Blogparade „Kinder sind unschlagbar“

Über den Blog Buntraum kam ich zur Blogparade des Themas „Kinder sind unschlagbar“ von Susanne Mierau, an der ich mich sehr gerne beteilige. Um genau zu sein, kam ich durch die sympathisch-ehrlich-humorvolle Katja von Krachbumm dazu.

Wie auch immer. Was habe ich zum Thema zu sagen? Welche Lösungsstrategien für Beinahe-Gewalt-Ernstfälle habe ich parat? Welche Erfahrungen habe ich persönlich mit Gewalt gegen Kinder?

Die persönlichen Erfahrungen

Meine persönlichen Erfahrungen mit Gewalt gegen Kinder stammten direkt aus meiner Kindheit. Mein Bruder als noch-nicht-diagnostizierter Autist hat meine Mutter in ihrem Unverständnis für ihn schier wahnsinnig gemacht. Vielleicht musste er das auch gar nicht. Nährboden für Wahnsinn war bereits ausreichend vorhanden. Wenn unsere Mutter unserer Vater allabendlich damit zugetextet hat, wie schrecklich der Sohnemann sei, dann wurde er aggressiv. Mein Bruder wurde regelmäßig übelst verprügelt. Auch mit Gegenständen. Ich eher selten. Ich geriet mit zunehmendem Alter öfter mal mit meinem Vater aneinander. Das endete dann leider auch nicht bei einer Klärung mit Worten, sondern mit seinem körperlichem Dominanzgebaren. Klassisch war vermutlich, dass dies aufhörte als ich mich einmal wehrte.

Ich bin examinierte Familienpflegerin. Ich war in Familien im Einsatz, in denen Gewalt herrschte. Ich habe schon bei Feierabend außen vor der Tür gestanden und gehört, wie der Vater drinnen das Schreien und Schlagen anfing.

Wir hatten mal Nachbarn, von deren Haustür (gegenüber der unsrigen damals) für mich klar zu erkennende Poltergeräusche zu hören waren. Wie sie entstehen, wenn jemand sein Kind durch die Bude prügelt. Ich hörte, wie das geprügelte Kind bereits tätersolidarisch war und „Psst“ machte, als ich die Tür öffnete um nachzuhorchen. ich habe das Jugendamt angerufen und war sehr froh, dass dann ein Kontrolltermin folgte. Einer von den unangekündigten.

Welche Lösungsstrategien habe ich?

Ich habe früher, als ich von der wuselnden Horde hier noch gestresster war (mit zunehmendem/r Alter/Erfahrung ließ das nach) zu den Mädels gesagt: „Und genau jetzt hätte ich dich vor fünfzig Jahren geohrfeigt.“ Das hat einen Eindruck auf sie gemacht und war ein Notknopf. Bis heute sagen sie immer, ich sei sehr geduldig und gerecht. Ich würde meine Wut auf die eine nie auf das nächste Kind übertragen. Das stimmt. Aber wütend bin ich. Ich lasse es nur nicht raus. Ich bin (oftmals bedaure ich das) sehr darauf geprägt, meine Gefühle im Griff zu haben. Das kommt im puncto Gewalt meinen Kindern zu Gute. Aber zugleich spüren sie auch wenig, was ich brauche. Daran mussten wir lange arbeiten …

Lösungsstrategien?

Ich komme nun nicht mit „in ein Kissen boxen“ oder so. Mit diesen Last-Minute-Tipps ist es manchmal wie mit Kondomen – viele sind schon zu sehr in fahrt, um innezuhalten und den Verstand einzuschalten. Wir wissen alle, dass wir rausgehen/durchatmen/Kissenboxen sollten. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte meine Kinder gehauen, gewatscht oder wie auch immer, dann würde ich mich fragen, warum ich das getan habe. Ich wäre schnell dabei zu spüren, dass ich mich hilflos/überfordert/der Kontrolle verlustig gehend fühle. So fühle ich mich auch immer mal wieder. Aber ich schlage nicht. Ich sehe die Kinder als Menschen auf Augenhöhe, die nur noch nicht so viel Wissen und Erfahrung haben wie ich. Daher bin ich ihr Coach, ihr Autorität, ihre Beraterin, ihre Mum. Nicht ihre Freundin, nicht ihre Bedürfniserfüllungssklavin. Und da ich diesen tiefen Respekt empfinde, erhalte ich ihn zurück. In einem solchen Verhältnis schlägt man sich nicht. Da könnte ich ebenso gut meinen Mann schlagen. Oder meine Nachbarin. Oder die Grundschullehrerin. Oder die Kassiererin beim Penny.

Ich würde mich also fragen, was grundsätzlich nicht stimmt. Entweder es ist der bedingungslose Respekt, der etwas fehlt. Oder man ist überfordert, hilflos („egal was ich tue, das Kind hört nicht“) oder übermüdet, war selbst geschlagenes Kind und bekommt es (trotzdem) anders nicht hin. Oder alles zusammen. Es gilt in jedem Fall, das Problem augenblicklich in den Lösungs-Modus zu befördern. Ganz gleich was es ist. Niemand hat das Recht, sein Kind zu schlagen. Niemand. Geschlagene Kinder werden betroffene Erwachsene. Sie können ängstlich sein, sich klein fühlen, aggressiv sein oder andere Merkmale aufweisen. In jedem Fall haben sie gelitten und das wird Teil ihres Lebens bleiben. Auf die ein oder andere Art.

Was habe ich sonst noch dazu zu sagen?

Wir haben im letzten Frankreich-Urlaub das Thema humorvoll thematisiert. Weil Kinder dort geohrfeigt werden. Und weil sich irgendwie die absolute Mehrheit (irgendwie so über 80 Prozent) der Erwachsene dafür ausspricht, wird da auch kein Kinderschutzgesetz erlassen, das dies ändert. Die Ohrfeige („giffle“) wurde unser täglicher Begleiter. Dauernd hab ich die Kinder grinsend darauf hingewiesen, dass ich mich an die Gepflogenheiten des Landes halten muss, wenn ich Gast bin. Die drei fanden das sehr witzig. Weil sie ja haargenau wussten, dass sie vor solchen Respektlosigkeiten bei mir sicher sind.

Das ging so lange, bis im Freizeitpark vor uns ein Junge war, der dauernd versuchte, einen anderen Jungen vor die einfahrende Bimmelbahn zu schubsen. Die Lehrerin ermahnte ihn drei Mal. Zweimal sagte sie nur laut seinen Namen. Einmal sagte sie „Lass das, das ist gefährlich!“ und dann bekam er eine gelangt. Nummer 1 und ich standen hinter ihm und mussten gemeiner Weise ein Lachen unterdrücken. Nummer 1 flüsterte irgendwie fast begeistert: „Da war sie! Die originale Giffle!“ Jedenfalls bemerkte sie, dass der Junge da nun stillstand, aber auf Worte nicht gehört habe. Habe ihr gesagt, dass die Giffle trotzdem keine tolle Lösung für das Problem sei. Aber mächtig einfach zu verteilen.

Ich habe (ebenfalls von Krachbumm, via Facebook) eine sehr aufschlussreiche, statistische Aufarbeitung des Themas gefunden, die ich hier gerne weiterreiche. Deutschland gehört zu den 10 Prozent aller Länder, die Prügel komplett verbieten. Beruhigend, weil es in eine gute Richtung weist. Irgendwann wussten die Menschen auch, dass man nicht klauen oder seinen Bruder Kain erschlagen darf. Es dauert eben, bis im allgemeinen Bewusstsein etwas ankommt. Gesetze und Strafen zeigen diese Dinge zumindest auf.

Dennoch glauben viele immer noch, dass Kinder weiterhin eine Art Eigentum der Eltern sind („Gehören ihnen diese Kinder?“). Meine sagen darauf immer: „Wir gehören nicht unseren Eltern. Wir gehören uns selber. Hunde gehören jemandem.“

Und als schönen Abschluss bemühe ich gerne Khalil Gibrans Gedicht „Eure Kinder„. Dieses habe ich mir tief zu Gemüte geführt, bevor ich Kinder hatte. Und liebe es bis heute.

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3 Gedanken zu “Blogparade „Kinder sind unschlagbar“

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