Aufgeregt wie beim ersten Mal …

Aufgeregt wie beim ersten Mal …

… bin ich heute, weil unser Nummer 4chen in wenigen Stunden schon 1 Jahr alt wird! Beim ersten Geburtstag des ersten Kindes hab ich mich auch so gefühlt. Oh Mann, war der mal klein …..

Natürlich posten wir Geburtstags-Fotos von ihm. Er hat sich ein schickes Outfit zugelegt und wollte eben gar nicht ins Bettchen. Als würde er etwas ahnen. Er zeigte vehement auf die am Fenster hängenden Geschenktüten des Adventskalenders. Ich hatte ihm gezeigt, dass dort eine für ihn hängt. Die Kinder dürfen immer abends das für den kommenden öffnen, damit alle sehen, wie sie sich freuen. Morgens wäre das alles zu stressig. Jedenfalls hab ich den Kalender so befüllt und nummeriert, dass Nummer 4 am 9. Dezember dran ist.

Und Nummer 4 wollte eben seins auch schnell aufmachen, der kleine Pfiffikus. Er bekam einen im Dunkeln leuchtenden, zahnfreundlichen Supernuckel mit Blinker und Einparkautomatik – und freute sich sehr.

Er schnappte sich anschließend seine Zahnbürste und putzte seinen –Tadaa! – seit gestern sichtbaren ersten Zahn. Danach wollte er nicht ins Bett. Erstens, weil er spürte, dass morgen irgend etwas los ist. (Er zeigte wie wild auf die Girlanden.) Und zweitens, weil sein Dad nicht mit ihm Metal gehört hatte. Echt jetzt: Er muss inzwischen jeden Abend eine halbe Stunde Metal anschalten. Sonst will der Knabe nicht schlafen. Gestern hab ich dann gesagt: „Nummer 4, guck mal, so tanzt man dazu. Guck mal, ich bin ein Schüttelbüffel!“ Und als er meine durch die Gegend fliegenden Haare sah, hat er so gelacht, dass er fast umgekippt ist.  Er musste dann sofort auf den Arm und mittanzen.

Tja, des Haarefliegen hat aus ihm nun einen hundertprozentigen Fan gemacht. Und dann soll das heute ausfallen, weil die anderen dieser doofen Vorweihnachtstradition frönen und diese schäbigen Herrn der Ringe gucken wollten. Den sie schon in den letzten zwölf Jahren zwölf Mal gesehen haben! Dieses Mal hätten sie es sich schenken können!

Inzwischen ist es schon bald halb 11 und er schläft inzwischen friedlich oben in seinem Bett. Wir freuen uns hier unten schon sehr auf ihn. Morgen begrüßen wir ihn alle mit Gesang und Kerzen in seinem Zimmer. Das geht, weil alle Kinder erkältet sind und nicht zur Schule können. So hat das Geröchel und Geschniefe hier auch etwas Gutes …

Süß. Niedlich. Müde.

Süß. Niedlich. Müde.

Alltag mit Baby. Kennen wir Mütter. Aber: Es ist kracher-witzig, wenn man es mal liest. So richtig als Tagesablauf mit Zeitangaben. Das kann man im Artikel der Bloggerin Sarah O‘ Grady tun. Und schmunzeln.

Und es inspiriert. Ich möchte das auch mal tun.

Aus meiner Babyphase, die für mich gefühlt immer endet, wenn das Baby ein Jahr alt wird. Wie unseres morgen.

Vielleicht hat ja eine meiner geschätzten Mit-Mama-Bloggerinnen danach auch Lust? Ich fände es sehr interessant und bestimmt auch lustig, wenn wir uns da austauschen würden.

Ein Tagesablauf mit 3 Großen und 1 Baby

Wann fängt ein Tag denn genau an? Um 5? Hatte ich öfter mal. Um 4:30Uhr? Gab es auch. Für meinen exemplarischen Tagesablauf starte ich den Tag aber zu einer humanen Zeit.

Ich beschreibe mal kurz eine der diesem Tag vorangegangenen Nächte: Baby (an diesem Beispieltag/ in der Beispielnacht ist es circa vier Monate alt) schlief nach langem Ritual üblicher Weise zwischen 21 und 22.00 Uhr ein, um 1 war es wieder wach und wurde gestillt bis 2. Danach brauchte man eine Stunde, in der man es auf dem Arm halten musste, sonst wachte es beim Ablegen sofort wieder auf. Um 3 ging es wieder ins Bett. Manchmal weinte es auch ohne einzuschlafen und man musste nachts noch eine Runde mit ihm spazieren gehen. So gegen 3.30 Uhr bis 4:30 Uhr. Von 3 bis 5 Uhr schlief es für gewöhnlich, um anschließend Hunger zu haben. Wieder stillen bis 6 Uhr war dann angesagt.

Und damit beginnt der Tagesablauf

6 Uhr Das Baby liegt in meinem Arm im Bett und schläft. Seine jüngste Schwester schleicht sich zum Kuscheln rein. Reden dürfen wir nicht, sonst wacht das Baby wieder auf. Der Herr Vater sieht zu, dass die Großen sich für die Schule fertig machen und geht ins Bad. Draußen landen mit lautem Rumms die beiden Kater auf dem Fensterbrett. Ein Holzhaus ist recht hellhörig. Ich hoffe, die wecken das Baby nicht. Sie jaulen und stampfen und poltern vor dem Fenster und dem Nebeneingang.

7 Uhr Die großen Geschwister kommen herein und winken uns zu – sie gehen zum Bus.

7:20 Uhr Die Jüngste muss aufstehen und ins Bad. Ich stehe mit ihr auf und sehe zu, dass ich einen Kaffee bekomme. Ich fühle mich wie ein Zombie. Ich muss bis um 8 im Bad gewesen und angezogen sein. Vielleicht schnell, schnell duschen? Das wäre Wellness. Ich bin angespannt wegen das bevorstehenden langen und anstrengenden Tages. Ich muss aber auch noch das Baby warm einpacken, um mit ihm die Schwester zum Bus zu bringen. Schaffe ich das Duschen vorher?

8:00 Uhr Die Jüngste muss los. Das Baby schläft, ist warm verpackt und liegt im Wagen. Ich habe das Duschen nicht geschafft. Aber die Zähne geputzt und mir die Haare ganz praktisch in eine Spange gestopft. Der zweite Kaffee ist in einem To-Go-Becher in seinem Halter am Kinderwagen. Das, meine Lieben, ist wahrer Luxus! Ich warte an der Haltestelle und unterhalte mich mit dem Töchterlein, was sehr süß ist. Sie kuschelt sich in meinen Mantel. Ich knuddle die Kleine und winke ihr nach. Danach gehe ich spazieren. Weil der Kleine dann noch etwas schläft. Und dabei höre ich ein Hörbuch via Kopfhörer. Ihm ist schön warm. Mir nicht. Aber ich brauche ein bisschen Zeit ohne seine Bedürfnisse. Die kalte Luft weckt mein wie betäubt müdes Gesicht. Ich bin zu alt für dauernden Schlafentzug, Einer der Kater begleitend mich miauend. Süß.

9:00 Uhr Zurück vom Spaziergang. Die Katzen schießen an mir vorbei ins Haus. Schnell die patschnassen Stilleinlagen aus dem BH in den Müll befördern und neue reinstopfen, während die Kater um meine Beine streichen. Das Baby wacht gleich auf. Jetzt aber schnell! Ich werfe meinen Mantel über’n Sessel und streife die Stiefel ab. Die muss ich nachher wegräumen – Vorbildfunktion und so. Ich hole ihn aus dem warmen Deckendings und stille ihn. Ach, wie schön, dass der Schmerz beim Stillen nicht mehr ganz so schlimm ist. Ich versuche, dabei die Schultern zu entspannen, um nicht wieder Kopfschmerzen zu bekommen.

9:45 Uhr Er ist satt. Und wieder müde. Aber er schläft tagsüber nicht, wenn man ihn ablegt. Nur auf mir drauf. Also versuche ich, eine irgendwie erträgliche Position auf dem Sofa einzunehmen, ohne das einschlafende Baby auf mir zu wecken. Okay, es ist nicht bequem. Aber so kann ich die zwei Stunden aushalten, ohne dass mir wieder die Knie so komisch durchhängen. Das vorher schnell bereitgelegte iPad hole ich mir mit dem kleinen Finger heran, indem ich den Fingernagel unter die Hülle schiebe. Ich lade die neue Ausgabe einer großen Tageszeitung herunter und lese. Und lese. Auch den Newsticker. Danach tippe ich mit einem Finger Suchworte oder Internetadressen ein. Ich tippe auch so. Wie auch sonst? Ein paar Mal hab ich vergessen, das iPad vorher hinzulegen, Da habe ich dann zwei Stunden aus dem Fenster in den kahlen Garten gestarrt und abwechselnd an den Himmel. Hab mich gefreut, wenn da Wolken und Wind waren. Das hat einen hohen Unterhaltungswert – hätt‘ ich zuvor echt nicht gedacht …

11:15 Uhr Er wacht auf und sieht sehr niedlich aus. Ich knuddle ein bisschen mit ihm und lege ihn in seine Wippe, damit ich kurz staubsaugen kann. Das will er nicht. Er weint. Wer hätte das erwartet? Also Tragetuch raus, Baby rein und das tun, was ich zärtlich den Afrikamodus nenne: Mit dem Baby an mir dran ein bisschen was tun. Ich habe ihn nun vor der Brust. Sechs Personen verursachen viel Wäsche und Schmutz. Ich staubsauge und räume auf. Sich mit dem Baby vorne dran dauernd zu bücken und aufzurichten ist echt anstrengend. Aber man kann sein Köpfchen riechen und küssen. Das ist prima. Ich stapfe die Treppe hoch und wundere mich mal wieder, dass sich meine Muskeln so schwach anfühlen und ich mein Herz im Hals donnern fühle. Ich sollte vielleicht doch mal zum Arzt. Aber mit dem Kleinen ist das so anstrengend und sooo schlecht geht es mir ja nicht … ich warte bis er größer ist. Oh Mist, ich muss mal.

12:00 Uhr Ich muss mich mit dem Baby vorne dran auf das Klo pfriemeln. Denn abgelegt werden will es ja nicht. Das nervt kolossal. Will alleine auf’s Klo. Will auch einfach Wääähh! machen. Bin müde und grrr … Oh! Ich muss in zehn Minuten an der Haltestelle stehen und die Jüngste abholen! Schnell! Baby raus aus dem Tuch. Nur eine Jacke drüber werfen wäre zu kalt für ihn. Er muss also da raus und am besten gleich in den Kinderwagen – das ist am praktikabelsten. Also Baby in die Decke und das warme Säckchen stecken. Baby will das nicht und schimpft. Das Schimpfen im Ohr ziehe ich meine Schuhe an. Mir bricht der Schweiß aus. Das sag ich dann auch dem Arzt. Später irgendwann. Ich werfe mich in den Mantel und hieve um 12:10 Uhr den Kinderwagen die Eingangstreppe runter, um zur Haltestelle zu eilen. Dabei trete  ich einem der Kater auf die Pfote, die wie die Pfeile zwischen Kinderwagen und Beine durchhuschen.

Ich sage mir, dass ich die Zeit besser im Blick haben muss. Wenn ich weniger trinke, hab ich weniger Milch. Aber so muss ich dauernd auf’s Klo. Wenn ich morgens weniger trinke, reduziert sich das Klo-Gerenne. Dann schreit er weniger, weil er ja nicht abgelegt werden will. Nachmittags kann eine Schwester ihn kurz bespaßen, während ich pinkeln muss. Das ist ein Plan. Morgens weniger trinken, nachmittags mehr. Zynisch erwäge ich einen Toiletten-Plan aufzustellen, um das alles nicht wieder zu vergessen.

12:30 Uhr Ich habe mir auf dem Weg ganz viel aus der Schule erzählen lassen. Das war sehr niedlich. Nun sind wir gerade zurück und die Jüngste setzt sich zum Baby neben die Wippe. So mag der Kleine es. Die Jüngste will nun abschalten und sich etwas auf dem iPad ansehen. Ich beschäftige mich derweil mit dem Baby. Dann versuche ich, mir den Laptop auf den Schoß zu nehmen, um noch ein paar wichtige E-Mails zu schreiben. Geht nicht. Das Baby weint. Es hat Hunger. Ich stille ihn bis um

13:15 Uhr Das Baby ist noch nicht eingeschlafen. Wenn es tief einschläft, kann ich es in die Wippe legen. Das wäre toll, dann könnte ich kochen. Es ist aber müde und wach. Also wieder das Tragetuch raus und das Baby rein. Während ich stehe und Kartoffeln schäle meckert und schimpft er. Er will natürlich, dass ich laufe. Also wippe ich auf und ab und wackle hin und her. Die zu schälende Kartoffel muss ich dabei hoch halten, weil ich sie sonst nicht sehe  – Baby im Blickfeld. Ich schäle wippend und beruhigungssummend Gemüse. Dabei helfe ich nebenbei der Jüngsten bei den Hausaufgaben, mit denen sie begonnen hat. Die Katzen schmeicheln um meine Beine. Ich muss sie schnell füttern.

14 Uhr Die Großen kommen nach Hause. Das Baby ist im Tuch eingeschlafen. Alle müssen flüstern. Als das Essen fertig ist, hole ich den Kleinen vorsichtig heraus und lege ihn in die Wippe. Ich decke ihn zu und wir hoffen auf ein nettes Mittagessen.

14:30 Uhr Er hat geschlafen und wir haben gegessen. Das hatten wir auch schon anders. Heute ist es entspannter. Mir fallen meine wichtigen E-Mails wieder ein. Wir räumen den Tisch ab, stellen die Spülmaschine an und ich räume die Küche auf. Als ich mich hinsetzen und mein Notebook nehmen will, ist der Kleine wieder wach. Er hat nicht genug geschlafen und hat miese Laune. Wir singen ihm etwas vor. Die Schwestern wollen ihn herumtragen. Die Jüngste meckert, weil sie ihn noch nicht tragen darf. Es entbrennt ein kleiner Streit zwischen ihr und der Großen deswegen. Beleidigt zieht sie sich an den Esstisch zurück, um die Hausaufgaben fertig zu machen.

14:50 Uhr Ich trage den Kleinen herum und singe ihm etwas vor. Er grapscht nach meiner Nase, ich küsse seine Fingerchen. Ich könnte ihn aufessen. Er hat wieder Hunger.

15 Uhr Ich habe die Großen gerufen, damit sie Hausaufgaben machen. Sie sitzen am Tisch und ich stillend auf dem Sofa. Von dort aus helfe ich ihnen bei den Aufgaben. Wir rufen uns Vokabeln durch den Raum zu.

15:30 Uhr Er trinkt immer noch. Ein Paketbote klingelt. Alle Kinder springen auf und rennen zur Tür. Sie rufen mich zum Unterschreiben. Ich knurre innerlich und hieve mich mit an mir saugendem Baby hoch. Schneller Check, ob man nichts von meiner Brust sieht und zur Tür. Der Postbote lächelnd entschuldigend – er hat selber Kinder – und die Kinder tragen das Paket mit Babysachen hinein.

16 Uhr Ich gucke sehnsüchtig auf die Uhr. Ich brauche dringend einen Erwachsenen in meiner Nähe. Telefonieren geht nicht wegen das Babies. Das habe ich aufgegeben. Und mochte es eh nie so. Wieso ist es nicht schon 18 Uhr? Der Kleine ist immerhin satt und liegt in der Wippe neben mir. Ich muss mal. Wenn ich aufstehe, dann weint er. Ich bitte eine der Großen, sich neben ihn zu setzen und flitze zum Klo. Er weint trotzdem. Mir bricht der Schweiß aus. Die Jüngste kommt hinter mir her und erzählt mir Unverständliches durch die Badezimmertür. Ich bitte sie, mir das später zu erzählen. Wir packen das Paket mit den Babysachen aus. Dabei halte ich das Baby auf einem Arm. Ich bin ein einarmiger Bandit, seit das Baby da ist. Die Sachen sind schnuckelig und wir freuen uns. Ich bitte die Kinder, den Karton zum Altpapier rauszubringen. Dann entferne ich die Etiketten von den Sachen und bringe sie – Baby auf dem Arm – in die Wäsche.

16:30 Uhr Ich lese den Kindern etwas aus einem E-Book vor, während der Kleine in der Wippe liegt. Er wird wieder müde. Also muss ich ihn rausnehmen, denn auch das Wippen überzeugt ihn nicht vom Einschlafen. Ich höre mit dem Vorlesen auf. Dann entscheide ich spontan, spazieren zu gehen. Die Mittlere möchte mit. Ich warne sie, dass wir etwas länger gehen werden, damit der Kleine schlafen kann. Wir ziehen los und unterhalten uns auf dem Weg. Mir fallen die wichtigen E-Mails wieder ein. Ich habe Tee in meinen Warmhaltebecher gemacht, den wir uns teilen. Der Kleine schläft schnell ein. Ich kann mich darauf verlassen, dass er im Kinderwagen gut schläft. Daher gehe ich morgens auch manchmal eineinhalb Stunden durch die Gegend. Damit er guten Schlaf bekommt und ich Hörbücher hören kann. Nun gehe ich mit der Mittleren und höre ihr zu. Der Kater folgt uns. Niedlich.

17:15 Uhr Wieder zurück und der Blick auf die Uhr ist ganz erträglich. Ich sage mir, dass der Kleine abends ja meistens schon vor zehn schläft. Wir wagen es inzwischen, eine Serienfolge zu gucken, damit wir 30 Minuten Feierabend haben, ehe wir schnell einschlafen müssen. Was für ein Luxus das doch ist. Bald, bald wird er noch früher einschlafen und nachts nur noch ein Mal aufwachen und das wird ein Fest! Und ich erinnere mich daran, wie er noch Wochen zuvor in den Schlaf gebracht werden musste: Ewiges Tragen und wenn das nicht ging, dann saß der Herr Vater auf der Sofakante, vornüber gebeugt und machte so eine Art zart-aber-spürbare Vibrationsbewegung mit den Armen in denen er ihn hielt. Bis er schlief. Danach musste man 45 Minuten warten, bis er tief genug schlief, ehe er in seinen Babybalkon gelegt werden konnte. Das dauerte alles bis 23 Uhr und man hatte immer schon Panik, nicht genug Schlaf zu bekommen um morgens nicht zuerst weinen zu wollen. Zwei bis drei Stunden Schlaf und oft dazu wach sein ab 5 machen ein Tier aus mir. Einmal hatten wir abends Besuch und ich hoffte, dass er nicht lange bleiben würde, damit ich nur ja genug Schlaf bekäme. Die Jüngste reißt mich aus dem Luxus eigener Gedanken um’s eigene Wohl und sagt, sie habe Hunger. Die Katzen auch. Ich stolpere mal wieder über den einen der beiden.

18 Uhr Schon Sechs! Noch eine Stunde oder vielleicht anderthalb – dann kommt der Herr Vater nach Hause. Der Gedanke an einen Gesprächspartner gibt mir Aufwind. Lang waren die Monate der Entbehrungen und an der Front ist nicht nur der Hunger ein Feind … apropos: Es ist Abendessenszeit. Auch für das Baby. Ich stille ihn und sehe zu, wie die Kinder sich etwas zu essen nehmen. Sie sitzen am Tisch, ich auf dem Sofa. Stillen auf den Esstischstühlen geht nur unter Inkaufnahme fieser Verspannungen. Ich habe ein komisches Gefühl im Bauch. Muss ich das auch dem Arzt sagen, den ich später-später besuchen werde? Nein. Es ist Magenknurren, diagnostiziere ich. Ich sehe den Kindern beim Essen zu.

18:45 Uhr Das Baby ist satt und die Große trägt den Süßen herum. Ich stopfe mir ein Brot hinein. Die Mittlere der Mädels hat mir einen Kaffee gemacht. Wunderbar! Dann nimmt die Kaffeekocherin das Baby und ich verlangsame das Ess-Tempo. Wir unterhalten uns nebenbei alle ein bisschen. Das Baby ist zufrieden. Ich sehe zu, wie sie sich gegenseitig mit dem Baby fotografieren. Sie sind furchtbar süß alle zusammen.

19 Uhr Ehemann kommt später, es ist Stau, teilt mir seine Sprachnachricht mit. Ich vermisse ihn. Nicht nur als Gesprächspartner. Auch als Mann. Werde ich jemals wieder Zeit und Kraft für etwas wie zwei Gläser Rotwein, erotische Literatur und alles Folgende haben? Habe ich jemals so etwas erlebt? Öh ja, bevor ich schwanger war. Wie lange ist das her? Lichtjahre. Ich lebe auf unbestimmte Zeit in einer Askese. Mir bricht der Schweiß aus. Muss ich aufschreiben, damit ich es dem Später-später-Arzt sagen kann. Ich vergesse auch so viel. Muss die Still-Demenz sein.

19: 40 Uhr Der Herr Vater ist da und alle freuen sich. Die Kinder erzählen ihm zuerst all die Dinge, die sie erlebt haben. Es gab zwei gute Noten und sie sind stolz. Er zieht seine Jacke aus und macht sich sein Essen warm. Währenddessen trage ich das Baby. Danach nimmt er es und wir setzen uns hin. Damit wir uns kurz unterhalten können, nehmen die beiden Großen das Baby und gehen mit ihm im Schlafzimmer kuscheln – die sind beide heute sehr nett zu uns.

20 Uhr Wir sitzen mit dem Baby auf dem Sofa und mir fällt die Wäsche ein. Ich eile nach oben und hänge sie auf. Dabei sage ich den Kinder Bescheid, dass sie ins Bad müssen – es ist Schlafenszeit. Das finden sie heute total doof. Aber nur heute.

20:30 Uhr Baby wird wieder gestillt und wird danach müde. Mir fallen die wichtigen E-Mails wieder ein. Babymann schläft auf Herrn Vaters Arm ein. Herr Vater legt ihn auf seine Brust und wir unterhalten uns. Wir sind total müde. Leise wünschen uns die drei Größeren eine Gute Nacht. Blick zurück zu Ehemann: Kopf nach hinten gesunken, Mund offen. Schläft. Fast auch süß. Fast. Ich nehme mir das Notebook und will die wichtigen E-Mails schreiben. Dann aber habe ich einfach keine Energie mehr dazu.

21:30 Uhr Das Babylein wird in seinen Babybalkon gelegt. Wir haben in den letzten Nächten gemerkt, dass wir alle besser schlafen, wenn wir in getrennten Zimmern schlafen. Der Babymann wacht dann ein Mal weniger auf. Wir legen uns auf das Sofa nebenan. Und schauen uns auf dem iPad irgendeine Serienfolge an. Wir schaffen noch zwei müde Lacher.

22 Uhr Mir fallen die Augen zu. Bis sie in spätestens drei Stunden wieder aufgehen werden. Mir fallen meine wichtigen E-Mails wieder ein.

Ich habe keine Freizeit, ich habe Kinder

Das habe ich letztens so sinngemäß bei Twitter gelesen und das ist thematisch so ziemlich bei mir eingeschlagen. Ich meine, dass man als Eltern in der Abendplanung deutlich eingeschränkter ist als ein kinderloses Paar oder gar ein Single – geschenkt. Aber bei uns ist es so, dass wir buchstäblich gar keine freie Zeit mehr haben, seit Nummer 4 auf der Welt ist.

Ich habe letztens in der Brand Eins gehört (Hörmagazin auf der Fahrt zur Arbeit – Zeitoptimierung), dass Deutsche im Schnitt pro Werktag 6,5 Stunden Freizeit haben. Diese Zahl ist zwar utopisch – hoffe ich zumindest – aber wir haben so maximal eine Stunde pro Werktag echte Freizeit. Wenn wir Glück haben. Häufig verwenden wir diese zum Bloggen 🙂

Das Blöde daran ist, dass wir nicht zu den Menschen gehören (wenn es die denn gibt), die ihr eigenes Leben mit der Geburt des ersten Kindes freudig an den Nagel hängen. Wir wollen unser Bett möglichst bald wieder für uns haben, wir verlangen von unseren Kindern, dass sie halbwegs funktionieren und dass sie uns – irgendwann, irgendwo – auch mal unsere Freiräume lassen. Trotzdem reicht es einfach nicht.

Letzte Woche bekam ich nach einem beruflichen Termin in Hamburg eine Push-Nachricht von Wunderlist. „Praxis Dr. Stromprobleme anrufen“. Ich beömmelte mich im Fahrstuhl und erklärte den fragend blickenden Kollegen, dass ich gerade eine lustig autokorrigierte Nachricht aus der To Do-Liste meiner Frau bekommen habe.

„Ich finde es ja eigentlich lustiger, dass Ihr Euch überhaupt per Wunderlist unterhaltet“, meinten sie.
„Manchmal haben wir tagelang so wenig Zeit miteinander zu reden, dass wir uns nur per Kalendereintrag und To Do-Liste unterhalten.“

Mir war die Befremdlichkeit dieses Vorgehens echt nicht klar. Wir wollen unsere paar Minuten am Abend nicht darauf verschwenden, nur Alltags-Organisationsscheiss zu besprechen, also machen wir das so. Aber bei genauerem Nachdenken … hätte ich auch blöd geguckt, wenn man uns das vor zehn Jahren erzählt hatte.

Aber was will man machen? Ärzte, Lehrer, Handwerker und die Arbeit fordern ihren Tribut, die Kinder sollen auch nicht komplett zu kurz kommen, und selber will man ja auch noch irgendwo bleiben.

Laut Freizeitforschern hat Helmut Kohl uns das eingebrockt.

„Zukunft ist wichtiger als Freizeit“, hat der nämlich gesagt.

Damals richtete sich das gegen die 35-Stunden-Woche. Heute ist es wohl eher das Motto der meisten Eltern.

Goethe und das Stillen

Wir hatten hier schon mal einen Post zum Thema Still-Zwang vor dem Hintergrund einer neuen Langzeitstudie. Nun war ich im Internet an den letzten Abenden viel lesend unterwegs. Hier begegnete mir das Thema Stillen noch einmal und es entspannen sich darauf einige Gedanken und nehme Euch, wenn Ihr wollt, gerne mit auf die (Achtung: etwas lange) Reise vom Blog/Artikel/Facebook-Kommentar-Hölzchen auf’s Mummy-War-Stöckchen.

Es ging häufig um begeisterte oder auch nicht-begeisterte Langzeitstillerinnen. Viele von ihnen schrieben etwas wie:

„Also ich stille seit 2 Jahren und 5 Monaten und ich liebe die Nähe. Mein Kind fordert das auch ein. Manchmal ist es mir zu viel. Aber ich kann einfach noch nicht loslassen. Mein Kind setzt sich auf meinen Schoß und sagt das Wort für Stillen. In der Öffentlichkeit ist mir das unangenehm. Aber nur wegen der Blicke! Es ist so schwer, die Blicke zu ignorieren. Ich stille nachts seit der gesamten Zeit. Wir genießen das beide sehr. Langsam bin ich aber müde. Ich möchte wieder mehr Kraft haben, richtig wach sein und der Schlafmangel zehrt doch sehr an mir. Aber ich trau mich nicht abzustillen. Was, wenn ich meinem Kind schade? Vielleicht bin ich zu egoistisch.“

Aus meiner freien Rezitation darf jeder entnehmen, was er möchte – sie ist recht klassisch. Die Kommentatorinnen waren sich alle im Grunde einig und beschrieben Ähnliches. Ein stimmiger, zustimmender Austausch Gleichgesinnter.

Dann mischte sich ein Vater ein und berichtete, dass seine Frau den Sohn mit sechs Monaten abgestillt habe, weil sie immer weniger Milch hatte, trotz der vielen Hebammentipps. Sein Sohn habe dann schnell das Interesse an der Brust verloren und sei aber ein gesundes, zufriedenes Kind, das inzwischen alles vom Tisch essen würde und einen großen Entdeckerdrang habe. Er selbst wäre unsicher, ob die Bindung nicht durch die vielen anderen Faktoren des Lebens beeinflusst würde. Er wüsste keinen Grund, warum man ewig stillen sollte, wenn es irgendwie belastend wäre. Sonst hätten ja Nicht-Gestillte in jedem Fall eine geringere Bindung zu den Eltern. Eine Mutter zweifelte als Reaktion an, dass es Kinder gäbe, die nach ein paar Monaten das Interesse verlören, denn ihres würde immer noch nach der Brust verlangen und sei über Zwei. Die Stilldauer in Deutschland sei ohnehin kürzer als in sehr vielen Ländern der Welt, obwohl es wegen der Natürlichkeit das Beste sei. Es wurde angezweifelt, dass diese Mütter die Wahrheit berichteten, sondern vielleicht nur einen schnellen Ausweg suchten. Woraus denn? Aus einem glücklich machenden Weg? Daraus will man wohl kaum entkommen. Ein bisschen Streit kam dann auch auf und schaukelte sich hoch:

Mummy War. Kriegsschauplatz hier: Langzeit- gegen Kurzzeitstillende. Und der arme Papa mittendrin. Er sagte dann auch schnell nix mehr.

Da wurde ich nachdenklich.

Vor allem wegen des Arguments der Natürlichkeit. Das nervt mich schon lange gewaltig.

Ja, in vielen Ländern der Welt passt es aus verschiedenen Gründen sicherlich gut, wenn man lange stillt und dies ist dort mit allen Vorzügen allgemein bekannt. Da guckt dann auch niemand, wenn das Stillkind sich in der Öffentlichkeit mit fünf Jahren „selbst bedient“. In vielen Ländern der Welt passt es sehr gut, wenn man sein Kind dauerhaft im Tragetuch trägt, auch weil Kinderwagen nur auf Geh-und Asphaltwegen Sinn machen. (Das Tragen dient hier als anderes Beispiel vom Kampfplatz der Mummy Wars).

Aber das bedeutet doch nicht, dass man sich einfach irgendeinen Umstand aus einem Land herauspicken kann, der einem gefällt und diesen glorifiziert. In Indien werden Kinder lange gestillt. Und weibliche Kinder getötet (prä- und postnatal). In vielen Ländern machen alle Eltern ein Co-Sleeping mit allen ihren vielen Kindern. Dies mag dort nicht unbedingt wegen eines Ratgebers zum Attachment-Parentings so sein, der Menschen mit einem großen, westlichen Individualberdürfnis das Gute an der engen Bindung zum Kind zeigen will und das intime Zusammenschlafen sowie den Sex der Eltern zu reglementieren sucht. In Afrika bekommen die Massai eine prima Hüfte in der Spreiz-Anhock-Stellung des Tragetuches ihrer Mutter. Man trinkt dort traditionell Blut aus frisch angestochenen, lebenden Tieren. Man schmiert Tierkot auf seine Hütten, um sie zu isolieren und stabilisieren. Vieles davon erscheint mir als sehr natürlich. Nein, alles. Warum schmieren wir nicht alle etwas aus dem Katzenklo an unsere Hauswand? Genau: Weil wir das so nicht brauchen. Und ein männlicher Initiationsritus in unseren Gefilden ist nicht das gefährliche Springen über viele nebeneinander stehende Rinder. Sondern etwas wie das erste Fußballspiel mit Papa oder der Kauf des ersten Rasierers. Wir nehmen Stoff- oder Fertigwindeln oder gar keine. Aber im letzten Fall schieben wir das Baby nicht mit dem Anus über unser Knie, kratzen den Kot dann mit einem Ast ab und werfen diesen weg. Das wäre aber ultimativ-afrikamäßig-natürlich.

Die klassische Idee, des Edlen Wilden kommt mir dann in den Kopf. Ethnologisch längst überholt kommt sie daher und suggeriert eine tiefe Verbindung mit der Natur, die wir durch die naturgemäße Behandlung unserer Babies erreichen. Diese Verbindung teilen wir dann mit. Aus unseren vollbeheizten Wohnzimmern und mit unseren diversen Devices mit. Hm …

Nun möchte ich mal etwas Persönliches dazu sagen:

Ich habe alle meine Kinder gestillt und mochte es nur in wenigen Momenten. Ich hatte schmerzende Brustwarzen, war wegen der Schmerz-Ausgleichshaltung verspannt bis zum Dauerkopfschmerz und hatte aufplatzende Blasen auf den Brustwarzen unter denen sich rasch neue bildeten. Kinder hatten kurze Zungenbändchen, aber nicht zu kurz. Kinder wurden anders angelegt, half nicht. Es half nur Abhärtung. Wenn das Baby hungrig wurde, brach mir oft genug der Schweiß aus. Ich bezweifelte, dass „Oh nein, es hat schon wieder Hunger und es wird wieder wehtun“ gut für die Bindung sei und sprach mit den Hebammen. Empfehlung der Hebammen war immer „Salbe/Heilwolle drauf und zurück an die Front. Es ist das Beste für’s Kind.“ oder „Wenn du vor Schmerzen weinen musst, dann lass es ruhig zu.“ 

Nur die eine Hebamme, die aufgrund einer Brust-OP selber nicht wirklich viel stillen konnte, erlaubte mir das Zufüttern, als ich fast in Ohnmacht fiel, weil drei Kinder, eine unentdeckte Schilddrüsenüberfunktion und ein Baby mit 2-Stunden-Still-Rhythmus bei 45 Minuten Trinkdauer zu viel waren. Sie erzählte mir auch, wie sie sich einmal weinend mit einem Fläschchen und der Tochter zum Füttern im Auto versteckt hatte. Warum? Weil sie auf einem Hebammen-Kongress war und sich vor den Anfeindungen fürchtete, wenn sie in der Halle die Flasche gegeben hätte …

Ich habe insgesamt neun Hebammen und zwei Hebammenschülerinnen während vier Schwangerschaften und Geburten erlebt. Ein bisschen Überblick kann man sich da machen. Ich erlebte vertraulich-nette Gespräche und wunderbare Bein-Massagen. Ich bekam Globuli und Tipps aus dem Kräutergarten (die ich wertschätze). Ich wurde mit Tee und Bio-Keksen verwöhnt. Ich erlebte, wie Hebammen mir eine Hand ins Genital schoben und den Saum des Muttermundes hinter den Babykopf zerrten. Ich bekam eine der in der Wirkung ebenfalls höchst umstrittenen, recht schmerzhaft-blutigen Eipollösungen. Dabei brannte aber eine hübsche Kerze. Alles war sehr natürlich. Auch das Antreiben zum Vollpower-Dauerpressen bei acht Zentimeter Muttermundöffnung und die dann drei Stunden dauernde Austreibungssphase, während der ich innerlich immer mehr darum bettelte, mir möge man in den Kopf schießen. Natürlich schmerzmittelfrei. Die Hebamme damals fröhlich währenddessen: „Ja, ein Kind zu bekommen ist wie eine Kokosnuss zu kacken.“ Nach der Geburt kein Glückwunsch, sondern der eindringliche Satz: „Der gebt ihr aber keinen Schnuller, ne?“ Das mitgebrachte Betäubungsspray für den beachtlichen Riss in meinen Genitalien nahm sie kopfschüttelnd und verwendete es mit ähnlicher Attitüde. Der echte Feldscher tackert zerrissenes, empfindliches Fleisch mit heißer Nadel aber ohne Betäubung- das hatte ich nicht gewusst. Hätte so was ein Arzt gebracht, dann aber wehe. Der ist nämlich per se nicht natürlich …

Der Bogen zurück zum Stillen:

Ich stillte zwischen drei und irgendwas um die sechs Monate. Mal blieb die Milch aus, mal musste ich Medikamente nehmen, mal verging erst mir und dann dem Baby die Lust. Mal schlich es sich durch das Zufüttern aus, das meine Gesundheit erhalten sollte. Ich mochte es nie sehr, hatte aber immer ein gesellschaftlich induziertes schlechtes Gewissen beim Abstillen. Ich verfüge stets lieber selber über meinen Körper, alles Andere ist mir mehr als unangenehm. Aber das ist meine individuelle Geschichte.

Ich wurde nie gestillt und die Bindung an meine Mutter war sehr, sehr innig. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um sie zu lösen als es für meine psychische Gesundheit nötig war. Es gibt also scheinbar Wege, auch kranke Wege, eine starke Bindung herbeizuführen. Sicherlich aber viel mehr gesunde. Beides geht auch ohne Stillen. Meine Töchter hängen sehr an mir. Die eine zeigt es mehr, die andere weniger. Sie scheinen bindungsfähig. Haben aber auch Verlustmomente erlebt und das tief vertrauensvolle Verhältnis zum Leben wurde unter Anderem durch einen Todesfall in der Familie erschüttert. Und durch den Verlust eines Großelternpaares (das war die anstrengende Lösung einer starken Bindung) ebenfalls. Steckten sie sehr gut weg. Konnten immer darüber reden. Die Sechs-Monate-Voll-Gestillte scheint nicht mehr an mich gebunden als die anderen. Alle sprachen sehr früh (fließende Sätze  inklusive Nebensätze mit zweieinhalb), lasen zum Teil ehe sie in der Schule waren, konnten ihre Bedürfnisse und Gefühle mitteilen. Dumm scheinen sie nicht. Das viel-getragene Nummer 4chen ist total auf mich fixiert. Ich höre, das sei bei Jungs oft so. Oder doch weil er ein 1a-Tragling ist? Wer kann das sagen?

Sie wurden alle in Tüchern und Tragen getragen. Zwei sogar im Baby-Björn-Hüft-Zerstörer. Zwei sind besonders sportlich und beweglich, eine davon war die im Baby Björn Gemarterte. Sie sind selten krank und alle komplett durchgeimpft. Sie leben (Achtung: sehr natürlich und afrikanisch!) mit diversen Geschwistern. Und haben die klassischen Rollenprobleme der Geburtsreihenfolge. Und auch sehr natürlich: Sie müssen mithelfen und Verantwortung übernehmen, weil ihre Mutter durch die diversen Kinder viel zu tun hat.

Ich kann keine Auswirkungen des Stillens oder Tragens sehen. Aber davon, dass ich ihnen alle Fragen beantworte und ehrlich bin. Davon, dass ich sie nicht schlage und mich entschuldige wenn ich etwas verbockt hab. Ich leide mit ihnen und lache mit ihnen. Wir haben zusammen eine Menge erlebt und auch durchgemacht. Wir haben ’ne Menge Bindung, sage ich mal so verwegen.

Mein Fazit:

Ich kann ebenfalls nicht verstehen, wie man mit Geburtsdauer, Stilldauer, Schmerzmittelverweigerung während Entbindungen, Drei-Stunden-Zwanzig-Kilo-Kinder-Tragen und ähnlichem angeben kann. Es erinnert mich an den Schwanzvergleich von Schwanzlosen. Leistung wird hervorgezerrt wo keine ist. Geburten sind eine Leistung. Ja, gut. Das ist eine Amputation auch. Nur die ist nicht alltäglich und natürlich. Der Charme des Opas, der „im Krieg noch ohne Betäubung zum Zahnarzt musste“ liegt hier in der Luft. Mir reicht’s.

Ich freue mich über jede glückliche Berufskollegin. Ihr und auch den anderen gilt mein Respekt. Egal ob und wie lange sie stillt, entbindet, trägt oder was sie kocht oder was sie sich im Fernsehen ansieht. Zu diesen Themen würde ich irgendwann mal echt gern eine Blogparade starten.

Etwas wie: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Fies, engstirnig und aggressiv haben wir schon so oft. Es nervt nämlich, wie sich im weltweiten Netz pausenlos etwas vorgeworfen wird. Faulheit, Verantwortungslosigkeit und Schlimmeres. Immer schön raus mit der Moral-Keule. Mal kurz die eigenen, oft auch verdeckten Motive einer Handlung zu durchleuchten – das wäre was. Oder sich zu fragen, ob man ein tolles Vorbild ist, wenn man niemanden toleriert, der etwas Anderes denkt. Oder sich vielleicht sogar von ihm inspirieren lässt. Schön dreist und grenzenlos in der Anonymität rumbashen. Das ist wirklich viel erwachsener als jemandem die Schippe auf den Kopf zu hauen. 

Ich würde die Aggressorinnen des Mummy Wars gern ansprechen können:

„Kommt mal runter, Ladies!“ würde ich sagen, “ leidet Ihr so sehr unter Schlafmangel oder was? Ach so, selber unsicher und dann andere vor den moralischen Richter zerren, um das nicht spüren zu müssen? Sehr sympathisch. Generell etwas aggressiv und selbstverliebt? Auch schön. Überzeugt intolerant? Viel besser. Es ist nicht so, dass Ihr andere verletzt und verunsichert. Mitnichten! Was wären wir ohne noch ein bisschen mehr Unfrieden? Wie blöd, wenn wir uns gegenseitig unterstützen würden.“

Ich sage es immer wieder: Mütter sind etwas Tolles! Gerade hier bei uns, einem Land mit weltweit einer der geringsten Geburtenraten, sind wir mutig. Wir bekommen nicht so nebenbei mal ein paar Kinder wie es in den letzten Jahrtausenden der Fall war. Wir starten wahre Familien(-und-Job-)Projekte und nehmen Unsicherheiten in Kauf, die schwer wiegen, weil sie das Seelenleben der uns anvertrauten Kinder betreffen. Und die aller-allermeisten von uns machen den Job gut. Wir sind die erste Generation, die das fast ohne Althergebrachtes schafft. Die erste in Jahrtausenden! Ja, es gibt Ausnahmen – aber die diskreditieren doch nicht einen ganzen Berufsstand. 

Wir sollten füreinander wirklich edel, hilfreich und gut sein. Danke, Goethe.

Könnte man diesem Mann etwas abschlagen? 😀

Goethe Jung

Der Schutzheilige

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Die Kinder packen gerade ihre Nikolaussocken aus. Dabei ist auch dieser stilechte Schoko-Nikolaus (nicht „Weihnachtsmann“). Auf der Packung stehen auch ein paar Informationen zum edlen Schokoladenspender – unter anderem dass er der Schutzheilige der Schüler, aber auch der Rechtsanwälte ist. Das war mir neu.

„Wieso ist der heilige Nikolaus der Schutzpatron der Rechtsanwälte?“ meinte ich. „Ich dachte der Teufel wäre für die zuständig!“

Das rief den heiligen Augustinus auf den Plan.

„Eyyy!“ rief er Nummer 3 aus. „Pass mal gut auf! Wenn Du andere beschuldigst, wird der Teufel am Ende Dein Schutzheiliger!“

Ich ergänzte im Kopf: Und jetzt ab auf Deine Kammer und 50 Rosenkränze beten!

Blogparade „Kinder sind unschlagbar“

Über den Blog Buntraum kam ich zur Blogparade des Themas „Kinder sind unschlagbar“ von Susanne Mierau, an der ich mich sehr gerne beteilige. Um genau zu sein, kam ich durch die sympathisch-ehrlich-humorvolle Katja von Krachbumm dazu.

Wie auch immer. Was habe ich zum Thema zu sagen? Welche Lösungsstrategien für Beinahe-Gewalt-Ernstfälle habe ich parat? Welche Erfahrungen habe ich persönlich mit Gewalt gegen Kinder?

Die persönlichen Erfahrungen

Meine persönlichen Erfahrungen mit Gewalt gegen Kinder stammten direkt aus meiner Kindheit. Mein Bruder als noch-nicht-diagnostizierter Autist hat meine Mutter in ihrem Unverständnis für ihn schier wahnsinnig gemacht. Vielleicht musste er das auch gar nicht. Nährboden für Wahnsinn war bereits ausreichend vorhanden. Wenn unsere Mutter unserer Vater allabendlich damit zugetextet hat, wie schrecklich der Sohnemann sei, dann wurde er aggressiv. Mein Bruder wurde regelmäßig übelst verprügelt. Auch mit Gegenständen. Ich eher selten. Ich geriet mit zunehmendem Alter öfter mal mit meinem Vater aneinander. Das endete dann leider auch nicht bei einer Klärung mit Worten, sondern mit seinem körperlichem Dominanzgebaren. Klassisch war vermutlich, dass dies aufhörte als ich mich einmal wehrte.

Ich bin examinierte Familienpflegerin. Ich war in Familien im Einsatz, in denen Gewalt herrschte. Ich habe schon bei Feierabend außen vor der Tür gestanden und gehört, wie der Vater drinnen das Schreien und Schlagen anfing.

Wir hatten mal Nachbarn, von deren Haustür (gegenüber der unsrigen damals) für mich klar zu erkennende Poltergeräusche zu hören waren. Wie sie entstehen, wenn jemand sein Kind durch die Bude prügelt. Ich hörte, wie das geprügelte Kind bereits tätersolidarisch war und „Psst“ machte, als ich die Tür öffnete um nachzuhorchen. ich habe das Jugendamt angerufen und war sehr froh, dass dann ein Kontrolltermin folgte. Einer von den unangekündigten.

Welche Lösungsstrategien habe ich?

Ich habe früher, als ich von der wuselnden Horde hier noch gestresster war (mit zunehmendem/r Alter/Erfahrung ließ das nach) zu den Mädels gesagt: „Und genau jetzt hätte ich dich vor fünfzig Jahren geohrfeigt.“ Das hat einen Eindruck auf sie gemacht und war ein Notknopf. Bis heute sagen sie immer, ich sei sehr geduldig und gerecht. Ich würde meine Wut auf die eine nie auf das nächste Kind übertragen. Das stimmt. Aber wütend bin ich. Ich lasse es nur nicht raus. Ich bin (oftmals bedaure ich das) sehr darauf geprägt, meine Gefühle im Griff zu haben. Das kommt im puncto Gewalt meinen Kindern zu Gute. Aber zugleich spüren sie auch wenig, was ich brauche. Daran mussten wir lange arbeiten …

Lösungsstrategien?

Ich komme nun nicht mit „in ein Kissen boxen“ oder so. Mit diesen Last-Minute-Tipps ist es manchmal wie mit Kondomen – viele sind schon zu sehr in fahrt, um innezuhalten und den Verstand einzuschalten. Wir wissen alle, dass wir rausgehen/durchatmen/Kissenboxen sollten. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte meine Kinder gehauen, gewatscht oder wie auch immer, dann würde ich mich fragen, warum ich das getan habe. Ich wäre schnell dabei zu spüren, dass ich mich hilflos/überfordert/der Kontrolle verlustig gehend fühle. So fühle ich mich auch immer mal wieder. Aber ich schlage nicht. Ich sehe die Kinder als Menschen auf Augenhöhe, die nur noch nicht so viel Wissen und Erfahrung haben wie ich. Daher bin ich ihr Coach, ihr Autorität, ihre Beraterin, ihre Mum. Nicht ihre Freundin, nicht ihre Bedürfniserfüllungssklavin. Und da ich diesen tiefen Respekt empfinde, erhalte ich ihn zurück. In einem solchen Verhältnis schlägt man sich nicht. Da könnte ich ebenso gut meinen Mann schlagen. Oder meine Nachbarin. Oder die Grundschullehrerin. Oder die Kassiererin beim Penny.

Ich würde mich also fragen, was grundsätzlich nicht stimmt. Entweder es ist der bedingungslose Respekt, der etwas fehlt. Oder man ist überfordert, hilflos („egal was ich tue, das Kind hört nicht“) oder übermüdet, war selbst geschlagenes Kind und bekommt es (trotzdem) anders nicht hin. Oder alles zusammen. Es gilt in jedem Fall, das Problem augenblicklich in den Lösungs-Modus zu befördern. Ganz gleich was es ist. Niemand hat das Recht, sein Kind zu schlagen. Niemand. Geschlagene Kinder werden betroffene Erwachsene. Sie können ängstlich sein, sich klein fühlen, aggressiv sein oder andere Merkmale aufweisen. In jedem Fall haben sie gelitten und das wird Teil ihres Lebens bleiben. Auf die ein oder andere Art.

Was habe ich sonst noch dazu zu sagen?

Wir haben im letzten Frankreich-Urlaub das Thema humorvoll thematisiert. Weil Kinder dort geohrfeigt werden. Und weil sich irgendwie die absolute Mehrheit (irgendwie so über 80 Prozent) der Erwachsene dafür ausspricht, wird da auch kein Kinderschutzgesetz erlassen, das dies ändert. Die Ohrfeige („giffle“) wurde unser täglicher Begleiter. Dauernd hab ich die Kinder grinsend darauf hingewiesen, dass ich mich an die Gepflogenheiten des Landes halten muss, wenn ich Gast bin. Die drei fanden das sehr witzig. Weil sie ja haargenau wussten, dass sie vor solchen Respektlosigkeiten bei mir sicher sind.

Das ging so lange, bis im Freizeitpark vor uns ein Junge war, der dauernd versuchte, einen anderen Jungen vor die einfahrende Bimmelbahn zu schubsen. Die Lehrerin ermahnte ihn drei Mal. Zweimal sagte sie nur laut seinen Namen. Einmal sagte sie „Lass das, das ist gefährlich!“ und dann bekam er eine gelangt. Nummer 1 und ich standen hinter ihm und mussten gemeiner Weise ein Lachen unterdrücken. Nummer 1 flüsterte irgendwie fast begeistert: „Da war sie! Die originale Giffle!“ Jedenfalls bemerkte sie, dass der Junge da nun stillstand, aber auf Worte nicht gehört habe. Habe ihr gesagt, dass die Giffle trotzdem keine tolle Lösung für das Problem sei. Aber mächtig einfach zu verteilen.

Ich habe (ebenfalls von Krachbumm, via Facebook) eine sehr aufschlussreiche, statistische Aufarbeitung des Themas gefunden, die ich hier gerne weiterreiche. Deutschland gehört zu den 10 Prozent aller Länder, die Prügel komplett verbieten. Beruhigend, weil es in eine gute Richtung weist. Irgendwann wussten die Menschen auch, dass man nicht klauen oder seinen Bruder Kain erschlagen darf. Es dauert eben, bis im allgemeinen Bewusstsein etwas ankommt. Gesetze und Strafen zeigen diese Dinge zumindest auf.

Dennoch glauben viele immer noch, dass Kinder weiterhin eine Art Eigentum der Eltern sind („Gehören ihnen diese Kinder?“). Meine sagen darauf immer: „Wir gehören nicht unseren Eltern. Wir gehören uns selber. Hunde gehören jemandem.“

Und als schönen Abschluss bemühe ich gerne Khalil Gibrans Gedicht „Eure Kinder„. Dieses habe ich mir tief zu Gemüte geführt, bevor ich Kinder hatte. Und liebe es bis heute.

Da muss ne Karosseriescheibe dran

Heute ist bei unserem iPad-Halter ein Pin abgefallen. Also so einer der vier Arme, der das iPad festhält.

Gerade gucke ich mir das an und sehe, dass eine Schraube da nur mit einem Silikonpropfen befestigt war. Da dieser kaputt war, hielt sie nicht mehr.

Ich durchwühlte also meinen Werkzeugkasten nach passenden Hilfsmitteln. Glücklicherweise hatte ich noch was da.

Meine Frau fragte aus dem Nebenzimmer:

„Und? Klappt das?“
Ich so: „Klar, kein Problem. Da muss nur eine äh …“ – kurzer Blick auf die Verpackung meines Fundstücks – „M5 Karosseriescheibe dran und dann löppt dat.“
„Ich hab keine Ahnung wovon Du da redest.“

Ich kam mir direkt vor wie ein ganzer Kerl dank Chappi.

Von der Kunst, die Menschen zu zeichnen

Gestatten, das ist Schindholm, der Knecht:

Foto 4

Mit seinem stets wachen Blick und dem lächelnden Munde begeistert er die Menschen rings um ihn.

Und das ist Kuniberta, die Magd:

Foto 3

Leider gab ihr der Herrgott eine Mixtur aus Gleichmut und Einfalt in die Wiege.

Die beiden arbeiten nicht alleine auf ihrem Hof. Sie haben Gefährten und Gefährtinnen. Diese zusammen nennt man das Gesinde. Ohne „l“ bitte, darauf legt das Gesinde Wert. Allesamt haben sie, die kleinen und große Mägde und Knechte eine wunderbare neue Aufgabe: Sie zeigen jungen Menschen die Schönheit und Vollkommenheit des menschlichen Körpers. Und den Wandel desselben vom Kinde zum Herangewachsenen. Hierbei zeigen sie die wichtigsten Merkmale der männlichen und weiblichen Leiber. Besonders zu nennen sind bei den Frauen die großen Füße, die breiten Hälse, der wie zufällig positionierte und schräg sitzende Bauchnabel, das manchmal interessant trichterförmige Intimmerkmal, stets unterschiedlich große und nicht immer runde Brüste, sehr lange Oberschenkel, fehlende Taillen und Hüften sowie möglichst missproportionierte Gesichter:

Foto 2

Ja, oh! Haben Sie da gerade Schindholm entdeckt? Ich auch! Dann hat er uns bisher gekonnt belogen und sich als Mann ausgegeben. Gut, dass das nun herauskam, ehe er versucht, sein Heimatland von englischen Invasoren zu befreien!

Das männliche Gesinde präsentiert sich für die Bildung der Jugend ebenfalls gern nackt. Besondere Merkmale: Große Füße, sympathische Gesichter, Bartstoppeln:

Foto 1

Es wird seither vermutet, der Zeichner – vermutlich ein neuer Zögling seiner Zunft – wurde bei der Lektion der Aktzeichnerei der Mägde ausgeschlossen, weil er dafür zu jung war. Fortan musste er sich das Weibsvolk vorstellen, wie es ihm richtig deuchte. Und seine Vorstellungskraft war mager. Der Bursche wird inzwischen wohl mit aus Pinseln gefertigten Ruten gegeißelt. Recht so!

Wie sollen die armen Kinderlein denn lernen, wie der Storch die Kindchen bringt, wenn ein Stümper wie er ihnen das Interesse mit gräulichem Bilde im Keime erstickt?

(Bildmaterial aus dem Unterricht der zweiten Grundschulklasse zum Sexualaufklärungsunterricht. Führte bei unseren Kindern zu satirischem Protest. Bei mir übrigens auch …)

Überraschende … äh … Kunstfertigkeit

Es bürgerte sich seit einigen Jahren ein, dass ich gerne Torten verziere. Mein Mann stellt sie her und ich mache das Outfit.

Das ist genau die Arbeitsteilung, die uns beiden den größten Spaß bereitet.

Und das sieht dann ungefähr so aus:

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Am Sonntag wurde mir große Freude zuteil, denn anlässlich meines Wiegenfestes übernahm mein Mann gleich beide Jobs selber.

Das sah so aus:

Foto

Wie war ich überrascht ob sie viel Kunstfertigkeit! Ich habe den Kuchen sehr geliebt. Und irgendwie befinden sich auf der Tortenplatte nur noch Krümel …

Ist das nicht das allerwunderschönste lächelnde Herz, das man jemals sah?

Prio 1

Als ich noch in einem Büro arbeitete, da gab es etwas, das ich sehr schätzte: Die Einteilung der Aufgaben in verschiedene Prioritäten. Prio 1 war mega-wichtig. Daran hielt man sich, das war überschau- und umsetzbar. Vor allem, weil die Einstufung stimmig war.

Im Leben als Mutter beziehungsweise Familienmanagerin ist das anders. Es werden dauernd Versuche gemacht, von außen eine Prio 1 aufzuerlegen.

Das beginnt mit unseren vielzitierten Elternbriefen aus der Schule. Die mit den fünfzig Ausrufezeichen. Und geht über die regelmäßige Kontrolle beim Zahnarzt, die pünktlichen Impfungen, die ebenso regelmäßigen Tierarztuntersuchungen der Viecher über das Pflegen der kindlichen Freundschaften zu Elternsprechstunden mit Lehrern sowie elterlichem Engagement in den Schulen. Und sofortiges Bezahlen all der Beträge, die überall verlangt werden. Und so weiter …

Im Moment ist das so:

Die Wichtelgeschenke müssen schnell gekauft, verpackt und abgegeben werden (bei Schule und sportlichem Hobby), der Abschnitt „Was möchte ich alles gerne für das Weihnachtsfest backen und anschleppen“ aus der Schule muss sofort unterschrieben und mitgegeben werden. Die Kinder müssen umgehend lernen, an alle nötigen Schulsachen zu denken. Die 2 Euro hier und 6 Euro da müssen zügig in einen Umschlag gepackt, beschriftet und mitgegeben werden. Die Arzttermine müssen zeitnah gemacht und nicht verschoben werden.

Beispiel für das lustige Prio-1-Spiel gefällig? Ich wollte am Freitag Nummer 3 zu ihrer Freundin am letzten Wohnort zur Übernachtungsparty bringen. Lange geplant und uns hier sehr wichtig. Da meldet sich die Englischlehrerin mit (völlig vorhersehbarem Inhalt) und will mich am gleichen Tag zur Zeit unserer Abfahrt sehen. Auf den Einwand Nummer 2s, dass wir da bereits im Auto sitzen kommt ein leicht angegiftetes: „Ja dann muss eure Mutter eben wissen, was ihr wichtig ist …“

Ich zahlte es ihr heim (bin manchmal von unserem Familienfreund Machiavelli besessen), indem ich zum Abschied sagte:

„Ja, vielen Dank, Frau Lehrerin, dass sie uns zehn Minuten früher bereits herbestellen konnten war sehr gut. Ich war ohnehin schon so in Eile. Ich bringe die Kleine ja nicht hier im Umfeld irgendwo hin. Sondern mit insgesamt einer Stunde Fahrzeit an den alten Wohnort. Es ist uns wichtig, die Freundschaften dort zu pflegen. Umzüge sind ja sehr belastend für Kinder. Aber es war gut, dass sie mir bestätigten, was ich mir bereits gedacht hatte – so kenne ich unsere Kinder eben. Was sie eben sagten passt ins Bild.“

Dabei hievte ich die hampelnde Nummer 4 auf meinen Arm und ließ mit Mater-Dolorosa-Lächeln die Wickeltasche wie versehentlich vom Arm gleiten. Frau Lehrerin reagierte entsprechend leicht beschämt und wünschte einen besonders schönen Abend. Sie lobte im Rausgehen noch einmal, wie sehr man sähe, wie das sprachliche und musische Talent dieser so lobenswert intelligenten Kinder doch von Zuhause mitkommen würde. Soso.

Die Mitarbeit verlangenden Personen vermitteln stets das Gefühl, „Ja, das hier ist Prio 1.“ Jeder meint das. Andauernd. Es ist zum Durchdrehen.

Und das ist es deshalb zum Durchdrehen, weil mein erwähnter Familienkalender nun sechs statt fünf Spalten hat. Alle regelmäßig gefüllt. Ich habe suchen müssen, um einen zu bekommen, der so viele Spalten hat. Und diese mussten auch groß genug sein, damit alles reinpasst. Diesen Kalender bekam ich bei einem sehr liebevoll sortierten, christlichen Geschenkeversand. Hab‘ echt lange gesucht, aber Familien mit mehr als vier Mitgliedern gibt es eben nur zu 3 Prozent in Deutschland. Zu dem Kalender gab es übrigens eine kleine Plüschmaus im Talar. Diese Kirchenmaus habe ich unserem Heiligen Augustinus geschenkt. Der sie seitdem sehr liebt. Aber das nur nebenbei.

Die Idee, dass ich ein Einzelkind hätte (was ich immerhin eineinhalb Jahre lang hatte), bringt mir Folgendes mit:

Das eine Kind wäre leicht zu überwachen. Es hätte immer seine Sportsachen, seine Hausaufgaben und seine drecksdusseligen tausend Zettel mit in der Schule. Alle Termine wären gemacht. Weil ich daran denken würde. Habe das neulich der Frau Klassenlehrerin erklärt: „Das, was andere Kinder da haben, mit denen sie meine Kinder vergleichen, ist eine Pseudo-Selbstständigkeit. Weil die Eltern in Wahrheit an alles denken. Meine sind gezwungen, selbst an das meiste zu denken. Ich lerne mit ihnen Vokabeln und erinnere sie an das Lernen für Klassenarbeiten. Glauben sie im Ernst, diejenigen, die ihre Pröllen beisammen haben, haben da selber dran gedacht?“ Sie musste einräumen, dass sie das nicht glaube …

Unsere Kinder leben in einer für Menschen recht natürlichen Umgebung einiger Geschwister. Dies passt so ziemlich gar nicht zu unserer Gesellschaft. Die Ansprüche an mich als Mutter sind die gleichen, wie man sie an Mütter mit einem oder zwei Kinder stellt. Das schlaucht. Wer genau hat Verständnis? Fast niemand. Ich muss all das tun, das andere Mütter auch tun. Nur eben nicht ein oder zwei Mal sondern vier Mal. Ich wirkte dabei unangestrengt und freundlich. Sonst sagt nachher jemand: „Hä, warum hat sie denn die ganzen Blagen bekommen, wenn sie’s nicht hinkriegt?“ Und das will man ja vermeiden.

Warum hat sie all die Blagen denn bekommen?

Aus Liebe.

Und diese Liebe lässt mich wirklich sehr große Anstrengungen, viel Arbeit, eine Menge nerviges Zeugs und sehr viel Verzicht ertragen. Aber sie sorgt nicht dafür, dass ich mich am Jahresende nicht wie ein leergesaugter Zombie fühle. Oder dafür, dass ich manchmal nicht ausrasten möchte, wenn ich meinen vollgestopften Kalender ansehe und dabei höre, an was ich gefälligst noch alles denken sollte. Wenn ich eine verantwortungsbewusste Mutter wäre. Im Grunde gelten für meine Familie hier die Regeln, die früher einmal galten, als man noch diverse Kinder hatte. Aber das müsste man erst einmal allen klarmachen …

Es ist einfach nicht möglich, wenn man unter der Woche quasi allein erziehend ist, vier Kinder und ’ne große Bude hat, sowie beruflich orientiert bleibt, an all den be*** P*** zu denken, den die Welt für wichtig hält, zu denken. Es geht nicht. Ist alles in Wahrheit nicht wichtig. Kommt vielen nur so vor. Und ich muss die Souveränität aufbringen, denjenigen das zu vermitteln. Und das bitte nicht als Schwäche meinerseits. Sondern noch irgendwie honorabel. Kann ich grad irgendwie nicht. Und will ich auch nicht. Ich finde, manches kann man sich auch selber überlegen.

Ich möchte das gerne mal veröffentlichen. So zum Mitschreiben: Vier Kinder sind wirklich mehr, viel mehr Arbeit als eins oder zwei. Ich habe mir schon immer mal wieder anhören müssen, dass es ja nur etwas mehr Wäsche und Einkauf sei. (Von denen, die eines oder zwei haben). Ich habe auch Bewunderung bekommen von anderen Menschen. Insgesamt will ich mir immer noch ein T-Shirt bedrucken lassen: Ich habe verflucht viel zu tun – lasst mich mit eurem Pröll in Ruhe!

Wäre mal wieder Zeit für eine Aus-Zeit. Ich komme grad nur nicht dazu. Das hätte aber wirklich Prio 1