Ein teures Jahr

Nummer 4 ist bald ein Jahr alt. Nach dieser Frist wird man ja nicht mehr mit Elterngeld bedacht, weshalb meine Frau und ich uns jetzt häufiger über ihren Wiedereinstieg in den Job unterhalten haben. Wie Ihr ja möglicherweise wisst, hat sie jetzt viele Jahre als Texterin gearbeitet und wird jetzt aber vorerst nicht wieder dort einsteigen, sondern sich neuen Projekten widmen (dazu bei Gelegenheit hier sicher mehr).

Jedenfalls hat so was ja auch einen finanziellen Aspekt, und so kam es, dass wir uns ein bißchen mehr als üblich über Geld unterhalten haben. Unter anderem auch deshalb, weil wir eine ganze Reihe von Projekten und Anschaffungen irgendwie immer noch vor uns herschieben …

In diesem Kontext habe ich dann auch mal überschlagen, welche tollen Sonderanschaffungen uns in diesem Jahr so überrascht haben (zusätzlich zu einem ohnehin schon nicht gerade kostengünstigen Leben zu sechst):

– 3.000 Euro Rechtsanwalts- und Gerichtskosten, weil wir den (zensiert) Vorbesitzer unseres Hauses zur Rechenschaft ziehen müssen

– 2.000 Euro, um unsere (nicht mal vier Jahre alte!) Familienkutsche über den TÜV zu bringen, nachdem ein Brems- und Ausweichmanöver, mit dem ich einer älteren lebensmüden Dame vermutlich das Leben gerettet habe, uns Achse und Reifen demoliert hat

– 1.500 Euro für Verschleiss und Reparaturen am Roadster (normale Inspektionskosten und so nicht mitgerechnet) plus 1.000 Euro für einen neuen Turbolader (den ich aber erst noch anschaffen muss)

– 900 Euro, um den draufgängerischen K1 wieder zusammenzuflicken

– 400 Euro Stromnachzahlung, obwohl (!) ich den Abschlag schon ekelhaft hoch gelassen hatte – unsere Mädels verfolgen eine strikte „jeder Raum im Haus muss rund um die Uhr beleuchtet sein“-Politik, die sich in einem beänstigend hohen Verbrauch niederschlägt

Das war noch nicht alles, aber immerhin sind das die höheren Einzelbeträge. Ungefähr alles, was in diesem Jahr so angefallen ist, war irgendwie deutlich bis überdeutlich teurer als erwartet. Nur die Steuerrückzahlung hat uns mit einer niedrigen Zahl überrascht …

Und da wundere ich mich, dass irgendwie immer noch nicht so richtig was über ist. Ihr kennt ja schon mein Lieblingszitat:

„The things you own, they end up owning you.“

Der kleine Kli-Kla-Klammeraffe

Nummer 4 scheint seinen ersten Zahn zu bekommen. Seit über drei Wochen klammert und jammert er. Das bedeutet:

Ich darf einen unsichtbaren, magischen Radius von 1,20 Meter (Hab’s nachgemessen. Mehrmals.) um ihn herum nicht verlassen. Die Entfernung ab 80 Zentimetern wird ungern und nur bei Blickkontakt probeweise gewährt.

Ich darf mich auf die Sofakante setzen. Ich darf mich nicht anlehnen. Ich darf nichts in die Hand nehmen, dem ich mich widme.

Ich darf natürlich keinen Raum verlassen. Auch nicht, wenn sein Dad oder die Schwestern ihn betreuen.

Ich muss ihn auf den Arm nehmen. Auch, wenn er gerade bei einem anderen Familienmitglied auf dem Arm ist.

Er möchte getragen werden und möchte gestreichelt werden. Mehr nicht. Das dafür aber immer.

Wenn nicht Folge leiste, weint er. Immer lauter und lauter. Alle sind dann doof außer Mama.

Ich hoffe, dass er wirklich einen Zahn bekommt. Ich träumte schon zwei Mal von zwei Kartenlochern in seinem Mund. Vermutlich, weil meine geschundene Psyche darauf setzt, dass das alles nicht umsonst geschieht. Es hat alles einen Sinn! ruft sie mir in den Träumen zu und ich setze verzweifelt darauf, dass sie Recht hat …

Geklärt

Die Lehrerin von Nummer 1 und 2 rief mich gestern Abend an, um den Sachverhalt zu klären und vorzuschlagen, dass sie mit dem betreffenden Jungen reden würde. Der mit der Idee des „Nummer-2-Opfer-Spiels„. Dies hat sie heute auch getan.

Ergebnis: Der Junge hatte leider keinerlei Erinnerung daran, dass er so etwas gesagt habe und weil er als vernünftiger Junge mit guten Noten bekannt ist, war Frau Lehrerin anscheinend geneigt, ihm zu glauben. Doch Nummer 1 hatte ihn dabei gehört. Es wurden Zeugen gerufen. Diese hatten auch eine partielle Amnesie, bestätigten aber, dass so etwas tatsächlich gesagt worden war – bloß hatten sie plötzlich vergessen von wem. Am Ende weinte Nummer 1, weil sie das Gefühl hatte, man würde ihr nicht glauben. Und der Junge weinte auch. Und sagte immer wieder: „Das ist ja jetzt auch egal. Das ist ja jetzt auch geklärt.“ Das hat er bis zum Schulschluss immer mal wieder gesagt. Nummer 2 befand nichts als geklärt und Nummer 1 hatte eingeräumt, dass ein Missverständnis vorliegen könnte (wobei sie genau wusste, was sie beobachtet hatte). Ich weiß schon, warum ich Aggressionen bekomme, wenn mir jemand etwas als Missverständnis verkaufen will …

Klären ließ sich das jedenfalls nicht so richtig gut. Aber der Junge sagte hinterher, Nummer 2 möge bitte ihrer Mutter ausrichten, er habe niemals so etwas gesagt. Ich solle bloß nicht schlecht von ihm denken, wenn ich ihn demnächst sähe. Er hat sich das also ganz schön reingezogen. Von daher schon irgendwie geklärt.

Die Zahnfee ist in der Gewerkschaft

Nummer 3 hat sich letztens spät am Abend einen Wackelzahn rausgemacht. Wie das Schicksal so spielt, spielte die Zahnfee um die Uhrzeit nicht mehr mit, und folglich – gab es NIX.

Am nächsten Morgen kam sie leicht enttäuscht die Treppe runter und verkündete:

„Ich glaube die Zahnfee arbeitet ab zehn Uhr einfach nicht mehr!

Heute morgen habe ich noch in der Brand Eins gehört, dass Freizeitforscher mittlerweile eine rote Nase bekommen, wenn man sie nach dem Begriff „Freizeit“ fragt. Weil Leben und Arbeiten immer mehr miteinander verschmelzen.

Das gilt offensichtlich nicht für Zahnfeen. Die haben schön ihren geregelten Feierabend und müssen dann nicht mehr auf ihr Smartphone gucken und E-Mails beantworten wie:

— Von: Back Office (office@toothfairiesintl.com)

Betreff: [Tooth Alert] Nummer 3 hat Zahn verloren

Nachricht:

Hallo Zahnfee XY,

Du hast eine neue Zahnabholung in Deinem Auftragseingang. Bitte besuche den folgenden Link, um die GPS-Koordinaten des Einsatzs abzurufen: (zensiert)

Kommentar: Bitte kümmere Dich umgehend um diesen Einsatz, wir haben Dich bereits mehrmals (!) darauf hingewiesen dass am nächsten Tag nicht schnell genug ist. Wir haben ein Brand Promise einzuhalten! —

Schöne alte Welt.

Anders zu sein ist mehr als lästig …

Nummer 2 erzählte eben mit erstaunlich neutraler Stimm(ungs-)lage:

„Die in der Klasse nerven. Der Club dämlicher Jungs (Remember? Die Orks) hat heute ein Spiel entwickelt, das zum Ziel hatte „Nummer 2“ töten. Das Spiel nannten sie „Das Nummer2-Opfer“. Das fanden die lustig.“

Ich (getroffen und angewidert zugleich): „Und wie fandest du das?“

Sie: „Ich bin’s gewohnt. Die in der Klasse können mich nicht leiden.“

Ich: „Es ist nicht die Mehrheit, die dich nicht leiden kann. Das haben wir doch schon mal besprochen. Auch mit deinem Mathelehrer da im Gespräch.“

Hilfreich an dieser Stelle: Nummer 1 mit folgendem Einwurf:

„Doch! Doch! Das sind die meisten. Die meisten können dich nicht leiden.“

Ich werfe ihr einen bösen Blick zu, den sie nicht zu verstehen scheint. Darauf sage ich:

„Es sind wie viele Jungs, die Nummer 2 nicht mögen? Vier? Okay. Und die drei Mädels. Macht sieben Kinder. Sieben von 26. Das ist ja mal ’ne Mehrheit, Nummer 1. Hattest Du echt ’ne Zwei in Mathe?“

Danach wende ich mich an Nummer 2 und erkläre, dass Schule ein bisschen wie eine nicht-chronifizierte Krankheit ist: Man muss da durch. Man muss das Beste draus machen. Hinterher erinnert man sich meist nicht so gerne daran. Im Verlauf spürt man eine Besserung. Irgendwann ist es vorbei.

Ich sage ihr, dass ich ähnliche Probleme hatte wie sie. Erkläre ihr, dass so was wie das „Todesspiel“ Mobbing ist. Sage ihr, dass nicht das Opfer sondern die Täter die Blöden sind. Meist rät man dem Opfer, sich anders zu verhalten. Wie blöd, wenn mit den Tätern dann niemand spricht. Aber so läuft das. Wie auch immer werde ich sie nun zu den frisch ausgebildeten Streitschlichtern der Schule schicken. Die haben ein Konfliktlösungsseminar besucht und können so etwas angeblich auflösen.

Ich habe mit ihr zusammengefasst, dass sie diese sieben Mitschüler selber nicht besonders sympathisch findet. Und dass es Kinder gibt, die sie mag und die sie mögen. Und dass sie heute müde ist und ihr Knie weh tut und sich alles allein deshalb schon blöder anfühlt an sonst. Danach war sie innerlich aufgerichtet.

Ich habe ja schon lange alle Hoffnung fahren lassen, wenn es um Schule geht. Das passierte unter Anderem, als die erste Grundschullehrerin Nummer 2 attestierte, dass sie etwas zurückgeblieben und unreif sei. Oder die nächste Lehrerin, die meinte, Nummer 2 sei depressiv. Und das war die gleiche, die in der Diskussion um das Eine-Klasse-Überspringen sagte: „Ich habe ihr ja oft genug Aufgaben gegeben, die sie fördern sollten. Aber sie war ja zu arrogant, die zu lösen!“ Und als ich daraufhin sagte: „Sie haben ihr noch mehr  Stoff der zweiten Klasse hingelegt und gedacht, damit sei es erledigt?“ Solche und viele weitere Momente waren es wohl. Die gleiche Dame reagierte auf Nummer 2s Beschwerde über einen sich vor ihr im Gebüsch entblößenden Jungen so: „Ja was? Da frage ich mich doch, warum du das mitgemacht hast, wenn es dir nicht gefallen hat.“ Schule eben …

Es sind gleichschaltende, schnödes Nachplappern verlangende Institutionen, die einer Maschine gleichen. Platz für Abweichler gibt es exakt null. NULL! Das, was unsere Kinder an Persönlichkeit haben, das bilden sie dort ganz sicher nicht wunderbar aus oder weiter. Sondern zuhause. Ich kann ihnen leider nicht vermitteln wie schön und wichtig für’s Leben die Schule ist. Denn ich habe ihnen versprochen, sie nicht zu belügen.

Der Montag nach dem biblischen Sonntag …

… fühlte sich in der Tat anders an als sonst.

Und dabei hatte ich mies geschlafen, anstrengend geträumt, wach gelegen. Dann Albtraum gehabt und wach gelegten. Völlig zermatscht aufgewacht.

Aber ich war schnell innerlich entknittert und fühlte mich besser als sonst an einem Montagmorgen.

Und irgendwie hängt das auch mit dem Résumé von gestern zusammen. Ich kann es also in der Tat guten Gewissens weiterempfehlen. Hinsetzen und gucken, was in den vergangenen Tagen gut war – total simpel im ersten Moment, aber auch nachhaltig im zweiten.

Natürlich rief eben die Dame vom Jugendamt an, weil die Post meinen Brief im Schneckentempo geliefert hatte und nun die Tagesmutter, zu der Nummer 4 im Dezember für zwölf Stunden die Wochen gehen wird, eventuell vier Wochen später erst bezahlt wird. Was ich der lieben Frau morgen früh verklickern darf. Und natürlich rief die Renovierungs-Firma an und fragte, ob am Mittwoch ein guter Tag für’s Parkettverlegen sei. Als ich sagte, ihr Mitarbeiter habe den heutigen Morgen angekündigt und ich habe bereits alles beiseite geschleppt, herrschte Ratlosigkeit. Natürlich hatten wir um kurz vor Acht den armen Installateur mit unserem dringenden Anliegen (das Entfernen einer Heizung) somit umsonst gestresst.

Aber da Nummer 4 gerade so süß seinen Musiktisch schiebend als Lauflernwagen benutzt und das so niedlich aussieht, ist mir der Rest ziemlich egal. Ich weiß ja, dass ich am kommenden Sonntag ansehen werde, was so alles gut war an dieser Woche. Und da werden diese Unwegsamkeiten vielleicht bereits verblasst sein. Also warum überhaupt erst darüber aufregen? 😉

Immer wieder sonntags

Seit ich denken kann hasse ich Sonntage.
Ich verwende dieses letztere Verb sehr selten. Eigentlich vermeide ich es. Aber bei Sonntagen nicht. Diese langweiligen Tage haben es verdient. Was kann man sonntags tun, wenn man einer von diesen eher aktiven Menschen ist?

– Jahreszeitliche Dekoration im Haus verteilen ( circa sechs Mal im Jahr)

– Brettspiele spielen, was ich nicht ausstehen kann.

– Backen. Womöglich das Backwerk essen und sich später über die Waage ärgern.

– Haushalt machen, was ich die ganze Woche mache.

– Gegen das Gefühl eingeschlafener Füße ankämpfen, das sich stündlich ausbreitet.

– In einem Park spazieren gehen. Da zockt der Mob.

– Im Internet herumlungern, was das Eingeschlafene-Füße-Gefühl an Sonntagen exponentiell verstärkt.

– Lesen (dazu bin ich an Sonntagen zu genervt, aus zeitökonomischen Gründen höre ich eh nur Hörbücher und arbeite dabei).

– An den nächsten Tag denken oder darüber philosophieren, das Körper und Geist stets am gleichen Ort sein sollten.

– Mich daran erinnern, dass ich Sonntag schon immer gehasst habe und tausend Versuche unternahm, diesen Tag als etwas Angenehmes zu ritualisieren (und scheiterte).

– Sich sagen, dass am nächsten Tag eine neue Woche beginnt, sich schon einmal den fünfspaltigen Familienkalender angucken und sich das Haar raufen, weil alle Spalten voll sind. Für sieben Tage im Voraus.

– Beim Blogpost feststellen wie frustriert und negativ man sonntags ist und eine spontane Lösung anstreben.

Vielleicht ist der Sonntag (hatte den nicht auch Karl der Große als Erster eingeführt und wollten ihn – unter Anderem oder gar hauptsächlich deswegen – die Sachsen nicht erschlagen? Wo ward ihr, Jungs?) gar nicht dazu da, angewidert rumzugammeln. Der Urgedanke hinter diesem Tag ist das Nachahmen der Schöpfungsgeschichte.

Ja, um etwas Göttliches im alltäglich-menschlichen Leben!

Am siebten Tage ruhte Gott und betrachtete sein Werk. Und das soll ich demnach wohl auch tun. Jeden Sonntag? 

Okay. Ich soll dann vermutlich auch sehen, dass es gut war, was ich getan habe. Gott hat sich laut der Bibel auch nicht hingesetzt und gesagt „Mensch, die Giraffen haben aber ’nen ganz schön langen Hals bekommen und der Farbton der Delfine – na, ich weiß nicht …“ Nun ist Gott vielleicht ein etwas großes Vorbild, aber warum nicht? Der Mensch soll ja streben.

Ich habe doch Einiges, mit dem ich zufrieden bin. Und auch wenn ich keinen formidablen Planeten geschaffen habe, so kann ich zufrieden sein. Ich habe mich sehr über unseren kleinen Heiligen Augustinus (eigentlich wohl Augustina) hier gefreut, weil er so hilfsbereit war und über die witzige Nummer 2 und ihren Gehirn-Kommentar. Und ich habe mich gestern mit meinem Mann beömmelt, weil er so einen frechen Mafia-Macho-Spruch abgelassen hat. Wir haben uns immer wieder ausgemalt, was passieren würde, wenn man wirklich solche Sprüche raushauen würde. Und natürlich geschahen noch mehr Dinge, die gut waren. Wir haben einen Termin für’s Parkettverlegen (morgen früh!) und müssen nicht mehr auf dem splittrigen Unterboden leben. Natürlich erreichen wir den Installateur nicht, der unbedingt vorher noch eine Heizung entfernen muss. Aber man soll ja vornehmlich auf das Gute gucken.

Und nun, wo ich das getan habe, was man sonntags tun soll:  Welches Résumé gebe ich zum Résumé?

Das fühlt sich wirklich gut an, so ein sonntägliches Résumé. Kann ich wirklich weiterempfehlen. Sonntags hat man ja auch Zeit für so etwas. Ich fühle mich deutlich zufriedener. Wirklich.

In der Zeit, in der ich résumierte hat mein Mann übrigens Mittagessen gemacht. Irgend ein neues Rezept mit Kochbananen, Steak und Zucchinisalat. Und Brot gebacken hat er und Frühstücksmuffins für die kommende Woche. Und ich bemerke, dass man sich eventuell besser fühlt, wenn man gleichzeitig résumiert. Merke ich mir für in sieben Tagen. Da résumiere ich dann eh anders, denn da habe ich Geburtstag. Mal sehen, wie der Wochenrückblick da ausfällt …

Muss nun schnell man herausfinden, wer sich nun besser fühlt. Er als aktiver oder ich als denkender Sonntagshasser 😉