Interessante Theorie: Kinder innerhalb des Familiensystems

Interessante Theorie: Kinder innerhalb des Familiensystems

Eine Freundin erzählte mir vor über zehn Jahren von einer Theorie, die ich sehr interessant fand und noch heute finde. Sie hat sich immer wieder bewahrheitet. Ich teile sie mit, dann könnt Ihr selber mal schauen, ob sie bei Euch oder in Eurem Umfeld auch simmt.

Es ist weniger etwas Mysteriöses als etwas Psychologisch-Systemisches 😉

Es geht um die Kinder und wie die Reihenfolge ihrer Geburt im Zusammenhang mit ihrem Charakter steht:

Kind 1: Der „Familienerhalter“. Das traditionsbewusste Erstgeborene legt Wert auf wiederkehrende Rituale. Es liebt Dinge wie die weihnachtliche Bescherungs-Glocke und den Eröffnungswalzer auf Hochzeiten. Es kümmert sich als Erwachsene/r bei Krisensituationen der Familie um den Zusammenhalt und organisiert Familienfeiern. Das Kind behütet jüngere Geschwister auf mütterliche/väterliche Art und geht selten in Konkurrenzsituationen mit ihnen. Es ist eher strebsam, angepasst und diszipliniert. Auf Grund seiner Anpassungsfähigkeit wird es mit seinen Bedürfnissen manchmal übersehen.

Kind 2: Der „Punk“. Das zweite Kind überprüft das Nest auf seine Haltbarkeit. Und später jedes weitere System. Es zeigt systemische Missstände auf und eckt dadurch in Institutionen an. Seine oft renitente Art muss man schon zu schätzen wissen, damit man etwas daraus lernen kann und sich nicht angegriffen fühlt. Das Zweitgeborene geht in Konkurrenz mit dem stolz machenden Erstgeborenen und sucht rasch nach seinen starken Eigenschaften. Oft punktet es durch Humor, Charme oder kleine Showeinlagen, weil die Klassiker der von Eltern geliebten Eigenschaft schon vom Kind 1 besetzt sind. Es wird ganz sicher nicht übersehen, da es oft auf sich aufmerksam macht. Dies gilt besonders, wenn es noch kleinere Geschwister hat, die ihm auch noch die Position des niedlichen Nesthäkchens wegnehmen.

Kind 3: Das Drittgeborene sowie alle Folgenden sind „Die Überflieger“. Sie machen die Eltern glücklich. Nicht nur, weil sie die Kleinen sind (durch welche sich die Eltern am längsten jung fühlen), sondern weil sie sich ihrer Wirkung bewusst sind. Durch ein charmantes Lächeln zaubern sie elterlichen Ärger hinfort und sehen dies auch in ihrem Leben später mindestens als letzten Ausweg aus Konflikten. Sie sind hilfsbereit, anhänglich und oft sehr kuschelig. Zuerst „laufen sie im Familienalltag so nebenher“ wegen der größeren Kinderanzahl. Dann genießen sie es, wie viel die Eltern ihnen gestatten, sobald die Größeren groß sind. Sie lernen zum Einen, sich durchzusetzen und entwickeln zum Anderen ein sehr schönes Sozialverhalten, was sie in den Schulklassen und Kindergärten zu beliebten FreundInnen sowie SpielkameradInnen macht.

Und? Kommt es bei Euch auch so oder ähnlich hin?

(Bei uns stimmt es in weiten Teilen … )

Wissenslücke

Wissenslücke

Ich löse ein Kreuzworträtsel und murmele:
„Schutzpatronin der Hausfrauen …?“
Nummer 2: „Sankt Gestresstia?“
Ich (lachend): „Die Heilige Putzlinde?“
Sie: „Sancta Frustia?“
Ich (übermütig werdend): „Sankt Bügelburga?“

Ich habe die Kästchen letztlich leer gelassen. Ich hatte keine Ahnung, wer die Hausfrauenpatronin war. Und ich hatte auch keine Lust, die Heilige Googlia zu befragen 😄 …

Tabuthema Fehlgeburt?

Ich las gerade diesen Artikel und wundere mich nun: Ist das Thema Fehlgeburt wirklich ein Tabu?

Mich hat das Thema irgendwie nie beschäftigt, muss ich zugeben. Ich bekam meine drei Töchter ohne große Angst vor einer Fehlgeburt. Meiner Mutter muss das damals unglaublich blauäugig vorgekommen sein. Sie sagte jedes Mal: „Freu dich nicht zu sehr. Es heißt nicht umsonst Guter Hoffnung sein. “ Das war mir aber zu schwarzmalerisch und ich hab es abgetan.

Weil ich es unsinnig fände, aus etwas Natürlichem und Menschlichen wie einer Fehlgeburt ein Tabu zu machen, schreibe ich meine persönlichen Erfahrungen mit dem Thema auf. Geburtsberichte gibt es nämlich wirklich wie Sand am Meer. Aber kaum welche über Schwangerschaften, die zu früh enden. Dabei ist das bei einer sehr großen Prozentzahl so.

Als wir uns für eine Nummer 4 entschieden hatten, war ich nicht mehr Mitte Zwanzig sondern tendenziell eher so irgendwie Ende Dreißig. Und da hatte ich mehr Sorgen als Blauäugigkeit. Letztere war inzwischen eigentlich verschwunden. Ich hatte das Gefühl, es würde ein Jahr dauern bis es klappen würde. Und schwierig werden. Ich dachte: „Jetzt ist es März und im kommenden März bin ich dann erst schwanger.“

Ich war zwar nicht mehr blauäugig aber meine gute alte Intuition war wohl geblieben, wie sich zeigen sollte. Zwischen dem einen und dem anderen März lagen bald ein paar negative Schwangerschaftstests. Früher, als ich noch nicht eine uralte Schachtel gewesen war, da war ich immer sehr schnell schwanger geworden. So dachte ich. Und das ärgerte mich – klar, wer spürt schon gern den Zahn der Zeit an sich nagen?
Ich nahm das aber so an und entspannte mich ein wenig. Dann hatte ich den ersten positiven Test. Ich freute mich zuerst über den dünnen zweiten Strich, starrte ihn dann an und dachte: „Der Strich ist zu dünn – das gibt nix.“ Abends bin ich etwas ängstlich ins Bett. Sonntagmorgens wachte ich mit einem typischen menstruationsartigen Ziehen im Bauch auf: „Aus der Traum“ habe ich wortwörtlich gedacht und so war es auch.

Dann, gleich im übernächsten Monat blieb die Regel wieder aus. Neuer Test musste her. Zwei knallblaue Striche! Yeah! Aber das flaue Gefühl blieb. Ich war bei der Frauenärztin, bekam ein Ultraschallbild. Die Fruchthöhle sah irgendwie länglich aus. Die Ärztin sagte, dass müsse nichts bedeuten. Es sei besser, wenn sie sofort rund sei, klar. Aber sie habe genug längliche gesehen, aus denen auch etwas geworden wäre. Ich googelte Tausend Mal „Längliche Fruchthöhle“ und erfuhr, dass dies sowohl ein schlechtes Zeichen als auch nicht von Bedeutung sein konnte.

Ich fuhr über’s Wochenende zu Freunden und hatte recht entspannte Stunden – die beiden freuten sich sehr mit mir über die Neuigkeit, die ich nicht an die große Glocke hängte, aber ihnen mitteilte. Auf der Rückfahrt im Zug dachte ich nach und fühlte in mich hinein. Ich hatte total bekloppte Gefühle. Als hockte da ein panischer kleiner Kerl in mir. Einer, der nicht wusste, ob er gehen oder bleiben wollte.

Wenige Tage danach, am Donnerstagabend, saß ich mit der Familie am Tisch und hatte plötzlich Schmerzen. Ich bekam richtig Panik und spürte sofort: „Oh nein, das war’s“ und legte mich auf das Sofa. Mein Mann versuchte mich mit „Das wird schon nix Schlimmes sein“ zu beruhigen, aber ich wusste, alle seine Versuche, mich aufzumuntern würden sich nicht bewahrheiten. Freitagmorgens fuhren wir zur Ärztin.
Da saß ich dann eineinhalb Stunden mit dem Abortus imminens, dem drohenden Abort, im Wartezimmer. Und blutete immer mehr und spürbarer. Irgendwann begann ich vor lauter Verzweiflung zu weinen und mein Mann brachte mich zu den freundlichen  Arzthelferinnen.

Er: „Meine Frau glaubt, dass sie eine Fehlgeburt hat, wie sie ja auch zuvor am Telefon angekündigt hat. Sie blutet immer stärker. Wenn das nun kein Notfall ist und sie schnell drangenommen wird, dann weiß ich nicht.“

Arzthelferin aus der Vorhölle: „Tja, und? Da könnte man ja nun auch nichts mehr machen. Dann weise ich sie eben jetzt ins Krankenhaus ein!“

Ich: „Nein, ich habe schon fast zwei Stunden blutend hier gewartet. Ich will nicht ins Krankenhaus rüberfahren, mich anmelden und noch mal zwei Stunden warten.“

Sie: „Tja, da kann ich ihnen auch nicht helfen. Mehr kann ich nicht …“

Sie wurde unterbrochen, weil meine Ärztin aus dem Sprechzimmer kam und mich (weinendes Häufchen) geschockt ansah. Dann befragte sie mich, warf der Bösen einen ebensolchen Blick zu und nahm mich mit ins Behandlungszimmer.

Ein kurzer Ultraschall, noch mehr Tränen – sogar bei der Ärztin. Ja, es war ein vollständiger Abort. Eine Fehlgeburt.

Ich musste danach dann zum Drogeriemarkt und mir zwei Packungen dicker Binden kaufen, um aufzufangen, was von meiner einstigen, unsicheren Freude noch übrig war.

Zuhause erklärte der Mann den Kindern, was passiert war. Sie konnten das nicht recht greifen. Jedenfalls eierten und kreischten sie bald ausgelassen und nervten mich Trauerkloß kolossal. Ich hab sie dann angeschnauzt und mich noch mieser gefühlt.

Ich habe in den folgenden ersten zwei Wochen des Vor-mich-hin-Blutens immer wieder Panik gehabt, das Blut könnte Reste der Frucht enthalten und ich würde das sehen – daran erinnere ich mich noch. Und ich empfand das irriger Weise alles als schmerzhaft demütigend, dieses Bluten. So, als würde ich es einfach nicht mehr können , das Schwangersein.

Ich war echt traurig und musste dann lernen, denjenigen, den ich wegen seiner mir so erschienen Angst vor dem Leben Prinz Panik genannt hatte, loszulassen. Ich dachte mir, er findet eine andere Familie – eine, in der man sich nur auf ihn, den Verängstigen, konzentrieren kann. Und das gefiel mir. Ich stellte mir ein Paar vor, das am besten schon lange auf ein Kind gewartet hatte, bei denen er dann die Nummer 1 war. Das gefiel mir sehr. So konnte ich ihn loslassen. Den Schwangerschaftstest habe ich mit dem Ultraschallbild umwickelt und alles zusammen in einen Schrank gelegt. Der Geburtstermin wäre der 24.6.2013 gewesen. Dieses Datum vergesse ich irgendwie nicht.

Das war im Oktober 2012.

Ich bin nicht lange sehr traurig gewesen. Nur die folgenden Monate waren anstrengend, weil ich mich ja immer fragen musste, ob es jemals (erfolgreich) wieder klappen würde. Ich wurde zum Hämatologen geschickt, der erzählte was von leichter Hämophilie und leichter Thrombophilie. Bei einer folgenden Schwangerschaft würde ich mir täglich Heparinspritzen verpassen müssen. Später, bei der Anmeldung zur Geburt, belächelte der Chefarzt der Gynäkologie im Geburtskrankenhaus diese übervorsichtige Diagnose. Er meinte nicht, dass diese im Zusammenhang mit den Fehlgeburten stünde.

Es war März 2013, als ich den dritten positiven Test hatte, der dann auch wirklich und wahrhaftig die heutige Nummer 4 anzeigte.

Bis ich der neuen Schwangerschaft traute vergingen circa fünf Monate derselben und einige Ultraschalluntersuchungen. Ich lernte, mich selbst zu spritzen. Seitdem machen mir Spritzen und Blutabnahmen nix mehr aus. Insgesamt wuchs mit jeder Woche der Schwangerschaft das wackelige Gefühl der Sicherheit. Ich hatte anfangs die irrige Angst, es könnte schon wieder Prinz Panik sein, der sich bei mir einnistete, um dann vielleicht nicht in der 9. oder 10. Woche, sondern in der 13. oder 14. Woche zu verschwinden. Die Angst blieb eine Weile. Aber plötzlich war ich mir sicher: Das ist jemand anderes und er wird bleiben.

Ich glaube, ich habe die Fehlgeburt recht gut überwunden, weil ich glaube, dass sie zum Leben einfach dazugehört. Weil ich nicht davon ausgehe, dass Kinder entstehen, weil Eltern sie machen oder schöner: zeugen, sondern weil es Seelen sind, die bei passenden Familien leben wollen. Manchmal entscheiden sie sich dann um. Das muss man ihnen zugestehen. Man muss sich dann in Liebe trennen. Aber dies spiegelt nur meine persönliche Einstellung wieder. Inzwischen lebt Prinz Panik sicher irgendwo und wird prima umsorgt. Das ist doch eine tröstliche Vorstellung. Ich bin nur traurig, weil ich ihn niemals kennenlernen werde. Ansonsten habe ich das Erlebte gut verdaut.

Manchmal aber, wenn ich abends müde und etwas unkonzentriert etwas im Internet schreibe, wie einen Kommentar oder Ähnliches, dann ertappe ich mich dabei, zu schreiben „Ich habe 5 Kinder“ und das einfach korrigiere. So als hätte ich den Überblick verloren. Aber erst, als ich diesen Artikel hier geschrieben habe, wurde mir überhaupt erst bewusst, warum das so ist.

Leben ist nicht selbstverständlich. Und zugleich alltäglich – es ist schwer, in einem Leben voll scheinbarer Sicherheit mit den letzten großen Unsicherheiten zu leben. Das macht Fehlgeburten heute so schwierig. Und man spricht vielleicht echt nicht viel darüber. So entsteht der Eindruck, sie passierten so selten.

Nummer 4, unser bezaubernder Minimann mit den rund fünfzig Kosenamen, ist inzwischen ein Jahr bei uns.

Ja, der energiegeladene kleine Junge, der zu mir passt und den ich so von Herzen zu uns eingeladen habe, wohnt nun hier. Das verflixte erste Jahr, in dem etwas wie SIDS droht, ist auch vorbei – es sieht so aus, als bliebe er.

Während der Trauer über die Fehlgeburt las ich mal, dass es einen alten Mythos gibt, nach dem der Erzengel Gabriel die – stets protestierende – Seele aus dem Paradies hole und während der neun Monate im Mutterleib erzöge. Ich musste bei dem bildhaften Gedanken schmunzeln: Eine Seele wehrt sich bei der Idee, ein Mensch zu werden und ein Leben meistern zu müssen.
Und so hatte ich aus irgendeinem Grund Verständnis mit Prinz Panik. Ich dachte mir, er hat zwei Anläufe gebraucht und immer nur kurz in meinem Bauch durchgehalten. Er braucht wohl noch etwas Zeit … im Paradies …. Oder wo auch immer.

Dann kam eben einer und hat wohl nicht so sehr protestiert. Was für ein Glück, für das man durchaus Dank empfinden darf.

Lachtränen im warmen Schimmer der Salzlampe

Lachtränen im warmen Schimmer der Salzlampe

Geburtsberichte habe ich auf unserem Blog bisher ausgespart. Ich finde, es gibt einfach schon genug. Und ich finde sie meistens entweder zu blumig („Der schönste Tag meines Lebens“) und wenn man es dann liest, gefriert einem das Blut in den Adern. Oder sie sind sehr effektiv betitelt („Knochen knackten, Blut spritzte, alle schrien – Vorsicht: Schwer zu ertragen“) und halten, was sie versprechen. In jedem Fall unterstreichen sie meinen beliebten Vergleich von Zivilisten (Nicht-Müttern) und Soldaten (eben die Anderen): Der Kreißsaal als Kriegsschauplatz übelster Details menschlichen Leids in Zusammenarbeit mit einem meist fürchterlichen Feldscher.

Ich persönlich habe meine Geburten als Zusammenfassung sehr kurzer Natur irgendwann manchen Freundinnen erzählt. Da gehören sie hin, finde ich. Oder ich erwähne Erfahrungen zu irgendwelchen Themen, die privat oder in den Sozialen Medien gerade diskutiert und besprochen werden (Hausgeburt, Klinikgeburt, Geburtseinleitung Geburtshaus, Schmerzmittelfreiheit oder ähnliches)

Wenn ich aber jemals die Eindrücke einer Geburt in einem Artikel zusammengefasst hätte, dann wäre es in dieser Art passiert. Viel Spaß beim Lesen und Lachen! 🙂

Zur Salzlampe und dem anderen, im Artikel erwähnten „esoterischem Riesenquatsch“ hier nun meine Gedanken: ich habe da diverse Erfahrungen gemacht und bin seitdem (vor allem bei Geburten) ziemlich von allem ab, dessen Wirkungsfaktor Eins zum Weltall heißt. Ich würde gern wieder an Homöopathie glauben. Und auch an das Erinnerungsvernögen, das Wasser zu Eigen ist. Dafür habe ich nur grad keinen Kopf. Sobald ich den habe, werde ich mich wieder gründlich informieren.

Ja, informieren ist für mich ein Zauberwort: Wenn eine der Mamas aus dem Kindergarten zu mir sagte: „Also, ich geb‘ immer nur Globulis“ dann habe ich besserwisserisch sagen wollen: „Ach so und du liest sicher nur Lexikas?“. Mich nervte es, dass sie allein schon durch den sprachlichen Fehler zu zeigen schienen, dass sie einfach einer Bewegung nachliefen, ohne sich darüber zu informieren. Aber eigentlich wollte ich gern mal sagen: „Echt jetzt? Du glaubst, dass ein Wirkstoff, der so verdünnt ist, dass er einem Tropfen Wirkstoff verteilt in einem Pool oder besser noch: im Weltall entspricht, wirken kann? Aber beim „Über-das-Wasser-laufen“ bist du skeptisch?“ Und dann renitent grinsen – hach, das wäre fein gewesen. Hatte immer den Eindruck, die meisten verteilten die kleinen Wunderkugeln mit dem dauernd falsch verwendeten Plural, weil das gerade so modern war oder ist. Und nicht, weil sie wirklich vom Erinnerungsvermögen des Wassers überzeugt waren.

Meine Schwiegermutter kaufte mal eine Tube Rescue-Salbe (Bachblüten), weil die Frau des Cousins meines Mannes das wohl empfohlen hatte. „Das geben die Mütter jetzt alle den Kindern,“ kam es nicht ohne einen Hauch des Vorwurfs ob meiner das Wohlbefinden der Kinder vernachlässigenden, weil bachblütenlosen, Haltung. Und ich (renitent wie immer): „Wenn die Kinder hinfallen, bekommen sie gegen den Schreck die Energie von Blumen? Blumen die ’ne Weile in Wasser rumlagen …?“ Danach schmierte sie das Zeug immer noch ganz doll und fürsorglich auf die Knie der Enkel. Eigentlich wann auch immer die Knie nur in die Nähe einer spitzen Kante gekommen waren „Schadet ja auch nichts!“ hieß es dann. Vielleicht wollte sie die ihr wegen meines gemeinen Kommentars peinlich gewordene Tube auch einfach schnell leer bekommen.Ich hab mich ein bisschen wegen meiner Renitenz geschämt, als mir dieser Gedanke kam. Und dann wieder nicht, weil ich doch diesen stummen Vorwurf mit dem harten Blick bekommen hatte.

Damals war ich fast zehn Jahre jünger als jetzt. Da hat man noch nicht ausreichend die Technik des „Schlucken-Lächeln-Schweigens“ gelernt, die Müttern im Laufe der Jahre zuteil wird. Ab und an geht man im der Phase jenes jugendlichen Leichtsinns dazu über, sich gegen einen Vorwurf zu wehren. Eek, ich klinge ja so zynisch … (und schweife vom Thema ab)

Ich habe jedenfalls selber auch Homöopathie probiert. (Und dabei auch die richtige Zahnpasta verwendet, Kaffee gemieden etc.) Gegen (Geburts-)Angst zum Beispiel. Hat null gebracht. War immer noch ängstlich. Aber vielleicht hätte ich statt Angst hirnzermarternde Panik gehabt, wenn ich das Zeug nicht genommen hätte. Und es sollten auch Wehen durch bestimmte Homöopathie starten. Das könnte sogar geklappt haben. Vielleicht half es bei der 14-tägigen Übertragung auch, dass ich einfach alle aus meiner Bude warf und mich mal entspannte, statt mich wie eine Henne mit Legenot zu fühlen? Jedenfalls setzten die Wehen bei Nummer 1 ein, nachdem ich eine Menge weißer Kügelchen in meinen Mund gekippt hatte. Jahre später sagte eine andere Hebamme übrigens:“Was? Das und das hat sie dir gegeben? Aber das ist doch gar nicht wehenfördernd.“ Mein Vertrauen war dahin. Oder hatte nun die neue Hebamme keine Ahnung? Ach, wer weiß? Ich habe auch alles Mögliche andere durch. Beispiele bei Übertragung gefällig?: Muskatellersalbeiöl, Rizinusölcoktail (damals noch sehr en vogue heute als Horrorsaft verschrien), natürliche Einarbeitung von Prostaglandinen (auch als Sex bekannt), Rexflexzonenmassage. Wirkweise? Null – Nummer 3 wurde nach längerem, entkräftetem Betteln meiner Person per Priminggel (Prostaglandingel, klassisches Medizinprodukt) rausgeworfen.

Biologisch dynamisches Dammmassageöl haben wir auch ausprobiert – half auch nichts, kann ich kühn behaupten. Und was wir zum täglichen Einölen des Babybauches zwecks Streifenvermeidung und schneller Rückbildung zu sagen haben: Besser gar nichts.

Einerlei: Es geht niemals nicht und in keiner Lebenslage etwas über den orange-rosa Schein einer Salzlampe. Auch nicht auf dem Klo 😀

Jammern auf niedrigem Niveau Teil 2: Und plötzlich ist man allein.

Jammern auf niedrigem Niveau Teil 2: Und plötzlich ist man allein.

Teil 2 des Jammerns auf niedrigem Niveau blickt hinter die Kulissen. Jung und als einziges Paar im Freundeskreis mit Kind. Wie ist das so? Und situationsunabhängig: Was opfern Eltern alles, um sich dann im Blick auf unsere Gesellschaft wie verträumte Romantiker zu fühlen, die leichtfertig ihr Leben auf den Müll warfen, die den sinnstiftenden Hedonismus fahren ließen und ihre Selbstbestimmung leichtfertig fortwarfen, um dafür nichts zu ernten als Einschränkungen, Lärm und Gestank? Ich klinge ironisch – das kann eine Form von Aggression sein. Ist es in diesem Fall sicher auch. Schön, dass jemand ein Buch zum Thema moderne Elternschaft geschrieben hat, in dem Eltern sich gegen jene wehren, die sich angreifen. Das wurde wirklich Zeit. Es sollten noch einige mehr folgen …

Wir haben uns letztens darüber unterhalten wie es war, mit Mitte Zwanzig unser erstes Baby zu bekommen. Die Antwort ist klar: einfach war es nicht. Schwierigkeiten machte aber nicht nur die Erfahrung selbst oder die Sorgen, die durch die Verantwortung für ein anderes Menschenleben kommen. Es war auch erschreckend, wie schnell man den Bezug zu den meisten seinen kinderlosen Freunden verliert und ganz in einer anderen Welt versinkt.

Für uns war die Entscheidung für Nummer 1 so: Wir verliehen unserer Liebe Ausdruck. Dies entsprach einem wirklich als archaisch zu bezeichnendem, tiefen Gefühl. Einem Ur-Gefühl. Das war der Eintritt in eine Lebensphase, die wunderschön ist, aber auch ihre Schattenseiten hat. Da wir hier oft von den schönen Seiten der Elternschaft sprechen, will ich mir hier mal auf diese negativen Aspekte konzentrieren – ich habe in meinem Freundeskreis den Ruf, schonungslos ehrlich zu sein. Dann mal los:

Freizeit, Freunde, Geld, Sorglosigkeit, In-den-Tag-hinein-leben, Spontaneität – alles erst mal weitgehend weg. Dafür kamen Konflikte mit Müttern und Schwiegermüttern, wie sie bei der ersten Geburt nicht selten aufkommen und keine guten Lösungen, weil keine Erfahrungen. Probleme mit einem Schreibaby, die keiner unserer Freunde auch nur irgendwie erahnen konnte. Es war schockierend, wie sehr es nervte, nicht mal eben aus dem Haus zu können, ohne das Baby entweder an sich dran zu wickeln oder den schweren Kinderwagen aus dem Keller in den Hausflur juckeln zu müssen (Und zwar schnell-schnell, denn das Baby lag nicht gern allein in der Wohnung oben herum, sondern brüllte dann). Statt neuer Klamotten für mich gab es alles für’s Baby. Ich fühlte mich auch eh nicht mehr wie die knackige Frau, die Komplimente und Aufmerksamkeit bekommt, sondern wie ein leerer, ausgeleierter und gestreifter Walfisch. Meine Freundinnen waren derweil körperlich unversehrt und konnten nur hilflos sagen: „Tja, hm, dafür hast du ja aber auch das Baby. Das ist dann wohl leider so, dass man dann so aussieht.“ Was sollten sie auch sonst tun oder sagen?

Die Idee neuer teurer Schuhe oder Mäntel rückte ganz weit hinter den Horizont. Und von einem Urlaub auch. Mann, war das krass. Und niemand da, der es nachvollziehen konnte. Niemand zum Teilen dieser Erfahrungen. Wir waren damals Mitte Zwanzig und damit gut zehn Jahre zu früh dran im heutigen Deutschland. Damit war unser Schicksal als einsame, breibeschmierte Außenseiter besiegelt.

Ja, wir lasen viele Artikel und Zeitschriften über Babies. Wer sich einen Hund kauft tut das übrigens auch. Der ist dann der verantwortungsbewusste Hundehalter. Eltern aber sind dann schnell überkandidelte Nervsäcke mit ihren ewig gleichen Themen. „Und dann immer die Babyfotos auf Facebook“ heißt es. Mann, wirklich! Ich mag vielleicht auch nicht dauernd „Dackel Waldemar im Schnee“ oder „Windhund Wilma beim Schwimmen“ sehen. Und ich mag Hunde echt gern. 

Wir liebten dieses alles-auf-den-Kopf-stellende und gefühlt andauernd quakende Wesen über alles. Unsere sichtbar gewordene Liebe (Danke, Novalis, Du allzu früh verschiedenes Schnuckelchen). Und gaben für diese neue Liebe sehr viel auf. Ist das nicht eigentlich sehr liebenswert, wenn man so viel opfert, nachdenkt und fühlt? Wenn man sich der Verantwortung für Körper und Seele eines Menschen vollumfänglich bewusst ist? Und wenn man versucht, dieser bestmöglich gerecht zu werden?

Und ist es nicht ebenso verständlich, wenn man darüber sprechen will? Mit denjenigen, mit denen man zuvor so viel Zeit verbrachte und so viel teilte? Die stehen plötzlich da und bekommen nur mit, wie wenig Spaß die armen Schweine haben, weil sie ein Baby bekamen. Der Papa sollte in Woche zwei mit Baby spontan abends zu Freunden zum Saufen kommen und sagte ab. Seine Kumpels waren enttäuscht. Aber allein, dass sie dachten, er würde nun einfach aufspringen und losfahren, nervte den frischgebackenen Vater. Weil er merkte, dass sie nun in zwei Welten lebten. Solche Unverständlichkeiten häuften sich. Die Freunde nervte wiederum das. Sie sagten tatsächlich:“Mann, mit dem Baby habt ihr euch aber echt was angetan.“ Und hatten keine Ahnung. Sie wussten nicht, wie tief wir beide dadurch miteinander verbunden worden waren. Und wie es war, dieses Glückskind zur Welt zu bringen und es jeden Morgen aus dem Bettchen zu holen, nachdem man mal wieder befürchtet hatte, es könnte irriger Weise am Plötzlichen Kindstod gestorben sein. So viele neue Gefühle und Erfahrungen! Schwangerschaft, Geburt Baby: So viel Glück, Geschrei, Sorgen, Blut und Freude!

Es ist eine unüberwindbare Schlucht zwischen denen mit Kindern und denen ohne. Da möchte ich ausnahmsweise keine diplomatische Political Correctness bemühen. (Dazu bin ich zu genervt von manchen Zuständen.) Mindestens wir Eltern wissen das. So wie zwischen Kriegsveteranen und Zivilisten. Irgendwie ahnen die Zivilisten, das Krieg eine elementare Erfahrung ist. Und irgendwie ahnen Kinderlose, dass allein eine Geburt eine elementare Erfahrung und eine Initiation zugleich ist. Eine, die sie vielleicht nie machen werden oder zumindest noch nicht gemacht haben. Trennt das nicht automatisch irgendwie?

Während man früher mit Freunden auch mal in ein Konzert ging, das einem nicht zusagte oder man sich ihre Probleme anhörte, obwohl man müde war oder mit den eigenen Dingen beschäftigt, da sind es genau diejenigen, die beim Wort „Wehenschmerz“ gerne sagten: „Oh nee! Davon will ich nichts hören!“ Und man denkt „Mann, du bist ’ne Freundin. Ich habe etwas erlebt, das mich in Mark und Bein durchschüttelte und für immer veränderte und du sagst nur: Oh nee.“ Sie schauen sich das nagelneue Babyfotoalbum an und rufen beim Geburtsfoto: „Ih! Ist das etwa Blut da?“ und meinen es vielleicht wirklich lustig. Doch man fragt sich, wieso ausgerechnet diese Reaktion kommt. Vielleicht würde man das hinterfragen, aber man lässt es. Man sagt nichts. Sondern ist  – Achtung: Ironie des Lebens – ganz mütterlich-weise, nimmt sich zurück (denn das ist man durch das Baby schon gewöhnt) und schont die Freundinnen. Man denkt sich: „Hey, sie haben das alles nicht erlebt und wissen einfach nicht, wie sie reagieren sollen. Es verunsichert sie, dass du etwas Derartiges erlebt hast. Daher wissen sie nichts zu sagen.“ Und diese Einstellung trennt einen noch weiter.

Ja, ich bin mit meinen Freundinnen und dem Baby zusammen in die Stadt gegangen zum Einkaufen oder mal auf einen Spaziergang. Und ich habe auch manchmal erzählt, was ich als Mutter so erlebe. Aber irgendwie fehlte etwas. Einmal war es schon symbolträchtig. Ich war mit einem Freund unterwegs, hatte Nummer 1 im Tragetuch und wir schlenderten durch die Innenstadt. Wir sahen uns überall um, was nett war, aber ich merkte, wie das Baby mir langsam zu schwer wurde. Er konnte sich natürlich frei und unbelastet bewegen. Während wir irgendwo standen und uns unterhielten, war immer dieses Baby zwischen uns, das ja meine Vorderseite bedeckend vor meiner Brust war. An dem symbolhaften Tag hab ich gedacht: „Du wirst erst dann wieder mit Gleichaltrigen eine Ebene teilen, wenn sie sich auch fortgepflanzt haben. Da dies aber ziemlich aus der Mode ist, wirst du weder wissen, wann das sein wird, noch ob überhaupt.“

Wenn ich mich umsehe und umhöre oder den Buchauszug von „Seid fruchtbar und wehrt euch“ lese, dann denke ich: Es ist anscheinend das gute Recht der Coolen („der Jungen“), die Mütterchen zu verletzen. Sie haben die Mode der Zeit auf ihrer Seite. Das Peter-Pan-Syndrom. Ich habe das nicht. Als Eltern ist man schließlich geradezu auf den Zahn der Zeit gekettet.

Aber man rächt sich. Man bleibt nicht ewig mütterlich-verzichtend-weise. Man ist irgendwann genervt von der polarisierenden Thematik, die noch vor dreißig Jahren nicht existierte, als Kinderkriegen kein Projekt für verblendete Romantiker war: Man nimmt die Ignoranten, die sich vermutlich auch mit Fünfzig vorwiegend bei einer Tasse überteuertem Kaffee über ihr Lieblingsrestaurant und tolle Urlaubsziele unterhalten, einfach nicht mehr ernst. Warum nimmt man sich diese Hybris heraus? Weil: In Restaurants gegessen haben wir auch mal. In Urlaub geflogen sind wir auch. Es gab teuren Kaffee, ausgedehnte und ruhige Frühstücke oder auch Brunches. Wir haben Dates erlebt, sind abgestützt, hatten wilde Nächte (die wenigstens haben wir heute auch noch) haben Unüberlegtes getan und sind unzuverlässig gewesen. Wir waren nur für uns verantwortlich, haben uns voll auf unsere Berufe konzentriert. Alles bekommt ein Häkchen.

Und dann kam da noch so viel mehr. So unendlich viel. Ja, lacht nur, wenn Eltern rührselig über die leuchtenden Kinderaugen an Weihnachten sprechen. Ihr lacht nur, weil ihr einfach nicht wissen könnt, wie tief diese Gefühlserfahrung ist. Wie sehr man sich von den Glücksgefühlen Anderer bewegen lassen kann. Ich stehe nun nicht so sehr auf Ashton Kutscher, aber neulich las ich zufällig ein Zitat von ihm: „Du denkst, du weißt, wie sehr du einen Menschen lieben kannst. Dann bekommst du ein Kind und stellst fest, du wusstest es nicht.“ Kein Urlaub, kein Haustier und kein leckeres Restaurant-Futter gibt einem das.

Ein nacktes, nasses, neues Leben auf der Brust liegen zu haben, das man nach stundenlangen Schmerzen oder durch eine Körper und Seele belastende Operation auf die Welt beförderte – das ist nicht mit einer herausfordernden Bergsteigertour zu vergleichen. Und nein, mit einem erfolgreichen Zahnarztbesuch auch nicht. 

Ein neues, selbstbewusstes Hurra auf das Elternsein muss her. Ein Hoch auf die Wesen, die uns eine abartig tiefe Lektion in Empathie lehren und unseren Blick auf das Bezaubernde Im Leben lenken. Auf Augen, die den eigenen so ähnlich sehen. Auf Seelen, die einem anvertraut wurden und für die man alles tun würde. Ein Hoch auf die quälenden Nächte, die Paare zusammenschweißen können, wenn sie konstruktiv und liebevoll miteinander bleiben. Ein Hoch auf die Herausforderungen, die Kämpfe, die Erfolge und Niederlagen. Nein, so gibt einem das kein Job der Welt. Und ja, es hat frustrierende Phasen zwischen gähnender Langeweile und blankem Horror. Ja, es ist oft genug auch chaotisch wie im Schützengraben. Aber das kann man durchaus schaffen. Schließlich ist es ja kein echter Schützengraben.

Und dann erlebt man neue Ebenen von Partnerschaft, Leistungs- und Organisationsfähigkeit und Selbstbewusstsein. Man empfindet tiefsten Stolz und haarsträubende Sorgen und auch ehrliche Dankbarkeit. Den verständnislosen Nicht-Eltern möchte ich das am liebsten so erklären: Die Gefühlsbandbreite erweitert sich von 16 Bit auf 36 Bit.

Ja, viele Arbeitgeber stellen inzwischen gerne Eltern als Angestellte ein. Weil sie eben über all das vermögen: Teamgeist, Zuverlässigkeit, Selbstorganisation. Eltern sind im Job auch noch nachweislich weniger krank als Nicht-Eltern.

Wir sollten mal aufhören und latent oder vollumfänglich zu schämen. Das haben wir nicht nötig. Das ist jetzt ein bisschen wie ein „#parentsrock“ aber auch dieses scheint mir dringend nötig. Mir reicht langsam das Gefühl, ein bisschen jeck, blöd oder einfach nur verträumt zu sein, weil ich Kinder habe. Wir haben uns kein teures, dusseliges Hobby gesucht. Wir machen kein die Augengesundheit gefährdendes Fliegenfischen mit selbstgebastelten Fliegen aus puren Goldfäden und meckern dann, weil man immer so früh aufstehen muss, die Fliegen so teuer oder die Gummistiefel undicht sind. Wir haben Kinder bekommen. Aus Liebe. Da gibt es nichts Negatives zu urteilen. Das ist kein außergewöhnliches Projekt sondern ein für die Menschheit (äh ja – und der von vielen Kinderlosen so geliebte Tierwelt) eher natürliches Vorgehen.

Wir haben natürlich Freunde, die (zum Teil noch) keine Eltern sind. Und mit denen wir sehr glückliche Zeiten verbringen, die wir von Herzen lieben und denen wir selbstverständlich auf Augenhöhe begegnen. Es gibt jene, die mit (unseren) Kindern recht gut und ehrlich bemüht/sehr natürlich/herzlich/lieb umgehen können. Das sind in unserem Umfeld eigentlich alle. Und unter unseren Freunden ist eigentlich niemand, bei dem ich denke, er empfindet mich als dämlich, weil ich Kinder habe. Das möchte ich hier mit Nachdruck sagen. Es ist nicht so, dass ich per se Kinderlose nicht ernst nehme – wie arrogant wäre das denn? Aber die kinder- und elternfeindlichen Dauer-Jugendlichen, denen möchte ich gern mal ein paar Takte sagen.

Wenn ich lese, dass eine Gastronomin etwas sagt wie: „Bah, dann packen die Mütter hier ihre Euter aus…“ dann bin ich auf 180 und stelle mir vor, sie hätte gesagt „Bah, dann steht hier immer der Krüppel mit seinem Rollstuhl im Weg, weil er uns zeigen will, dass er trotzdem mobil ist“ oder „Dauernd hängen die komischen Schwulen hier ab und wollen uns knutschend präsentieren, dass sie’s auch mit 50 noch drauf haben“ Na, da wäre ein Aufschrei durch die Massen gegangen. Und dabei wäre es um Minderheiten gegangen. Nicht um Mütter (!).

Aber Müttern muss man ja keinen Respekt zollen. Da muss man sich auch nicht fragen, warum man mamaphob ist. Dabei gäbe es simple psychologische Antworten darauf, wie auch auf die berühmte Homphobie und die sind sich nicht mal unähnlich. Irgendwas mit Verunsicherung der eigenen Geschlechterrolle und Person durch Projektionen im Außen und so …

Fazit:

Nach dem ersten Baby schrumpfte vieles ein und vieles wurde größer. Ich zum Beispiel. Gereift, erfahren, iniziiert wie ich war. Und leidgeprüft und mit gestählten Nerven. Und überhaupt … war ich acht Monate nach der Geburt schon wieder schwanger.

Aber beim Zweiten wusste ich wenigstens, was auf mich zukam.

Wer sich über Eltern und/oder Kinder beklagt oder gar abfällig beleidigend wird hat einfach keine Ahnung. Gar keine. Auch nicht, wenn er meint, er wüsste was, weil er mal gehört hat, dass es Kinder gibt. Oder mal auf seine Nichten und Neffen aufgepasst hat.

Ich habe inzwischen immerhin um die zehn Freundinnen, die auch Kinder haben. Mit manchen habe ich regelmäßigen Kontakt, mit manchen nur selten. Aber jahrelang hatten wir nur uns, mein wunderbarer Mann und ich. Wir haben miteinander ausgemacht, was wir uns unter Erziehung, kindlicher Körper/Krankenpflege, Konfliktbewältigung, Entwicklungsphasenbegleitung, seelischer Entfaltung und so weiter vorstellen. Gut, das hat uns so zusammengeschweißt, dass wir nun an unserem baldigen 15. Jubiläum unserer Liebe immer noch irgendwie verliebt ineinander sind und wir sind mit unseren Kindern gern zusammen. Und stolz auf sie.

An diesem Punkt möchte ich immer noch gerne die Gastronomin treffen, die sich über die Euter aufgeregt hat. Ich würde sagen: „Vier Menschen das Leben geschenkt und glücklich? In dein Gesicht! Wahre Werte im Leben gefunden? In dein Gesicht! Währenddessen niemanden meine nackten Euter gezeigt? In dein Gesicht! Und ehe du mir aufzählst, was du alles in deinem Leben begrüßt sage ich dir Folgendes: Ein Mensch, der sich öffentlich auf diese Art über andere Menschen äußert, mag eine Menge besitzen oder vorgeben zu sein. Aber letztlich ist er mindestens eins: Bedauernswert.“

Zahnspange statt Kino

Neulich flatterte die erste Zuzahlungsrechnung für Nummer 1s Zahnspange ins Haus. Sie belief sich auf rund 120 Euro.

„Na toll Nummer 1“, meinte meine Frau, „von dem Geld hätten wir auch einmal ins Kino gehen können. Ganz großartig.“

Hatte ich mal erwähnt dass Kinos für größere Familien eher so eine Art Investitionsgut ohne Rendite sind als eine normale Freizeitbeschäftigung? 

Aus diesem Grund beömmeln wir uns auch noch heute über diesen Tweet:

Ich kann nur sagen: Das gilt nicht nur für ungeborene Kinder.

Jammern auf niedrigem Niveau Teil 1: Ihr habt Euch das doch ausgesucht!

Habe gerade auf der Webseite der Berliner Zeitung – einem Hinweis meiner Frau folgend – den Vorabdruck aus dem neuen Buch „Seid fruchtbar und beschwert Euch!“ gelesen. Sehr lang, und sehr lesenswert. Der Text stellt die aktuelle Lebenswelt junger Eltern meiner Meinung nach sehr gut dar – auch wenn er keine individuelle, sondern eine eher gesellschaftliche Perspektive einnimmt. Es fällt schwer, hier Auszüge darzustellen, da das ganze Pamphlet sehr empfehlenswert ist. 🙂

Warum ich mich hier zu einem Kommentar hinreiße, auch wenn ich an dieser Stelle eigentlich nicht viel Substanzielles hinzuzufügen habe? Weil ich darin einen Gedanken wiederfinde, den ich insbesondere im letzten Jahr oft hatte, aber nie so explizit zu Papier (oder Bildschirm) gebracht habe.

Kennt Ihr den Artikel „Why Generation Y Yuppies are unhappy?“ Ein bißchen älter und meiner Meinung nach etwas weniger spannend, aber dennoch erwähnenswert, weil er die Problematik eines Lebens in unserer Social Media-Welt gut beschreibt: Alle haben immer Spaß, sind an coolen Orten, fotografieren total leckeres Essen und posten hübsche Selfies. Wobei, mit „alle“ meine ich eigentlich „die Jungen“ aus Malte Weldings Text, die also, die das Leben als Eltern noch nicht kennen, indem es schlicht und einfach nicht mehr so viele Gelegenheiten für Selfies und Fotos von Essen gibt. Weil man Ringe unter den Augen hat und den Babybrei isst, den Nummer 4 übergelassen hat.

Wenn man jetzt also – wie viele junge Eltern – plötzlich in einer solchen Lebenswelt ankommt, wird es durch hippe Facebook-Selfies nur noch schwerer. Meine Freunde gehen heute Abend aus? Ich schlafe ermattet um 21.30 auf der Couch ein. Wow, Urlaub in Costa Rica? Wir fahren nur noch in ein Ferienhaus in Holland. Tolle Fotos vom Shopping? Ich kaufe nur noch Strampler ein, online, versteht sich.

Wer da jung und Eltern ist, der wird in unserer Gesellschaft oft schrecklich allein gelassen. Denn nicht nur hat die Elternschaft etwas mitunter erschreckend trostloses und eintöniges (Kinder sind nämlich nicht nur den ganzen Tag so entzückend wie auf unseren Facebook-Fotos) – man darf sich ja auch nicht darüber beschweren! 

Warum? Weil habt Ihr Euch ja so ausgesucht! (Untertitel: Ihr hättet ja auch einfach kinderfrei bleiben können, oder ein paar weniger kriegen, oder so …)

Dabei hat man – das kann ich als Veteran unzähliger Elterneinsätze mit Nachdruck sagen – oft sehr, sehr viel Grund sich zu beklagen. Wenn ich darüber nachdenke, wie unendlich viel Zeit ich auf meine Wünsche und Bedürfnisse verwenden konnte, als wir noch keine Kinder hatten, wie oft wir einfach nur rumhängen und uns um vier Uhr ’ne Schale Pommes holen konnten, weil wir vorher auf nix Lust hatten, wie viele endlose Computerspiele ich durchgespielt und wie oft ich mich betrunken habe, bis ich den ganzen nächsten Tag zu nichts mehr zu gebrauchen war …

Das alles können Eltern sich nicht erlauben. Und auch wenn „wir“ uns das natürlich ausgesucht haben, ruft das in unserer Welt der endlosen Möglichkeiten mitunter Frust hervor. Weil wir eben eigentlich nur Kinder haben wollten, nicht das ganze erdrückende Paket aus individueller, finanzieller, gesellschaftlicher Verantwortung und ein komplett durchgetaktetes Leben, in dem man nicht mehr weiß, was man mit Freizeit anfangen soll (wenn man denn mal welche hat).

Wir haben uns geliebt und wollten dieser Liebe Ausdruck verleihen. Jetzt sind wir glücklich, aber auch manchmal frustriert – und dürfen das nicht äußern, weil Kinder ja eher ein ausgefallenes, lautes Hobby sind als irgendetwas anderes. So fühlt es sich zumindest dann und wann an, wobei ich einräumen muss, dass das natürlich auch an mir/ uns liegen kann.

Wir sind es gewohnt, dass wir unsere Karriere planen, unsere Freizeit, unseren Urlaub – und dann kommt plötzlich etwas in unser Leben, das nur begrenzt planbar ist wie das erste Baby (oder auch das vierte 🙂 ). Die Kinder sollten eigentlich nur eines von vielen weiteren Vorzeigeprojekten sein, für die man ein perfektes Zimmer in einem schönen Haus in der Vorstadt einrichtet, wenn der richtige Zeitpunkt im Leben gekommen ist (also meistens: NIE). Diejenigen von uns, die das Projekt wirklich angehen, merken sehr schnell, dass das Projektmanagement nicht annähernd ausreicht für all die unerwarteten Veränderungen, die es mit sich bringt.

Aber Weil (siehe oben) äußern sie das am besten nicht, denn sonst könnte ja noch ihr Projektmanagement in die Kritik geraten. Schließlich lässt sich ja alles perfekt planen, wenn man es nur gut genug anpackt, oder?

Nicht.

Lesen Sie bald in Teil 2: Und plötzlich ist man allein. Wie man als Mittzwanziger Probleme bekommt, weil man mit dem ersten Kind zehn Jahre zu früh dran ist.

Vergackeiert.

Vergackeiert.

Es gibt wieder einmal eine Tischgebets-Geschichte vom heiligen Augustinus. 🙂

Als wir vor einigen Tagen beim Mittagessen zusammensaßen, verkündete Nummer 3 mal wieder:

„Los, alle schlagen die Hände zusammen!“

Wir waren sehr hungrig, da wir während des Urlaubs meistens relativ spät kochen. Von ihren beiden großen Schwestern kam ein Murren, aber Nummer 3 blieb unerbittlich. Als wir also alle die Hände gefaltet hatten, begann sie zu beten:

„Lieber Gott, wir danken Dir für unser Essen …“

Nummer 2 (hungrig ins Wort fallend): „Amen!“

Ein kritischer Blick von Nummer 3. „Ich komme mir irgendwie vergackeiert vor“, meinte sie.

Wir haben (natürlich) doch noch ordentlich zu Ende gebetet.