Persönliches Résumé zum Thema „Moderne Kindheit“

Ich wurde eben auf diesen Artikel in „Die Zeit“ aufmerksam und war ein bisschen ratlos, ob es wirklich so schlimm um die Generation unserer Kinder steht.

Viele Themen des Artikels kenne ich und kann sie nachvollziehen. Und einige Gedanken kamen mir gleich in den Kopf:

Kinder stehen im Zentrum der elterlichen Aufmerksamkeit. Sie sind weniger der Nachwuchs, den man halt so bekommt wenn man erwachsen ist, als ein Projekt. Oder zwei. Diese Projekte schlauchen ganz schön. Vor allem, weil die Mütter auch noch gesellschaftlich dazu angehalten werden, beruflich erfolgreich zu sein. Oder mindestens tätig. Und die Väter auch – das Erstere, das Zweite versteht sich von selbst. All das, was Eltern heute rund ums Kind leisten müssen, ist nicht ohne. Damit es dem Kind auch ja an nichts fehlt und nichts zu schwierig ist. Es soll viel erleben und die Kindheit soll zauberhaft sein. Voller wunderbarer Erinnerungen und vieler Möglichkeiten. Und mit wenig Problemen und den Strategien zur Lösung derselbigen. Wie es im Artikel steht, den Schaufel-Eimer-Krieg übernehmen die Eltern. Früher sagten die Mütter mahnend: „Nicht streiten, Kinder“ (oft genug nur, weil das Gezanke sie nervte) und das war’s.

Auffällig ist, wie sehr sich zum Beispiel meine Gedanken um unsere Kinder drehen. Und wie wenig sich einst die meiner Eltern um mich drehten. Und da waren meine keine Ausnahme. Der Zeitgeist in den 80ern stellte Kinder nicht in den Mittelpunkt der Familie. Am Wochenende war nicht alles darum organisiert, den Kleinen so viel Freude wie möglich zu bereiten. Wir zum Beispiel fuhren einmal im Jahr ins Phantasialand. Vielleicht auch alle zwei Jahre – das weiß ich nicht mehr genau.

Und haben im Sommer Campingurlaub gemacht. In diesem hat meine Mutter gerne stundenlang in der Sonne am Strand gelegen und ich? Na, ich hab im Sand gespielt. Dann gab es Pommes und Eis und das fand ich toll. Und ganz leckere, holländische Zitronenlimo. Zwei Mal haben wir ein Pony ausgeliehen während solcher Urlaube. Das fand ich das Größte! Mein Vater angelte gerne. Da mussten wir Kinder leise sein, um die Fische nicht zu verjagen. Das konnte drei Stunden dauern. Und wenn wir das gut hinbekommen hatten, dann haben wir am nächsten Tag etwas wie einen Märchenpark besucht.

In der Schule war ich gut. In der Oberstufe hatte ich Probleme in Mathe und bekam Nachhilfe. Meine Mutter fand das unangenehm, so viel Geld auszugeben und meinte, ich hätte mich mit der Einstellung „Mathe kann ich nicht“ selber rausgekickt. Und das stimmte auch. Hausaufgaben machte ich alleine. Für den Erntedankfest stellte meine Mutter ein Körbchen mit Obst zusammen, das ich im Bus mitnahm. Zum Gottesdienst kam sie dann mit dem Fahrrad hinterher – sie hatte erst den Führerschein als ich im Teenie-Alter war. Zum Schulfest, das alle zwei Jahre stattfand oder seltener, buk sie einen Kuchen. Marmor – oder Sandkuchen. Das war es. Sie hasste es, Kopiergeld (50 Pfennig bis 1,50 Mark) zu bezahlen und fand, das sei mit den Steuern alles abgegolten. Büchergeld hasste sie aus dem selben Grund. Es kamen vier bis fünf Infozettel in einem Jahr aus der Schule mit nach Hause. Und es gab natürlich den Elternsprechtag zu dem sie hin radelte, zusammen mit mir. Mehr behelligte man sie nicht. Und mich auch nicht.

Ich hatte kein Hobby außer Spielen. Ich durfte mich nicht dreckig machen, weil ich ein Mädchen war – das nervte mich sehr, aber ich nahm das so hin. Ich hatte innerlich mächtig Stress, wenn ich doch mal etwas versaut hab. Wenn ich meinen (bis heute) besten Freund besuchen wollte, dann hab ich mich auf’s Rad geschwungen. Es gab einen verbotenen Weg – da fuhren Autos. Und es gab den anderen Weg. Auf diesem gab es eine kleine Lampe als Beleuchtung. Nachdem dort eine Frau Opfer eines Überfalls geworden war, hatte die Gemeinde die Lampe aufhängen müssen. Da hab ich immer Schiss gehabt und schneller in die Pedale getreten, bis der Dynamo sirrte.

Ich hab mir recht oft weh getan. Bin mit dem Fahrrad irgendwo hingeknallt und hab mir Beulen zugezogen. In unserem Kühlschrank lag kein Kühlpack und es gab auch keinen Erste-Hilfe-Kasten. Bloß Pflaster. Ohne Prinzessinnen-Motive. Aber die wurden auf die Größe der Wunde zugeschnitten, das fand ich irgendwie cool. Wenn da so ein großer brauner Teppich auf meinem Knie klebte. das Abrupfen war dann leider recht ätzend. Und von vielen kleinen Verletzungen erfuhr meine Mutter nie etwas. Weil ich dann unterwegs war und bis Zuhause war es dann wieder gut.

Kindergeburtstage waren keine Events. Verschenkt habe ich als Gast etwas wie ein Autoquartett oder auch Mal Katzenzungen (Schokokonfekt) und ein selbstgemaltes Bild, wenn ich eingeladen war. Wir saßen am Tisch, die Mutter des Geburtstagskindes verteilte Kuchen. Dabei war sie nett, sprach aber nicht drei Oktaven höher als die Natur es will. Es gab so etwas wie Sackhüpfen und Topfschlagen. Danach Pommes und Würstchen. Fertig. Man spürte, wie froh die Mutter war, wenn wir alle wieder verschwanden. Das spürte man bei jeder der Mütter.

Ich erinnere mich an meinen fünften Geburtstag. Da hatte meine Mutter einen Kuchen gebacken und den mit Sahne gefüllt und überzogen. Er war mit Schokolinsen und Mandarinen belegt. Die obligatorischen fünf Kerzen steckten drin. Und als ich morgens aufstand und herumschlich, da fand ich im Wohnzimmer meine Geschenke: Ein Spielbügelbrett mit Bügeleisen. Auf dem Brett stand noch ein Karton. Darin war eine Tüte Speck mit Schokoüberzug (wie Marshmallows) und Puppenkleider. Ich war so glücklich! Wie lieb musste man mich haben! Wow! Ein Karton mit zwei Kleidern und Speck! Nur für mich! So viel bekam ich anderen Geburtstagen nicht. Fünf zu werden musste etwas ganz Besonderes sein.

Früher hörte man Kinder sagen: „Pst, wir dürfen nicht drinnen spielen. Meine Mutter hat sich hingelegt. Das macht sie nachmittags immer.“ oder „Nicht ins Wohnzimmer. Da sehen meine Eltern gerade fern.“ Mütter hatten Hobbies oder Beschäftigungen. Ganz gleich, ob sie nachmittags strickten, fernsahen, lasen, Arbeiten erledigten oder schliefen – sie ließen uns in Ruhe und wir sie. Niemals hätte ich mich neben die Mutter meines besten Freundes gesetzt und sie vollgequatscht, während sie ein Buch in der Hand hatte. Ich hatte Respekt vor ihnen. Das waren die Erwachsenen und wir die Kinder. Unsere Leben teilten eine Schnittmenge, aber wir Kinder hatten auch eine eigene Welt. Und die Großen eben auch. In die wollten wir nicht eintauchen. Und die nicht in unsere. Wir waren also alle sicher.

An den Wochenenden fuhr mein Vater gerne zu Autoausstellungen – nicht, weil er ein neues Auto brauchte. Nein, er sah sich gern Autos an. Also flitze ich da herum und versuchte, Gratis-Kulis abzustauben oder an den Bastelaktionen und Kinderbelustigungen teilzunehmen. Oder wir besuchten Verwandte. Ein Großonkel hatte die erste Islandpferde-Zucht Deutschlands. Das war etwas ganz Tolles! Hier durfte ich ab und an reiten. Hier wohnte die alte Tante mit den weißen Haaren, deren Blindheit mich beim ersten Besuch zu Tränen rührte. Und die mir Mandelkekse gab. Die hab ich, wie die Tante es auch machte, in meine Milch gestippt. Meine Mutter warf mir einen peinlich-berührten Blick zu: „Das machen nur alte Leute – die Kekse stippen! Lass das!“ zischte sie mir zu. Ich war auch bei den Beerdigungen der Verwandten, sah sie zuvor auch sehr krank. Manchmal hatten die Tanten oder Onkel Schokolade für uns oder mal ein kleines Osternest. Die weit entfernt wohnenden Verwandten schickten Geburtstagspäckchen. Da gab es dann ein Sparschwein oder Ähnliches.

Meine Mutter verbot uns, Erwachsenen ins Wort zu fallen. Taten wir es doch, ernteten wir einen unwirschen Blick. Sie erzählte, dass man ihr früher noch auf den Mund geschlagen hatte, wenn sie Erwachsenen ins Wort gefallen war. Da waren wir damals mächtig froh, nicht in den 50ern zu leben. Alten Menschen bot man Platz an und war besonders respektvoll. „Die haben bereits ein langes Leben hinter sich und die Kriege erlebt“ hieß es und leuchtete ein.

Irgendwie ist das heute anders. Alles dreht sich um die Kinder. Wie lange sie im Auto sitzen müssen, wann sie Hunger bekommen und wie viel an Getränken oder Snacks unterwegs gereicht werden sollten. Alles wird geplant und durchdacht. Schule, Nachmittage, Geburtstage, Wochenenden, Urlaubsspaß.

Die Idee, ich hätte ein Interesse (wie mein Vater seine Autoleidenschaft) und würde mit diesem die Wochenendplanung dominieren oder tangieren – die existiert nicht. Käme mir nicht in den Sinn und meinem Mann auch nicht. Weil es heute nicht mehr gefragt ist, seine eigene Bedürfnisse als Kind unterzuordnen. Das tun die Eltern mit den ihren. Man könnte Kompromisse finden. Aber das Bild, das heute von den Eltern gezeichnet wird, scheint dafür geschaffen zu sein, Menschen zu überfordern. Die Eltern und die Kinder.

Ich habe da oft Ideen, wie es anders laufen könnte und sollte.

Und es ist so schwer für mich, meinen eigene Ideen zu folgen. Weil sie oft konträr zu dem verlaufen, was allgemeiner Konsens ist. Ich fände es gut, wenn es eine Bewegung in die gesunde Mitte gäbe. Weg von den Eltern der 80er, die noch sehr die Kinder der belasteten Vor-Generation und mit einen transgeneratorischen Trauma durchzogen waren, das nicht wenige unserer Generation zum Therapeuten bringt. Und weg von dem Kinder-als-Dreh-und-Angelpunkt-Dings, das sich jetzt bietet. Hin zu etwas, das Kinder lehrt, was Gemeinsamkeit ist und wie es sich anfühlt, geborgen zu sein. Wie es ist, wenn jemand sagt: „Keine Sorge, ich nehme dich wahr. Deine Bedürfnisse werden erfüllt. So weit es in dieser Gemeinschaft möglich ist.

Ich finde, sie sollten einfach Kinder sein. Mit ganz viel Phantasie und Zeit zum Spielen. Sie werden einfach so geliebt, weil sie da sind. Sie müssen für uns nichts erfüllen. Und wir sind nicht ihre Bespaßungs-und-Entwicklungs-Manager. Wir sind auch (Ehe-)Paare mit dem selbstverständlichen Recht auf Feierabendgenuss und Schlaf. Weder mein Bruder, noch ich oder einer meiner Freunde hat seine Eltern nachts wachgemacht. Außer mal selten bei einem Albtraum. Dann gab es kurz müden Trost, ein Brummen und dann ging man zurück. Hätte meine Mutter etwas von Familienbett gesagt, dann hätte mein Vater gesagt: „Nee, lass mal, das ist mir zu eng und da hab ich dauernd ein Kinderknie im Rücken“ und er hätte über den Vorschlag nur geschmunzelt. Er brauchte schließlich seinen Schlaf, weil er eine anstrengende Arbeit hatte. Und meine Mutter ruhte sich auch nachts gerne aus. Sahen meine Eltern sich einen Film an, dann hab ich sie nicht gestört. Durfte ich mitschauen, zischte man Pscht! wenn ich zu wibbelig war. Mit meinem Vater hab ich früh am Abend manchmal an den Wochenende was geguckt. Asterix und Obelix oder Tom und Jerry oder – bei uns beiden sehr beliebt – Bud-Spencer-Filme.

Ich will keine gute alte Zeit idealisieren. Und vielleicht werde ich hier auch irgendwann mal schreiben, was speziell an meiner Kindheit verstörend und traumatisierend war. Jedoch waren das individuelle Erfahrungen – was ich hier schrieb ist eher der Konsens der 80er. Ich will die moderne Kindheit allerdings auch nicht als perfekt bezeichnen. Manches macht mir daran echte Bedenken. Vieles davon fand ich in dem Artikel wieder. Einen Mittelweg zwischen den Bedürfnissen aller zu finden – das käme mir ideal vor.

Advertisements

8 Gedanken zu “Persönliches Résumé zum Thema „Moderne Kindheit“

    • … Danke für’s Teilen, Käthe. Mir ging es anscheinend ähnlich wie Dir: Ich las ebenfalls streckenweise schmunzelnd …
      Sind wir nun performende Hedonisten (klingt nach ’ner dionysischen Performance :D) oder was genau! Sternzeichen Moderner Performer mit Aszendent Postmateriell? Nee, auch nicht… Wie auch immer – das Lesen war sehr interessant. 😉

      Gefällt mir

  1. Einen Mittelweg finden – das finde ich gut. Gerne gehen wir zum Beispiel ins Schwimmbad. Die Eltern liegen händchenhaltend auf den Liegestühlen vor dem Kinderbecken, der Mann verschwindet dann mal in der Sauna, die Frau im Schwimmerbecken, jeder geht mal mit irgendwem rutschen und dann schlafen die kinder alle wie die steine und wir genießen eine störungsfreie nacht. 😉

    und ich finde das auch so wichtig, dass die Kinder sehen und wissen, dass auch Mütterchen Bedürfnisse hat und stinkig wird, wenn die Kinder das nicht respektieren. das wird später im leben nicht anders sein.

    ein schöner text ist das.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für das Kompliment, Mara.
      Ich sehe das auch so: In der Kindheit lernt man menschen im behüteten Rahmen kennen. Aber dieser sollte realistisch sein. Wer die Bedürfnisse Anderer nicht respektieren lernt, wird es einmal schwer haben.
      Ich denke da ganz ähnlich zukunftsorientiert wie Du.

      Gefällt mir

    • Ich vermute auch, der goldene Mittelweg ist ein hehres Ziel, Danielajaeggi. Aber wer sucht, der findet ja mindestens immer wieder Neues und Inspirierendes. Er verwirft, reflektiert und erfindet neu. Vielleicht ist man auf diese Weise näher am Mittelweg als man denkt….? 😉

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen: Schreib uns etwas dazu - wir freuen uns!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s