40 Tage ohne

40 Tage ohne

Ich habe mit dem Fasten gute Erfahrungen gemacht.

Allerdings faste ich nicht auf der geistig-physischen Ebene, sondern nur auf der geistigen. Ich verzichte hierbei also nicht auf bestimmte Lebensmittel. Vor ein paar Jahren habe ich mit dem Fasten begonnen. Ich nahm mir im ersten Jahr Folgendes vor: Keine Lügen, keine Ausreden, keine Ausflüchte – nur die Wahrheit. Ich verzichte auf Unwahrheiten.

Und das gefiel mir in den 40 Tagen so gut, dass ich es beibehielt. Ich spürte, dass die Menschen, die mein Fastenziel kannten, mir viel mehr Vertrauen entgegenbrachten. Ich spürte, dass sie sich gewertschätzt fühlten, weil ich sie nicht mit klassischen Ausreden „abspeiste“, wenn ich zu spät kam oder etwas verbaselt hatte. Ich hatte den Eindruck, Menschen spüren, wenn sie belogen oder angeflunkert werden.

Ich sage beim Zuspätkommen ungefähr so etwas: „Es ist mir unangenehm, dass ich zu spät bin, aber ich habe meinen Hintern nicht früher hochbekommen. ich bin heute einfach unmotiviert und müde. Entschuldige“ oder beim Verbaseln: „Tut mir leid, ich hatte Aufschieberitis. Hab ich echt selten, aber nun hatte ich sie und daher habe ich das-und-das nicht rechtzeitig fertig bekommen.“ Schwieriger sind die White Lies. Also jedes „Du bist zu dick für dieses Kleid.“ Da habe ich mich inzwischen einfach auf Diplomatie und Empathie besonnen. „Ich finde, das Kleid steht dir nicht ganz so gut, es wirft Falten an genau den Stellen, an denen du sie bestimmt nicht haben willst“ ist nicht unbedingt immer einfach auszusprechen. Manchmal wartete ich mit den (meinen) Wahrheiten auch einfach lange auf den richtigen Augenblick. Das Verschweigen in der Zwischenzeit habe ich dann aber nicht auf’s Konto notiert.

Ich habe nämlich ein kleines Konto im Kopf, auf dem ich zahlenmäßig meine Fehltritte notiere. Jedes unwahre und leider so verführerisch einfache „ich muss den Termin absagen, weil ein Kind krank ist“ landete dort. Ich bin nach vier Jahren inzwischen bei 28 Unwahrheiten gelandet – die meisten davon waren Ausreden.

Letztes Jahr habe ich mir das Fasten ein Mal geklebt. Ich war im ersten Babyjahr und verzichtete bereits auf Schlaf, Spaß, Entspannung, Freizeit und Selbstbestimmtheit 😀

Dieses Jahr habe ich die ganze Familie eingeladen, das Experiment des geistigen Fastens mit mir zu teilen. Ich sagte, wer Lust hat kann mitmachen. Niemand muss. Sie wollten alle. Daher habe ich kleine Kärtchen vorbereitet, die ich für jeden mit einem schon leicht österlichen Aufkleberchen versah. Jeder bekam eines und schrieb sein Fasten-Vorhaben auf. Wir hängten diese an den Seidenblumenstrauß, den wir in Richtung Ostern mit immer mal wieder einem österlichen Anhänger dekorieren werden, bis er fertig ist.

Es ergaben sich beim Ausfüllen der Karten folgende Gesprächssequenzen:

Nummer 1: „Was soll ich nur nehmen? Ich hab verpennt, mir etwas zu überlegen. Auch wenn Mama mich tausend Mal dran erinnert hat. Hab’s wohl irgendwie aufgeschoben bis es zu spät war. Öhö …“

Mr. Essential: „So wie ich das verstehe soll man auf etwas verzichten, von dem man sich befreien möchte. Oder auf etwas, dessen Wert man erfassen will. In deinem Fall empfehle ich Ersteres. Schreib doch drauf: Ich verzichte auf meine Aufschieberitis.“

Nummer 1 (lachte selbstironisch <-tolle Eigenschaft ihrerseits): „Das kann ich gleich lassen. Das schaff ich nie.“

Wir bestärkten sie allesamt darin, es zu versuchen und ich erklärte noch mal, dass wir uns jeden Tag ein bisschen davon erzählen wollen, wie der Verzicht so bisher klappt und welche Erfahrungen man dadurch macht. Wir sagten ihr, dass wir glauben, dass sie es viel besser schaffen kann als sie selbst glaubt. Da notierte sie plötzlich den Vorschlag ihres Vaters und war zufrieden.

Ich: „Um ehrlich zu sein weiß ich nicht genau, wie ich mein Vorhaben aufschreiben soll.“

Nummer 3 (als heiliger Augustinus ja quasi Profi im Thema): „Was ist denn dein Fastenziel? Willst du von etwas den Wert erkennen oder dir was Gutes tun? Oder was genau?“

Ich: „Ich würde es gut finden, wenn ich es schaffe, wieder etwas besser dafür zu sorgen, dass ich meine Freiräume und Bedürfnisse schütze und mich im Gleichgewicht halte. Ich verliere das Wissen zu oft aus den Augen, dass ich mich gesund abgrenzen sollte.“

Nummer 3: „Schreib doch auf: Ich will mich endlich durchsetzen. Das wäre genau das, was du brauchst.“

Ich (leicht verdattert von ihrer punktgenauen Analyse): „Äh, der Satz soll aber beginnen mit Ich verzichte auf …

Nummer 3: „Dann eben: Ich verzichte auf Selbstaufgabe.“

Verblüfft (obwohl ich sie ja eigentlich doch gut kenne) nahm ich den Stift und schrieb.

Nummer 3 liebt seit Jahren meine Ehrlichkeit und notierte für sich selbst das gleiche Ziel. Wobei sie sagte, es sei für sie härter, weil sie ein Kind sei und die schneller und mehr lügen würden. Ich sagte ihr, dass ich das bezweifle, weil Erwachsene allein schon mindestens so viele Ausreden benutzen wie Kinder. Zudem sei es auch wichtig, auf Selbstlügen zu verzichten und genau das falle Erwachsenen oft richtig, richtig schwer.

Nummer 2 wollte darauf verzichten, aufbrausend zu sein. Aber sie notierte auch gleich noch, dass sie keine emotionalen Ausraster zeigen wolle. Nichts Hysterisches, nichts Aggressives, keine Beleidigungen und sie wollte das Petzen an den Nagel hängen. Statt nur eines Vorhabens hatte sie sich gleich ein Paket geschnürt, diese kleine Perfektionistin.

Ich bin nun gespannt, wie das ab morgen so laufen wird. Vielleicht berichte ich hier ja zwischendurch mal ein wenig darüber.

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8 Gedanken zu “40 Tage ohne

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar 🙂
      Ich freue mich sehr, dass Dir mein Beitrag gefällt und Du für Dich vielleicht einige Gedanken daraus ziehen konntest. Ganz liebe Grüße!:-)

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