Alice im Wunderland – ein ernster Artikel

Alice im Wunderland – ein ernster Artikel

Ich habe diesen Artikel in der Welt zu einem Thema gelesen, das mich selber betrifft: Kinder psychisch kranker Eltern.

Im vorletzten Post habe ich bereits angekündigt, mich zu überwinden, etwas zu meiner Kindheit zu schreiben.

Ich werde Euch hiermit also etwas sehr Ernsthaftes und sehr Persönliches zumuten. Ich finde aber, es ist an der Zeit, mich mitzuteilen. Allein schon, weil es falsch ist, sich für etwas zu schämen, das keiner Scham bedarf. Der nächste Grund, warum ich ungern und selten darüber kommuniziere ist, dass ich meine Umwelt schonen möchte. Schließlich kann sie ja nichts dafür. Im Moment hebe ich also einmal für diesen Post die „Schonzeit“ auf:

Warum möchte ich über meine Erfahrungen schreiben?

Weil ich davon überzeugt bin, dass ich mich eigentlich nicht schämen muss für etwas, das ich weder beeinflussen konnte noch verursacht habe. Ich finde es fast ungerecht, schweigen zu müssen. Ich will gar keine große Aufmerksamkeit, nur mitteilen, was ich erlebt habe. Und auch das nur in groben Zügen. Alles andere wäre zu viel. Vielleicht liest es jemand, der Ähnliches erlebt hat oder es interessiert einfach im Allgemeinen.

Was möchte ich mitteilen?

Einige Ausschnitte, Erlebnisse und Gedanken, die ein Bild entstehen lassen. Wollte ich alles strukturiert und chronologisch aufschreiben, dann müsste ich ein Buch verfassen. Ich schneide einfach einige Schlüsselsituationen heraus und schreibe sie auf. So ist es einfach ein Bild von Erlebnissen. Keine tiefe Analyse und keine unpersönliche Falldokumentation. Es wird, wie solche Ausschnitte es oft sind, ein wenig unchronologisch und fremdartig anmuten. Fremdartig, weil der Lesende immer in eine ganze eigene, fremde Welt hinein geholt wird. In diese muss er sich erst einmal einfinden und er muss sie für sich sortieren.

Kurzer Disclaimer:

Ich muss eingangs Folgendes sagen: Einem Kind kommt die Welt der Familie, dieser „Mikrokosmos“ als komplett stimmig und logisch vor. Es hinterfragt erst einmal nichts. Weder, wie viel die Mama trinkt oder wie oft der Papa flucht oder dass die Eltern bei offener Tür zur Toilette gehen. Es gibt eigene Ausdrücke und fast einen eigenen Slang. Eine Familiensprache, die man selber nicht bemerkt. Als Kind und auch später noch neigt man zur Systemblindheit. Man erfasst alle Dinge als gegeben. Genau so habe ich es auch getan. Ich war längst ausgezogen, als ich begriff, dass manches nicht gut und gesund gelaufen ist.

Wie erfuhr ich von den psychischen Erkrankungen meiner Eltern?

Dass meine Eltern und ihr Umgang mit mir recht besonders waren, fiel mir erst zunehmend auf, als ich Mr. Essential kennenlernte. Das war im Jahr 2000. Ich erzählte von Zuhause und er runzelte die Stirn. Wenn ich Dinge im Plaudertonfall berichtete, die mir normal vorkamen, dann sah er mich fragend an. Ich wusste zu der zeit schon, dass ich mit Dingen zu kämpfen hatte und arbeitete an mir. Und das tat ich eben auch, indem ich mit ihm redete. Irgendwann war er nicht mehr nur verwundert, sondern verständnislos und dann letztlich wütend. Und irgendwann begann er, seine Gedanken auszusprechen. Er sagte. „Deine Eltern sind so: Wenn man irgendwas nur noch ein bisschen schlechter macht als die, dann kommt man in den Knast.“ Er wusste nicht, dass er damit untertrieb. Und ich wusste es selber noch nicht.

Ich habe immer wieder von Menschen meines Umfelds Stirnrunzeln, Kommentare oder auch Unglauben geerntet für etwas, dass ich aus dem Zusammenleben mit meinen Eltern erzählte. Das war für mich natürlich interessantes Feedback und mit der Zeit begriff ich mehr und mehr, dass vieles nicht normal war. Normal im Sinne von: Nicht schädlich für mich, dem liebevollen und gesunden Umgang zwischen Eltern und Kind entsprechend.

Natürlich habe ich in der Zeit auch begriffen, dass mich meine Kindheit sehr beeinflusst hat und befreite mich von den ersten tieferen Folgen des Ganzen erstmal alleine und auch in Zusammenarbeit mit Mr. Essential. Ich tastete mich an Traumata heran und bekam Ahnungen, hatte aber wenig Greifbares, um damit arbeiten zu können.

Ich habe meine Eltern und mein Familiensystem (auch recht typisch) jedoch lange verteidigt. Bis irgendwann (ich glaube, es war im Jahr 2010 oder vielleicht 2011) im Rahmen meiner gestarteten Therapie langsam zu Tage kam, was so alles eben nicht normal war und ich die Zusammenhänge des Familiensystems und meinem Befinden umfänglich begreifen konnte. Zu Beginn war es noch, wie eine Maus in einem riesigen Labyrinth zu sein. Später sah ich das Labyrinth mehr und mehr aus der Vogelperspektive.

Warum habe ich eine Therapie begonnen?

Weil ich 2008 aus für mich heiterem Himmel eine Panikattacke bekommen habe und Mr. Essential den Notarzt rief, da es mir so erschien, als würde ich ersticken. Dieses unangenehme Ereignis wiederholte sich dann immer mal wieder. Zudem bekam ich dauernd Angst, mein Herz könne stehenbleiben. Mein Körper reagierte – ich hatte dauernd irgendwelche Verdauungsprobleme, mein Magen war oft mit Luft aufgebläht, drückte auf die Lunge und gegen den Reiznerv des Herzens. Es stolperte manchmal deswegen, was mir noch mehr Angst machte. Die Ärzte gaben aber nur gutes Feedback – körperlich war ich gesund.

Ich war trotz meiner inneren Bedrängnisse noch nicht bereit, mir Hilfe zu holen und wollte (wie gehabt) weiter alleine kämpfen. Wir zogen bald darauf um und ich war erst einmal beschäftigt. Mr. Essential wurde ja dann auch bald krank und wieder gesund – was Zeit in Anspruch nahm. In dieser Zeit hatte ich keine Attacken oder Ängste. Sie waren wie weggeblasen, denn ich legte meine Psyche auf Eis, damit ich ganz für ihn da sein und die Lage unter Kontrolle halten konnte. Krankenhaus, Kinder, Haus, Arbeit – das reichte mir völlig aus. Da war kein Raum für mich und mein „komisches Angstproblem“…

Ohnehin war ich eher dazu erzogen, mich durch meine Angst dumm und klein zu fühlen. Unfähig und schwach – dagegen musste ich ankämpfen. Etwas in mir sagte, dass ich keinen Grund für solche Schwächeanfälle hatte. Ich hatte keine Akzeptanz meiner echten Befindlichkeit. So etwas hatte ich nie gelernt. Von klein auf war ich auf andere fixiert und bekam oft aus familiärem Umfeld unstimmiges Feedback auf meine Gefühlsäußerungen, bis ich sie immer mehr unterdrückte und letztlich nur noch stark angepasst und rationalisiert äußerte. Dieser Umstand war ein übler Gegenspieler – und ist es bis heute noch immer wieder.

Mein Leidensdruck wurde größer als Mr. Essential wieder fit genug war und arbeiten ging. Ich wollte doch Hilfe, ehe es allzu heftig werden würde:

Es war ein sonniger Nachmittag, an dem ich Müll rausbrachte. Plötzlich hatte ich das Gefühl, während ich da so an den Tonnen stand, ich würde in eine fremde Realität gezerrt oder gesaugt. Das war so intensiv und furchtbar!

Doch ich tat, was ich immer gern tat: Ich atmete durch und machte weiter. Später am Tag folgte dann noch beim Lidl in der Cerealien-Abteilung eine weitere Panikattacke. Ich habe die zu diesem Zeitpunkt schon unter Alltags-Bestandteil abgehakt: „Oha, da ich nicht sterbe, sondern es sich nur so anfühlt, kann ich weiter funktionieren und zur Kasse gehen.“

Aber an diesem Tag beschloss ich, mir Hilfe zu suchen.

Und diese fand ich in Person eines unglaublich guten, erfahrenen, sympathischen und humorvollen Therapeuten für tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Es dauerte viele Monate, bis ich an die sehr, sehr heftigen Inhalte herankam. Und sie ließen mich nicht schlafen. Und sie raubten mir den Atem. Und sie fesselten meine Gedanken.

Ich saß im Büro und sah meine fröhlichen Kollegen an, während ich mir sehr hässliche Bilder aus dem Kopf schütteln musste, um so zu arbeiten als wäre nichts. Das galt auch für den Rest der vielen Tage, Wochen, Monate: es gab schließlich keine Krankschreibung – ich musste alles so leisten wie sonst auch. Kinder, Job, Haushalt, Termine. Alles wie immer.

Ich konnte kaum über die Dinge sprechen, die sich als Erinnerungen zeigten. Ich konnte spüren, hören und mich an Bilder erinnern. Ich habe diese Inhalte bisher auch nur sehr wenigen Menschen anvertraut, was ich auch in Zukunft so handhaben werden. Ich sage so viel: Es geht unter Anderem um gemeinschaftliche sexualisierte Gewalt, die mir durch meine Mutter und einen Verwandten begegneteIch sehe die Erkrankung meiner Mutter als großen Teil des Antriebs, so etwas zu tun. Nicht alle Menschen mit ihrer Erkrankung tun so etwas. Das möchte ich betonen.

Es kamen auch viele weitere Zusammenhänge in mir hoch. Endlich bekam ich Erklärungen für so viele Gefühle, für Ängste und unbewusste Mechanismen. Ich begriff woher meine ganzen Unsicherheiten und Befürchtungen kamen. Und ich war so zutiefst verunsichert – in der Retrospektive bin ich manchmal noch erschrocken darüber. Äußere Betrachter haben mich stets als selbstbewusste, manchmal toughe und immer sehr humorvolle Frau beschrieben. Eloquent, gebildet, selbstsicher. Alles Unsinn. Innendrin war ein verschrecktes Kind. Außen war diese Frau. So fühlte sich das zu diesem Zeitpunkt damals an. Inzwischen weiß ich, dass die Beobachter Recht haben. So bin ich wirklich. Das verschreckte Kind wollte nur geheilt werden.

„Veränderung ist, wenn du wirst was du bist“ steht auf der Homepage meines Therapeuten. Wegen dieses Spruchs wusste ich damals sofort, dass er der Richtige für mich sein würde. Der Satz trifft den Kern. Der Vorgang, zu werden wer man ist, dauernd ewig an.

Die Bewusstwerdung sexuellen Missbrauchs kam nicht wie ein Schock – das hatte ich vorher gewusst. Jedoch waren die Erinnerungen selbst schockierend. Und zu wissen, durch wen es passiert war. Der Missbrauch war nicht der Mittelpunkt der Therapie. Wir haben über sehr viele Dinge gesprochen und ich habe Erkenntnisse in rauen Mengen bekommen, um eben werden zu können, wer ich eigentlich bin. Und heil werden zu können.

Wie habe ich die Phase des Begreifens erlebt?

Ich hatte beispielsweise Erlebnisse, wie nachts aufzuwachen und zu denken, nein, zu wissen: „Es steht ein Dobermann an meinem Bett!“ Ich spürte den warmen Atem und roch den Speichel. Und spürte auch die kühle Luft des Schlafzimmers sowie die Bettdecke auf mir. Dann erst wachte ich wirklich auf. Aber nur, um zu sehen, dass sich mir zwei Gestalten nähern, um mir etwas zu tun. Ich sah sie und spürte meine Furcht. Dann erst wachte ich wirklich auf und war in meiner eigenen Gefühlswelt als sehr kleines Kind. Ich war panisch und wiederholte immer wieder eine Drohung, die meine Mutter wohl im Rahmen des Missbrauchs ausgesprochen hatte. Ich war sehr glücklich, meinen Mann neben mir zu haben, der nicht nur sofort hellwach war, sondern auch augenblicklich begriff, was vor sich ging.

Dieses „mehrmalige Erwachen“ ist ein sehr seltenes psychologisches Phänomen, das kaum erforscht wurde, wie ich später erfuhr. Ich denke, es ist, als bewege man sich von der Symbolschicht der Psyche hinab an den Kern.

Ich war erschöpfter, manchmal weinerlicher, manchmal wütender. Nervös, angespannt, selten richtig entspannt.

Wie kam „heraus“, was genau mit meinen Eltern los ist?

Das geschah auch während der Therapie. Ich wusste „plötzlich“, was mit meiner Mutter ist. War doch ihre Erkrankung bereits in meiner Ausbildung ausführlich erklärt und thematisiert worden. Zudem hatte ich in meinem ursprünglichen Beruf als Familienpflegerin einmal eine Familie betreuet, in der eine Mutter die gleiche psychische Erkrankung hatte.

Ich habe es eigentlich schon lange gewusst, schon seit kurz nach der Geburt von Nummer 2 im Jahr 2004.

Ich hatte es von einer Sekunde auf die andere begriffen, während ich meine Mutter ansah: Wie sie da saß in ihrer „teeniemäßigen“ Kleidung und Versandhauskataloge blätterte, mit diesem seltsam geschauspielerten, fast verkrampft lächelnden Gesichtsausdruck. Mit diesem Lächeln wollte sie mir etwas sagen. Sie wollte mit vielen Ausdrücken, subtilen Bemerkungen und Kommentaren etwas sagen. Ich hatte sie damals fast zwingen müssen, nach der (Haus-)Geburt ein paar Tage bei uns zu sein, damit sie mir vielleicht ein bisschen half. Oder sich freute, noch einmal Oma geworden zu sein – das allein gefiel ihr schon nicht und sie wurde auch nur ungern so betitelt. Sie wollte eigentlich nicht zu uns kommen und hatte auch gebeten, dass ich „jemand Fremden von so einer Sozialstation“ kommen lasse an ihrer Stelle.

Ich hatte aber dieses feste Bild der Mutter, die sich für ihre Tochter interessiert und in so einem Moment bei ihr sein möchte. Und das wollte ich (noch) nicht loslassen. Weil ich sie dazu gedrängt hatte, bei uns zu sein, saß sie jedenfalls demonstrativ da und blätterte mit ebenfalls demonstrativem Genuss durch die bunten Seiten.

Mit übergeschlagenen Beinen und eben diesem Gesichtsausdruck, den ich heute „die Maske“ nenne. Und an dem ich Menschen mit ihrer Erkrankung so zielsicher erkenne, dass sowohl Mr. Essential als auch ich schmunzeln müssen, wenn sich eine meiner „Diagnosen“ bestätigt.

Ich verdrängte meine Diagnose im Falle meiner Mutter jedoch sofort wieder, nachdem ich sie damals betrachtet hatte und vergaß sie bis es nicht mehr anders ging. Da platzte es während eines Gesprächs mit Mr. Essential aus mir heraus. Ich sprach aus, was ich als Erkrankung meiner Mutter vermutete und ich sah an seinem Blick, dass er sofort begriff.

Irgendwann sprach ich das Wort, meine vermutete „Diagnose“ während der Therapiestunde aus, weil ich sehen wollte, was mein Therapeut dazu dachte. Ich wollte endlich wissen, ob ich richtig lag. Hatte ich mir doch bereits Lektüre zum Thema gekauft und gelesen. Ein Selbsthilfebuch für Kinder von Erkrankten, das mich beim Lesen zu (bei mir sehr seltenen) Tränen rührte.

Ich sagte „Borderline Persönlichkeitsstörung“ und er nickte langsam.

So war das. Ich ging danach raus zum Auto und war glücklich. Das Schreckgespenst hatte einen Namen. Ich war nicht verdreht und meine Wahrnehmung war nicht verzerrt. Ich war nicht überempfindlich und komisch und verrückt. Meine Gefühle waren lediglich logische Konsequenzen der Dinge, die mir widerfahren waren.

Ich war ein Mensch mit Angst, weil ich in der größtmöglichen Unsicherheit aufgewachsen war. Ich hatte gelebt wie Alice im Wunderland, die nie wusste, was hinter der nächsten Tür war. Ich hatte in dauernder Angst vor einer Mutter gelebt, die man bestenfalls als launisch bezeichnen konnte. Die ihre „Liebe“ zu mir abhängig machte von meinem braven, gefälligen Verhalten. Die mich vergötterte und in eine enge Symbiose zwängte, um mich mit Beginn der Pubertät fallen zu lassen. Deren Laune von „du bist mein Ein und Alles, meine Rettung“ zu „wie du aussiehst! Wie du gehst! Wie du atmest, Herrgott noch mal!“ wechselte. Gern auch binnen 30 Minuten.

Ich musste während meiner gesamten Kindheit stets auf der Hut sein und meine Antennen verfeinern, damit ich ihre Launen im Blick hatte, um den Moment abzupassen, in dem sie kippen würden. Und genau bevor sie das taten, musste ich aktiv werden. Ich musste sie aufheitern, verstehen, trösten, stärken, führen, ihr die Welt erklären. Ich hörte mir ihre Eheprobleme an, ihre sexuellen Probleme – ich war ihre Zwangs-Freundin. Ich erklärte ihr, wie Menschen funktionierten, immer wieder. Ich war eine Projektionsfläche – mal war das oberflächlich angenehm, dann wieder sehr schmerzhaft für mich.

Sie war jemand, der sich während der vielen Streits mit meinem Vater Hals und Gesicht zerkratzte. Sie hatte früher oft blaue Flecken als junge Frau, so erzählte mein Vater später. Dinge und Menschen, die sie bewunderte konnte sie kurze Zeit darauf bereits verachten. Sie konnte uralte Erinnerungen in den assoziierten Gefühlen nie loslassen. Ihr größte Angst war es stets, nicht geliebt zu werden. Liebte man sie, so verlor sie rasch das Interesse. Sie war immer hinter den Menschen her, deren Zuneigung sie gewinnen wollte.

Als ich bereits ausgezogen und in meiner Ausbildung war, habe ich mal zu ihr gesagt, ich würde ihr mein herz offen hinhalten, aber sie würde nur beiseite blicken – es nicht mal ansehen. Als sei es keines Blickes wert. So hat sich das wohl angefühlt. Dank meines eidetischen Gedächtnisses weiß ich noch so viel. Manchmal aber fehlen mir die Gefühle zu den Erinnerungen. In diesem Fall ist es so.

Ich weiß inzwischen sehr viel über diese Erkrankung und ich bin meiner Mutter insoweit nicht böse, dass ich sie als kranken Menschen akzeptiert habe und sehr wohl Mitgefühl empfinde, weil sie von kleinauf dazu verdammt war, so unglücklich zu sein. Denn glücklich war sie nie. Irgendwie immer gehetzt und sie fühlte sich dauernd ungeliebt. Das wiederum konnte ich wettmachen, indem ich sie geradezu vergöttern musste.

Ja, ich hatte eine Kindheit – zumindest den Symbolen nach: Ich hatte Puppen und Teddies, ein Fahrrad und Freunde. Ich sah mir die Vorabendserien an und flunkerte meine Mutter manchmal an. Ich liebte schöne Kleider und war überzeugt, einer anderen, am liebsten adligen Familie zu entstammen, deren Personal mich irgendwann abholen würde. Ich hatte in der äußeren Welt alles, das Kinder so hatten.

Aber ich glaube, ich war kein Kind. Ich war nie losgelöst oder albern. Nie unbeschwert oder achtlos. Da war kein Urvertrauen in mir. Ich war seltsam, weil ich seltsame Erfahrungen machte. In der Schule wurde ich wegen meiner seltsamen „Aura“ gemobbt – die Kinder spürte, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Und haben es ausgedrückt, in dem sie mich an der Haltestelle verprügelten.

Ich kann und will nicht im Detail alles aufschreiben, was die Erkrankung meiner Mutter ausmachte. Vielleicht schreibe ich ab jetzt immer einmal wieder etwas dazu, wenn es thematisch passt. Ich brach jedenfalls den Kontakt zu ihr ab, um mich selbst zu schützen. Und weil ich begriff, dass sie niemals etwas wie echte Liebe würde empfinden können. Eine Beziehung zu ihr würde für mich weiterhin mehr Leid als etwas anderes bedeuten, da sie nicht auf etwas Authentischem aufgebaut sein konnte. Da wären nur Bilder und wechselhafte Schauspielereien, von ihr gespielte Rollen und leere Worte. Wechselhafte Gefühle. Ich würde weiterhin die sein, die Verständnis haben müsste. Mit jemandem, der mich als kleines Kind in Todesangst versetzt hatte. Das war mir ehrlich gesagt zu viel. Und ist es heute noch.

Und mein Vater?

Ich trug das Thema „Borderline“ an meinen Vater heran, bei dem das eine Lawine auslöste. Er informierte sich selbst eingehend und befand, sein Leben mit meiner Mutter sei eine einzige Art von Lüge gewesen.

Er trennte sich nach über 40 Ehejahren binnen zehn Tagen von ihr. Es gab zwei, drei Gespräche zwischen den beiden, in denen er wohl deutlich und heftiger wurde (ich war nicht anwesend), dann trennten sich ihre Wege. Meine Mutter zog aus. Scheiden lassen wollten sie sich aus Kostengründen wohl nicht, aber mein Vater warf sie aus der gemeinsam gekauften Wohnung hinaus und sie ging anscheinend zunächst in ein Frauenhaus. Später zog sie mit dem autistischen Sohn ihres kurz zuvor verstorbenen besten Freundes zusammen.

Mein Vater sah zu jener Zeit mit einem Mal, wie sehr mein sechs Jahre älterer Bruder (zu dem ich den Kontakt zuvor hergestellt hatte, nachdem meine Familie ihn eine Ewigkeit zuvor als persona non grata verbannt hatte) und ich gelitten hatten.

Mein Bruder hat eine Sozialphobie entwickelt und befindet sich irgendwo im autistischen Spektrum (sein „Schneckenhaus“, wie ich es nenne). Er hat auch eine Geschlechterrollenidentifikationsstörung. Und er lebte alleine, einsam und fehlernährt. Ohne Schulabschluss oder eine Ausbildung. Als er damals mit 17 aus unserem Elternhaus auszog, war er rund 1,55 Meter groß. Er sagte, er habe nicht wachsen wollen, weil er eine Angriffsfläche bieten wollte. Nach dem Auszug wuchs er binnen einen Jahres 20 Zentimeter. Damals war er 18. Später prügelte er sich oft, war ein Punk, rauchte Dinge, die man nicht rauchen sollte und trank mehr als man trinken sollte. Er lebte in einer betreuten WG mit fähigen Sozialarbeitern, die auch dann mal das Wort Autismus fallen ließen. Für meine Eltern war er der Grund ihres persönlichen Martyriums – so „komisch“ wie er (undiagnostizierter Autist) immer gewesen war. Sie waren einfach froh gewesen, ihn los zu sein und der Kontakt brach ab.

2011 war alles anders: Unser Vater traf sich mit uns. Wir feierten Weihnachten. Es war das schönste Weihnachtsfest meines Lebens.

Wir empfanden uns als Kern, als „Rest vom Schützenfest“, wir hatten wenigstens uns. Ich durfte endlich mal ein Weihnachtsfest verbringen, an dem ich ganz ich selbst war. Das Jahrzehnt zuvor hatte ich mich immer anpassen und verstellen müssen, wenn wir bei meiner Schwiegerfamilie feierten. Und die Stimmung war unter der Oberfläche angespannt, komische Dinge wurden gesagt und getan. Es war einfach anstrengend und obwohl ich wenig Alkohol trinke, würde ich sagen: Nüchtern kaum zu ertragen. Ich bin durch meine fein ausgebildeten Antennen leider sehr empfänglich für Stimmungen. Das erschwert für mich persönlich Systeme zu ertragen, in denen Unterschwelliges herrscht. Oder in denen es Schweigegebote gibt.

2011 war es anders. Wir haben entspannt gegessen, gelacht und gequasselt. Richtig toll war das. Mein Bruder war glücklich mit seinen drei Nichten und tobte mit ihnen. Er hatte wunderschöne Geschenke für sie ausgesucht, auf die er richtig hatte sparen müssen, da er als Zeitarbeiter nicht gerade in Geld schwimmt. Mein Vater trank ein Gläschen mit mir und wir plauderten. Nummer 3 trug ein lustiges Weihnachtslied vor, wir lachten, er freute sich über die Kinder und über mich. Er sagte, er sei glücklich, weil es mir so gut ging. Und stolz auf mich sowie die Enkelkinder.

Wir sprachen später auch über das Vater-Sohn-Verhältnis. Mein Bruder war zuvor voller Aggressionen unseren Eltern gegenüber gewesen. Doch die Trennung der beiden bewirkte bei ihm, dass er sich freute, seinen Vater wieder zu haben. Er vergab ihm die viele Gewalt, die mein Vater ihm angetan hatte fast im Augenblick des ersten Gesprächs.

Ich war vorsichtiger, misstrauischer und (wie immer) eher analytisch-distanziert meinem Vater gegenüber.

Mich störte, dass für unseren Vater unserer Mutter fortan die Buh-Frau war. Sie war an allem Schuld. Er war ihr Opfer. Aber das wollte ich zunächst alles verdrängen. Ich wollte dieses Gefühl von Familie genießen. So lange hatte ich nach diesem Gefühl gesucht. Und ich war immer bereit gewesen, dafür viel einzustecken. Das war eben schon bei meiner Schwiegerfamilie so. Ich wollte verzweifelt und unbedingt ein Nest. So sehr, dass ich mich auch in ein Nest aus Dornen setzte. Hauptsache ein Nest. Ach, das ist alles auch schon so lange her …

Unser Vater sagte, er habe ja nicht gewusst, wie schlimm es für uns gewesen sei, unsere Mutter habe ihm ja ein Bild vorgefertigt. Es sei alles gefiltert bei ihm angekommen. Er habe nur gesehen, wie sehr sie unter den Kindern gelitten habe. Alles sei zu anstrengend für sie gewesen. Wir seien beide zu intensive Individuen für seine Frau gewesen. (Schnelle Überforderung im Alltag gehört zu den Elementen ihrer Erkrankung).

Wochenlang hatte sie jeden Abend immer geklagt, bis es ihm zu viel geworden sei. Dann sei er eben meinem Bruder gegenüber gewalttätig geworden. Belastend gewalttätig. Ich hingeben bekam so etwas nur später ab, als ich nicht mehr das liebe Mädchen war, sondern mir eigenen Charakter und eine wachsende Persönlichkeit zulegte (Pubertät).

Ich hatte zuvor die Rolle des stets perfekten Mädchens inne und schob Panik, da raus zu fallen, indem ich mich impulshaft verhielt – also so, wie Kinder es tun.

Ich musste die Mutter trösten, weil sie einen so „schier unzumutbaren“ Sohn hatte und ebenso einen furchtbar lieblosen Mann. Er war das, was die Psychologie im System der Borderline-Eltern-Problematik als das „Schwarze Kind“ bezeichnet. Das Buh-Kind, das schwarze Schaf, auf das man alles projiziert, das einem am eigenen Leben nicht gefällt und für das man keine Verantwortung übernehmen möchte oder kann. Der Partner war in den Augen meiner Mutter Täter-assoziiert, weil sie sich in allen Belangen als Opfer sah.

Und ich war eben das „weiße Kind“ – die Mischung aus gefälligem Pausenclown und Spielzeug. Wir beide mussten in unseren Rollen bleiben. Alles andere stört das System. So vergingen die Jahre unserer Kindheit. (Und ich zeichne hier ein Bild mit sauberer Wohnung, Geburtstagsgeschenken, Verwandtenbesuchen und einem Vater, der stets fleißig arbeitete. Die Außenwelt war blitzsauber. Meine Mutter war allseits beliebt und hilfsbereit. Niemand hätte mir jemals geglaubt, wenn ich etwas von hinter der Fassade berichtet hätte.

2012 – am Ende verlor ich beide

Beim zweiten Weihnachten mit meiner Familie sowie Vater und Bruder als Besuchern brannte mir bereits unter den Nägeln, etwas zu sagen, etwas anzusprechen. Ich wollte meinen Vater konfrontieren. Ich wollte ihn fragen, wieso er denn überhaupt keine Verantwortung bei sich selber sehe. Und auch, wieso er mich so selten besuche, wo doch dies angeblich immer nur wegen meiner Mutter so gewesen war (sie fuhren die eine Autostunde nur drei Mal im Jahr). Wie es dazu habe kommen können, dass unsere Mutter die Schuld an allem trage und er keinen Hauch Verantwortung für gar nichts.

Wenige Tage vor dem Fest rief er mich an und sagte mir, wie unglaublich beeindruckt er von mir sei. Wie stark ich sei. Und was ich doch alles erreicht habe, trotz allem. Und wie großartig unsere Kinder seien und wie dankbar er sei, weil ich überhaupt noch mit ihm reden würde. Es sei einfach wunderschön und ich hörte Rührung in seiner Stimme. Er sagte auch, er habe sich eigentlich immer eine Frau wie mich als Partnerin gewünscht, was mir ein komisches Gefühl machte, das ich aber verdrängte. Er schien mich jedenfalls einigermaßen verlässlich zu mögen, folgerte ich aus diesem Honig-Überguss.

Also wagte ich es, ihn spät abends in geselliger Runde auf diverse Dinge anzusprechen. Die Kinder schliefen bereits. Wir redeten ohnehin über das Thema Mutter/Familie und da passte es. Ich hatte eine unbändige Furcht in mir, etwas zu sagen, das ihm nicht gefallen würde. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind mit der Angst vor richtig heftiger Strafe oder Schimpfe. Letztlich aber dachte ich, dass mir das Verhältnis zu ihm unwahr vorkam. Etwas daran war eine Lüge: Nämlich das Schweigegebot für mich. Dieses unausgesprochene Verbot, ihn zu kritisieren.

Er verabscheute Kritik. Außer, er konnte sich in ihr heroisch darstellen. Das ging nur, wenn er die Kritik selber äußerte. Heroisch ging dabei auch im Zusammenhang mit tiefem, sehr tiefem Schuldeingeständnis, das ihn an sich bereits adelte. Aber richtige, treffende Kritik von außen – die ging nie.

Ich sagte jedoch die Dinge, die mir auf der Seele brannten.

Als sich die beiden tags darauf verabschiedeten, hatte ich ein ganz mieses Gefühl. Einige Wochen später lud ich meinen Vater postalisch zu Nummer 2s Kommunion ein. Er reagierte nicht. Ich ließ ihn erstmal in Ruhe und ahnte, dass ich nun den Preis für meine Wahrheitsliebe zahlen würde.

Die Wochen vergingen und er rief nicht an. Schließlich rief Nummer 2 selber irgendwann an. Und dann rief am Morgen des Fests sogar Nummer 1 noch bei ihm an, obwohl ich ihr das hatte ausreden wollen. Er hob nicht ab. Zwei Wochen später erreichte ich ihn.

Er flüchtete sich in Ausreden über eine defekte Telefonanlage und plauderte dann drauf los, ehe ich ihn an sein Handy erinnern konnte, mit dem er jederzeit einen Anruf hätte tätigen können. Letztlich aber drehte sich sein Monolog irgendwann und er teilte mit, dass er mit mir keinen Kontakt mehr haben wolle. Er würde mich nicht verachten, aber ich sei irgendwie verrückt. Er müsse sich jedenfalls vor mir schützen. Ich war zu verletzt oder erschrocken, um ihn zu fragen, ob sein plötzlicher Sinneswandel eventuell mit meiner Konfrontation und Kritik zu tun hatte.

Er plauderte weiter. Er habe sich ein neues Auto gekauft. Und er würde weiterhin so viele Frauen kennenlernen, es sei einfach krass. Er würde keine Beziehungen mehr wollen, aber ansonsten sei es unfassbar, wie viele Frauen auf ihn flögen. Es sei wohl ein richtiger Frauenschwarm.

Ich verabschiedete mich und legte auf.

Ich dachte nach. Auch hier schlich sich in meinen Kopf, was ich in den vergangenen Monaten zuvor bereits gedacht hatte: Die zwangsweise rosarote Brille der wiedervereinigten Familie war ja nun weg. Ich sprach zuerst mit Mr. Essential (der vor Wut auf meinen Vater kochte und sich erst beruhigen musste). Jemand wie mein Vater ist ebenso wenig wirklich Herr über seine Gefühle, Taten und Worte wie eben meine Mutter.

Ich diagnostizierte mutig schon einmal vor, um mir dann einen neuen Termin beim Therapeuten zu machen.

Ich erzählte ihm zunächst von den Vorgängen der vergangenen Monate und schließlich von jenem kruden Telefonat.

Er sagte mit ehrlichem Bedauern ungefähr Folgendes: „Es tut mir sehr, sehr leid, dass sie ihren Vater nun doch verloren haben. Sie hatten es befürchtet, ich habe sie ermutigt, es dennoch zu versuchen. Und nun das. Ich bedaure das ehrlich sehr.“

Ich nickte, sah ihm in die Augen und meinte: „Mein Vater ist ein Mann, der sich gegen jeden behauptet. So sagte er immer. Niemand kann ihm wirklich das Wasser reichen. Er lebte mit einer schwer borderline-kranken Frau zusammen. In einer von beiden präferierten Täter/Opfer-Beziehung. Er präsentierte sich nach der Trennung als totaler Frauenschwarm – eine Rolle, die ihm schon immer sehr gefiel. Er verfügt über wenig Interesse an anderen Menschen, ist wenig empathisch. Ihm ist am wichtigsten, dass ihm niemand das Wasser reichen kann. Ich glaube, ich habe auch für ihn eine Diagnose.“

Mein sympathisch-beherzter Therapeut sah mir ebenfalls in die Augen und nickte langsam. Er wusste, wovon ich ausging und bestätigte es: Von einem Narzissten. So, da stand ich nun. Und wusste Bescheid.

Und trauerte.

Denn in diesem Moment hatte ich meine Eltern beide verloren.

Wie fühlt es sich ohne den Kontakt zu meinen Eltern an?

Ein Leben mit ihnen würde so wenig Sinn machen, wie Essen ohne Nährwert zu sich zu nehmen, bei dem am nie weiß, ob es gerade ausverkauft, verbrannt, versalzen oder überzuckert ist. Man kann das tun und aushalten. Ich aber habe nie begriffen, warum mein Therapeut mir dazu geraten hat. Oder warum er glaubte, meine Mutter würde zu Familienfesten eingeladen und eine „Amnestie“ erhalten, wie er das nannte. Es ist nicht so, dass ich nicht vergeben könnte. Ich kann einem kranken Menschen nicht böse sein. ich kann mich über die Folgen seines Verhaltens ärgern und darunter leiden. Und die Folgen dann so weit wie möglich abwenden. Aber warum soll ich mit diesen Eltern zusammensitzen, als sei nichts? Das würde sich für mich wie ein selbstverleugnendes Treffen mit zwei Abziehbilder der Elternrolle bedeuten. Daraus zöge ich persönlich zumindest nichts. Und beide haben keine Anstalten mehr gemacht, den Kontakt zu suchen. Ich ganz persönlich sah und sehe keinen einzigen vernünftigen Grund, den Kontakt zu suchen.

Vor allem auch, weil die Reaktionen unserer Kinder eine mich völlig überraschende Sprache sprachen:

Als ich zuvor den Kindern erklärt hatte, dass der Opa sich von der Oma trennen wolle, kam von Nummer 2 exakt dieser Satz:

„Ach, hat er es endlich bemerkt? Nicht schlecht.“

Nummer 1 sagte:

„Ich habe immer gemerkt, dass die Oma einen nicht richtig liebt. Das kann die gar nicht. Die war nie so gerne bei uns und hat immer nur aufgepasst, dass wir sie nur ja nicht dreckig machen. Und wieso hat sie sich dann immer so superschick gemacht, wenn sie uns besucht hat? Um einen Grund zu haben, uns von sich fern zu halten?“

Nummer 3 hatte wenig dazu zu sagen und nahm wie oft eine beobachtende Position ein. Schließlich bemerkten sie alle drei:

„Müssen wir nun nicht mehr die hässlichen, kratzigen Pullover anziehen, die die Oma immer für uns gestrickt hat?“

„Nein,“ habe ich gesagt und wir haben uns angelächelt.

Im Folgenden sprachen wir immer wieder über diese Thematik. Sie wissen jedoch bis heute nichts von der sexualisierten Gewalt. Aber Nummer 2 sagte in jener akuten Phase damals zu mir:

„Wir (Kinder) glauben übrigens, du hast ein Geheimnis. Es gibt etwas, das du uns einfach nicht erzählst und das ärgert uns irgendwie. Wir glauben, dass du unter etwas leidest, das wir nicht kennen. Und wir wollen das wissen.“

Die Trauer

Obwohl ich selbst hier die für mich allerwunderbarste Familie habe und das für mich wirklich das ist, was zählt, trauere ich. Ich trauere, weil ich niemals meine Mutter anrufen kann, um etwas Tolles über die Kinder zu erzählen. Ich kann sie nicht um Rat bitten. Ich kann niemals mit ihr Einkaufen gehen oder mit ihr über etwas traurig sein. Oft hätte ich so große Lust, (m)eine Mutter anzurufen und ihr etwas zu berichten. Von einer guten oder schlechten Note. Oder ich würde sie einfach anrufen, um zu hören, was sie so erlebt und wie es ihr geht.

Es ist, als sei sie tot, während sie aber eben lebt.

Ich vermisse inzwischen nicht mal unbedingt sie – darüber bin ich vielleicht hinaus – sondern ich vermisse es, eine Mutter zu haben. Es ist fast, als hätte ich nie eine gehabt. Sondern eine Art böse Stiefmutter. Wie Schneewittchen. Das heißgeliebte Idol meiner Kindertage, das sich ich bis heute aus liebevoller Selbstironie sammle oder darstelle (daher das Zombiewhite von Halloween …)

Ich las übrigens einmal Eugen Drewermanns tiefenpsychologische Deutung zum Märchen Schneewittchen.

Es handelt seiner Forschung nach von der Tochter einer borderlinekranken Mutter …

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44 Gedanken zu “Alice im Wunderland – ein ernster Artikel

  1. Dein sehr persönlicher Beitrag hat mich gefesselt. Bewundernswert, dass du den Mut hast, öffentlich darüber zu schreiben. Ich traue mich das nicht – vermutlich aus Angst vor Stigmatisierung. Darf ich fragen, ob es in deiner Therapie auch zu einer Diagnose kam? Dein Artikel hat mich allerdings auch beunruhigt… Glaubst du, dass jede Borderline-Patientin eine „schlechte Mutter“ ist bzw. wird? War deine Mutter in Therapie? Ich danke dir für den Artikel zu deinen Kindheitserfahrungen, auch wenn er mich nun wirklich in Unruhe versetzt hat… Entschuldige bitte meine Fragen. Sie müssen dir furchtbar neugierig vorkommen. Ich würde dir gerne genauer erklären, wieso ich all das wissen möchte, wage es aber nicht, es hier öffentlich zu schreiben. Vielleicht können wir ja auf eine Weise Kontakt aufnehmen, ohne dass jeder mitlesen kann? Ich möchte dich gerne darum bitten.

    Liebe Grüße,
    Michaela ♡

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    • Hallo Michaela,

      danke für Deinen Kommentar. Ich fürchte keine Stigmatisierung.
      Da im Durchschnitt jedes vierte Mädchen und jeder siebte Junge isexualisierte Gewalt erfährt, kennt jeder Mensch verschiedene Personen seines Umfelds, denen sie angetan wurde. Da ich selbst nichts dazu beigetragen oder anderen Menschen angetan habe, distanziere ich mich von der Idee, ein solcher Artikel würde mich stigmatisieren.

      Meine LeserInnen wissen nun mehr über mich. Dieses Mehrwissen nehmen sie mit, während sie alle meine kommenden Posts lesen. Darüber habe ich vorher lange nachgedacht.

      Letztlich fand ich, es ist gut, wenn irgendeines der vielen einstigen Kinder mal etwas dazu sagt. Man liest und hört so oft etwas von den Opfern oder Überlebenden sexualisierter Gewalt, aber was einmal aus ihnen wird, wenn sie erwachsen sind, das befindet sich nicht im im großen öffentlichen Fokus, Daher der Entschluss. Ich glaube nicht, dass nun jemand schlechter über mich denkt. Man muss das neue Wissen nur in das Bild einfügen, das man sich von mir gemacht hatte. Ich bin immer noch genau dieselbe wie vor dem Artikel 🙂
      Der Blog wird auch so bleiben, wie er ist. Ich werde zukünftig nicht laufend über dieses Thema schreiben, sondern zu all den Themen zurückkehren, die den Blog ausmachen. Mit all meinem Humor und dem, was mich sonst noch so ausmacht.

      Zu Deiner Frage nach den Eltern mit Borderline: Ich glaube, wenn ein Mensch diese Diagnose bekommt, sie annimmt und sich in fachkundige Begleitung gibt, dann ist ein erster Schritt getan. Wenn man undiagnostiziert lebt und folglich keine Selbstreflexion walten lassen und Dinge beobachten sowie verändern kann, dann wird es definitiv für die Kinder schwierig bis sehr schwierig.
      Die eigenen Gefühle dürfen nicht das gesamte Familienleben und die Beziehungen im Griff haben – darin sehe ich eine große Gefahr bei dieser Erkrankung.

      Für mich war eines der Leitziele meines Lebens immer: „Werde nicht wie deine Mutter. Deine Kinder dürfen niemals so leiden.“ Daher habe ich mich immer, wirklich täglich, geradezu überwacht und reflektiiert. Und ich war immer sehr „streng“ zu mir. Inzwischen weiß ich, dass das in dieser Art nicht nötig war.

      Ich bin keine Therapeutin und kann daher keine fachkundigen, weitreichenden Dinge zu sagen, sondern nur aus meiner Sicht etwas mitteilen.
      Meine Mutter hat sich in Therapie begeben. Jedoch hat sie direkt gesagt, sie sei gesund. Ich glaube, sie hat sich wegen der Trennungssituation Hilfe gesucht. Wie die Therapie daraufhin verlief, weiß ich nicht zu sagen.

      Ich selbst habe diese Diagnose nicht bekommen. Mit den Panikattacken und anderen Folgen der Dinge, die ich erlebte, gab es natürlich Diagnosen. Aber die empfand ich eher als nicht so heftig, sondern erwartenswert. Und daran ließ sich gut arbeiten.

      Mit diesen Erfahrungen wird man immer leben müssen und es wird immer Folgen geben, die einen spüren lassen, dass etwas passiert ist. Man empfindet sich irgendwie immer als anders, seltsam oder oft auch als nicht zugehörig zur „normalen“ Welt. Das empfand ich früher als sehr belastend. Und das war es, was sich für mich am ehesten wie ein Stigma anfühlte.

      Ich möchte so wahrgenommen werden, dass ich eben diese Dinge erlebt habe und dennoch ein recht „normales“ Leben führe. Ich sehe, wie gut es meinen Kindern geht und wie unbeschwert sie leben. Das reicht mir, ich habe mein Ziel also erreicht.

      Wenn Du persönlich mit mir in Kontakt treten möchtest, schreibe gerne an unsere Kontaktadresse.

      Liebe Grüße! 🙂

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      • Vielen herzlichen Dank für deine ausführliche Antwort!
        Ich möchte mich zunächst für das Missverständnis mit der Stigmatisierung entschuldigen. Ich glaube ebenfalls nicht, dass deine Leser wegen deiner traumatischen Erlebnisse und Erfahrungen, die du in dem Artikel beschreibst, schlechter über dich denken könnten. Es ist ja genau wie du gesagt hast: Du bist immer noch die gleiche Frau wie vor dem Artikel 😉 Ich als eine deiner Leserinnen denke mir nach diesem Artikel nur zusätzlich: „Wow. Stark ist sie auch.“ Stark eben, weil du dir eine Offenheit zutraust, die ich persönlich leider nicht habe. Bisher habe ich das Gefühl gehabt, dass psychische Erkrankungen und Probleme im Großen und Ganzen Tabu-Thema sind. Wenn ich im privaten Umfeld offener damit umgegangen bin, bekam ich sogar – entgegen meiner Annahme – sehr oft das Feedback, dass mein Gegenüber wegen XY in psychologischer/neurologischer/psychiatrischer Behandlung ist oder war. Mit der Zeit merkte ich, wie viele Menschen, ja wirklich unzählige, in einer Therapie sind oder eine hinter sich haben. Obwohl es scheinbar so viele Menschen betrifft, wagt sich kaum jemand darüber zu sprechen, was in meinem Fall dazu beigetragen hat, die Behandlung jahrelang hinauszuzögern, aus Angst, durch eine Diagnose auf einmal als „krank“/“verrückt“/“seltsam“/… abgestempelt zu werden. Wäre mir klar gewesen, wie viele Menschen psychische Probleme welcher Art auch immer haben, hätte ich mit einer Behandlung viel früher angefangen. Ich glaube, dass es vielen Menschen so geht. Verstehe mich deswegen nicht falsch, ich wünsche mir sogar einen offeneren Umgang mit dem Thema „psychische Erkrankungen/Störungen/Probleme.“ Wenn jemand wegen physischen Problemen in ärztlicher Behandlung ist, wird daraus meist kein großes Geheimnis gemacht. Zumindest waren das bisher meine Erfahrungen…
        Ich finde deinen offenen Umgang also sehr gut und einen Beitrag zum, meines Erachtens, Schritt in die richtige Richtung 🙂

        Liebe Grüße!

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  2. Großer Respekt für diesen offenen Artikel. mich hat er gefesselt wie ein Thriller. Eigentlich bin ich sprachlos, möchte den Artikel aber nicht unkommentiert stehen lassen. Deswegen kann ich meinen Respekt nur wiederholen und dir sagen, dass ich es toll finde, dass du so eine tolle Mutter geworden bist, soweit ich das beurteilen kann.

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    • Vielen lieben Dank für Deine Rückmeldung! 🙂 Das tut natürlich gut zu hören. So etwas zu schreiben bringt immer Unsicherheiten mit sich. Da ist ein solches Feedback sehr wohltuend.

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  3. Ich würde dich jetzt gerne in den Arm nehmen und dir sagen, dass ich unglaublichen Respekt vor Dir habe – schon bevor du diesen Artikel geschrieben hast! Obwohl ich dich nicht persönlich kenne, glaube ich, dass du eine großartige Mutter und Frau bist. Dein sehr persönlicher Artikel hinterlässt mich sprachlos, entsetzt, traurig.

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    • Liebe Barbara,

      ach, das tut sehr gut. Es war keine einfache Entscheidung, diesen Artikel zu schreiben, aber ich glaube, es war die richtige.
      Ich will natürlich niemanden schockieren und traurig machen – daher habe ich mich noch etwas länger gedrückt, meine persönlichen Erfahrungen mitzuteilen.
      Danke für Deine lieben Worte und Deine Anerkennung.

      Ganz liebe Grüße an Dich!

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  4. Glückwunsch zur Vollkommenheit ❤

    Ich war erstaunt, dass Du so offen darüber schreibst und mir gefällt die Art wie Du damit umgehst, ohne Dich in Details zu verlieren.
    Es tut gut, wenn diese "Geheimnisse" aus dem Schatten treten, denn auch dort vergiften sie weiter.

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    • Danke Dir, meine Liebe!
      Mr. Essential meinte nach dem Lesen auch: „Ganz schön abgeklärt…“
      Es fiel mir nicht leicht, das ist klar. Aber ich sehe es wie Du: Man sollte diese Dinge aussprechen. Schade, dass man dazu so viel Überwindung braucht oder Mut oder was auch immer.
      Schließlich gestehe ich keine Verbrechen, die ich begangen habe, sondern erzähle von den Eltern, bei denen ich „gelandet bin“.
      Danke für Deinen Zuspruch ❤

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      • Das ist das perfide an diesen „Geschichten“, sie wirken nach. Du weißt als Kind ganz genau, dass Du niemals darüber reden darfst, teilweise, weil Dir gedroht wird aber auch ohne Drohung.
        Das Gefühl der Erwachsenen wird auf das Kind übertragen, es „darf“ die Verantwortung tragen.
        Erst durch Offenheit streift man diese ab.

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      • So ungefähr denke ich das auch. Es ist meine Geschichte, es sind meine Gefühle. Und damit mache ich, was ich will.
        Klar würden meine Eltern diesen Artikel nicht schön finden oder geschrieben wissen wollen. Aber ich wollte ihn schreiben.

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  5. Danke für diesen Beitrag und deinen Mut ihn zu verfassen! Obwohl meine „Geschichte“ eine andere ist, konnte ich mich in einigem wiederfinden. Ich glaube nicht, dass ich jemals Scham empfunden habe und deswegen nicht offen spreche. Es ist wohl eher auch der Wunsch anderen meine Erlebnisse zu ersparen. Oft wünsche ich mir ohne Hemmungen darüber sprechen zu können, damit ich mich erklären kann. Irgendwann werde ich auch mit meinen Kindern sprechen…
    Umso mehr darüber in der Öffentlichkeit gesprochen und geschrieben wird, umso geringer wird die Überwindung für die Opfer sein, sich zu äußern.
    Jedes 4. Mädchen/ jeder 7. Junge hat Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Das ist kaum zu fassen. Im Rückblick denke ich, dass das Schweigen und das Nicht-Verarbeiten-Dürfen bzw. -Können für mich fast schlimmer als der Missbrauch waren.
    Dein Artikel hilft ein Bewusstein über gerne verschwiegene Dinge zu schaffen! Danke!

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    • Vielen lieben Dank für Dein Feedback!
      Ja, ich möchte ja wirklich meine Umwelt schonen – doch damit übernehme ich vielleicht zu viel Verantwortung für etwas, das ich nicht getan habe.
      Es gibt so viele Menschen, denen sexualisierte Gewalt angetan wird oder in ihrer Vergangenheit angetan wurde. In jeder Schulklasse sitzen einige …
      Man sollte vielleicht mutig sein und sagen, was geschehen ist, wenn man das Gefühl dazu hat. Das fällt einem leider nicht immer leicht, finde ich. Dabei sind wir so viele.

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  6. Pingback: Oje, bald ist wieder Muttertag | Essential Unfairness

  7. Ich bin über Umwege auf deinem Blog gelandet und fand diesen Artikel. Es trifft und betrifft mich sehr. Meinem Vater habe ich (für mich) auch kürzlich die gleiche Diagnose gestellt (bestätigt von meiner Therapeutin): narzistische Persönlichkeitsstörung. Auch mein Vater hat die Tendenz, mich als Partnerin zu sehen und übermässig und auf ungesunde Art zu bewundern. Im Moment versuche ich für mich herauszufinden, wie weit das gegangen ist, denn das Thema sexueller Missbrauch triggert mich immer wieder.
    Meine Mutter war depressiv und hat sich das Leben genommen. Aber auch das ist nie offiziell diagnostiziert worden, ich glaube, auch sie hatte zusätzlich eine Persönlichkeitstörung. Ich kann das alles sehr gut nach vollziehen, wie nach aussen immer alles total normal und okay aussah. Aber ich habe mich nie gut gefühlt, meine Kindheit bestand nur aus Angst und dem Gefühl inexistent zu sein.
    Es ist gut, dass du darüber schreibst. Solche Berichte können bei anderen Betroffenen Aha-Erlebnisse auslösen. Für mich ist dieses Schweigen Gift, leider betreibe ich das selbst noch viel zu viel. Bei uns wurde immer alles unter den Teppich gekehrt. Der Haufen unter dem Teppich war riesig, aber alle haben so getan, als wäre nichts. Das macht es auch immer wieder schwierig einzusehen, dass es wirklich wirklich schlimm war.
    Ich freue mich für die, dass du Mr. Essential hast und trotzallem offenbar in der Lage bist eine gute Beziehung zu führen. Das fehlt mir leider, die Schatten der Vergangenheit sind zu gross um sich auf andere ein zulassen.

    Ich wünsche dir alles Gute und Danke dir für deinen Artikel.

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    • Liebe Nicola,

      ich danke Dir sehr für Deinen Kommentar.
      Sicherlich geht es weit mehr Menschen wie uns, aber es gibt kaum eine öffentliche Plattform, geschweige denn ein Bewusstsein dafür.

      Es tut mir immer von Herzen leid zu hören, welche traurige Geschichte andere Menschen erleben – ganz unabhängig von meiner eigenen.

      Das Gefühl, als gesamte Persönlichkeit inexistent zu sein, kenne ich auch. Irgendwie war ich mehr die Projektionsfläche der Störungen meiner Eltern. Mal war ich das gute Kind, das sie stolz machte oder unterhielt oder das süß und knuddelig war. Dann war ich die Ersatz-Freundin meiner Mutter. Dann wieder war ich schlecht und enttäuschend. Das hing aber nicht von mir und meiner Persönlichkeit ab, sondern eben von der jeweiligen Gefühlslage meiner Eltern.
      Wirklich wahrgenommen wurde ich nicht. Spontan gab es sicherlich mal Mitgefühl oder Verständnis. Zum Beispiel, wenn meine Mutter gerade ausgeglichen war und sich eben als mitfühlende und verständnisvolle Mutter sehen wollte …

      Eine Art Surrogat-Partnerin für den Vater sein zu müssen ist sehr verdreht und verwirrend. Ich hoffe sehr, dass es in Deinem Fall den Rahmen typischer, narzisstischer Emotionalprojektionen nicht sprengt. Der Vater als Narzisst hat selbstverständlich tolle Kinder, die er allesamt beinahe bewundert für ihre Großartigkeit, die ja im Grunde nur seine eigene ist …

      Schade, dass Du zu wenig Vertrauen für eine Beziehung zu haben scheinst. Ich war zu Beginn auch sehr misstrauisch. Vertrauen kann da nur sehr langsam wachsen, wenn es einmal zerstört wurde. Mit dem Vertrauen ist es vielleicht so: Wenn es nicht trotz aller Ängste und Befürchtungen wagt, dann wird man nie erfahren, wie man sich fühlen und was man erfahren könnte.
      Doch das ist sicher leichter gesagt als getan. Ich wünsche Dir aber von Herzen, dass es vielleicht irgendwann für Dich möglich ist.

      Ganz herzliche Grüße!

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  8. Zu Mitgefühl und Verständnis waren meine Eltern absolut nicht in der Lage, auch nicht phasenweise. Beide litten und leiden unter einer totalen Empathielosigkeit und absoluten Unfähigkeit sich in andere einzufühlen. Bei anderen Menschen habe ich das kaum je so erlebt. Mir ist nichts wirklich Schlimmes (oder ich erinnere es eben nicht) durch meine Eltern passiert, also direkte Gewalt, aber es gab immer das Gefühl, dass alles möglich wäre. Es gab keinerlei Schutz oder Vertrauensbasis.
    Und da ist vielleicht weniger Misstrauen anderen gegenüber, als das tiefverankerte Gefühl, das ich eine bin, die niemand will. Denn meine Eltern hatten tatsächlich keinerlei Freude oder Interesse an uns. Wir ergaben gemeinsam einfach das Bild „Familie“, mit zwei Kindern, Auto, Musikunterricht, Urlauben, eigenem Kinderzimmer, etc. hinter dem sich die ganze Trostlosigkeit und Gefühlsarmut verbarg.
    Ich habe gegen grossen inneren Wiederstand meinen Vater kürzlich auch konforniert. Er hört zu und hält aus. Aber ich weiss auch, dass das nur die eine Seite von ihm ist, und er mich ja auch dringend braucht, weil mein Bruder sich von ihm abgewendet hat und meine Mutter tot ist. Die andere Seite von ihm ist sehr zerstörerisch, rücksichtslos und selbstherrlich.
    Ich finde es schlimm, dass dein Vater dich als verrückt bezeichnet hat, als du ihn mit seinen Defiziten konfrontiert hast. Das muss sehr sehr verletzend sein. Und es ist traurig, dass man das was man als Kind hätte bekommen sollen, nie bekommen wird, da wird immer diese Lücke sein. Ich weiss auch nicht, ob es gut ist, den Kontakt abzubrechen, meine Therapeutin hält mich auch immer davon ab. Manchmal hat es mir geholfen, mit meinem Vater Mitgefühl zu haben. Er ist eigentlich ein armes Schwein, er ist so unfähig zu lieben und zu fühlen, dass er ihm so viel entgeht. Du schreibst, es ist als sei deine Mutter tot, obwohl sie noch lebt. Bei mir war meine Mutter irgendwie gar nie lebendig, noch bevor sie sich tötete…
    Sorry, ich schreibe einen ganzen Roman.

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    • … ich freue mich, dass Du mich ausführlich teilhaben lässt.

      Also dieses Gefühl „alles Schlechte ist prinzipiell möglich“ , das kenne ich zu gut. Bei uns gab auch Geburtstagskuchen, Urlaub etc. Dennoch war eben dahinter all der verwirrende Irrsinn dauernd wechselnder Gefühle meiner Eltern.
      Habe immer versucht, so brav wie möglich zu sein. Innerlich immer auf der Hut und stets an der beängstigenden Außenwelt orientiert.
      Bis heute überprüfe ich jedes Gefühl, ehe ich es ausdrücke.
      Ich bin weit davon entfernt, impulsiv zu sein.
      Oft spüre oder identifiziere ich meine Gefühle nicht oder erst nach Tagen. Bis dahin somatisieren sie sich. Vermutlich, damit ich sie überhaupt noch wahrnehme.

      Ja, die Lücke der vertrauensvollen und schönen Kindheit, die bleibt für immer. Ich spüre sie sehr, sehr oft.
      Die Kindheitserinnerungen sind bei mir immer vermischt mit dem inneren Dauerstress, unter dem ich stand und den ich bis heute spüre. Da sind große Unsicherheiten und da ist Angst. Dieses Gefühl, dass man Trugbilder sieht. Das losgelöste und tief vertrauende, das meine eigenen Kinder haben, das hatte ich nie.

      Für eine Phase der Auseinandersetzung mag es gut sien, sich mit dem betreffenden Elternteil zu konfrontieren. Letztlich sind solche Persönlichkeiten Menschen, die nicht lieben und mitfühlen können. Somit sind sie nicht zu einer Beziehung fähig, die einen selbst bereichern würde. Und nur um ihnen einen Service zu erweisen, wollte ich da nicht um diese Beziehung kämpfen. Das würde ich persönlich auch niemandem raten.
      Dass Dein Vater aus Verlustangst zuhört, aber eben dadurch nur eine seiner Seiten zeigt, hilft Dir im Grunde nicht weiter. Aber ich freue mich, dass er Dich nicht aus Abwehr verletzt hat, so wie ich es erfahren musste.

      Wenn nach außen die heile Familie zu sehen ist, dann ist es sehr schwer für Betroffene wie uns, zu identifizieren, was genau verstörend und verletzend war. Man denkt, in einer scheinbar funktionierenden Familie gäbe es nicht viel zu beklagen.
      Das macht den Prozess der Auseinandersetzung schwer. Zugleich habe ich die Erfahrung gemacht, Urlaub/Weihnachtsgeschenke/Geburtstagskuchen/Turnverein sehr gut Eckpfeiler der Normalität sind. Stimmige Rahmenbedingungen, die einem innerlich doch Orientierung und Halt geben.
      Zugleich wirkt alles so, als würde hinter freundlichen Masken etwas Undefinierbares, möglicher Weise Böses lauern würde.

      Es tut mir ehrlich leid, dass Du Dich als jemanden wahrnimmst, den niemand will. Dies ist natürlich kein zutreffender Eindruck, sondern ein wirklich trauriges „Erbe“ Deiner Kindheit. Ich hoffe, Du kannst dieses Gefühl irgendwann ablegen.

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  9. Die Antennen kenne ich. Ich kann das auch heute noch, lesen wie es anderen geht. Oft auch zu gut, ich versuche andere zu lesen und zu beobachten, Reaktionen vorher zu berechnen. Ja, impulsiv ist das dann nicht mehr… ich selbst gehe dann ganz verloren. Auch mir geht es so, dass ich eigene Gefühle und Wünsche kaum spüre, meist ist da nur das Gefühl irgendwie wieder falsch zu sein und alle Gefühle verbergen zu müssen. Es wurde einem ja auch immer das bisschen Schöne was es noch gab, gleich kaputt, lächerlich und runter gemacht, das ging dir vielleicht auch so.
    Das Schwierige ist wohl das was einem mitgegeben wurde los zu lassen. Diese Schutzmechanismen haben uns das Überleben gesichert und waren zu der Zeit klug, denn wir waren völlig ausgeliefert. Wie oft wünsche ich mir, ich wäre mal ausgeflippt, hätte alles kaputt geschlagen mit dieser Wut und Verzweiflung, die da tief drin in mir waren. Aber es war gar nicht möglich oder überhaupt denkbar und tatsächlich gefährlich gewesen. Wäre ich nicht so angepasst gewesen, ich wäre vermutlich im Stich gelassen worden.
    Nur sind diese Schutzmechanismen heute nicht mehr nötig. Wir sind nicht mehr ausgeliefert. Das nicht „gewollt“ und geliebt worden sein, das gehört zu den Eltern, es lag nicht an uns. Du hattest die rettende Fantasie, dass du dort gar nicht hin gehörst, sondern dich irgendwann mal jemand abholt. Auch wenn natürlich niemand kam, Irgendwie hast du wohl gewusst, dass nicht du falsch bist, sondern wo anders geliebt werden würdest.
    Das Bild des Vogels, dem die Käfigtür offen steht, aber nicht davon fliegt ist treffend (oder waren es Sklaven). Dumm ist nur: heute sind wir uns selbst der Käfig.

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    • Es ist wirklich sehr berührend für mich, was Du schreibst.
      Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand detailliert beschreibt, was in ihn (auf dieses Thema bezogen) vorgeht und alles haargenau so von mir unterschrieben werden könnte!
      Ja, ich erkenne alles wieder, das Du beschreibst.

      Und Dein Gedanke, wir selbst sind uns zum Käfig geworden – der ist ja mindestens philosophisch 😉

      Ob es für uns wohltuend und bereichernd wäre, uns per Mail zu schreiben? Hättest Du Lust?
      Gern könntest Du mir an die hier im Blog angegebene Adresse schreiben. Wenn Du das lieber nicht möchtest, dann ist das auch kein Thema und wird von mir respektiert 🙂

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      • Sehr gerne. Ich bin froh, dass du das schreibst. Ich hatte mir das auch schon überlegt, aber nicht gewagt vorzuschlagen.

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  11. Puh.
    Ich bin per Zufall hier gelandet, aber Zufall ist ja so eine Sache…
    Deine Offenheit und Dein Umgang mit Deiner Geschichte sind bewundernswert.
    Und Deine Diagnosen für Deine Eltern haben so viel in mir hoch gebracht. Du hast so gut beschrieben, dass ich die Diagnosen in mir formulierte, bevor ich sie las. Da sie mir so vertraut sind.
    Borderline Und Narzisst. Was für ein Paar. Ich bin bei meiner Stiefmutter und meinem Vater aufgewachsen. Sie hatte eine Borderline Persönlichkeitsstörung und ist mittlerweile mit paranoider Schizophrenie diagnostiziert worden. Mein Vater ist meiner Meinung nach Narzisst.
    Es ist spät, ich schlafe jetzt mal lieber. Ich könnte so viel schreiben, wollte aber einfach nur da lassen, dass Deine Sprache umwerfend ist. Du beschreibst so gut, was in Dir vorging und -geht und beschreibst sehr treffend, was Du beobachtest.
    Ich wünsche Dir weiterhin Zuversicht und Kraft und die Verbindung mit Deiner Intuition.

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    • Lieb Mila,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und die Rückmeldung bezüglich meines Umgangs mit Worten und Gefühlen.

      Die Mischung aus Borderliner*in und Narzisst*in gibt es wohl häufiger, habe ich gelesen. Meist ist der männliche Part Narzisst und gibt die „Täter“-Rolle, während die Frau dann in der für Borderline typischen Opferrolle ausharrt und ihn „erträgt, damit er irgendwann doch schenkt, worauf sie am meisten wartet: Liebe“. Das passiert aber nicht, er liebt ihre Bewunderung, lässt sie am ausgestreckten Arm hungern und sie meint, wenn sie nur genug ertrüge und für ihn täte, dann liebte er sie irgendwann so, wie sie es sich wünscht.
      Meine Eltern haben dieses „Spiel“ Jahrzehnte lang gespielt.

      Danach empfand mein Vater sich dann als Opfer, weil er (typisch für seine Störung) von der Verantwortung überfordert war, die sich für ihn ergab, als er sich trennte. Da irgendwann, während er mir erzählte, wie sehr die Frauen nun auf ihn fliegen würden und so weiter, drängte sich mir meine Diagnose für ihn auf. Im Grunde hätte ich das auch vorher ahnen können, aber vielleicht habe ich es verdrängt.

      Vielen lieben Dank für Deine Wünsche. Ich hoffe, Du kommst mit Deinen Erlebnissen und Erinnerungen gut zurecht und wünsche Dir ebenfalls viel Kraft und Lebensfreude!

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      • Ja, diese Dynamik kommt mir sehr bekannt vor. Diese beiden Störungen nähren quasi gegenseitig ihre Neurosen…
        Mein Vater hat seine Frau auch verlassen und weist ihr alle Schuld zu. Ist also das Arme Opfer. Und obwohl ich mit meiner Stiefmutter keinen Kontakt mehr habe, da es so besser für mich ist, finde ich diese Schuldzuweisung zum Kotzen, zu einer Beziehung gehören immer zwei, und es gibt Gründe, warum mein Täter sich genau diese Frau „gesucht“ hat und warum sie diese Dynamik aufgebaut haben.
        Ich habe sehr unter ihr gelitten. Sie hat mich großgezogen und Vieles an mir ausgelebt. Als ich mal was zu Double-bind als verstand ich, was mir so viel Schmerz zugefügt hatte. Mein Selbstbildnis war geprägt von ihren Vorwürfen und den Bildern, die sie über mich zeichnete. Als ich 22 war begann ich eine Therapie, die drei Jahre dauerte, ein Jahr lang ging es um meine Stiefmutter. Aufdröseln, was sie in meinen Kopf gepflanzt hatte, und was ich wirklich bin.
        Mit ca 30 Jahren kam für mich emotional die große Wende. Ich habe ein positives Selbstbild und viel Selbstvertrauen. Jetzt bin ich 37 und selbst zweifache Mutter und möchte meinen Kindern Double-bind und so nen Mist ersparen…
        Als ich es mal wagte, meinen Vater zu kritisieren, brach er den Kontakt zu mir für einige Monate ab und machte klar ich solle mich erst wieder melden, wenn ich mich „beruhigt“ hätte. Mittlerweile haben wir eine funktionierende Beziehung. Immer wieder muss ich ihn jedoch in seine Schranken weisen. Und dann klappt es wieder…
        Mir kam bei Deiner Geschichte auch der Gedanke, dass es keine Überraschung ist, dass Du mit Familien gearbeitet hast…
        Ich wünsche Deiner Familie einen angenehmen Sonntag!

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  12. Das sind in der Tat Parallelen zwischen Deinem und meinem Erleben dieser ineinander verhakten Persönlichkeiten …
    Vermutlich nicht untypisch aber für mich dennoch irgendwie beruhigend, dass Dein Vater ähnlich wie meiner reagiert. Meiner wollte auch nur eine Pause – ich habe für mich beschlossen, dass er nie ein echter Vater für mich war und ich zum Preis des ewigen Schweigens auch keine Beziehung aufbauen will. Eine, in der ich seine einseitige Sicht der Dinge und sein komplettes Leugnen seiner Verantwortung übernehmen muss und nichts sagen darf. Man konnte nichts gemeinsam verarbeiten.

    Du hast schon Recht: Die Familienpflege war wohl wirklich kein Zufall. Irgendwie passen die Berufe doch immer ganz gut, die man sich aussucht …

    Ich freue mich sehr für Dich, dass Deine Therapie so gut angeschlagen hat und Du Dich so wunderbar entfalten konntest. Eine Familie zu haben unterstützt einen natürlich noch zusätzlich – es ist wirklich schön zu lesen, dass Du Dir wieder vertraust und die Mechanismen von Dingen wie dem Double-Bind zu analysieren und hinter Dir zu lassen!

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  18. …zufällig hier gelandet…wie stark Du bist!
    Und so mutig.
    Inzwischen, nachdem ich selbst meinen Narzissten-Exmann , den Vater meiner Kinder, verließ, merke ich, wovor ich meine Kinder bewahrt habe. Und was für eine Kraft das Leben mit einem persönlichkeitsgestörten Menschen gekostet hat. …und vor allen die Verarbeitung des Erlebten.
    Deswegen möchte ich mich hier an dieser Stelle bedanken für Deine Offenheit und Mut!
    Es hat mir gezeigt, dass es alles richtig war, dass ich die Kinder genommen hab und abgehauen bin.
    Und es ist so schön mit ihnen ohne diesen täglichen emotionalen Stress.
    Sie sind seitdem wirklich aufgeblüht und nicht abgestürzt, weder schulisch noch seelisch.
    Nie wieder Panik, wenn das Türschloss sich dreht.
    Aufräumen, wenn wir das wollen.
    allein die Morgende….ohne dieses miese Gefühl in der Magengegend.
    Und nie zu wissen, wo eigentlich genau der Haken war.
    In der Aufarbeitung liegt eine unglaubliche Kraft. Manchmal überrollt es einen, aber wenn wir uns nicht dagegen stemmen , sondern uns mitziehen lassen, und dann Schritt für Schritt wieder an Land kommen…..und auf die tosenden Wellen schauen und man WEISS : da kommst Du her! Das hast Du geschafft! Unbezahlbar!
    Und jetzt lese ich den Rest in Deinem Blog.
    Liebe Grüße! Eva

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    • Liebe Eva,

      hach, vielen, vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Du hast vollkommen Recht: Der Blick zurück auf das, was man bewältigt hat, zeigt einem wie stark man wirklich ist. Man ist immer wieder überrollt und stellt sich Tausend Fragen, zweifelt an sich und manchmal an allem. Aber irgendwie kommt man immer wieder auf einen Kurs zurück, der gut tut und weiterhilft.

      Die Panik vor dem Schlüssel im Türschloss kenne ich so gut! Dieser Satz drückt so viel aus: Da lebt jemand nicht dort wo er sich wohlfühlen und er selbst sein kann, sondern zusammen mit einem Menschen, der Druck und Angst verbreitet. Wie furchtbar das ist, bemerkt man dann hinterher erst im vollen Umfang …
      Das Zusammenleben innerhalb einer Partnerschaft ist mit einem Menschen mit Persönlichkeitsstörung so unglaublich anstrengend. Es gehört viel Mut dazu, sich daraus zu lösen und ich freue mich so mit Dir, dass Du das geschafft hast. Du und auch Deine Kinder profitieren so sehr von diesem Schritt. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Akt der Selbstbefreiung Dir sehr viel Kraft gibt. Gerade weil Du nun weißt, wie eng und fremdbestimmt sich das Leben anfühlen kann und dass es das nun eben nicht mehr tut.

      Ich freue mich sehr, dass Dir unser Blog so gut gefällt, war auch schon auf dem Deinen und werde nun öfter auch Dein Gast sein ❤

      Ganz liebe Grüße!

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  19. Gerade habe ich deine Geschichte gelesen, nachdem ich zufällig hier gelandet bin und ich muss sagen, es hat mich unheimlich berührt. Ich habe eine Freundin, die leider eine ganz ähnliche Kindheit erlebt hat: mit einer psychisch kranken Mutter und einem dominanten und gefühlskalten Vater. Ihre Mutter nahm sich das Leben, als meine Freundin 16 Jahre alt war. Zum Vater gibt es heute keinen Kontakt mehr; auf Versuche, die Vergangenheit mit ihm gemeinsam aufzuarbeiten, wollte er nie eingehen. Was soll ich sagen? Meine Freundin ist heute Mitte 40 und kämpft seit fast 20 Jahren mit immer wiederkehrenden, teilweise schweren depressiven Phasen, in denen auch Alkoholmißbrauch eine Rolle spielte. Ein Suizidversuch und zahlreiche Therapien liegen hinter ihr. Sie hat sich immer eine eigene Familie gewünscht, war aber nie in der Lage, eine stabile Beziehung einzugehen (den Satz mit dem Urvertrauen, den du geschrieben hast, habe ich schon genau so von ihr gehört). Heute sagt sie selbst, es sei wohl besser, dass sie kinderlos geblieben ist, weil sie sich während ihrer teils monatelangen Krankenhaus- und Rehaaufenthalte nicht um ein Kind hätte kümmern können. Und doch weiß ich, wie sehr sie das oft vermißt. Deshalb finde ich es ganz toll, dass du es trotz deiner schwierigen Geschichte geschafft hast, Vertrauen zu entwickeln und eine eigene Familie zu haben! Vier Kinder zu haben ist ja auch so schon eine Herausforderung (ich habe zwei und fühle mich nicht unterfordert), da ziehe ich echt meinen Hut…
    Alles Gute wünsche ich dir und deiner Familie!
    Liebe Grüße,
    Simone.

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    • Liebe Simone,

      ganz lieben Dank für Deinen Kommentar und die guten Wünsche!

      Es ist wirklich sehr schwierig, eine solche Kindheit derart aufzuarbeiten, dass man ein glückliches Leben führen kann. Und man muss vieles hinnehmen, während man nichts unversucht lassen sollte, sich weiterzuhelfen.

      Ich bin sehr dankbar für meinen Mann, in dem ich einen Partner gefunden habe, der mit mir analysiert und reflektiert. Wir gehen sehr, sehr ehrlich miteinander um und sagen einander auch solche Dinge, die dem anderen wehtun oder die für ihn schwierig zu verarbeiten sind. Das hilft mir, aber auch ihm, immer wieder weiter.

      Zudem habe ich als Kind bereits verschiedene Überlebensstrategien entwickelt, die ich bis heute nutze: Mein Humor ist eine davon. Meine Analysefähigkeit, mit der ich Distanz zu Menschen oder Situationen herstellen kann ist eine andere.

      Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr Deine Freundin unter ihrer Biographie leidet und es ist sehr schwer, die nötige Selbstliebe aufzubauen, wenn man erlebte, wie die Mutter sich das Leben nahm und auch im Vater niemanden hat, der einem Sicherheit gibt.

      Seine Eltern zu verlieren ist immer schwierig – ganz gleich, wie das Verhältnis ist. Ich wünsche Deiner Freundin von ganzem Herzen alles Liebe!

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  20. Liebe Laraine, ich kenne dich nicht und du mich nicht. Und dennoch möchte ich dich einmal fest umarmen. Ich habe ähnliches erlebt, wenn auch in anderer Ausprägung und mich hat der letzte Abschnitt über die Trauer sehr berührt. Auch ich trauere um meine Mutter. Um die, die ich nie hatte und die, die ich jetzt nicht habe. Und um die Omi, die meine Tochter nie haben wird. Ich freue mich aus tiefstem Herzen dass du offenbar einen heilen Mann an deiner Seite hast und damit den Kreis durchbrechen konntest, denn leider wiederholt sich so eine Geschichte ja in vielen Fällen und man landet bei einem persönlichkeitsgestörten Partner. Hut ab für deine Stärke. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute.

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    • Liebe Pauline,

      lieben Dank für den Kommentar und die Umarmung, die ich gleich zurückgebe ❤

      In der Tat habe ich durchaus persönlichkeitsgestörte Freundinnen gehabt, die allesamt an der gleichen Erkrankung wie meine Mutter litten. seit meiner Therapie habe ich nie wieder eine solche Frau kennengelernt.
      Persönlichkeitsgestörte Partner habe ich nicht gehabt.
      Allerdings immer welche mit anstrengenden und schwierigen Beziehungen zu ihren Eltern oder ihrer Familie.

      Ich habe mich wirklich mit aller Kraft gegen dieses Schicksal gestemmt, damit unsere Kinder weit weg von Themen rund um psychische Erkrankungen / schwerwiegende Störungen, Missbrauch und so weiter aufwachsen können. Und bisher ist mir das gelungen, worüber ich sehr glücklich bin.

      Ganz lieben Dank für Deine guten Wünsche – ich wünsche Dir ebenfalls das Beste. Ein Zulassen und Aufarbeiten der Trauer, den nötigen Humor für die Situation und ganz viel Lebensfreude ❤

      Deine Lareine

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