrachter haben mich stets als selbstbewusste, manchmal toughe und immer sehr humorvolle Frau beschrieben. Eloquent, gebildet, selbstsicher. Alles Unsinn. Innendrin war ein verschrecktes Kind. Außen war diese Frau. So fühlte sich das zu diesem Zeitpunkt damals an. Inzwischen weiß ich, dass die Beobachter Recht haben. So bin ich wirklich. Das verschreckte Kind wollte nur geheilt werden.

„Veränderung ist, wenn du wirst was du bist“ steht auf der Homepage meines Therapeuten. Wegen dieses Spruchs wusste ich damals sofort, dass er der Richtige für mich sein würde. Der Satz trifft den Kern. Der Vorgang, zu werden wer man ist, dauernd ewig an.

Die Bewusstwerdung sexuellen Missbrauchs kam nicht wie ein Schock – das hatte ich vorher gewusst. Jedoch waren die Erinnerungen selbst schockierend. Und zu wissen, durch wen es passiert war. Der Missbrauch war nicht der Mittelpunkt der Therapie. Wir haben über sehr viele Dinge gesprochen und ich habe Erkenntnisse in rauen Mengen bekommen, um eben werden zu können, wer ich eigentlich bin. Und heil werden zu können.

Wie habe ich die Phase des Begreifens erlebt?

Ich hatte beispielsweise Erlebnisse, wie nachts aufzuwachen und zu denken, nein, zu wissen: „Es steht ein Dobermann an meinem Bett!“ Ich spürte den warmen Atem und roch den Speichel. Und spürte auch die kühle Luft des Schlafzimmers sowie die Bettdecke auf mir. Dann erst wachte ich wirklich auf. Aber nur, um zu sehen, dass sich mir zwei Gestalten nähern, um mir etwas zu tun. Ich sah sie und spürte meine Furcht. Dann erst wachte ich wirklich auf und war in meiner eigenen Gefühlswelt als sehr kleines Kind. Ich war panisch und wiederholte immer wieder eine Drohung, die meine Mutter wohl im Rahmen des Missbrauchs ausgesprochen hatte. Ich war sehr glücklich, meinen Mann neben mir zu haben, der nicht nur sofort hellwach war, sondern auch augenblicklich begriff, was vor sich ging.

Dieses „mehrmalige Erwachen“ ist ein sehr seltenes psychologisches Phänomen, das kaum erforscht wurde, wie ich später erfuhr. Ich denke, es ist, als bewege man sich von der Symbolschicht der Psyche hinab an den Kern.

Ich war erschöpfter, manchmal weinerlicher, manchmal wütender. Nervös, angespannt, selten richtig entspannt.

Wie kam „heraus“, was genau mit meinen Eltern los ist?

Das geschah auch während der Therapie. Ich wusste „plötzlich“, was mit meiner Mutter ist. War doch ihre Erkrankung bereits in meiner Ausbildung ausführlich erklärt und thematisiert worden. Zudem hatte ich in meinem ursprünglichen Beruf als Familienpflegerin einmal eine Familie betreuet, in der eine Mutter die gleiche psychische Erkrankung hatte.

Ich habe es eigentlich schon lange gewusst, schon seit kurz nach der Geburt von Nummer 2 im Jahr 2004.

Ich hatte es von einer Sekunde auf die andere begriffen, während ich meine Mutter ansah: Wie sie da saß in ihrer „teeniemäßigen“ Kleidung und Versandhauskataloge blätterte, mit diesem seltsam geschauspielerten, fast verkrampft lächelnden Gesichtsausdruck. Mit diesem Lächeln wollte sie mir etwas sagen. Sie wollte mit vielen Ausdrücken, subtilen Bemerkungen und Kommentaren etwas sagen. Ich hatte sie damals fast zwingen müssen, nach der (Haus-)Geburt ein paar Tage bei uns zu sein, damit sie mir vielleicht ein bisschen half. Oder sich freute, noch einmal Oma geworden zu sein – das allein gefiel ihr schon nicht und sie wurde auch nur ungern so betitelt. Sie wollte eigentlich nicht zu uns kommen und hatte auch gebeten, dass ich „jemand Fremden von so einer Sozialstation“ kommen lasse an ihrer Stelle.

Ich hatte aber dieses feste Bild der Mutter, die sich für ihre Tochter interessiert und in so einem Moment bei ihr sein möchte. Und das wollte ich (noch) nicht loslassen. Weil ich sie dazu gedrängt hatte, bei uns zu sein, saß sie jedenfalls demonstrativ da und blätterte mit ebenfalls demonstrativem Genuss durch die bunten Seiten.

Mit übergeschlagenen Beinen und eben diesem Gesichtsausdruck, den ich heute „die Maske“ nenne. Und an dem ich Menschen mit ihrer Erkrankung so zielsicher erkenne, dass sowohl Mr. Essential als auch ich schmunzeln müssen, wenn sich eine meiner „Diagnosen“ bestätigt.

Ich verdrängte meine Diagnose im Falle meiner Mutter jedoch sofort wieder, nachdem ich sie damals betrachtet hatte und vergaß sie bis es nicht mehr anders ging. Da platzte es während eines Gesprächs mit Mr. Essential aus mir heraus. Ich sprach aus, was ich als Erkrankung meiner Mutter vermutete und ich sah an seinem Blick, dass er sofort begriff.

Irgendwann sprach ich das Wort, meine vermutete „Diagnose“ während der Therapiestunde aus, weil ich sehen wollte, was mein Therapeut dazu dachte. Ich wollte endlich wissen, ob ich richtig lag. Hatte ich mir doch bereits Lektüre zum Thema gekauft und gelesen. Ein Selbsthilfebuch für Kinder von Erkrankten, das mich beim Lesen zu (bei mir sehr seltenen) Tränen rührte.

Ich sagte „Borderline Persönlichkeitsstörung“ und er nickte langsam.

So war das. Ich ging danach raus zum Auto und war glücklich. Das Schreckgespenst hatte einen Namen. Ich war nicht verdreht und meine Wahrnehmung war nicht verzerrt. Ich war nicht überempfindlich und komisch und verrückt. Meine Gefühle waren lediglich logische Konsequenzen der Dinge, die mir widerfahren waren.

Ich war ein Mensch mit Angst, weil ich in der größtmöglichen Unsicherheit aufgewachsen war. Ich hatte gelebt wie Alice im Wunderland, die nie wusste, was hinter der nächsten Tür war. Ich hatte in dauernder Angst vor einer Mutter gelebt, die man bestenfalls als launisch bezeichnen konnte. Die ihre „Liebe“ zu mir abhängig machte von meinem braven, gefälligen Verhalten. Die mich vergötterte und in eine enge Symbiose zwängte, um mich mit Beginn der Pubertät fallen zu lassen. Deren Laune von „du bist mein Ein und Alles, meine Rettung“ zu „wie du aussiehst! Wie du gehst! Wie du atmest, Herrgott noch mal!“ wechselte. Gern auch binnen 30 Minuten.

Ich musste während meiner gesamten Kindheit stets auf der Hut sein und meine Antennen verfeinern, damit ich ihre Launen im Blick hatte, um den Moment abzupassen, in dem sie kippen würden. Und genau bevor sie das taten, musste ich aktiv werden. Ich musste sie aufheitern, verstehen, trösten, stärken, führen, ihr die Welt erklären. Ich hörte mir ihre Eheprobleme an, ihre sexuellen Probleme – ich war ihre Zwangs-Freundin. Ich erklärte ihr, wie Menschen funktionierten, immer wieder. Ich war eine Projektionsfläche – mal war das oberflächlich angenehm, dann wieder sehr schmerzhaft für mich.

Sie war jemand, der sich während der vielen Streits mit meinem Vater Hals und Gesicht zerkratzte. Sie hatte früher oft blaue Flecken als junge Frau, so erzählte mein Vater später. Dinge und Menschen, die sie bewunderte konnte sie kurze Zeit darauf bereits verachten. Sie konnte uralte Erinnerungen in den assoziierten Gefühlen nie loslassen. Ihr größte Angst war es stets, nicht geliebt zu werden. Liebte man sie, so verlor sie rasch das Interesse. Sie war immer hinter den Menschen her, deren Zuneigung sie gewinnen wollte.

Als ich bereits ausgezogen und in meiner Ausbildung war, habe ich mal zu ihr gesagt, ich würde ihr mein herz offen hinhalten, aber sie würde nur beiseite blicken – es nicht mal ansehen. Als sei es keines Blickes wert. So hat sich das wohl angefühlt. Dank meines eidetischen Gedächtnisses weiß ich noch so viel. Manchmal aber fehlen mir die Gefühle zu den Erinnerungen. In diesem Fall ist es so.

Ich weiß inzwischen sehr viel über diese Erkrankung und ich bin meiner Mutter insoweit nicht böse, dass ich sie als kranken Menschen akzeptiert habe und sehr wohl Mitgefühl empfinde, weil sie von kleinauf dazu verdammt war, so unglücklich zu sein. Denn glücklich war sie nie. Irgendwie immer gehetzt und sie fühlte sich dauernd ungeliebt. Das wiederum konnte ich wettmachen, indem ich sie geradezu vergöttern musste.

Ja, ich hatte eine Kindheit – zumindest den Symbolen nach: Ich hatte Puppen und Teddies, ein Fahrrad und Freunde. Ich sah mir die Vorabendserien an und flunkerte meine Mutter manchmal an. Ich liebte schöne Kleider und war überzeugt, einer anderen, am liebsten adligen Familie zu entstammen, deren Personal mich irgendwann abholen würde. Ich hatte in der äußeren Welt alles, das Kinder so hatten.

Aber ich glaube, ich war kein Kind. Ich war nie losgelöst oder albern. Nie unbeschwert oder achtlos. Da war kein Urvertrauen in mir. Ich war seltsam, weil ich seltsame Erfahrungen machte. In der Schule wurde ich wegen meiner seltsamen „Aura“ gemobbt – die Kinder spürte, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Und haben es ausgedrückt, in dem sie mich an der Haltestelle verprügelten.

Ich kann und will nicht im Detail alles aufschreiben, was die Erkrankung meiner Mutter ausmachte. Vielleicht schreibe ich ab jetzt immer einmal wieder etwas dazu, wenn es thematisch passt. Ich brach jedenfalls den Kontakt zu ihr ab, um mich selbst zu schützen. Und weil ich begriff, dass sie niemals etwas wie echte Liebe würde empfinden können. Eine Beziehung zu ihr würde für mich weiterhin mehr Leid als etwas anderes bedeuten, da sie nicht auf etwas Authentischem aufgebaut sein konnte. Da wären nur Bilder und wechselhafte Schauspielereien, von ihr gespielte Rollen und leere Worte. Wechselhafte Gefühle. Ich würde weiterhin die sein, die Verständnis haben müsste. Mit jemandem, der mich als kleines Kind in Todesangst versetzt hatte. Das war mir ehrlich gesagt zu viel. Und ist es heute noch.

Und mein Vater?

Ich trug das Thema „Borderline“ an meinen Vater heran, bei dem das eine Lawine auslöste. Er informierte sich selbst eingehend und befand, sein Leben mit meiner Mutter sei eine einzige Art von Lüge gewesen.

Er trennte sich nach über 40 Ehejahren binnen zehn Tagen von ihr. Es gab zwei, drei Gespräche zwischen den beiden, in denen er wohl deutlich und heftiger wurde (ich war nicht anwesend), dann trennten sich ihre Wege. Meine Mutter zog aus. Scheiden lassen wollten sie sich aus Kostengründen wohl nicht, aber mein Vater warf sie aus der gemeinsam gekauften Wohnung hinaus und sie ging anscheinend zunächst in ein Frauenhaus. Später zog sie mit dem autistischen Sohn ihres kurz zuvor verstorbenen besten Freundes zusammen.

Mein Vater sah zu jener Zeit mit einem Mal, wie sehr mein sechs Jahre älterer Bruder (zu dem ich den Kontakt zuvor hergestellt hatte, nachdem meine Familie ihn eine Ewigkeit zuvor als persona non grata verbannt hatte) und ich gelitten hatten.

Mein Bruder hat eine Sozialphobie entwickelt und befindet sich irgendwo im autistischen Spektrum (sein „Schneckenhaus“, wie ich es nenne). Er hat auch eine Geschlechterrollenidentifikationsstörung. Und er lebte alleine, einsam und fehlernährt. Ohne Schulabschluss oder eine Ausbildung. Als er damals mit 17 aus unserem Elternhaus auszog, war er rund 1,55 Meter groß. Er sagte, er habe nicht wachsen wollen, weil er eine Angriffsfläche bieten wollte. Nach dem Auszug wuchs er binnen einen Jahres 20 Zentimeter. Damals war er 18. Später prügelte er sich oft, war ein Punk, rauchte Dinge, die man nicht rauchen sollte und trank mehr als man trinken sollte. Er lebte in einer betreuten WG mit fähigen Sozialarbeitern, die auch dann mal das Wort Autismus fallen ließen. Für meine Eltern war er der Grund ihres persönlichen Martyriums – so „komisch“ wie er (undiagnostizierter Autist) immer gewesen war. Sie waren einfach froh gewesen, ihn los zu sein und der Kontakt brach ab.

2011 war alles anders: Unser Vater traf sich mit uns. Wir feierten Weihnachten. Es war das schönste Weihnachtsfest meines Lebens.

Wir empfanden uns als Kern, als „Rest vom Schützenfest“, wir hatten wenigstens uns. Ich durfte endlich mal ein Weihnachtsfest verbringen, an dem ich ganz ich selbst war. Das Jahrzehnt zuvor hatte ich mich immer anpassen und verstellen müssen, wenn wir bei meiner Schwiegerfamilie feierten. Und die Stimmung war unter der Oberfläche angespannt, komische Dinge wurden gesagt und getan. Es war einfach anstrengend und obwohl ich wenig Alkohol trinke, würde ich sagen: Nüchtern kaum zu ertragen. Ich bin durch meine fein ausgebildeten Antennen leider sehr empfänglich für Stimmungen. Das erschwert für mich persönlich Systeme zu ertragen, in denen Unterschwelliges herrscht. Oder in denen es Schweigegebote gibt.

2011 war es anders. Wir haben entspannt gegessen, gelacht und gequasselt. Richtig toll war das. Mein Bruder war glücklich mit seinen drei Nichten und tobte mit ihnen. Er hatte wunderschöne Geschenke für sie ausgesucht, auf die er richtig hatte sparen müssen, da er als Zeitarbeiter nicht gerade in Geld schwimmt. Mein Vater trank ein Gläschen mit mir und wir plauderten. Nummer 3 trug ein lustiges Weihnachtslied vor, wir lachten, er freute sich über die Kinder und über mich. Er sagte, er sei glücklich, weil es mir so gut ging. Und stolz auf mich sowie die Enkelkinder.

Wir sprachen später auch über das Vater-Sohn-Verhältnis. Mein Bruder war zuvor voller Aggressionen unseren Eltern gegenüber gewesen. Doch die Trennung der beiden bewirkte bei ihm, dass er sich freute, seinen Vater wieder zu haben. Er vergab ihm die viele Gewalt, die mein Vater ihm angetan hatte fast im Augenblick des ersten Gesprächs.

Ich war vorsichtiger, misstrauischer und (wie immer) eher analytisch-distanziert meinem Vater gegenüber.

Mich störte, dass für unseren Vater unserer Mutter fortan die Buh-Frau war. Sie war an allem Schuld. Er war ihr Opfer. Aber das wollte ich zunächst alles verdrängen. Ich wollte dieses Gefühl von Familie genießen. So lange hatte ich nach diesem Gefühl gesucht. Und ich war immer bereit gewesen, dafür viel einzustecken. Das war eben schon bei meiner Schwiegerfamilie so. Ich wollte verzweifelt und unbedingt ein Nest. So sehr, dass ich mich auch in ein Nest aus Dornen setzte. Hauptsache ein Nest. Ach, das ist alles auch schon so lange her …

Unser Vater sagte, er habe ja nicht gewusst, wie schlimm es für uns gewesen sei, unsere Mutter habe ihm ja ein Bild vorgefertigt. Es sei alles gefiltert bei ihm angekommen. Er habe nur gesehen, wie sehr sie unter den Kindern gelitten habe. Alles sei zu anstrengend für sie gewesen. Wir seien beide zu intensive Individuen für seine Frau gewesen. (Schnelle Überforderung im Alltag gehört zu den Elementen ihrer Erkrankung).

Wochenlang hatte sie jeden Abend immer geklagt, bis es ihm zu viel geworden sei. Dann sei er eben meinem Bruder gegenüber gewalttätig geworden. Belastend gewalttätig. Ich hingeben bekam so etwas nur später ab, als ich nicht mehr das liebe Mädchen war, sondern mir eigenen Charakter und eine wachsende Persönlichkeit zulegte (Pubertät).

Ich hatte zuvor die Rolle des stets perfekten Mädchens inne und schob Panik, da raus zu fallen, indem ich mich impulshaft verhielt – also so, wie Kinder es tun.

Ich musste die Mutter trösten, weil sie einen so „schier unzumutbaren“ Sohn hatte und ebenso einen furchtbar lieblosen Mann. Er war das, was die Psychologie im System der Borderline-Eltern-Problematik als das „Schwarze Kind“ bezeichnet. Das Buh-Kind, das schwarze Schaf, auf das man alles projiziert, das einem am eigenen Leben nicht gefällt und für das man keine Verantwortung übernehmen möchte oder kann. Der Partner war in den Augen meiner Mutter Täter-assoziiert, weil sie sich in allen Belangen als Opfer sah.

Und ich war eben das „weiße Kind“ – die Mischung aus gefälligem Pausenclown und Spielzeug. Wir beide mussten in unseren Rollen bleiben. Alles andere stört das System. So vergingen die Jahre unserer Kindheit. (Und ich zeichne hier ein Bild mit sauberer Wohnung, Geburtstagsgeschenken, Verwandtenbesuchen und einem Vater, der stets fleißig arbeitete. Die Außenwelt war blitzsauber. Meine Mutter war allseits beliebt und hilfsbereit. Niemand hätte mir jemals geglaubt, wenn ich etwas von hinter der Fassade berichtet hätte.

2012 – am Ende verlor ich beide

Beim zweiten Weihnachten mit meiner Familie sowie Vater und Bruder als Besuchern brannte mir bereits unter den Nägeln, etwas zu sagen, etwas anzusprechen. Ich wollte meinen Vater konfrontieren. Ich wollte ihn fragen, wieso er denn überhaupt keine Verantwortung bei sich selber sehe. Und auch, wieso er mich so selten besuche, wo doch dies angeblich immer nur wegen meiner Mutter so gewesen war (sie fuhren die eine Autostunde nur drei Mal im Jahr). Wie es dazu habe kommen können, dass unsere Mutter die Schuld an allem trage und er keinen Hauch Verantwortung für gar nichts.

Wenige Tage vor dem Fest rief er mich an und sagte mir, wie unglaublich beeindruckt er von mir sei. Wie stark ich sei. Und was ich doch alles erreicht habe, trotz allem. Und wie großartig unsere Kinder seien und wie dankbar er sei, weil ich überhaupt noch mit ihm reden würde. Es sei einfach wunderschön und ich hörte Rührung in seiner Stimme. Er sagte auch, er habe sich eigentlich immer eine Frau wie mich als Partnerin gewünscht, was mir ein komisches Gefühl machte, das ich aber verdrängte. Er schien mich jedenfalls einigermaßen verlässlich zu mögen, folgerte ich aus diesem Honig-Überguss.

Also wagte ich es, ihn spät abends in geselliger Runde auf diverse Dinge anzusprechen. Die Kinder schliefen bereits. Wir redeten ohnehin über das Thema Mutter/Familie und da passte es. Ich hatte eine unbändige Furcht in mir, etwas zu sagen, das ihm nicht gefallen würde. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind mit der Angst vor richtig heftiger Strafe oder Schimpfe. Letztlich aber dachte ich, dass mir das Verhältnis zu ihm unwahr vorkam. Etwas daran war eine Lüge: Nämlich das Schweigegebot für mich. Dieses unausgesprochene Verbot, ihn zu kritisieren.

Er verabscheute Kritik. Außer, er konnte sich in ihr heroisch darstellen. Das ging nur, wenn er die Kritik selber äußerte. Heroisch ging dabei auch im Zusammenhang mit tiefem, sehr tiefem Schuldeingeständnis, das ihn an sich bereits adelte. Aber richtige, treffende Kritik von außen – die ging nie.

Ich sagte jedoch die Dinge, die mir auf der Seele brannten.

Als sich die beiden tags darauf verabschiedeten, hatte ich ein ganz mieses Gefühl. Einige Wochen später lud ich meinen Vater postalisch zu Nummer 2s Kommunion ein. Er reagierte nicht. Ich ließ ihn erstmal in Ruhe und ahnte, dass ich nun den Preis für meine Wahrheitsliebe zahlen würde.

Die Wochen vergingen und er rief nicht an. Schließlich rief Nummer 2 selber irgendwann an. Und dann rief am Morgen des Fests sogar Nummer 1 noch bei ihm an, obwohl ich ihr das hatte ausreden wollen. Er hob nicht ab. Zwei Wochen später erreichte ich ihn.

Er flüchtete sich in Ausreden über eine defekte Telefonanlage und plauderte dann drauf los, ehe ich ihn an sein Handy erinnern konnte, mit dem er jederzeit einen Anruf hätte tätigen können. Letztlich aber drehte sich sein Monolog irgendwann und er teilte mit, dass er mit mir keinen Kontakt mehr haben wolle. Er würde mich nicht verachten, aber ich sei irgendwie verrückt. Er müsse sich jedenfalls vor mir schützen. Ich war zu verletzt oder erschrocken, um ihn zu fragen, ob sein plötzlicher Sinneswandel eventuell mit meiner Konfrontation und Kritik zu tun hatte.

Er plauderte weiter. Er habe sich ein neues Auto gekauft. Und er würde weiterhin so viele Frauen kennenlernen, es sei einfach krass. Er würde keine Beziehungen mehr wollen, aber ansonsten sei es unfassbar, wie viele Frauen auf ihn flögen. Es sei wohl ein richtiger Frauenschwarm.

Ich verabschiedete mich und legte auf.

Ich dachte nach. Auch hier schlich sich in meinen Kopf, was ich in den vergangenen Monaten zuvor bereits gedacht hatte: Die zwangsweise rosarote Brille der wiedervereinigten Familie war ja nun weg. Ich sprach zuerst mit Mr. Essential (der vor Wut auf meinen Vater kochte und sich erst beruhigen musste). Jemand wie mein Vater ist ebenso wenig wirklich Herr über seine Gefühle, Taten und Worte wie eben meine Mutter.

Ich diagnostizierte mutig schon einmal vor, um mir dann einen neuen Termin beim Therapeuten zu machen.

Ich erzählte ihm zunächst von den Vorgängen der vergangenen Monate und schließlich von jenem kruden Telefonat.

Er sagte mit ehrlichem Bedauern ungefähr Folgendes: „Es tut mir sehr, sehr leid, dass sie ihren Vater nun doch verloren haben. Sie hatten es befürchtet, ich habe sie ermutigt, es dennoch zu versuchen. Und nun das. Ich bedaure das ehrlich sehr.“

Ich nickte, sah ihm in die Augen und meinte: „Mein Vater ist ein Mann, der sich gegen jeden behauptet. So sagte er immer. Niemand kann ihm wirklich das Wasser reichen. Er lebte mit einer schwer borderline-kranken Frau zusammen. In einer von beiden präferierten Täter/Opfer-Beziehung. Er präsentierte sich nach der Trennung als totaler Frauenschwarm – eine Rolle, die ihm schon immer sehr gefiel. Er verfügt über wenig Interesse an anderen Menschen, ist wenig empathisch. Ihm ist am wichtigsten, dass ihm niemand das Wasser reichen kann. Ich glaube, ich habe auch für ihn eine Diagnose.“

Mein sympathisch-beherzter Therapeut sah mir ebenfalls in die Augen und nickte langsam. Er wusste, wovon ich ausging und bestätigte es: Von einem Narzissten. So, da stand ich nun. Und wusste Bescheid.

Und trauerte.

Denn in diesem Moment hatte ich meine Eltern beide verloren.

Wie fühlt es sich ohne den Kontakt zu meinen Eltern an?

Ein Leben mit ihnen würde so wenig Sinn machen, wie Essen ohne Nährwert zu sich zu nehmen, bei dem am nie weiß, ob es gerade ausverkauft, verbrannt, versalzen oder überzuckert ist. Man kann das tun und aushalten. Ich aber habe nie begriffen, warum mein Therapeut mir dazu geraten hat. Oder warum er glaubte, meine Mutter würde zu Familienfesten eingeladen und eine „Amnestie“ erhalten, wie er das nannte. Es ist nicht so, dass ich nicht vergeben könnte. Ich kann einem kranken Menschen nicht böse sein. ich kann mich über die Folgen seines Verhaltens ärgern und darunter leiden. Und die Folgen dann so weit wie möglich abwenden. Aber warum soll ich mit diesen Eltern zusammensitzen, als sei nichts? Das würde sich für mich wie ein selbstverleugnendes Treffen mit zwei Abziehbilder der Elternrolle bedeuten. Daraus zöge ich persönlich zumindest nichts. Und beide haben keine Anstalten mehr gemacht, den Kontakt zu suchen. Ich ganz persönlich sah und sehe keinen einzigen vernünftigen Grund, den Kontakt zu suchen.

Vor allem auch, weil die Reaktionen unserer Kinder eine mich völlig überraschende Sprache sprachen:

Als ich zuvor den Kindern erklärt hatte, dass der Opa sich von der Oma trennen wolle, kam von Nummer 2 exakt dieser Satz:

„Ach, hat er es endlich bemerkt? Nicht schlecht.“

Nummer 1 sagte:

„Ich habe immer gemerkt, dass die Oma einen nicht richtig liebt. Das kann die gar nicht. Die war nie so gerne bei uns und hat immer nur aufgepasst, dass wir sie nur ja nicht dreckig machen. Und wieso hat sie sich dann immer so superschick gemacht, wenn sie uns besucht hat? Um einen Grund zu haben, uns von sich fern zu halten?“

Nummer 3 hatte wenig dazu zu sagen und nahm wie oft eine beobachtende Position ein. Schließlich bemerkten sie alle drei:

„Müssen wir nun nicht mehr die hässlichen, kratzigen Pullover anziehen, die die Oma immer für uns gestrickt hat?“

„Nein,“ habe ich gesagt und wir haben uns angelächelt.

Im Folgenden sprachen wir immer wieder über diese Thematik. Sie wissen jedoch bis heute nichts von der sexualisierten Gewalt. Aber Nummer 2 sagte in jener akuten Phase damals zu mir:

„Wir (Kinder) glauben übrigens, du hast ein Geheimnis. Es gibt etwas, das du uns einfach nicht erzählst und das ärgert uns irgendwie. Wir glauben, dass du unter etwas leidest, das wir nicht kennen. Und wir wollen das wissen.“

Die Trauer

Obwohl ich selbst hier die für mich allerwunderbarste Familie habe und das für mich wirklich das ist, was zählt, trauere ich. Ich trauere, weil ich niemals meine Mutter anrufen kann, um etwas Tolles über die Kinder zu erzählen. Ich kann sie nicht um Rat bitten. Ich kann niemals mit ihr Einkaufen gehen oder mit ihr über etwas traurig sein. Oft hätte ich so große Lust, (m)eine Mutter anzurufen und ihr etwas zu berichten. Von einer guten oder schlechten Note. Oder ich würde sie einfach anrufen, um zu hören, was sie so erlebt und wie es ihr geht.

Es ist, als sei sie tot, während sie aber eben lebt.

Ich vermisse inzwischen nicht mal unbedingt sie – darüber bin ich vielleicht hinaus – sondern ich vermisse es, eine Mutter zu haben. Es ist fast, als hätte ich nie eine gehabt. Sondern eine Art böse Stiefmutter. Wie Schneewittchen. Das heißgeliebte Idol meiner Kindertage, das sich ich bis heute aus liebevoller Selbstironie sammle oder darstelle (daher das Zombiewhite von Halloween …)

Ich las übrigens einmal Eugen Drewermanns tiefenpsychologische Deutung zum Märchen Schneewittchen.

Es handelt seiner Forschung nach von der Tochter einer borderlinekranken Mutter …

Randgruppenerinnerungen: Damals … vor 20 Jahren

Damals vor 20 Jahren spielte Mr. Essential in einer Metal-Band. Death Metal. Ganz wichtig – wenn ich ihn nämlich mal ärgern will, dann behaupte ich, es sei Black Metal gewesen …

Die Band Execrate fuhr zu einem Konzert in die Eifel. Mitten im Winter. Mit Mr. Essential als Fahrer:

Foto 1

Foto 2

Foto 3

Foto 5 (1)

Foto 4

Foto 1 (1)

Foto 2 (1)

Hust und Aua und Max Black

Hust und Aua und Max Black

Ich würde sehr gerne etwas ausführlicher Schreiben, aber ich habe mal wieder Aua-Rücken (diesmal im oberen Bereich, so dass jedes Einatmen wehtut, ich nachts deshalb aufwache etc. pp.) und bin erkältet. Husten tut also auch weh – für so einen Driss habe ich keine Geduld, echt!

Gegen das Rückenaua hilft (ausschließlich) Yoga. Die tollen Muskelentspannungstabletten vom Arzt wirken null. Egal, Hauptsache ich kann mir überhaupt helfen. Also turnte ich vorgestern und gestern yogamäßig zwischen kränkelnder Nummer 1 und ebenfalls kränkelnder Nummer 2 auf dem Schlafzimmerteppich herum.

Vielleicht bin ich später wieder fit und komme zum Schreiben – muss nur genug Der Hund der nach unten sieht turnen 😀

Tagesmutter fällt ja noch zwei Wochen aus. Nummer 1 und 2 (sind wegen Krankheit nicht in der Schule und) konnten mir ein kleines Bisschen helfen, während ich hier herum kroch – Mr. Essential war bis gestern Abend beruflich in München. Und wäre er das nicht gewesen, dann wäre er wie immer zwischen 19 und 20 Uhr nach Hause gekommen – nicht sehr hilfreich 😀

An dieser Stelle frage ich mich, wie es sein muss, wenn man Eltern oder andere nahe Verwandte hat, die einem helfen kommen. Muss nett sein. Schade drum. Hätte es gerne mal erlebt, dass meine Mutter gekommen wäre und gesagt hätte:
„Mensch, Kind, du siehst nicht gut aus. Ich räum kurz auf und spiele dann mit den Kindern“ oder so was wie „Ach, ich kaufe eben für dich was ein“ oder „Ich koch was für euch, entspann dich, Kind“ Einfach so, weil sie sich um mich hätte kümmern wollen und weil sie so etwas wie gesunde Muttergefühle gehabt hätte… ich gerade ins Schwelgen, sorry.

Sind ja auch nur meine phantasievollen Vorstellungen. Klar können Eltern auch zu weit weg wohnen, beziehungsweise man selber. Oder selber so viel arbeiten, dass sie keine Zeit haben. Aber sie wäre bestenfalls interessiert und bemüht – so rosig stelle ich mir das zumindest vor.

Kennt Ihr die Serie „Two Broke Girls“? Da gibt es jene Dunkelhaarige namens Max Black, die ihrer wohlbehütet aufgewachsenen Freundin aus gutem Hause immer so krude, lieblose Stories aus ihrer Kindheit erzählt.

Die ist meine Serien-Identifikationsfläche.

Und die würde auch vornübergebeugt herumkriechen und beim Atmen stöhnen, während um sie herum Kinder wuseln und Babies sie brauchen, ohne dass irgendwoher ein Blutsverwandter aufkreuzt. Aber was können wir Max Blacks der Welt? Richtig: Trotz allem unseren (schwarzen) Humor pflegen. Lachen während des Stöhnens und scherzen während Schmerzen (<- reimt sich, daher gut). Wir wissen, dass da niemand kommt und daher finden wir ganz alleine Lösungen. Niemand bemuttert uns? Na, dann machen wir das doch einfach selbst, sind wir gewohnt, haben wir drauf. Wir sind mit Kleinigkeiten zufrieden und erfreuen uns an jeder Form von Frieden. Wir sind lösungsorientiert, verantwortungsbewusst, leistungsstark, liebevoll, leidensfähig, haben einen ausgeprägten Überlebenssinn und noch vieles mehr.

Wie interessant meine Rückenschmerzen doch sind: Jedes Mal, wenn ich sie habe, dann komme ich zum Nachdenken. Und jedes Mal eröffnen sich Gedanken um alte Dinge, die mir wehgetan haben und die ich verdrängt habe. Hatte vorher keine Zeit zum Fühlen, hatte leider/zufällig/meistens zu viel zu tun. Dann konnte ich mich plötzlich nicht mehr bewegen, nichts mehr tun und war zum Nachdenken gezwungen. Mist aber auch.

Tja, ich denke also nach, weil mein Körper mir mitteilt, dass es an der Zeit dazu ist. Weil es da Themen gibt, die ich leider mit aufgesetzter Schlafmaske betrachtet habe.

Ich schreibe bald etwas zum Thema Alte Schmerzen und meiner sehr – öh, interessanten – Kindheit als eine der Max Blacks dieser Welt. Es wird nicht so sein, wie man es erwartet: Es gibt keine alkoholkranke Mutter oder den obligatorischen unbekannten Vater. Aber es gibt ja noch viel mehr Dinge, die einen zu einer Max werden lassen als diese beiden Klassiker.

Ach, ich liebe so viele Zitate aus der Serie. Kann sie nicht alle perfekt zitieren. Ein Gespräch war ungefähr so:

Max: „Unsere Nachbarin Misses Soundso war immer so lieb zu mir als ich klein war.“

Ihre Freundin Caroline: „Aber das klingt doch gut, Max! Was hat sie denn gemacht? Hat sie dich bekocht und dir vorgelesen?“

Max: „Äh nein.  Aber sie hat mich immer aus ihrem Gartenschlauch trinken lassen.“

Besonders liebe ich folgenden Satz:

„Ich wurde nicht dazu erzogen, glücklich zu sein. Sondern dazu, dass Dosenfleisch Luxus ist.“

Der gefällt mir und seinen Sinngehalt unterschreibe ich für mich. Diesen Anklang von Sparsamkeit weniger (aber auch), jedoch der erste Teil ist ein Treffer.

Wenn ich demnächst über diese Dinge schreibe, dann wird das vermutlich mein persönlichster Post, daher drücke ich mich noch davor. Und mache Yoga – dann drängt sich alles nicht ganz so schmerzhaft auf 😀

Es geht um mich als nun erwachsenes Kind psychisch kranker Eltern und den Folgen dieser speziellen Kindheit. Vermutlich wird ein Post nicht reichen. Ich muss jedoch sehen, wie ein solch schwer verdauliches Thema von meinem Leserinnen und Lesern aufgenommen werden kann. Davon mache ich dann abhängig, ob und was ich dazu alles schreibe.

Euch allen wünsche ich einen wunderschönen, schmerz- und hustfreien Tag mit ein paar frühlingshaften Sonnenstrahlen 🙂