Obergefreiter Besuch

Terry Pratchetts Obergefreiter war gerade bei uns.

Der bemühte Obergefreiter Besuch-die-Ungläubigen-mit-erläuternden-Broschüren hat eben bei uns geklingelt. Bisher kamen immer so zwei missmutige ältere Herren mit Hut um mich zu eretten. Heute war es ein netter Schnuckel. Vielleicht soll das ein jüngeres Publikum erreichen. Vielleicht war es Zufall. Einerlei. Ich unterhielt mich mit ihm. Und auf die Basisfragen danach, warum Gott Krieg zulässt oder wieso auch Gute Menschen leiden und all den Sermon hätte ich locker antworten können. Aber es ging nicht. Erstens, weil ich nicht am Samstagmorgen eine halbe Stunde in der Kälte der geöffneten Haustür stehen will und Zweitens, weil ich nicht die Erwartung in jemandem wecken möchte, er könne mich für seine Sache gewinnen und diese dann wieder zerstöre. Ich glaube, Zweitens ist in Wahrheit Erstens.

Jedenfalls bleibe ich höflich, denn auch wenn ich in vielleicht inhaltlich in nichts mit ihm übereinstimme, so meint er das, was er da tut, ja nicht böse. Zwischendurch denke ich auch abwehrende, gemein-witzige Dinge. Aber natürlich sage ich keine davon.

Als er froh war, mir seine übliche erläuternde Broschüre in die Hand drücken zu können, verabschiedete ich mich freundlich und schloss die Tür.

Dann bin ich ins Schlafzimmer zu meinem Mann, der sich gerade anzog.

Er: „Und? Hast du die Zeugen Jehovas bekehrt?“

Ich: „Nein, mir fallen immer so viele lustige Sachen ein, die ich sagen könnte. Aber ich bring’s nicht über’s Herz. Der guckte schon so erleichtert und erfreut als ich sein ‚Sind sie überhaupt ein gläubiger Mensch‘ bejaht habe. Da kann ich doch nicht im nächsten Zug etwas sagen, das so jemanden völlig irritiert. Jedenfalls kommt er in zwei Wochen wieder, der Schnuckel, dann kann ich ja was sagen …“

Er (war wohl grad im Mafioso-Giovanni-Modus der Serie „Lilyhammer“, mit unterhaltsam volltönend-dominanter Stimme): „Wenn der Typ das nächste Mal hier aufkreuzt, dann sagst du dem Folgendes: Mein Gott ist ein stolzer, katholischer Gott. Er hat die Ungläubigen mit Feuer und Schwert bekehrt und nicht wie Sie Weichei mit Broschüren!

„Mein Gott ist ein stolzer katholischer Gott …“

Ich bin mir ganz, ganz sicher, dass ich das nicht  genau so sagen werde. Ich sehe schon vor mir, wie entgeistert und verletzt er aus seinen Kulleraugen gucken wird. Das ist genau meine Art, mit meinen Mitmenschen umzugehen. Aber das Schöne an so herzlosen Dingen ist ja, dass wenn man sie niemandem an den Kopf klatscht, dem sie wehtun können, dann sie sind sie oft zum Brüllen komisch …

Von der wahren Schönheit, ein Verbot zu übertreten

Eben auf dem Weg zur Apotheke erzählte mir Nummer 3 ein Erlebnis des heutigen Schultages, das mich so tief berührt hat, das ich es mit Euch teilen möchte.

Das war so:

Nummer 3: „Mama, ich hab heute einem Mann geholfen. Das war am Ende der Pause. Ich war am Zaun auf dem Pausenhof und hab so ein komisches Geräusch gehört. Da hab ich über den Zaun geguckt und hab einen Rollstuhlfahrer gesehen, der da hingefallen war. Mitsamt dem Rollstuhl. Ich bin über den Zaun geklettert und hab ihm geholfen.“

Ich: „Wow, Nummer 3! Hast du denn gefragt ob er Hilfe braucht oder wie war das?“

Sie: „Nein! Das hab ich doch gesehen, dass der die brauchte. Ich hab einfach geholfen. Und das ging so schwer. Ich hab so von unten gegen den Rollstuhl gedrückt und der Mann konnte ja nur einen Arm bewegen irgendwie. Damit hat er dann mit gedrückt. Und das dauerte vielleicht und ging sehr schwer. Er lag ja auch so direkt auf dem Gehweg an der Straße. Ich wollte ihm schnell helfen.“

Ich: „Wie? Kamen da denn da keine Autos vorbei? Konnte euch da niemand helfen?“

Sie: Doch! ‚Ne Menge Autos kamen vorbei. Aber die sind weitergefahren. Einer hat sogar extra angehalten und so geguckt. Aber der fuhr dann auch weiter. Aber das war egal. Wir haben das ja geschafft, der Mann und ich. Und am Anfang, als er da so lag, da sah er sehr traurig aus und auch ein bisschen wütend, weil er da umgekippt war. Aber als er wieder richtig stand mit dem Rollstuhl, da hat er mich angelächelt und danke gesagt. Und ich hab gesagt: Ach, das ist doch selbstverständlich. Dann bin ich über den Zaun geklettert und in die Klasse. Das hat sich so gut angefühlt in mir. Es war richtig gut, dass ich das getan habe, denke ich.“

Ich: „Das hast du wirklich so toll gemacht! Ich bin total gerührt! Meine Güte, das ist wirklich … also einmalig. Und kamst du dann zu spät?“

Sie: „Ja, die haben auch alle geguckt. Aber ich durfte nichts sagen. Es ist ja verboten, über den Zaun zu klettern.“

Ich: „Ich glaub, das hättest du der Lehrerin ruhig erzählen können. Das war ja eine richtige kleine Heldinnentat. Ich bin sehr stolz auf dich.“

Wir fuhren ein bisschen weiter und dann sagte ich mit leichtem Schmunzeln und immer noch ganz schön berührt:

Ich: „Ja, Nummer 3, da hast du ja was gemacht, was dein guter Freund, der Heilige Augustinus, auch gemacht hätte, oder?“

Sie: „Ja, ich bin sicher das hätte er auch so getan. Jemandem geholfen, auch wenn er dafür hätte Ärger bekommen können. Aber es war ja nun mal so: Es war da kein Heiliger Augustinus auf dem Schulhof. Eben nur ich und ich da hab ich gar nicht nachgedacht. Ich hab’s einfach gemacht.“

NRFB

NRFB ist ein Kürzel für „Never Removed From Box„. Schon seit ich das weiß träume ich davon, einmal so ein Sammelobjekt zu ergattern und wenn es dann bei mir ankommt, dann zerfetze ich die Packung und befreie es aus dem Ding!

Ich habe so eine kleine Sammelleidenschaft. Na ja, Leidenschaft ist ein großes Wort. Es gibt drei Themen aus denen ich mehrere Objekte habe: Schneewittchen, Schildkröten und Barbies. Schneewittchen schenken mit meine Kinder. Meine Schildkrötensammlung habe ich Nummer 2 geschenkt. Die Barbies sammle ich noch. Sie sind in einem Umzugskarton. Alle paar Jahre gönne ich mir auf einem Trödel eine. Gern auch ein echtes Sammlerobjekt zum Schleuderpreis.

Und dann gibt es da eine Barbie, die ich so im Alter von 12 abgeben musste (wie alle meine Puppen), weil meine Mutter meinte, ich sei nun zu alt dafür. Diese Barbie war richtig cool – sie trug ein Büro-Outfit, das man in ein Ausgehkleid „verwandeln“ konnte. Und diese jage ich seit Jahren auf Ebay. Ich wollte sie unbedingt noch einmal auspacken. Also brauchte ich sie NRFB, um sie aus der Box zu holen wie…ja wie der Prinz das Schneewittchen.

Nun habe ich es geschafft! Ich habe sie ergattert und heute kam sie an. Und die Box mit den leicht vergilbten Folien war 1984 in einer der Mattel-Fabriken verschlossen und nie geöffnet worden.

Ich nahm sie aus dem Versandkarton und sorgte hierfür:

Foto Kopie 2

Und wie war es, einen langgehegten Traum der Zerstörung endlich erfüllt zu bekommen? Großartig war es!

Allerdings war ich wohl doch nicht verwegen und destruktiv wie in meinen Träumen. Nummer 2 dazu:

„Äh Mama, du siehst mit der tollen Originalverpackung aus wie Sheldon Cooper als er diesen Transporter auspackt.“

Dieses Bild oben an meinen Mann gewhatsapped rief folgende Nachricht hervor:

„Oh Gott, gerade fällt ein Sammler tot um in seinem Zimmer voller eingepackter Barbies! Ich höre seinen Todesschrei!“

Die Mädels bestaunten den Vorgang und holten ihre Barbies zum Vergleich. Sie freuten sich total für mich und waren ganz hibbelig. Den Vogel schoss dann Nummer 2 ab. Zu diesem viereckigen Objekt hier in der Mitte

Foto (1) Kopie

meinte sie Folgendes:

„Ach und das ist dann das alte iPhone von früher?“

Höhö. Nein, Nummer 2, dieses Ding nannten wir in der Antike einen Taschenrechner

#schonwiederleer – natürlich das Toilettenpapier

Gefühlt jedes Mal, wenn ich zuhause bin und unser momentan einziges Bad (für fünf badnutzende Personen) aufsuche, hängt noch ein halbes trauriges Blatt an der Papprolle. Ich glaube die Kinder lernen in der Schule (oder eigentlich schon im Kindergarten) dass der Busemann kommt und jeden holt, der es wagt, eine Rolle nachzulegen …

Vermutlich sollten wir ihnen zur Strafe Chili ins Essen tun. Chili ist ja sowieso die neue „stille Treppe“.

Warum „Heul doch“ nicht die richtige Antwort auf die Frage ist, ob man in der Elternzeit verreisen darf

Eigentlich wollte ich das hier als Facebook-Kommentar veröffentlichen, aber am Ende wurde es dann doch zu lang. Es geht um einen Kommentar zu folgendem Artikel:

DIE ELTERNZEIT IST NICHT ZUM VERREISEN DA!

Sowohl auf Facebook als auch in den Kommentaren selbst lässt sich der Tenor ganz gut mit „Heul doch!“ zusammenfassen. Größere Teile der Zielgruppe „Eltern“ sind offensichtlich not amused über diesen Artikel. Was mich ein wenig wundert …

Hintergrund meiner Verwunderung ist folgender: Es ist doch eine Tatsache, dass die Einführung des Elterngeldes die staatlichen Zuwendungen für Gutverdiener bis zu versechsfacht hat, während gleichzeitig die weniger gut gestellten nur noch die Hälfte bekommen.

(Vergleiche Elterngeld vs. Erziehungsgeld)

Jetzt müssen sich die Ärmeren (wobei sich jede Familie mit mehr als zwei Kindern quasi unabhängig vom Einkommen zu dieser Gruppe zählen muss, da vermutlich nicht beide Partner werden voll verdienen können und somit nur geringe Teile des Elterngelds abgeschöpft werden können) anschauen wie die Profiteure dieser Regelung mit staatlicher Unterstützung nach Bali fliegen. 🙂

Im Ernst: Individuell kann ich absolut nachvollziehen, dass man eine solche Möglichkeit nutzt. Und natürlich hat jeder deutsche Bürger das Recht, die staatlichen Transferleistungen zu nutzen, die ihm zustehen. Wozu natürlich das Elterngeld zweifelsohne gehört.

Was ich aber ein wenig vermisse ist ein Kommentar zum zweiten Tenor des Artikels – nämlich der Frage, ob Väter einen korrekten Eindruck vom Leben als „Verantwortlicher für ein Kind“ bekommen, wenn sie diese im Urlaub verbringen. Ich denke nämlich, dass sie das nicht tun. Viel zu oft sehe und höre ich noch in meinem Umfeld, wie Väter den „Ernst des Lebens“ vollumfänglich auf ihre Partnerinnen abladen.

„Abends mal ausgehen? Klar, mach ich gerne, aber Du?? Dann bin ich ja mit den Kindern alleine!“

„Wie jetzt, ich soll am Wochenende bei der Hausarbeit helfen?“

„Neee Kochen hab ich es jetzt nicht so mit …“

Die Beispiele sind jetzt fiktiv und überspitzt, aber ich hoffe der Gedanke wird klar. Von daher finde ich die Autorin tut recht darin zu kritisieren, dass Väter per Elternzeit die Vaterschaft als Halligalli erleben, denn ich habe Neuigkeiten: Eltern sein ist oft gerade nicht Halligalli. Und das hat jetzt nichts damit zu tun, das Oppa von vorm Krieg seine Bollerwagen-Geschichten erzählt. Selbst meine liebe Frau und ich erleben Situationen, in denen wir uns über die Lebenswelt des jeweils Anderen wundern. Wobei ich sagen muss dass sie meine besser versteht, da sie mal mit mir gearbeitet hat für 1,5 Jahre. Mütter werden eh viel zu oft herabgesetzt, sei es gesellschaftlich oder in einer Beziehung, und ihnen wird das Gefühl vermittelt dass ihr Job wenig Anerkennung wert sei und sie sich lieber eine „richtige“ Arbeit suchen sollten. Wie soll sich das jemals ändern wenn Väter jetzt die einzige Gelegenheit, den Alltag ihrer Partnerin zu erfahren, als Urlaub erleben? Ach ja, soll sich ja gar nicht ändern, denn Familienpolitik ist Wirtschaftspolitik.

Disclaimer: Bei Nummer 1 und 2 war ich noch Student und habe im Home Office gearbeitet, das ist nah an der echten Elternzeit.  Bei Nummer 3 und 4 war ich Vollzeit berufstätig und wir konnten uns eine Elternzeit nicht leisten, da das unser Familieneinkommen zu stark belastet hätte. Ich weiß also nicht wovon ich spreche. 

Interview bei Pinksports

Neulich durfte ich für den Blog Pinksports der sympathischen Britta ein paar Interviewfragen beantworten, was mir richtig viel Spaß gemacht hat. Wer Interesse hat, kann gern nachlesen, was ich zum Thema „Babyspeck und wie man ihn loswird“ zu erzählen hatte und zwar hier.

Muss man ein religiöser Spinner sein, um Abtreibungen abzulehnen?

Wir versuchen ja eigentlich kontroverse Themen (richtig kontroverse Themen, nicht so was wie „eigentlich ist die Familienpolitik vielleicht ein bißchen doof“) hier mehr oder weniger zu vermeiden. War zumindest in der Vergangenheit so die Leitlinie dieses Blogs, zum Guten oder zum Schlechten. Soll ja schließlich Spaß machen hier.

Aktuell hält mich jedoch ein Artikel der Welt von diesem Grundsatz ab. „Hasskampagne gegen Abtreibungsklinik“ heißt es da, und erzählt wird eine nette Geschichte von christlichen Fundamentalisten und Polit-Pariahs, die sich gegen eine arglose Klinik zusammengerottet haben.

Nun ist es ja politisch in Deutschland durchaus vertretbar, nicht gegen Abtreibungen zu sein, und ich gebe zu dass ich mit 16 auch noch der Meinung war dass die Freiheit der Frau über einem „Zellhaufen“ stehen würde. Diese Zellhaufen-Argumentation ist ja sowieso der Kern jedweder Befürwortungsargumentation – denn wenn man den ungeborenen Menschen nicht auf seine biologischen Bestandteile herabwürdigt ist jedes Argument pro Abtreibung ohnehin hinfällig. Übrigens bin ich bis heute nur ein Zellhaufen. Ein ziemlich großer vielleicht, aber im Grunde genommen …

Jetzt stört mich an diesem Artikel vor allem die Zwangsverbindung zwischen christlichen Fundamentalisten (das sind doch die, die schwulen Soldaten aufs Grab pinkeln, oder?) und dem politisch rechten Rand mit dem Thema Abtreibung. Wie zahlreiche Leser auch in den Facebook-Kommentaren bemerken, ist diese Verbindung unzulässig.

Ich verstehe insgesamt nicht so ganz, warum das Thema immer so emotional behandelt wird. Im Grunde genommen ist es doch sehr einfach: Selbstverständlich ist eine Abtreibung moralisch nicht vertretbar, weil sie dem Kind sein Recht auf Zukunft nimmt. Dieses Recht steht aus einer ethischen Perspektive über den Wünschen der Mutter oder des Vaters, denn finanzielle Probleme und sogar weitaus größere Sorgen können natürlich nicht dieses Recht „überschreiben“, nur weil man 30 Jahre mehr auf dem Buckel hat als der andere und 160 cm plus größer ist.

Jetzt sind mir die feministischen Implikationen dieses Themas durchaus bekannt und ich bin bereit Grenzfälle wie die Schwangerschaft nach einem sexuellen Übergriff anzuerkennen (wobei eigentlich das Kind ja nichts dafür kann). Trotzdem ist jede Argumentation pro Abtreibung am Ende allein opportunistisch – was ja keine Schande ist, wir sind ja alle Menschen und verhalten uns nicht immer moralisch. Ich habe ja schon mal geschrieben, dass ich Vegetarismus für ethisch ähnlich zwingend halte (auch wenn es da „nur“ um Tiere geht) – und trotzdem nur auf Konsumreduktion setze. Mir stößt es nur immer sauer auf, wenn Leute irgend etwas künstlich aufbauschen um ihre eigenen Fehler zu überdecken.

Also, noch mal zum Mitschreiben: Man braucht kein Evangelical oder Nazi zu sein, um gegen Abtreibung zu sein, liebe Welt.

Persönliches Résumé zum Thema „Moderne Kindheit“

Ich wurde eben auf diesen Artikel in „Die Zeit“ aufmerksam und war ein bisschen ratlos, ob es wirklich so schlimm um die Generation unserer Kinder steht.

Viele Themen des Artikels kenne ich und kann sie nachvollziehen. Und einige Gedanken kamen mir gleich in den Kopf:

Kinder stehen im Zentrum der elterlichen Aufmerksamkeit. Sie sind weniger der Nachwuchs, den man halt so bekommt wenn man erwachsen ist, als ein Projekt. Oder zwei. Diese Projekte schlauchen ganz schön. Vor allem, weil die Mütter auch noch gesellschaftlich dazu angehalten werden, beruflich erfolgreich zu sein. Oder mindestens tätig. Und die Väter auch – das Erstere, das Zweite versteht sich von selbst. All das, was Eltern heute rund ums Kind leisten müssen, ist nicht ohne. Damit es dem Kind auch ja an nichts fehlt und nichts zu schwierig ist. Es soll viel erleben und die Kindheit soll zauberhaft sein. Voller wunderbarer Erinnerungen und vieler Möglichkeiten. Und mit wenig Problemen und den Strategien zur Lösung derselbigen. Wie es im Artikel steht, den Schaufel-Eimer-Krieg übernehmen die Eltern. Früher sagten die Mütter mahnend: „Nicht streiten, Kinder“ (oft genug nur, weil das Gezanke sie nervte) und das war’s.

Auffällig ist, wie sehr sich zum Beispiel meine Gedanken um unsere Kinder drehen. Und wie wenig sich einst die meiner Eltern um mich drehten. Und da waren meine keine Ausnahme. Der Zeitgeist in den 80ern stellte Kinder nicht in den Mittelpunkt der Familie. Am Wochenende war nicht alles darum organisiert, den Kleinen so viel Freude wie möglich zu bereiten. Wir zum Beispiel fuhren einmal im Jahr ins Phantasialand. Vielleicht auch alle zwei Jahre – das weiß ich nicht mehr genau.

Und haben im Sommer Campingurlaub gemacht. In diesem hat meine Mutter gerne stundenlang in der Sonne am Strand gelegen und ich? Na, ich hab im Sand gespielt. Dann gab es Pommes und Eis und das fand ich toll. Und ganz leckere, holländische Zitronenlimo. Zwei Mal haben wir ein Pony ausgeliehen während solcher Urlaube. Das fand ich das Größte! Mein Vater angelte gerne. Da mussten wir Kinder leise sein, um die Fische nicht zu verjagen. Das konnte drei Stunden dauern. Und wenn wir das gut hinbekommen hatten, dann haben wir am nächsten Tag etwas wie einen Märchenpark besucht.

In der Schule war ich gut. In der Oberstufe hatte ich Probleme in Mathe und bekam Nachhilfe. Meine Mutter fand das unangenehm, so viel Geld auszugeben und meinte, ich hätte mich mit der Einstellung „Mathe kann ich nicht“ selber rausgekickt. Und das stimmte auch. Hausaufgaben machte ich alleine. Für den Erntedankfest stellte meine Mutter ein Körbchen mit Obst zusammen, das ich im Bus mitnahm. Zum Gottesdienst kam sie dann mit dem Fahrrad hinterher – sie hatte erst den Führerschein als ich im Teenie-Alter war. Zum Schulfest, das alle zwei Jahre stattfand oder seltener, buk sie einen Kuchen. Marmor – oder Sandkuchen. Das war es. Sie hasste es, Kopiergeld (50 Pfennig bis 1,50 Mark) zu bezahlen und fand, das sei mit den Steuern alles abgegolten. Büchergeld hasste sie aus dem selben Grund. Es kamen vier bis fünf Infozettel in einem Jahr aus der Schule mit nach Hause. Und es gab natürlich den Elternsprechtag zu dem sie hin radelte, zusammen mit mir. Mehr behelligte man sie nicht. Und mich auch nicht.

Ich hatte kein Hobby außer Spielen. Ich durfte mich nicht dreckig machen, weil ich ein Mädchen war – das nervte mich sehr, aber ich nahm das so hin. Ich hatte innerlich mächtig Stress, wenn ich doch mal etwas versaut hab. Wenn ich meinen (bis heute) besten Freund besuchen wollte, dann hab ich mich auf’s Rad geschwungen. Es gab einen verbotenen Weg – da fuhren Autos. Und es gab den anderen Weg. Auf diesem gab es eine kleine Lampe als Beleuchtung. Nachdem dort eine Frau Opfer eines Überfalls geworden war, hatte die Gemeinde die Lampe aufhängen müssen. Da hab ich immer Schiss gehabt und schneller in die Pedale getreten, bis der Dynamo sirrte.

Ich hab mir recht oft weh getan. Bin mit dem Fahrrad irgendwo hingeknallt und hab mir Beulen zugezogen. In unserem Kühlschrank lag kein Kühlpack und es gab auch keinen Erste-Hilfe-Kasten. Bloß Pflaster. Ohne Prinzessinnen-Motive. Aber die wurden auf die Größe der Wunde zugeschnitten, das fand ich irgendwie cool. Wenn da so ein großer brauner Teppich auf meinem Knie klebte. das Abrupfen war dann leider recht ätzend. Und von vielen kleinen Verletzungen erfuhr meine Mutter nie etwas. Weil ich dann unterwegs war und bis Zuhause war es dann wieder gut.

Kindergeburtstage waren keine Events. Verschenkt habe ich als Gast etwas wie ein Autoquartett oder auch Mal Katzenzungen (Schokokonfekt) und ein selbstgemaltes Bild, wenn ich eingeladen war. Wir saßen am Tisch, die Mutter des Geburtstagskindes verteilte Kuchen. Dabei war sie nett, sprach aber nicht drei Oktaven höher als die Natur es will. Es gab so etwas wie Sackhüpfen und Topfschlagen. Danach Pommes und Würstchen. Fertig. Man spürte, wie froh die Mutter war, wenn wir alle wieder verschwanden. Das spürte man bei jeder der Mütter.

Ich erinnere mich an meinen fünften Geburtstag. Da hatte meine Mutter einen Kuchen gebacken und den mit Sahne gefüllt und überzogen. Er war mit Schokolinsen und Mandarinen belegt. Die obligatorischen fünf Kerzen steckten drin. Und als ich morgens aufstand und herumschlich, da fand ich im Wohnzimmer meine Geschenke: Ein Spielbügelbrett mit Bügeleisen. Auf dem Brett stand noch ein Karton. Darin war eine Tüte Speck mit Schokoüberzug (wie Marshmallows) und Puppenkleider. Ich war so glücklich! Wie lieb musste man mich haben! Wow! Ein Karton mit zwei Kleidern und Speck! Nur für mich! So viel bekam ich anderen Geburtstagen nicht. Fünf zu werden musste etwas ganz Besonderes sein.

Früher hörte man Kinder sagen: „Pst, wir dürfen nicht drinnen spielen. Meine Mutter hat sich hingelegt. Das macht sie nachmittags immer.“ oder „Nicht ins Wohnzimmer. Da sehen meine Eltern gerade fern.“ Mütter hatten Hobbies oder Beschäftigungen. Ganz gleich, ob sie nachmittags strickten, fernsahen, lasen, Arbeiten erledigten oder schliefen – sie ließen uns in Ruhe und wir sie. Niemals hätte ich mich neben die Mutter meines besten Freundes gesetzt und sie vollgequatscht, während sie ein Buch in der Hand hatte. Ich hatte Respekt vor ihnen. Das waren die Erwachsenen und wir die Kinder. Unsere Leben teilten eine Schnittmenge, aber wir Kinder hatten auch eine eigene Welt. Und die Großen eben auch. In die wollten wir nicht eintauchen. Und die nicht in unsere. Wir waren also alle sicher.

An den Wochenenden fuhr mein Vater gerne zu Autoausstellungen – nicht, weil er ein neues Auto brauchte. Nein, er sah sich gern Autos an. Also flitze ich da herum und versuchte, Gratis-Kulis abzustauben oder an den Bastelaktionen und Kinderbelustigungen teilzunehmen. Oder wir besuchten Verwandte. Ein Großonkel hatte die erste Islandpferde-Zucht Deutschlands. Das war etwas ganz Tolles! Hier durfte ich ab und an reiten. Hier wohnte die alte Tante mit den weißen Haaren, deren Blindheit mich beim ersten Besuch zu Tränen rührte. Und die mir Mandelkekse gab. Die hab ich, wie die Tante es auch machte, in meine Milch gestippt. Meine Mutter warf mir einen peinlich-berührten Blick zu: „Das machen nur alte Leute – die Kekse stippen! Lass das!“ zischte sie mir zu. Ich war auch bei den Beerdigungen der Verwandten, sah sie zuvor auch sehr krank. Manchmal hatten die Tanten oder Onkel Schokolade für uns oder mal ein kleines Osternest. Die weit entfernt wohnenden Verwandten schickten Geburtstagspäckchen. Da gab es dann ein Sparschwein oder Ähnliches.

Meine Mutter verbot uns, Erwachsenen ins Wort zu fallen. Taten wir es doch, ernteten wir einen unwirschen Blick. Sie erzählte, dass man ihr früher noch auf den Mund geschlagen hatte, wenn sie Erwachsenen ins Wort gefallen war. Da waren wir damals mächtig froh, nicht in den 50ern zu leben. Alten Menschen bot man Platz an und war besonders respektvoll. „Die haben bereits ein langes Leben hinter sich und die Kriege erlebt“ hieß es und leuchtete ein.

Irgendwie ist das heute anders. Alles dreht sich um die Kinder. Wie lange sie im Auto sitzen müssen, wann sie Hunger bekommen und wie viel an Getränken oder Snacks unterwegs gereicht werden sollten. Alles wird geplant und durchdacht. Schule, Nachmittage, Geburtstage, Wochenenden, Urlaubsspaß.

Die Idee, ich hätte ein Interesse (wie mein Vater seine Autoleidenschaft) und würde mit diesem die Wochenendplanung dominieren oder tangieren – die existiert nicht. Käme mir nicht in den Sinn und meinem Mann auch nicht. Weil es heute nicht mehr gefragt ist, seine eigene Bedürfnisse als Kind unterzuordnen. Das tun die Eltern mit den ihren. Man könnte Kompromisse finden. Aber das Bild, das heute von den Eltern gezeichnet wird, scheint dafür geschaffen zu sein, Menschen zu überfordern. Die Eltern und die Kinder.

Ich habe da oft Ideen, wie es anders laufen könnte und sollte.

Und es ist so schwer für mich, meinen eigene Ideen zu folgen. Weil sie oft konträr zu dem verlaufen, was allgemeiner Konsens ist. Ich fände es gut, wenn es eine Bewegung in die gesunde Mitte gäbe. Weg von den Eltern der 80er, die noch sehr die Kinder der belasteten Vor-Generation und mit einen transgeneratorischen Trauma durchzogen waren, das nicht wenige unserer Generation zum Therapeuten bringt. Und weg von dem Kinder-als-Dreh-und-Angelpunkt-Dings, das sich jetzt bietet. Hin zu etwas, das Kinder lehrt, was Gemeinsamkeit ist und wie es sich anfühlt, geborgen zu sein. Wie es ist, wenn jemand sagt: „Keine Sorge, ich nehme dich wahr. Deine Bedürfnisse werden erfüllt. So weit es in dieser Gemeinschaft möglich ist.

Ich finde, sie sollten einfach Kinder sein. Mit ganz viel Phantasie und Zeit zum Spielen. Sie werden einfach so geliebt, weil sie da sind. Sie müssen für uns nichts erfüllen. Und wir sind nicht ihre Bespaßungs-und-Entwicklungs-Manager. Wir sind auch (Ehe-)Paare mit dem selbstverständlichen Recht auf Feierabendgenuss und Schlaf. Weder mein Bruder, noch ich oder einer meiner Freunde hat seine Eltern nachts wachgemacht. Außer mal selten bei einem Albtraum. Dann gab es kurz müden Trost, ein Brummen und dann ging man zurück. Hätte meine Mutter etwas von Familienbett gesagt, dann hätte mein Vater gesagt: „Nee, lass mal, das ist mir zu eng und da hab ich dauernd ein Kinderknie im Rücken“ und er hätte über den Vorschlag nur geschmunzelt. Er brauchte schließlich seinen Schlaf, weil er eine anstrengende Arbeit hatte. Und meine Mutter ruhte sich auch nachts gerne aus. Sahen meine Eltern sich einen Film an, dann hab ich sie nicht gestört. Durfte ich mitschauen, zischte man Pscht! wenn ich zu wibbelig war. Mit meinem Vater hab ich früh am Abend manchmal an den Wochenende was geguckt. Asterix und Obelix oder Tom und Jerry oder – bei uns beiden sehr beliebt – Bud-Spencer-Filme.

Ich will keine gute alte Zeit idealisieren. Und vielleicht werde ich hier auch irgendwann mal schreiben, was speziell an meiner Kindheit verstörend und traumatisierend war. Jedoch waren das individuelle Erfahrungen – was ich hier schrieb ist eher der Konsens der 80er. Ich will die moderne Kindheit allerdings auch nicht als perfekt bezeichnen. Manches macht mir daran echte Bedenken. Vieles davon fand ich in dem Artikel wieder. Einen Mittelweg zwischen den Bedürfnissen aller zu finden – das käme mir ideal vor.

Musikalische Verwirrung

Nummer 4 hört sehr gerne Metal. Also (noch) nicht richtigen Metal, sondern mehr so Van Canto:

Ich mache daher öfter mal abends so ein paar alte Klassiker an, und er freut sich dann über den lustigen Singsang und die schrammelige Dynamik. Heute nachmittag hat er zahnbedingt sehr, sehr lange geschlafen und ich habe die Gelegenheit genutzt, um mich auszuruhen (!). Dabei machte ich ein wenig (ruhige) Klassik an.

Als Nummer 4 dann nach seinem erweiterten Mittagsschlaf ins Zimmer getragen wurde, schaute er sich verwirrt um. Man könnte deutlich sehen, dass er die Musik hörte – aber er konnte diesen ruhigen Klangteppich einfach nicht einordnen …