„Schneewittchen!“

Mal wieder ein neuer Nerdwitz:

Meine Frau spielt gerade auf dem iPad mit ihrer Captain America-App herum. Darin ist auch ein Bild von Red Skull:

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Für alle Nicht-Nerds: Der wird gespielt von Hugo Weaving. Meine Frau meinte also zu den Kindern, die mit auf das iPad schielten:

„Na, kennt Ihr denn? Stellt Euch den mal mit längeren Haaren und im Wald vor …“

Darauf Nummer 3:

„Schneewittchen!“

Sie hat ja so viiieeel Fantasie …

Mensch-Geflügel-Hybride

Nummer 3 braucht eine neue Frisur. Die alte Frisur – kess asymetrisch vom einem zum anderen Ohr länger werdend – ist rausgewachsen.

Nun gehöre ich wie mein Mann gern pathetisch ausdrückt „zu einer alten Friseurfamilie“. Das ist so nicht ganz korrekt, da das einzige Familienmitglied, das jemals eine Ausbildung zum Friseur gemacht hat, mein Vater ist. Und da war er 14 – ist also schon über ein halbes Jahrhundert her. Er hat auch nie in seinem Beruf gearbeitet. Wie auch immer –  ich habe die Grundtechniken von ihm gelernt und verwende sie nun innerfamiliär.

Also sprach ich gestern Nummer 3 an: „Nummer 3, die Frisur ist nicht mehr so wie du sie haben willst. Möchtest du, dass ich sie nachschneide oder möchtest du eine andere?“

Ich schmunzelte, nahm ihr Deckhaar mit beiden Händen hoch und deutete damit einen Irokesenschnitt an:

„Vielleicht so? Mit viel Haarspray?“

Dazu Nummer 2: „Ja, das sieht klasse aus! Dann siehst du aus wie ein Gockelmensch!“

Wider die Etikette

Ach, was ist das für ein schönes französisches Wort: Étiquette.

Vermutlich ist das in Frankreich sogar noch angesagt, das gute Benehmen. Es gibt das als Teleskopwort für das weltweite Netz als „Netiquette“. Auch ganz schön. Und Elternratgeber sowie Kinderseminare zum Thema Gutes Benehmen. Und ich bin so retro-tradiert, dass ich eine Menge darauf gebe.

Vorgestern bei uns:

Nummer 3 erfreut sich unter Gleichaltrigen großer Beliebtheit, was wiederum uns als Eltern freut. Sie scheint die richtige Persönlichkeit zu haben um sich a) durchsetzen zu können b) ausreichend empathisch und humorvoll zu sein.

Und so warteten vorgestern vor unserer Haustür sechs Kinder gemischten Geschlechts auf sie, während sie noch schnell drinnen die Hausaufgaben erledigen musste. Sie hatte schnell das Mittagessen hineingeschlungen und wir anderen saßen noch am Tisch. Als er klingelte.

Nummer 3 machte auf und es trat eine schnatternde, kichernde Stampede in unser Haus. Da wir die untere Etage in offener Bauweise haben (was ich nicht leiden kann, aber mir gefiel das Haus dennoch gut), standen sie auch gleich direkt neben mir.

„Sie sagen, sie haben Durst,“ verkündete Nummer 3 und Nummer 1 stand typisch hilfsbereit auf um Becher auszuteilen.

Ich wollte den Überfall ein bisschen unter Kontrolle bringen, der sich da binnen Sekunden vollzog.

„Hallo,“ grüßte ich die Kinder recht freundlich.

Und bekam keine Antwort.

Daraufhin nahm ich Blickkontakt mit einer Freundin Nummer 3s auf und wiederholte den Gruß.

Nichts.

Aber sie stampften durch meine Küche und grapschten nach Bechern, bestellten Wasser und Saft. Sagten nicht Danke und schwirrten wieder davon. Nummer 2 und ich tauschten einen argwöhnischen Blick.

Als der Überfall vorbei war, kippte noch müde ein stehen gelassener Becher um. Vor der Haustür auf den Stufen lag der nächste Becher.

Nummer 2:

„Sag mal, Mama, ist das meine Sozialphobie (sie nennt ihre für sie typische Unsicherheit so) oder war das gerade ein nerviger Überfall ohne Bitte und Danke?“

Ich: „Äh … ich muss mich gerade sammeln – ja, das war so einer.“

Nummer 2: „Finde ich komisch. Ich kann dir schwören, ich sage immer Guten Tag oder Hallo, wenn ich irgendwo reingehe. Und ich bedanke mich auch, wenn ich etwas zu trinken oder zu essen bekomme. Ist schon komisch, dass mir die Jüngeren schlechter erzogen vorkommen. Als wäre ich schon erwachsen und die Jugend würde nerven …“

Ich musste zwar schmunzeln aber es machte mich auch nachdenklich.

War das dieses Mal eine Ausnahme, weil sie als Horde hereinkamen wie die wilden Wikinger und in dieser berühmten Hordendynamik agierten?

Also gestern gleich wieder geprüft. Nächstes Kind, nächstes Glück:

Eine Freundin einer unserer Töchter ist sehr redselig. Dabei achtet sie grundsätzlich nicht darauf, ob jemand zuhört und schwatzt kategorisch dazwischen, wenn jemand etwas sagt. Fragen beantwortet sie nicht, weil sie nicht hinhört. Sondern sie wartet, bis man den Schnabel hält und redet dann weiter in ihrem Thema. Sie stellt sich auch locker neben mich während ich esse und guckt mir auf den Teller.

Wenn ich dann sage: „Kind, ich esse gerade.“ sagt sie nur: „Ach, das stört mich nicht.“

Auch sie hat nur gegrüßt, als ich drei Mal in steigernder Lautstärke: „Hallo Marianne!“ gerufen habe.

Kinder drängeln sich vor, wenn man mit dem Kinderwagen in ein Geschäft will, treten einem dabei auf die Füße. Befreundetes Kind warf mir schon seine Stiefel vor die Füße, damit ich sie ihm anziehe, nach meiner Weigerung trat es mich gegen das Schienbein.

Erst vorgestern fielen mir langsam all die kleinen Begebenheiten auf, die mich schon in der Vergangenheit stutzig machten.

Gibt es eine Unhöflichkeits-Epidemie oder bin ich einfach schon in dem Alter, in dem man die nächsten Generation als die schlechter erzogenen empfindet?

Pappa ante Kühlschrank

Meine Frau und ich haben einen alteingesessenen Streit darüber, ob man den Alltag besser mit Zetteln oder digitalen kleinen Helfern organisiert. Sie sammelt notwendige Einkäufe die Woche über auf einem Zettel am Kühlschrank, ich hingegen schreibe die Einkäufe immer bei Evernote auf. Sie hat einen Ordner voller Kochrezepte, ich ein Google Doc und einen Chefkoch-Account. Reparaturen trage ich mir in Wunderlist ein, und meine Standardantwort, wenn jemand etwas von mir will, ist folgende:

„Moment, ich trage mir das eben ein. Wann soll ich das erledigen?“

Vor kurzem erzählte sie mir dann von einem befreundeten Ehepaar, bei dem der Einkaufszettel-Konflikt gelöst wurde, indem der Mann den Einkaufszettel am Kühlschrank einfach abfotografierte.

Ich: „Hast Du ihr erzählt, dass ich Dir ein Archiv der Tiefkühltruhe angelegt habe?“

Peinlich berührtes Schweigen. Dabei war das eine tolle Idee – ich hatte alle angebrochenen Gemüsetüten einfach in Evernote vermerkt und die Liste mit meiner Frau geteilt. Wenn sie jetzt beispielsweise den Brokkoli aufbrauchte, hätte sie ihn nur streichen müssen, und wir hätten nächsten Samstag gewusst, dass wir welchen brauchen.

„Nein, das wir mir zu sehr Pappa ante portas, Du Rentner.“
„Was soll das denn heißen? Ich wollte uns nur Zeit sparen!“

Sie bleibt dabei, dass sie mein 1a System bis heute eher peinlich findet. Wir nennen das mittlerweile Pappa ante Kühlschrank.

Katzenliebe

K1 hat ja letztens auf unbekannte Weise versucht Selbstmord zu begehen. Okay, es war vermutlich eher ein Unfall. Das Ergebnis war aber das gleiche: ein riesiges Loch in seiner Brust, das wir erst operieren und dann stationär versorgen lassen mussten. Die Rechnung war von der folgenden Art:

„Nun, wie viel ist es Ihnen denn wert, nicht zum Katzenmörder zu werden?“

Okay, das war jetzt übertrieben. Aber K1 ist jetzt ein wirtschaftlicher Totalschaden.

Wir mögen ihn aber trotzdem. Nummer 2 hat ihm zum Beispiel letztens eine Katze aus Katzenleckerchen gebaut:
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Da ist er doch glatt zum Kannibalen geworden.

Back from the USA

Freitag Abend bin ich wieder in Deutschland gelandet. Die Woche war zwischen Jetlag, Meetings und dem Abendprogramm ziemlich schnell rumgegangen – ich habe jeweils morgens bei mir/ nachmittags in Deutschland versucht mich kurz per Facetime zu melden und ansonsten war ich mit meiner Familie meistens nur per Facebook und Whatsapp in Kontakt. 

Ohne dass es jetzt eine übergreifende Geschichte gibt (berufliche Details interessieren hier ja nicht), will ich einfach mal ein paar Eindrücke zusammenfassen. Also los:

Wenn man in San Diego ankommt, wird man zunächst sehr freundlich begrüßt:

Foto 1

Dann kommt die Security. 90 Minuten in einer Warteschlange mit Handyverbot, überwacht vom Sternenbanner und den anwesenden Grenzbeamten sind eine sehr, sehr lange Zeit. Zumal die erwähnten Grenzbeamten auch wirklich jeden Handynutzer zurechtweisen. 

Na ja, irgendwann war die Wartezeit vorbei. Für jeden erfahrenen US-Reisenden ist dieser Dialog vermutlich öde, aber für mich war diese Erfahrung noch neu:

Border Official: „Good evening, Sir. Are you visiting the United States for business or pleasure?“

Ich: „Business.“

BO: „What kind of business?“

Ich: „Oh, well, I have a company meeting in San Diego.“

BO: „What kind of business is it?“

Ich: „It´s a worldwide meeting of …“

BO: „What kind of business, Sir?“

Ich erwartete schon, dass sie mich wieder nach Hause schicken, weil ich offensichtlich zu blöd bin das Einreisequiz zu beantworten. Dann aber kam mir der rettende Einfall:

„Consultancy.“

Das war das Zauberwort. Die Frage galt nicht meinem Business, sondern meinem Business. Er lächelte.

„Welcome to the United States, Sir.“

Als ich den Flughafen verließ, wunderte ich mich ein wenig dass es schon dunkel draußen war. Es war halb acht Ortszeit, da hätte ich von California noch eine schöne knallrote Dämmerung erwartet. Aber na ja, das hätten Eingeweihte wohl auch schon besser gewusst. Also schnappten wir (ich war mit einem Kollegen zusammen angereist) uns ein Taxi und fuhren zum Hotel. 

Tja, besonders viel habe ich von den nächsten Tagen eigentlich nicht zu erzählen. Ich verbrachte den größten Teil des Tages in einem Hotel-Meetingraum, dessen Klimaanlage auf „as cold as humanly possible“ eingestellt war. Einen Abend verbrachten wir im Haus von unserem Boss, den zweiten in einer VIP-Lounge in einem Baseballstadion. Das Essen war – typisch amerikanisch – recht … üppig.

Hot Dogs

Der Kühlschrank

Und dann war da noch der „Foam Finger“. Einige Kollegen beklagten sich, dass ihre besseren Hälften irgendwelche teuren US-Mitbringsel bei ihnen bestellt hätten. Und dass sie diese noch besorgen und bezahlen müssten. 

„Da hab ich es gut,“ meinte ich. „Meine Frau wollte nur so einen Riesenfinger.“

Den ich natürlich direkt vor Ort im Stadion besorgen konnte:

Foam Finger

 

Tja, leider haben die Padres an dem Tag ziemlich verloren. Das Stadion war auch nicht besonders voll. Es war aber trotzdem ein Erlebnis. Bei mir sind vor allem die „Facts“ hängengeblieben, die wirklich für jeden Spieler während des Spiels auf dem großen Bildschirm eingeblendet werden:

Fun Facts

Da stehen dann Sachen wie:

„War in der Saison 2008 der einzige Spieler der Padres, dessen Vor- und Nachname mit dem gleichen Buchstaben anfing.“

Natürlich auch echte Baseball-Facts … aber auch Trivia dieser Art. Man beachte übrigens die „Wienerschnitzel“-Werbung auf dem Foto.

Den größten Nervenkitzel erlebte ich übrigens noch auf der Rückreise, als ich in London aufgrund der Rush Hour fast meinen Anschlussflug verpasste. So richtig knapp war das, ich wurde als letzter Reisender zu Fuß über das Rollfeld gebracht gerade bevor die Kiste dicht gemacht wurde. Hab ich schon mal erwähnt dass ich die Rush Hour in London hasse? 

Allein über Nacht – Teil 3

Home und Castle und so

Weihnachten. Ich schmückte den Weihnachtsbaum als das Telefon klingelte und ich einen unerfreulichen Anruf meines Vaters bekam. Sehr anstrengend. Ich hatte keine Zeit für seine projektiven Generationskonflikte. Persönliche Krisen halten manchmal auch nahe Verwandte nicht dazu an, sich zurückzunehmen oder Probleme zu vertagen – das habe ich während dieser Lebensphase auch lernen müssen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich schmückte das Bäumchen (ich erinnere mich grad erst richtig daran. Hab ich den rangeschleppt oder wer war das?) und sah mir die Weltmeisterschaft im Baumfällen der Frauen an. Im Ernst. Ich war angespannt aus vager Vorfreude, weil meine Intuition mir sagte, mein Mann wäre Weihnachten zuhause. Und angespannt wegen vager Befürchtungen, meine Intuition sei in Wirklichkeit bloße Hoffnung. Ich wusste aber: Wenn ich nur richtig viele Kugeln an den Baum hänge, dann klappt es und mein Mann darf nach Hause kommen. In der Psychologie nennt man so was „magische Gedanken“ – wir alle haben das manchmal…

Der nächste Tag kam. Ich fuhr ins Krankenhaus. Und sah gleich beim Betreten des Zimmers, dass die Infusion weg war und mein Mann nicht mehr schwitzend vor Fieber im Bett lag. Die Lungenentzündung war weg! Ich suchte den Arzt auf und erfuhr, dass die Reha bereits feststand. Und von dort aus dürfe er dann Weihnachten nach Hause. Sie war jedoch weit weg von unserem Zuhause und ich würde meinen Mann nicht täglich besuchen können. Aber wir dachten noch, dass wir ihn ja an den Wochenenden nach Hause holen konnten. Nun vielleicht noch mal drei, vier Monate, dann ist er ganz Zuhause.

Das Weihnachtsfest kam und mein Schwiegervater holte meinen Mann zu uns nach Hause. Wir genossen unseren Weihnachtsschmaus von McDo. Mein Mann konnte schlecht kauen, allein den Mund beim Kauen zu schließen war schwierig. Uns war das alles egal. Er war zuhause und es schien Jahre her zu sein als ich dort auf dem Sofa gesessen und den Notruf gewählt hatte. Die Kinder bekamen ein Holzbarbiehaus und meine Schwägerin baute es (stundenlang und geduldig) mit mir auf. Leider waren meine Schwiegereltern erkältet und mussten etwas früher wieder aufbrechen. Meine Schwägerin und ich legten irgendwann nach dem Richtfest des Hauses die Inbusschlüssel nieder und brachten dann auch meinen Mann zurück in die Reha. Ich hätte heulen können als ich ihn verabschieden musste und dachte auf dem Heimweg immer: „Ich könnte ihn doch zuhause behalten. Wenn die zwei Therapien am Tag nicht wären.“ Er hatte mir ja schon gesagt, dass da nix Großes passiert am lieben langen Tag, aber er dennoch da bleiben sollte.

Auch am zweiten Weihnachtstag durfte er zu uns und wir feierten mit meinen Eltern – meine Mutter hatte gekocht und alles mitgebracht. Es gab Pute und es entstand ein jahrelanger running gag. Mein Mann bat um noch mehr Pute, doch durch die noch teils gelähmten Gesichtsmuskeln sagte er „Fute“. Unsere mittlere Tochter wähnte ganz begeistert, es gäbe noch eine Leckerei und fragte: „Was ist denn das? Fute?“ Es war jenes befreiende Lachen, das man manchmal erwähnt hört, das wir in diesem Moment erlebten.Mein Mann stemmte nach dem Essen die Hände auf den Tisch und stand kurz aus dem Rollstuhl auf. Meine Eltern applaudierten. Wir brachten ihn abends mitsamt Rollstuhl und Urinflasche wieder zurück. 

Im Autoradio lief in der Zeit der Krankheit immer mal wieder „Rehab“ von Amy Winehouse. Und immer wenn sie (so oder ähnlich) sang „They try to make me go to Rehab but I said no no no“ dachte ich stets: „Ja und mein Mann wird das genau so handhaben. Er sagt ganz sicher auch irgendwie No no no zu einer monatelangen Rehab.“

Heimweg mit Hindernissen

Ich hatte geplant, unser Bett im Schlafzimmer abzubauen und das schnörkelige Metallteil im Wohnzimmer aufzustellen. Ich war ja überzeugt, ihn von Freitag bis Sonntag zuhause haben zu dürfen. Ich besorgte eine Toilettensitzerhöhung und baute das Bett ab. Trug es nach unten und baute es mit einem Hochgefühl auf. Die Matratze stopfte ich die Wendeltreppe hinab. Dann überlegte ich, ob mein Mann in der Küche gewaschen werden konnte, denn die einzige Toilette im Erdgeschoss war das winzige Gästeklo. Ich telefonierte mit meinem Vater über die Reha und meinen vagen Gedanken, meinen Mann ganz nach Hause zu holen. Mein Vater meinte: „Ganz ehrlich? Mich würden da auch keine zehn Pferde hinkriegen. Und dein Mann ist auch so ein stolzer, sturer Bock wie ich. Lass ihn. Du und er, ihr werdet das zusammen hinbekommen. Ich habe daran keinen Zweifel. Ihr seid beide willensstark und belastbar. Das ist ein Ding, das ihr schaffen könnt, denn wenn er erstmal zuhause wäre, dann hättest du weniger Stress, weniger Fahrerei und es wäre entspannter. Ich traue Euch das zu. Ganz gleich, was Andere sagen werden.“

Dann fuhr ich am letzten Dezembertag mit den Kindern zu ihm in die Reha-Klinik, um ihn über Nacht für das Silvesterfest abzuholen. Da sagte der Stationsarzt: „Tut mir leid, Herr Eldorado. Sie können nicht über Nacht nach Hause fahren. Wir können dann ihr Bett nicht mit der Kasse abrechnen, wenn sie da nicht drin liegen.“ Wir waren aber bockig und bestanden darauf. Da kam der gute Mann autoritär um die Ecke (eigenwillige Patienten sind ja auch das Letzte):

„Also wenn sie jetzt da raus gehen (er meinte wohl eher „raus rollen“), dann entlasse ich sie!“

Und ich: „Und wenn sie das tun, was dann?“

Der Doc: „Ja dann, dann… müssen sie alle Therapien ambulant zuhause machen!“

Mein Mann: „Das geht?“ (mit Leuchten in den Augen)

Doc (zurückrudernd): „Da muss ihre Frau sie immer hinbringen. Täglich!“

Ich: „Wie? Kein Krankentaxi?“

Doc (leicht ertappt): „Öh ja…das…geht..auch. Aber ich empfehle ihnen dringend, bei uns zu bleiben. Ich geh jetzt zur Visite. Sie können sich das überlegen, bis ich zurück bin. Aber ich rate dringend, dringend ab.“

Okay, Stammesrat!

Mein Mann: „Du hast mich an der Backe. Ich bin ein Pflegefall. Ja, du bist Familienpflegerin und ich weiß, du kannst das bestimmt. Aber die Frage ist: Willst du das? Und das für einen unbekannten Zeitrahmen?Das ist ja ne Hausnummer, drei keine Kinder plus Pflegefall… Eigentlich kann ich das gar nicht entscheiden. Dass ich will ist ja klar.“

Ich: „Ja, ist okay. Kann ich. Ich hab Schiss, das wird ein Abenteuer. Aber du bist zuhause. Du bist nervlich fertig. Ich bin fertig. Die Kinder sind fertig. Du solltest bei uns sein. Wir sind alle ziemlich durch.“

Da stand ich auf und packte ein, was ich brauchen würde: Urinflasche, Waschschaum, Bettunterlagen, Schutzhosen und und und.

Der Doc kam zurück: „Und? Haben sie sich das überlegt?“

Mein Mann: „Ja, entlassen sie mich.“

Doc: „Haben sie sich das auch gut überlegt?“

Mein Mann (im Traum): „Nein, ich bin dämlich. Ich überlege derart wichtige Dinge nie gut. Ich agiere so aus dem Bauch heraus und ins Blaue hinein. Dafür bin ich bekannt. Ich sitze nicht wegen einer Autoimmunerkrankung im Rollstuhl, sondern weil ich versucht habe, auf einen galoppierenden Stier zu springen.“

Mein Mann (in Echt): „Absolut. Ich will nach Hause. Wir schaffen das. Meine Frau ist tiptop in Krankenpflege. Tschüss.“

Und was nach den folgenden Formalitäten kam, erinnere ich wie in einem witzigen Roadmovie. Die Else (so nenne ich mich manchmal) schnapp den Mann im Rolli, schmeißt ihm die kleine Tochter auf den Schoß und ruft zu den beiden Kindergartenkindern: „Lauft! Lauft los zum Auto!“

Und dann brausten wir schnell aber lautlos durch die teppichweichen Flure zur Eingangshalle, meldeten uns ab und verschwanden mit wehenden Mänteln und Schals zu unserem Auto. Ich benutzte den Rolli als Katapult und schleuderte ihn danach in den Kofferraum, warf die Kinder in die Sitze und verschwand mit – natürlich – quietschenden Reifen. Es war haargenau so. Wirklich.

Auf dem Rückweg waren wir zum Platzen gefüllt mit Glück. Der „Dada“ würde nach Hause kommen!

Unsere Kleinste sang einen spontan gedichteten, euphorischen Choral. Da war sie so siebzehn Monate alt. „Dada wieder Dada. Dada wieder Dada…“