Blogparade: #Familienalbum

Nachdem ich schon begeistert die vielen Fotos alter Spielzeuge, Süßigkeiten, Fahrzeuge und Ähnlichem der „Wir Kinder der 70er und 80er“-Gruppe bei Facebook genieße, kam mir Frau Mutters Blogparade #Familienalbum sehr entgegen. Ich möchte gerne meine Erinnerungen mit Euch teilen.

Und ich habe natürlich auch Fotos herausgesucht.

Das erste Foto zeigt mich im Alter von etwa zweieinhalb Jahren. Großartig finde ich dabei den Kinderwagen. Meine Mutter war damals richtig stolz auf dieses tolle Modell, das aus einem mir völlig unbekannten Material namens „Knautschlack“ bestanden hat. Das weiß ich, weil sie es immer wieder gerne erwähnte:

Spaziergang

Ebenso gern erzählte sie die Geschichte, wie mein Vater stolz von einem Arbeitskollegen einen Kinderwagen für mich nach der Geburt erstanden hatte. Er war dunkelblau. Und alt und fleckig und staubig. Und er eierte nicht nur beim Schieben sondern quietschte auch trotz Ölen. Sie war stinksauer und kaufte einen neuen Wagen. „Nagelneu in Knallrot und mit Panoramafenster.“ Dieses Fenster bestand aus drei festen Kunststoffolien, die in die Kopfseite und die Seiten des Liegewagens eingebracht waren. Durch diese konnte das glückliche Baby nach draußen sehen. Ja, ich erinnere mich genau an die herrlichen, vorbeiziehenden Landschaften, die ich sehr genossen habe. Ehrlich jetzt …

Auf dem zweiten Bild bin ich drei Jahre alt:

Karneval 1979:  Der Schlaghosen-Indianer war in Mode

Ich ging Karneval 1979 also als Schlaghosen-Indianer. Nebenstamm der Sioux oder der Plattfüße. Ich frage mich, warum die Knieflicken auf die Schienbeine versetzt wurden. Wenn man genau hinsieht, erkennt man die dunklen Kreise, an denen sie vorher aufgenäht waren. Ich nehme an, die Hose wurde „ausgelassen“. Damals, in der guten alten Zeit, nähte Mutter die Hosen um, damit sie lange passten. Dann wurden sie eben „ausgelassen“, indem diese Saumnaht aufgetrennt wurde. Dabei hat sie vermutlich auch die Flicken versetzt. Das flotte Jäckchen mit dem allover Indianer-Print hat sie auch selber genäht. Wie jedes meiner Kostüme. Es wurden nur Accessoires gekauft (man beachte meinen Tomahawk).

Das war bei vielen Kindern so. Oder man trug als (inzwischen politisch unkorrekt, aber ich nenne es wegen der zeitlichen Authentizität dennoch so) „Zigeunerin“ Mamas alten, weiten Rock und Tantes Bluse – dazu ein Kopftuch an das ein paar Goldmünzen angenäht waren. Fertig.

Ich erinnere mich sehr gut an die fantastischen Schlaghosen – wer modisch was auf sich hielt trug Hosenbeine mit einer Weite wie ein Damenrock! In unserem Familienalbum befanden sich Fotos auf denen meine Eltern in schicken Anzügen mit Schlaghosen herumliefen. Und ich hatte natürlich auch welche. Wie man auf dem Karnevalsfoto sieht.

Ich weiß auch noch einige der Sätze, die Mütter damals zu ihren Kindern sagten:

„Iss auf, du bist zu dünn, die Leute reden schon. Sieht aus als würde ich nicht kochen. Iss, Kind!“

„Wenn du aufgeräumt hast, macht Papa nachher den Johnny Controletti.“

„Wieso ist hier wieder Starbeleuchtung?“

„Habt ihr zuhause Säcke vor den Türen?“

„Wenn es dunkel wird kommst du nach Hause.“

„Hier sind 30 Pfennig für ein Matschbrötchen.“

„Ist dein Vater Glaser?“

„Heute ist um Acht Zapfenstreich. Morgen ist Schule.“

Und auch etwas wie:

„Lass den Papa, der braucht jetzt Ruhe. Er hat den ganzen Tag gearbeitet.“

„Papas Arbeit ist mehr wert als meine – er verdient ja sein Geld damit.“

„Ich bin nur Hausfrau. Ich mag das nicht, wenn ich das irgendwo als Beruf eintragen muss. Ist ja schließlich kein richtiger Beruf.“

Und dann hatte mein Vater (meine Mutter hatte damals noch keinen Führerschein – wir hatten auch kein Telefon. So was gab es.) einen Audi 100. Dieser Wagen fiel mir wieder ein, als ich in der Serie „Ashes to ashes“ sah, wie der DC Gene Hunt mit einem knallroten Quattro ‚rumdüste. Ich habe auch ein Foto von diesem Auto gefunden. Im Hintergrund achte man sowohl auf die „Kaufhallen“-Flagge (inzwischen ist Kaufhalle eine Immobiliengesellschaft) und links den flotten Renault 4.

Auf diesem Bild bin ich übrigens Vier. Neben mir, in einem Ensemble aus selbstgenähter Caprihose, weißen Pumps und engem T-Shirt, steht meine Mutter. Leider sieht man auf dem Bild nicht, dass ihre Augenbrauen damals so dünn wie ein Bleistiftstrich waren. Dafür lenkt sich der Blick auf meine formidabel sportliche Tasche. Auf meine Metallic-Ballerinas war ich mächtig stolz. Ob meine Mutter sich farblich zum Audi passend gekleidet hat? Zuzutrauen wäre es ihr gewesen 😀

Am Auto

Im Jahr 1983 kam ich in die Schule. Meine Schultüte war Rot-Metallic (irgendwie war alles metallic. Kam wohl gerade in Mode) und hatte ein großes, aufgeklebtes Papierbild von Schneewittchen. Ich habe die Tüte geliebt und meine Eltern transportierten sie im übervollen Urlaubsauto von einem idyllischen Ort namens Plön mit nach Hause. Dort hatte ich michin die Schultüte verliebt. Oben hatte sie klassisches Krepppapier als Verschluss. Innen waren unter anderem rosa und weiße Pfefferminzkissen in einer Spitztüte.

Ich habe mir große Mühe gegeben, schnell besonders schön schreiben zu können. Also übte ich jeden Tag. Hier bin ich vier Wochen nach meiner Einschulung mit der Tafel mit dem anhängenden Lappen, dem Griffel, meinem Pumuckl-Anspitzer und dem Schwämmchen in der praktischen Dose:Hausaufgaben

Besonders mag ich hier nicht nur meine vorbildlichen „La, Le, Lu und LI“ sondern auch das beige-braune Deckchen. Neben Metallic war alles andere um uns herum damals Beige und Braun. Vor allem die Bäder. Gehalten in zauberhaftem Bahama-Beige, bei dem man sich zwanzig Jahre später fragte, ob man bei der Auswahl spontan um 40 Jahre gealtert war – oder woher der gediegene Geschmack sonst hätte kommen können.

Weitere Sätze meiner Kindheit, die mir einfallen:

„Frauen achten gern auf ihre schlanke Linie.“

„Mama macht gerade den Aerobic-Kurs im WDR-Fernsehen.“

„Ich brauche unbedingt eine neue Flasche Haarspray. So hält ja nichts!“

„Du kannst Fernsehen bis zum Abendessen. was läuft? Trio mit vier Fäusten/Agentin mit Herz/Hart aber herzlich? In Ordnung.“

Und ein paar Klassiker meiner Mutter. Sie erzählt oft aus ihrer Kindheit. Und auch das gehört ja zu den 80ern – man hörte diese Geschichten:

„Du kannst für alles so dankbar sein. Im Krieg damals gab es gar nichts. Die Oma ist geflohen damals aus Pommern. Ich hatte kein eigenes Zimmer (Nicht, dass ich eines gehabt hätte – teilte mir die 12 Quadratmeter mit meinem sieben Jahre älteren Bruder), sondern schlief mit Mutti in ihrem alten Ehebett. Wenn sie ins Bett kam, dann hat sie immer die Bettdecke aufgeschüttelt. Gott allein weiß warum. Ich wurde jedes Mal wach, weil es so kalt wurde. Aber ich mochte es trotzdem irgendwie. Weil sie es nett gemeint hat. So in den Arm nehmen oder so – das lag ihr nicht. Ich glaube, das war wegen den Kriegserlebnissen.“

„Meine Mutter hat nie viel über den Krieg gesagt. Ist bestimmt ein schlechtes Zeichen. Ihre Tante ist damals gestorben und hat acht Kinder hinterlassen. Die hatte Syphilis bekommen. Also, weil die Russen da waren.“

„Iss auf, die Kinder in Afrika haben nichts zu essen. Die wären froh.“ (Später schlug ich vor, es ihnen einfach zu schicken, vielleicht würden sie ja gern Leber mit Rosenkohl haben)

„Nimm 20 Pfennig und geh zur Telefonzelle, ja? Dann sagst du dem Onkel Bescheid, dass wir am Sonntag um drei kommen.“

Und Eindrücke aus der 50er-Jahre-Kindheit meiner Mutter, die auf mich als Kind einwirkten:

„Meine Mutter verbot mir damals mit meiner Freundin Anneliese zu spielen. Weil die Familie arm war und alle in einem Bett schliefen. Die hatten nur zwei Zimmer aber acht Kinder. Irgendwann sagte Anneliese mal zu mir: Manchmal geht nachts so komisch die Bettdecke rauf und runter. Ich glaub, dann machen die noch ein Kind. Ich glaube, wegen dieser Verhältnisse durfte ich da nicht hin. Ich bin trotzdem hingegangen. Hätte Mutti das gewusst, hätte es was mit dem Teppichklopfer gegeben.“

„Aus den Kartoffelferien hab ich meiner Mutter mal eine Karte ohne Port geschickt. Ich wusste gar nicht, dass man Briefmarken kaufen muss. Hatte nur die Postkarte gekauft. Ich habe ja damals bei dem besseren Bauern gearbeitet. Da gab es zwei Mark am Tag. Bei den anderen gab es nur eine Mark. Meine Mutter war richtig sauer, weil sie Nachporto bezahlen musste.“

Das war alles noch gar nichts: Der Vater meines Mannes hat ihm wiederum erzählt, wie er damals (1944) als Sechsjähriger Granatenfischen gemacht hat (gefundene Granate in den See und *rumms* kommen die leckeren Fische hoch) und wie ihm eine Suppe aus Wodka und vom Bruder erlegten Spatzen das Leben rettete als er Typhus hatte. Den Wodka hatte die Mutter auf dem Schwarzmarkt gegen die Taschenuhr ihres Vaters getauscht.

Wir waren beide jedenfalls mächtig dankbar damals in den 80ern. Waren wir ehrlich. Ich hatte keine Lust auf ein Zwang-Familienbett mit zehn Anderen oder einer deckenaufschüttelnden Mutter, die vom Krieg so traumatisiert war, dass dieses Aufschütteln fast die einzige zärtliche Geste war, die sie zeigen konnte.

Ich mochte das ganze gute Zeug: Die Kaugummiautomaten aus denen man neben Kaugummis, billigen Blechringen und den Fallschirmspringern auch gebrannte Mandeln bekam. Die Unmengen an Spielzeug zu Weihnachten (bestimmt fünf Geschenke gab es!) liebte ich natürlich auch. Und die vollen Osternester mit Schoko-Osterhasen und diesen Fondanteiern (die wiederum mochte ich nie). Und meine schönen Kleider, von denen meine Mutter viele selber strickte. Und überhaupt die große Rolle, die Kinder spielten. Und ich hatte einen Autositz, auf den ich stolz war. das hatte nicht jeder. Manche saßen einfach auf dem Rücksitz oder Mamas Schoß.

Noch etwas zum Schluss:

Lag es eigentlich an den Brillen und Frisuren der späteren 80er, dass uns Erwachsene so uralt vorkamen? Und dass Großeltern vermutlich seit Jahrhunderten leben mussten? Mein Mann fragte damals zumindest seine Mutter:

„Sag mal, lebtest du schon als die Dinosaurier noch lebten?“

Das fand sie absolut nicht amüsant … Ich jetzt gerade schon 😀

Jep Unterstrich

Kennt Ihr diesen Comicstrip, in dem der Nerd dem Footballer das Pausengeld abnimmt?

„Give me your lunch money, or I’ll hack your Facebook-Account?“

Ich mag den sehr. Er stellt irgendwo den Sieg des Geistes über die Materie dar, und auch wenn ich selber trotz Nerd-Interessen dank einer gewissen Körpergröße nie von diesem Problem betroffen war, habe ich große Sympathie für diese Entwicklung. Die „Nerdisierung der Gesellschaft“, quasi.

Nummer 1 und 2 sind auch immer für einen Nerdspaß aufgelegt, hören Metal, lieben Marvel und spielen dauernd Minecraft. So kam es auch, dass Nummer 2 ein Plüsch-Minecraft-Schaf zu Weihnachten bekam. Stolz hielt sie es mir unter die Nase:

„Das ist Jep Unterstrich?“
„Sein Nachname ist Unterstrich?“
„Ja, denn wenn man bei Minecraft ein Schaf in Jep_ umbenennt, dann passiert … (irgendwas, was ich vergessen habe – böser Vater)

Jep Unterstrich. Irgendwie finde ich ist „Unterstrich“ als Name auch so ein Siegeszug der Nerdkultur. Wahrscheinlich heißt das nächste Schaf Jep Einself.

Der gute alte Tipp und seine Folgen

Vor Jahren hörte ich den Erziehungstipp zum ersten Mal und war gleich angetan. Er versprach eine Erziehung, die lebensnah und straflos war. Greifbar und einfach umzusetzen.

Kinder lernen aus den Konsequenzen der eigenen Handlungen

Wow.

Ich habe das augenblicklich versucht, umzusetzen. So mache ich das immer, wenn mich etwas inspiriert. Ich setze es sofort um, denn später lässt man es ja meistens.

Also: Trinkbecher umgekippt, weil herumgehampelt = selber Lappen holen und aufwischen. Klappte super. Es fielen sofort weniger Becher um. Und schimpfen musste man auch nicht. Begeisterung machte sich breit. Ich hatte etwas Tolles für mich entdeckt!

Nach einigen Jahren der Anwendung können die Kinder meinen Satz schon wie Pawlowsche Plapperpapagaien vollenden. „Tja, Kinder, das ist nun die …“ beginne ich und sie sagen brav „… Konsequenz der eigenen Handlung.“

Wenn nun aber das ein oder andere Elternteil beim Lesen begeistert denkt: „Echt? Das klappt wirklich so gut? Ich glaub, dann probiere ich das doch mal aus …“ dann möchte ich es hiermit ausdrücklich bremsen.

Weil

ich nach rund sieben Jahren der Anwendung folgende Bilanz ziehe: Es funktioniert in 20 Prozent aller Fälle. In den anderen 80 Prozent der Fälle rauft man sich wie üblich das Haar oder lächelt jenes versonnen-neurotische Grinsen, das Hausfrauen an Marge Simpson so beängstigt. Es funktioniert, wenn überhaupt, nur bei kleinen Kindern und Handlungen mit einer Komplexität in Richtung Null.

Wenn unsere Kinder ihre Klamotten abends in ihre höchsteigene Wäschetonne kloppen, dann zerren sie zuvor gerne ein Hosenbein durch den Gesäßteil der Jeans. Warum, das weiß niemand. Sie machen aus ihrem Shirt einen idiotischen Klumpen mit verknoteten Ärmeln. Ein Ärmel ist auf rechts, einer auf links. Warum, das weiß niemand. Wenn ich ihnen etwas von ihrem Kram (täglich, geradezu stündlich) auf die Treppe lege, die zu ihren wunderbaren Zimmern im wunderbar ausgebauten Dachgeschoss führt, dann trampeln sie so lange darüber, bis die Dinge durch die Stufen fallen und unter der Treppe landen. Von wo aus ich sie dann entweder mit dem Marge-Simpson-Gesicht wieder heraufangele und auf die Stufen lege oder wütend wegwerfe. Dies sind nur zwei Beispiele, an denen ich die 20/80-Prozent-Regel erläutere.

Der Wäsche-Fall:

Wenn sie ihre Wäsche unbeirrbar zu Klump verdrehen, müssen sie eine Waschmaschinenladung alleine versorgen. Waschen, Aufhängen, Bügeln, Falten. Das hassen sie sehr. Und wie sie dann stöhnen, wenn sie die Ärmel und Beine im nassen Zustand (weil beim Befüllen der Maschine die Knäuel übersehen) umdrehen müssen. Äh, ist das fies, die Hände in die nasse, kalte Wäsche zu stecken. Es wird gekreischt. Böse Befriedigung macht sich breit im Mutterherzen. (Für diese bin ich übrigens durchaus bereit, ein oder zwei Jahre in der Hölle zuzubringen. Alldieweil diese für Mütter nicht aus Peitschen und Ketten besteht, sondern aus Wäschebergen, Elternabenden und Wollmäusen. Erstere Option würde die ein oder andere ja vielleicht gerne noch erwägen. Daher geht der Teufel spätestens seit dem letzten Teil des Schmachtfetzens von Shades of Grey ganz sicher …)

Zurück zu den leidenden Kindern in der Wäschekammer: Und wenn sie dann bügeln. Dieses Seufzen, das Klagen über die tropische Hitze, die Angst vor schweren Verbrennungen. Die Last des korrekten Faltens und in die betreffenden Wäschekörbe Räumens.

Fazit: Sie lassen das mit den Knäueln und Klumpen dann für eine Woche sein. Dafür musste ich aber in der Nähe sein, damit sie sich keiner Verletzung aussetzten. Und sie antreiben, damit sie überhaupt voran kamen. Und im Grunde hätte ich die ganze Aktion lassen können. Doch diese eine Woche scheint die Krone eines scheinbaren Erfolg zu sein. Und die will ich mir unbedingt aufsetzen.

Der Treppen-Fall:

Die Dinge, die ich ihnen hinterhertrage haben zum Zeitpunkt ihrer Ankunft auf den Treppenstufen sowohl Reise als auch Geschichte inne. Reise, weil ich sie aus diversen Zimmern klaubte und nach oben trug. Und Geschichte, weil wann immer mein geneigter Gatte mich dabei „erwischt“ der gleiche Kommentar kommt: „Ich würde den Mist einfach wegschmeißen. DAS würden sie sich merken.“ Und ich entgegne immer das Gleiche: „Ich habe diesen Mist aber gerade erst angeschafft oder Wishlists bei großen Onlinehändlern damit gefüllt.“ Er fügt dann lakonisch kluge Sätze toter Männer an wie „Wer immer das Gleiche tut muss sich nicht wundern, wenn immer das Gleiche dabei rauskommt.“ Ich werfe ihm dann etwas an den Kopf. Nicht.

Wenn ich die Dinge, die sich am Ende des Tages unter der Treppe sammeln, wegwerfe, dann sind sie einfach weg. Es passiert nichts. Einmal wurde gejammert und hysterisch gebrüllt. Das war es. Ansonsten würde ich – wenn ich konsequent den Mülleimer als pädagogischen Partner wählte – alle zwei Wochen neue Zirkel, Radiergummis, Buntstifte, Hefte und Haargummis neu anschaffen müssen. Denn dort liegt nicht nur jenes Zielobjekt väterlichen Hasses (Spielzeug) …

Fazit: Im Grunde sind die 20 Prozent noch geschönt wie die Finanzdaten der Lehman-Brothers. Echt jetzt. Das mit der Treppe könnte ich mir doch auch kleben, oder?

Wer also jenen Grundsatz bezüglich Handlung und Konsequenz auditiv ebenso schmackhaft findet, wie ich es eins tat, der darf bereits mit einem intensiven Gesichtsmuskeltraining beginnen. Für das Marge-Simpson-Gesicht.

Ich bin nicht mehr zu retten. Ich habe bereits ein Stockholm-Syndrom mit dieser Erziehungsmethode. Aber Ihr alle, die Ihr kleine Kinder habt und noch jenen hoffnungsvollen Glanz in den Augen: Lauft, so lange Ihr noch könnt! Oder anders gesagt und weil meine liebe Freundin Cathérine es an diesem Blog so liebt, ein passendes Herr-der-Ringe-Zitat:

„Flieht, ihr Narren!“

Ähemann? Ich gedenke Sie nicht weiter zu belästigen!

Wenn man meine Frau nach ihrem liebsten Liebesfilm fragt, antwortet sie immer:

„Dracula!“

Ich weise sie dann pflichtschuldig darauf hin, dass „Liebesfilm“ nicht das korrekte Genre für diesen Film ist, aber gut. Manche von Euch werden sich bestimmt noch an den mittlerweile klassischen Dracula-Film aus den 90ern erinnern. Darin hat Dracula so einen rumänischen Akzent und einen Zylinder und so 🙂 Damals, als Vampire noch richtige Vampire waren und …

(leider habe ich die Szene nur auf Englisch gefunden…)

Jedenfalls bin ich total mies im Akzente und Dialekte nachmachen, außer bei diesem. Wo andere Leute Sächsisch, Französisch oder Was-auch-immer nachmachen können, kann ich nur „Draculisch“. Weil ich sonst nichts kann, versuche ich zumindest diesen Akzent dann und wann unterzubekommen. Wann immer ich das Wort „Ehemann“ höre, kommentiere ich also:

„Ähemann? Ich gedenke Sie nicht weiter zu belästigen!“

Und mit „wann immer“ meine ich „jedes Mal“. Wirklich.

Heute hatten wir einen Handwerker im Haus, der sich unser Badezimmer anguckte. Er war osteuropäischer Abstammung und sprach mit Akzent. Nachdem er meiner Frau einige Vorschläge erklärt hatte, meinte er in bestem Draculisch:

„Das können sie ja heute Abend mit Ihrem Ähemann besprechen …“

Nachdem er das dreimal zu unterschiedlichen Zeitpunkten gesagt hatte, konnte sie sich das Grinsen nicht mehr verkneifen. Hartnäckigkeit zahlt sich manchmal eben aus.

Glücklicherweise kam dem Guten das – zumindest scheinbar – nicht komisch vor. Denn so was kann man ja nicht erklären

Wie schaffen Eltern Raum für ihre Beziehung?

Wie schaffen Eltern Raum für ihre Beziehung?

Abends sitzt man zu Zweit auf dem Sofa, befasst sich mit dem Second Screen und irgendwann geht es ins Bett. Zum Schlafen. Den ganzen Tag hat man gearbeitet, organisiert und sich gekümmert.

Abends ist kaum noch Energie übrig.

Man streitet sich aus lauter Überlastung und Müdigkeit wegen Nichtigkeiten und sorgt somit für noch ein klitzekleines Bisschen weniger Romantik.

An den Wochenenden wacht man nicht zu Zweit gemütlich auf und kommt auf die Idee, die Wärme unter der Bettdecke noch zu steigern, ehe man irgendwann zufrieden aufsteht. Man steht rechtzeitig auf, kümmert sich um Baby, Kinder, Einkauf, Verwandte – was auch immer auf der langen Liste steht. So ist man es irgendwann gewohnt.

Und so kann das ewige Zeiten weitergehen, bis man sich außer dem Organisatorischen, Alltäglichen, ein bisschen Nachrichten, ein paar Streits und ein paar netten Scherzen wenig zu sagen hat. Ich habe sehr oft davon gehört. Ich höre Gespräche zwischen Frauen und Müttern seit ich denken kann. Ich habe sie während meines Jobs gehört und höre sie privat auch immer mal wieder oder lese darüber. Ich erinnere mich an folgenden Gesprächsfetzen:

Freundin 1: „Wie oft habt ihr noch so Sex?“

Freundin 2: „Ach, seit Heinrich auf der Welt ist … hm, ja so zwei Mal.“

Freundin 1: „Aber Heinrich ist drei!“

Freundin 2 zuckt die Schultern: „Ach, ich vermiss das auch nicht so. Und wie isses bei dir?“

Manche Frauen waren ausgesprochen zufrieden mit dem klosterähnlichen Zustand. Mit Männern habe ich leider über das Thema noch nie geredet.

Jenen, die nicht gern klösterlich leben, geht es vor allem um die abhanden gekommene Nähe, das Prickeln, das Besondere. Und Sex erscheint oftmals irgendwann wie von alleine dritt- oder viertrangig zu werden. Was fehlt, ist wohl eine Kombination aus gemeinsamem Entspannen (nicht dem abendlichen Auf-dem-Sofa-Lümmeln), ähnlichen Interessen, tiefem Vertrauen, kleinen Geheimnissen, interessanten Gesprächen, gemeinsam erreichten Zielen, erotischer Anziehung sowie Aktivität und dem Gefühl, den besten Freund als Partner zu haben. Diese Mischung macht glücklich.

Es gilt als Allgemeinwissen, dass Eltern viel zu wenig Zeit für einander haben. Und dass sie weniger Sex haben. Das ist übrigens falsch: Sie haben nicht weniger Sex als Singles, sondern sogar mehr – das ist statistisch belegt. Und auch nicht weniger befriedigenden Sex. Auch das belegten Umfragen: Die sexuelle Qualität (tolles Wort, hm?) kann sich dann am besten entfalten, wenn man einen Partner gut kennt. Am besten seit einigen Jahren. Darauf hat das Elternsein keinen negativen Einfluss.

Wie erreicht man es, ein glückliches Paar zu bleiben, wenn man Kinder hat? 

Durch Abgrenzung. Es klingt hart und führt vielleicht zu einem schlechten Gewissen. Aber: Eltern sollten sich als Paar von Anfang an einige Räume im Leben sichern. Denn sie bleiben zwar immer Eltern, aber die Kinder brauchen sie irgendwann nicht mehr und dann sollten sie einander schließlich noch möglichst nahe sein. Kinder, die alle zehn Minuten im Wohnzimmer stehen und mitteilen, dass sie zum Klo müssen oder Hunger haben oder Durst bekommen, sind die perfekten Begleiter eines schönen Abends bei Wein und Kerzenschein. Manchen hilft es, ihr Schlafzimmer als Refugium zu betrachten. Dieses ist dann kein allgemein benutzter wohnlicher Bestanteil der Behausung voller Legosteine, sondern der Raum der Eltern. Die Kinder können daran intuitiv ablesen, dass es etwas gibt, in dem sie nicht integriert sind. Und das dies auch völlig in Ordnung ist.

Es gilt, sich Zeit zu schaffen, in der man nicht gestört wird. Will man absolut sicher sein, sollte man allerdings das Haus verlassen. Hierfür wäre dann der Babysitter ein Verbündeter. Oder Verwandte. Es ist unfassbar, wie schnell sich im Ambiente eines schönen Restaurants oder dunklen Kinosaals eine Stimmung von Abstand und Zweisamkeit einstellt. Und das ist die Basis für ein schönes Zusammensein. Zeit alleine, besondere Zeit. Regelmäßig am besten.

Eltern können durchaus auch ein Date miteinander haben.

Ein Date

Dates kann man durchaus auch nach über zehn Beziehungsjahren immer wieder haben …

Warum auch nicht? Man macht sich hübsch füreinander und ist ein bisschen aufgeregt wegen der bevorstehenden Stunden, in denen man sich nicht über Noten, Windelsoor oder Elternabende unterhält.

Es gibt ein paar weitere Dinge, die man tun kann

Etwas Neues ausprobieren:

Hier ist schon fast egal, was es ist. Und es meint nicht (nur) neue Dessous. Eine Nachbarstadt besuchen, einen völlig schrägen Film ansehen, spontan im Dunkeln zusammen spazieren gehen, sich gegenseitig Kleidung aussuchen beim Bummeln (Dinge, die man sich selbst nie gekauft hätte, die man später aber liebt) oder ein unbekanntes Restaurant ausprobieren. Ein Wochenende zusammen wegfahren, wenn Kinderbetreuung und Finanzen es erlauben. Sich etwas schenken, ganz ohne Anlass. Etwas Süßes in die Arbeitstasche der oder des Liebsten schmuggeln. Oder etwas auf’s Kopfkissen legen?

Etwas neues muss her. Immer mal wieder.

Und ja, natürlich gilt der Tipp des Neuen auch für das Sexleben. Mutig sein, etwas ausprobieren und es vielleicht doch nicht so toll finden, darüber lachen und sich auch in dieser Erfahrung nahe sein. Oder es ausprobieren und sich anschließend sehr lebendig und bereichert fühlen.

Ja, man braucht vielleicht echt Mut, um einander zu erzählen, was man sich schon immer mal vorgestellt oder gewünscht hat. Aber auch das kann sehr bereichernd sein. Weil man seinen Partner dadurch noch besser kennenlernt. ->Hierbei bitte nicht an die Geschichte von der Frau aus dem Forum denken, deren liebenswerter neuer Freund plötzlich im Vollkörpergummianzug mit Reißverschlussmaske vor ihr stand. Und gar nicht daran, wie sehr sie anschließend (im Bad mit Waschlappen vor den Mund gepresst) lachen musste. Und erst recht nicht daran, dass sie es aus Liebe auch ausprobierte und im Gummiröckchen durchs Zimmer hüpfte. Man sollte auch vergessen, dass ihr die Forenteilnehmerinnen danach rieten, die Beziehung zu beenden. Meistens läuft so ein Abend anders ab. Ganz sicher.

Es ist nicht mehr wie am Anfang - es ist viel besser!

Viele Jahre verbinden : Es ist nicht mehr wie am Anfang – es ist viel besser!

Den Kindern vermitteln, dass man nicht nur ein Eltern-Paar ist:

Kinder begreifen schnell und auch ohne Worte – das wissen wir Eltern. Sie sehen, wenn die Eltern sich anlächeln, umarmen, küssen und flirten. Wenn einem danach ist, immer heraus mit den Zuneigungsbekundungen. Man kann ihnen durchaus erklären, dass man Zeit gemeinsam und ohne sie verbringen möchte. Die Umsetzung hängt natürlich auch vom Alter der Kinder ab. Anfangen kann mit den Erklärungen nicht zu früh. Und man schenkt den Kindern nichts, wenn man ihnen mehr Raum gewährt als der Beziehung gut tut. Wer will schon frustrierte Eltern am Frühstückstisch haben?

Den erschaffenen Raum zum Privatheiligtum erklären:

Wenn man sich die Abende an den Wochenende freihalten möchte, dann sollte man diese am besten – sobald gesichert – als geistigen Anker setzen. Gibt es ein Eltern-Date am Samstagabend, dann darf man sich bereits donnerstags darauf freuen. Und schon kehrt ein bisschen des Kribbelns zurück, das man vermisste. Es ist unerlässlich wichtig, keine Gewohnheit einschleifen zu lassen. Man muss diesen Raum schützen und wahren.

Wie erlebe ich persönlich das Elternsein als Paar?

Ich erlebe es so, wie ich es hier beschrieben habe. Wir haben das Refugium und das Privatheiligtum und bewahren beides. Wenn wir ausgehen, dann sind wir gern im Kino, shoppen ein bisschen oder gehen etwas essen. Oder, seltener, auf eine Party. Wenn wir zuhause bleiben, dann erklären wir den diversen Kindern, dass wir unsere Ruhe möchten. Sie machen dann gern einen „Mädelsabend“ mit einer Tüte Chips und einer DVD, die sie sich auf dem PC von Nummer 1 ansehen. Oder sie machen sich über Spielzeug her, das sie lange nicht benutzt haben. Wichtig ist, ihnen zu sagen, dass man einfach Zeit miteinander verbringen möchte. Und diese nutzt man nicht um DVDs zu gucken. Wir haben dann einen Elternabend. Einen ohne die viel zu kleinen Stühle und die nervigen Fragen …

Nach bald 15 Jahren freue ich mich immer, wenn ich meinen Mann sehe. Manchmal ist es schräg: Aber zu zweit alleine abends noch schnell durch den Regen zum Einkaufen zu fahren, hat etwas. Ich finde ihn genau so schön, wie als ich ihn mir geangelt habe und zugleich ist da dieses Vertrauen und das Wissen um so vieles, das wir erlebt haben. Trotzdem bleibt er interessant für mich und uns war immer wichtig, dem Anderem viel Raum zu geben und vor allem Respekt entgegen zu bringen. Ich mische mich in seine Entscheidungen nicht ein und er respektiert meine. Gemeinsame Entscheidungen gibt es natürlich auch. Es fiel niemals ein beleidigendes Wort. Ich habe ihn nie herabgewürdigt. Streits und Krisen verarbeiten wir auf eine tatsächlich stets konstruktive Art. Wenn wir am Ende nicht zufrieden sind, dann ist der Streit auch noch nicht vorbei. Allerdings streiten wir uns vielleicht zwei Mal im Jahr. Er versteht mich, ist mein Kumpel (mit Biertrinken und Zocken), mein Freund (mit Verständnis und sehr direkten, ehrlichen Hinweisen), mein Ehemann (und Vater – beides großartig) und mein Liebhaber (niemals langweilig)

Es scheint also zu funktionieren, dieses Konzept des Elternsein-aber-Paar-Bleibens. Man muss aber bereit sein, Durststrecken (Schwangerschaften, Babyzeiten, Krankheiten …) zusammen zu überbrücken und zu meistern. Denn diese kommen in jedem Fall. Oft suchen sie einen immer wieder heim.

Viele glückliche und zufriedene Paare zeigen dies. Aber vor allem darf man nicht annehmen, kinderlose Paare würden auf Grund der vielen Zeit in  per se glücklicher sein – das ist ja völlig klar. Bloß haben Eltern eine Menge zusätzliche Herausforderungen zu meistern, die nicht immer hilfreich sind, wenn es um die Paarbeziehung geht. Dies zu schaffen ist nicht immer einfach.

Interessant hierzu auch ein aktueller Artikel der Nido (mit Test zum Thema Beziehung …)

Der Elternabend:

Hierfür lohnen Anschaffungen schöner Weingläser, Kerzenleuchter, Musik, bequemer aber schöner Kleidung und ähnlichen Klassikern. Sowie all den netten Joujoux, die man als Eltern nicht nur aufräumt, sondern vorher auch selber nutzt …

Man unterhält sich, vergisst die leidigen Alltagsthemen und wendet sich wieder einander zu. Oder man liest sich etwas vor – erotische Literatur je nach Gusto gibt es wirklich in rauen Mengen. Ebenso kann man je nach Lust und Laune durchaus auch selber etwas schreiben – wie eine Kurzgeschichte. Ach, es gibt so viele Möglichkeiten, die Zeit mit etwas Schönem zu füllen … ganz gleich, ob kultiviertes Gespräch oder guter Pornofilm. (Neulich noch Empfehlung auf Facebook von Katja von Krachbumm gelesen – es ging um eine Serie von weiblicher Regie und ebenfalls weiblichem Team gemachter Filme, in denen die eingeschickten Phantasien der Zuschauerinnen verarbeitet wurden. xConfession heißt diese Reihe von Erika Lust.) Es ist wirklich egal, wie man seinen Abend füllt – wichtig ist, die Zeit zu nutzen, um sich nahe zu sein und immer einmal wieder neu kennenzulernen. Schließlich wollen die meisten eigentlich ein ganzes Leben miteinander verbringen …

Foto 2

Strumpfband zuletzt zur Hochzeit getragen? Viel zu schade … 😉

Umfrage: Selbstgestrickter Stress macht Eltern fertig

In der Welt gibt einen Artikel über gestresste Eltern, dessen Inhalte mir nicht neu waren:

Eltern haben überzogene perfektionistische Ansprüche an sich in ihren verschiedenen Rollen. Sie wollen perfekte Eltern, Frauen, Männer und Partner sein. Und natürlich perfekt im Job glänzen.

Es gehe um Entscheidungen vom bestmöglichen Kinderwagen bis zur Frage, ob das Kind in der KiTa Chinesisch lernen soll. Letzteres und eigentlich auch Ersteres kommt mir ein bisschen wie Realsatire vor. Aber gut – das mag daran liegen, dass wir Mehrfach-mehrfach-Eltern etwas abstumpfen mit der Zeit 😀 Wir kaufen halt den Wagen, der uns gefällt und unsere Ansprüchen entgegenkommt. Bei Kind Nummer 1 hatten wir noch einen ohne schwenkbare Räder …

Ein Satz fiel mir besonders auf – daneben, dass die Hälfte der Eltern es anscheinend als ihre Aufgabe empfindet für den Kontakt zu gleichaltrigen Kindern zu sorgen: „Sohn oder Tochter sollten das Gefühl haben, das Wichtigste auf der Welt zu sein.“

Wow. Das Wichtigste auf der Welt. Ich habe dann vier Mal das Wichtigste hier.

Ich mag es, wenn Kinder sich als unglaublich wertvolle Bestanteile einer Gemeinschaft empfinden, die es ohne sie gar nicht gäbe – der Familie. Hier sollten sie geliebte und respektierte Mitglieder sein, aber nicht der Mittelpunkt. Die Verschiebung des Kindes von einer Art naturgegebenem Anhängsel (meine Kindheit) zum Dreh- und Angelpunkt der (elterlichen) Welt halte ich für nicht gut.

Wir haben hier in manchen Artikeln Ähnliches festgehalten: Kinder sind für viele Eltern zu einem Projekt geworden. Allein der Aufwand für einen Kindergeburtstag lässt darauf schließen: Es werden kleine Kunstwerke als Einladungen erstellt, es werden Hunderte Euro investiert und neben dem Tag der Vorbereitungen und dem Nachmittag der Bastelarbeiten dann noch der Tag selber. Den man irgendwo in Versailles zu verbringen pflegt. Eigens mit rosa Helikoptern eingeflogen tanzen die Kinder in frisch genähten Kostümen zur für diesen Anlass komponierten Ballmusik. Fotografen kommen, Livrierte stehen bereit und am Ende bekommen die kleinen Prinzen und Prinzessinnen ein Körbchen voller kleiner Präsente, die dem Wert des mitgebrachten Geschenkes gefährlich nahe kommen. Letzteres angelte man aus einem Korb, in den das Geburtstagskind es zuvor hineinlegte und trug es zur Kasse, um es ganz persönlich von einer Fremden verpacken zu lassen. Und das, während es immer heißt „Sie haben schon viel zu viel Zeug – es belastet sie schon.“

Warum ist das so? Haben Eltern das Gefühl, den Kindern könnte etwas entgehen? Sollen sie die zauberhafteste Kindheit der Welt erleben? Ist es eine Wiedergutmachung für das ewige schlechte Gewissen? Hat sich das so hochgeschraubt, weil die Eltern immer schönere und bessere Geburtstage veranstalteten und dies die eigenen Erwartungen steigerte?

Warum auch immer: Es geschieht natürlich überwiegend aus Liebe und ist nichts Schlechtes. Aber die einmal von mir in einem Artikel über die Kindheit in den 80er Jahren erwähnte Mandarinen-Sahne-Torte hatte meine Mutter damals auch mit Liebe gebacken. (Ich habe die Torte übrigens nun auf einem alten Foto wiederentdeckt: Es war mein fünfter Geburtstag – ich weiß noch heute wie toll süß-sauer die Mandarinen schmeckten …)

Wie viel Aufmerksamkeit ist möglich, nötig und gut? Es darf zumindest nicht so weit gehen, dass immer mehr Mütter Burn-Out-Symptome haben. Dann läuft doch etwas schief, oder nicht?

Ich will nun nicht das polemische Fass „Hatten wir alles auch nicht und hat uns nicht geschadet“ öffnen. Ich ziehe meine Kindheit lediglich als Vergleich heran. Meine individuelle Kindheit kann ich ohnehin nicht als Beispiel für alle nehmen, dafür war sie zu speziell. Aber ich erinnere mich ja an den Stellenwert der Kinder damals. Wir wurden geliebt und beachtet und bekamen, was wir brauchten. Es gab Geschenke an den Feiertagen und wenn man etwas gespart oder von der Tante zugesteckt bekam, dann kaufte man sich auch mal was Größeres zwischendurch. Meine Hausaufgaben erledigte ich bis auf Ausnahmen alleine, ich konnte mich mit zwei Jahren alleine an und ausziehen. Und das war nichts Besonderes. Es war selbstverständlich, dass ich meine Schultasche nicht mitten in den Flur werfe und mein Meerschweinchen selber fütterte. Ausgezogene Kleidung kam in den Wäschekorb, mein Zimmer räumte ich selber auf. Ich fuhr mit dem Fahrrad und dem Bus zu meinen Freunden. Ich sehe nicht, was daran falsch oder schlecht war. Ich war stolz, ganz alleine klarzukommen, als ich auszog. Da konnte ich streichen und tapezieren und vieles mehr. Fand ich klasse! Und werde ich meinen Kindern auch gerne alles vermitteln.

Aber:

Trotz des Wissens, dass manche Dinge heute eigentlich nicht ganz optimal verlaufen, traue ich mich nicht immer, es anders zu machen.

Ich muss eh schon öfter mal mit mir ringen, weil unsere Kinder sich eine Menge Aufmerksamkeit teilen müssen. Ich sage mir dann immer tapfer, dass eine größere Geschwisterzahl als 0 und 1 nichts Unnatürliches ist. Sondern sehr artgerecht. Und es macht selbstständig und so. Aber das hilft nicht immer. Umgeben von Eltern, die ihre Kinder nachmittags ohne Murren herumkutschieren, ihre Schultaschen bis zur Schultür tragen, ihnen die Jacken ausziehen bis sie Zwölf sind und ihre Zimmer aufräumen, habe ich es schwer mit meinen eigenen rebellischen Ansprüchen. Ich möchte Bügeln, Nummer 1 und 2 müssen auf Nummer 4 aufpassen – manchmal bemitleide ich sie dann. Verrückt, oder? Dabei hatten sie davor und haben danach massig Freizeit. Und machen es gerne.

Vielleicht liegt da eines der Probleme. Manches würde man vielleicht gerne anders machen, herunterschrauben und ganz bleiben lassen – aber wie stünde man dann da? Man hätte vermutlich mal wieder das typische schlechte Gewissen.

Elternsein war definitiv immer anstrengend – aber nie so komplex und vielschichtig wie heute, da bin ich mir sicher.

Schreckliche, wunderschöne Welt

Es ist leider wirklich nötig und zudem sehr richtig, sich darüber Gedanken zu machen, wie man seinen Kindern die Welt erklärt.

Dieses Thema beschäftigt im Moment nicht nur Lucie Marshall sondern auch Frau Mutter und eben mich selbst.

Es ist bei uns ja schon etwas länger her, dass ich die ersten Male erlebte, in denen man seine Kinder mit dem konfrontieren muss, das einem selbst als Schrecken vorkommen mag: die Realität.

Wie passen denn Massenmörder, Diktatoren, Kindersoldaten und Vergewaltigungslager zwischen Puppen, Feen und Teddybären? Gar nicht – so erscheint es uns vielleicht.

Aber all dies existiert nun mal gleichzeitig auf dem gleichen Planeten. 

Wie habe ich das denn gemacht und mache es noch, den Kindern zu erklären, was auf der Welt vorgeht und vor allem warum?

Ich habe vor langen Jahren mal ein irgendwie spirituelles Buch gelesen („Die Prophezeiungen von Celestine“) – an dessen Inhalt ich mich kaum mehr erinnere. Nur ein Satz brannte sich mir ein und diesen habe ich immer wieder so gelebt:

„Man kann jedem jederzeit alles erklären, man muss nur wissen wie“ so oder ähnlich hieß der Satz, der ermutigen sollte, Kindern immer alles mitzuteilen und zu erklären. Und das habe ich getan. Als Zeichen des Respekts. Und weil es einem Menschen gut tut, wenn man ihm etwas zutraut und auch zumutet.

Was fragen unsere Kinder denn so?

Die Frage „Wieso gibt es überhaupt Verhütungsmittel? Man kann doch auch einfach keinen Sex haben, wenn man kein Kind will, oder?“  ist ein antwort-intensives Beispiel für Kinderfragen. Und auch: „Wie lange braucht ein Mensch, bis er nach der Beerdigung verwest ist? und „Wieso ziehen die schwarzen Löcher alles in ihrem Umfeld an? Klar, verdichtete Masse und so. Aber warum wirkt sich das so aus?“ Oder „Wieso bringt jemand sein eigenes Kind um?“ Beliebt auch: „Warst du vor dem Dad schon in einen anderen verliebt?“ und „Wie oft hat man denn Sex, so ungefähr?“ Gern beantwortet man auch: „Wenn Gott alles ist, ist er dann auch das Böse?“ und, aus der gleichen Kategorie: „Ist es so, dass man Schlechtes in sich einfacher ablehnen kann, indem man so tut, als sei Gott oder ein Teufel dafür verantwortlich?“ Es gab auch schon: „Wohin verschwindet das Sperma, wenn es beim Sex in die Scheide gekommen ist?“ und  – noch ein Kategorie-Zwilling: „Wieso gibt es für den Penis so viele Ausdrücke und Worte, aber für die Scheide so wenige?“

Letzteres endete in einem Diskurs über das Patriarchat. Die Frage bezüglich Gott und das Böse reichte ich damals an unseren unglaublich klugen und weisen Pastoren weiter. Den Rest musste ich aber selber beantworten.

Manchmal weiß ich die Antwort nicht (in Physik geschlafen?) und dann sage ich das auch. Wir suchen die Information dann bei jemanden, der es weiß oder an anderen Orten wie Büchern oder dem Internet. (Oder man fragt den Paten von Nummer 1, der als Physikdoktorand am Ende schwitzend neben Nummer 2 und ihrem Fragen-Bombardement saß. Erst als er sagte: „Puh, also das weiß ich nun wirklich nicht.“ Da lehnte sie sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen glücklich zurück. Und ich war froh, dass es den lieben Paten gibt.)

Ich habe Fragen bekommen … uff … nach tausend Dingen, über die ich eigentlich nicht reden wollte. Und habe immer geantwortet. Meist nicht ohne eine Hintergrundanalyse und immer altersgerecht. Und wenn ich persönlich altersgerecht sage, dann meine ich das auch so. ich habe sie nie in Watte gepackt oder meine Stimme in einen hoch-oktavigen Sing-Sang verwandelt. Sondern ich war vordergründig sachlich und manchmal auch bedrückt oder besorgt.

Heute fragen sie natürlich immer noch. Sie haben aber zugleich bereits gelernt, bestimmte Nachrichten auszublenden, genau wie ich es auch tue. Ich lasse mich nicht mehr in die Geschehnisse der Welt hineinfallen, sondern betrachte sie nur.

Es sind eh immer die gleichen Dinge, mit denen die Welt uns konfrontiert – sie tragen nur andere Gewänder. Was uns anscheinend am meisten erschreckt ist wohl das Thema Gewalt. Und natürlich Naturkatastrophen. Beides entzieht sich unserer Kontrolle, was sehr beängstigend ist. Auch danach fragen unsere Kinder – danach, wie man mit seinen Gefühlen umgehen kann. Und das ist ein großer Bestandteil der Problematik.

Inwieweit kann ich meinen Kindern zutrauen, schlimme Dinge zu verarbeiten? Im Grunde heißt die Antwort: Sie können sehr viel verarbeiten. Kinder, die nicht allein gelassen werden mit ihren Gefühlen und Gedanken, schaffen eine ganz große Menge an Verarbeitung und Bewältigung. Zum Glück müssen die meisten Kinder nichts wie ein Erdbeben, eine Flutkatastrophe, den Tod sehr naher Angehöriger, Misshandlung oder Missbrauch verarbeiten. Aber auch das können sie. Unser Beschützerinstinkt möchte nur nicht, dass sie das müssen. Aber es ist gut zu wissen, dass sie das könnten, oder? 

Kindern macht Krieg Angst. Und ihnen machen böse Menschen Angst. Sie hören, was böse Menschen zu tun im Stande sind. Zum Beispiel, wenn die Terroristen von Boko Haram eine Zehnjährige auf einem Marktplatz in die Luft sprengen. Oder wenn ähnlich gesinnte eine Zeitschriftenredaktion stürmen und für ein Blutbad sorgen. Allein das Wort Blutbad ist für Kinder mit ihrem großen visuellen Vorstellungsvermögen ein Albtraum. Wenn wir Erwachsene mal überlegen, dass sogar die medizinische Fachsprache in den Kreißsälen angepasst wurde, damit man nicht mehr etwas wie Blasensprengung oder Pressen!Pressen! zu hören bekommen soll oder Pflegekräfte statt Windel nun Schutzhose sagen sollen, dann wissen wir längst, welche Macht die Sprache hat. Sie sorgt für Gefühle. Gefühle wie Angst oder eben auch Demütigung wie in meinen Beispielen.

Ich hatte Phasen, in denen ich es vermieden habe, mit den Kindern im Auto die Nachrichten zu hören. Und manchmal hörten sie doch etwas Scheußliches und meine Antworten waren viel zu knapp, weil ich Autofahren musste und mich eigentlich selbst nicht konfrontieren wollte, wenn jemand sein Kind hatte verhungern lassen oder Ähnliches. Danach hatte ich ein bisschen Verständnis für mich aber war dennoch nicht zufrieden mit meiner Reaktion.

Ich bleibe weiterhin bemüht, mit ihnen zu analysieren, warum Menschen böse werden. Warum es jene gibt, die herrschen wollen und denen das Leid anderer nichts bedeutet.

Manchmal kommt mir die Welt vor wie ein Käfig voller Narren – und ich glaube, meinen Kindern auch. Dennoch begreifen sie psychologische Zusammenhänge längst gut genug, um zu verstehen. Sie verstehen, dass es nicht um die Verteilung von Schuld geht und dass man böse wird, weil einem Böses widerfuhr. Während aber längst nicht alle, denen Böses widerfuhr böse werden. Sie wissen wie komplex das alles ist. Das, was sich auch einfach in Schubladen sortieren lässt, wenn man (mal wieder) nicht den Nerv hat, darüber nachzudenken.

Wenn ich erkläre, warum die furchtbare Attacke auf die durch Charlie Hebdo verkörperte Meinungsfreiheit passierte, dann beurteilen sie das natürlich. Sie sagen, dass ihnen die Bekloppten langsam auf die Nerven gehen und fragen sich, wohin das alles führen soll, das mit den vielen Terroristen. Und ich antworte. Wie immer. Ich erkläre die Motive und die Hintergründe. Aber das ist nur Wissen – die Gefühle der Machtlosigkeit und Angst bleiben oft und wirken nach.

Auf manche Dinge haben wir einen Einfluss. Das sind nicht einmal wenige. Aber auf manche haben wir leider keinen.

Ich vertrete übrigens die gewagte Theorie, dass, wenn alle Kinder liebevoll, wohlwollend und voller Respekt sowie zur Empathie erzogen würden, die Welt ganz anders aussähe. Ich bin davon überzeugt, dass niemand als böser Mensch auf die Welt kommt. (Ich kenne die Biographien vieler Diktatoren und zweifelhaften politischen Persönlichkeiten. Und sie weisen allesamt bestimmte, wiederkehrende Merkmale in der Kindheit auf, die unglaublich folgenschwer enden können. Gewalt (auch sexualisierte Gewalt) und Missbrauch sind feste Bestandteile.)

Wenn ein Mensch durch Böses selber böse wird, dann muss er zur Rechenschaft gezogen werden. Ganz klar. Dennoch macht mich Gewalt immer eher traurig als wütend. Ich betrauere, dass Menschen einander so unendlich weg tun können. Ich betrauere, dass uns Menschen Gedanken zuteil werden können, die uns zu bösen Taten bringen können. Und da geht es unseren Kindern ganz ähnlich, denke ich.

Wir können sie nicht davor bewahren, die Welt kennenzulernen, in der sie leben. Wir können sie nur darauf vorbereiten, ihr zu begegnen. Und das tut man vielleicht am besten dadurch, dass man sie Stück für Stück und altersgerecht heranführt. Sie werden das aushalten. Und fällt es bloß schwer, ihnen dabei zuzusehen.

Dazu ein persönliches Beispiel: Ich erinnere mich an die unglaublich schmerzhafte Beerdigung der Mutter meines Mannes. Die Kinder haben so sehr um die Oma getrauert. Nummer 1 fiel während der Trauerrede des Pastoren immer wieder in Ohnmacht. Sie wachte auf, sah den Sarg vor sich stehen, drifete wieder weinend ab und kam wieder zu sich. Ich saß weinend neben ihr und um sie herum weinten ebenfalls fast alle Anwesenden.Ich hatte ihr mal erklärt, lange vor dem Trauerfall, dass Gefühle wie das Meer sind und wir dafür ein Surfbrett brauchen, damit wir sicher sind und die Gefühle uns nicht mitreißen. Damals hatte sie ein Problem damit, ihre Wut zu kontrollieren. Das war war aber schon zwei Jahre her. Nun schleppte ich das schwache, weinende Kind zum offenen Grab und sah zu, wie es litt. Ich drückte es und sprach mit ihm. Es half nichts. Also ließ ich sein, auf die Kleine einwirken zu wollen und war einfach nur in der Nähe. Immerhin ja auch mit eigenen Gefühlen beschäftigt. Hinterher beim üblichen Kaffeetrinken kam Nummer 1 zu mir und sagte: „Oh Mann, Mama, ich glaub, ich bin eben absolut vom Surfbrett gefallen.“ Und wir konnten beide erleichtert lachen und nicken. Was mir so traumatisch erschienen war, war das gewesen, was sie gebraucht hatte. Sie hat im Laufe der folgenden drei Jahre immer wieder um die Oma geweint, ganz klar. Aber ich spürte, dass da nichts Bodenloses mehr war. Sie war ganz schön geerdet nach dieser Erfahrung.

Ich betrauere übrigens sehr, dass die heile Zeit voller Feen, Teddybären und Puppen nicht einmal ganzes Jahrzehnt halten kann und darf. Ich finde es sehr schmerzhaft, den Kindern zu erklären, warum Menschen einander Leid zufügen. Das werde ich vielleicht immer so empfinden. Die Ambivalenz zwischen der unendlichen Schönheit der Welt und den auf ihr lebenden Wesen und der abgrundtiefen Hässlichkeit derselben ist immer wieder einfach unfassbar. Auch für mich. Und auch das sage ich den Kindern so wie es ist.