Krieg der Sockenhalter

Aus beruflichen Gründen bin ich mit meinen Facebook-Likes ziemlich freigiebig: Wenn ein Unternehmen irgendwas halbwegs Interessantes macht und mir im Zuckerberg-Netz über den Weg läuft, bin ich dabei. Das hat zur Folge, dass ich natürlich auch diversen Elternseiten und Babyshopping-Clubs folge. Und das kann manchmal ziemlich interessant sein …

So lässt sich nämlich dort beobachten, dass die Social Media-Manager dieser Seiten herausgefunden haben, dass sie einige ihrer Kennzahlen durch die Ausnutzung scheinbar grundlegender Mütter-Eigenschaften leicht in die Höhe treiben können.

(Ich bitte um Verzeihung für die sexistische Vereinfachung auf die Gruppe „Mütter“, aber laut meiner Beobachtung sind da halt hauptsächlich Mütter. Natürlich führen rückständige Genderverächter wie ich in solchen Fällen immer die normative Kraft des Faktischen an, aber ich kann halt auch nicht aus meiner Haut 🙂 )

Für alle von Euch, die sich mit der professionellen Kommunikation über soziale Medien noch nicht beschäftigt haben kurz zur Erklärung (alle Vollprofis bitte weghören):

Unternehmen wollen natürlich nicht nur möglichst viele Fans beispielsweise auf Facebook haben, sondern unter denen auch noch eine möglichst hohe Aktivität. Will heißen: wenn ich Social Media-Spezi beim Babyshoppingclub „Babys sind süß“ bin, habe ich irgendwo in meinen Zielen drinstehen dass möglichst viele Leute meine Posts kommentieren, liken oder teilen sollen. Mal ganz vereinfacht gesagt.

Und wie lässt sich das am einfachsten erreichen? Indem ich die inhärenten Minderwertigkeitskomplexe von Müttern ausnutze. Denn auf eines kann man sich verlassen: Wenn irgendeine Mutter im Internet irgendeine Meinung äußert, ist eine Kollegin nicht weit, die ihr diametral widerspricht und sie (höchstwahrscheinlich auch) persönlich angreift. Warum? Weil Mutter sein ein so gesellschaftlich nicht-existenter Beruf ist, dass seine Vertreterinnen scheinbar jede Gelegenheit nutzen, um sich auf Kosten von Leidensgenossinnen aufzuwerten.

Beispiel gefällig? Nehmen wir Sockenhalter.

Wir hatten für Nummer 4 Sock-Ons, die halt die Socken am Fuß festhalten:

Irgendwann hat dann auch eine Babyseite von den Dingern gehört und sie bei Facebook gepostet. Kommentar (so in etwa):

„Was haltet Ihr davon?“

Reaktionen folgten schnell. Die ersten Mütter fanden sie noch lustig bis unnötig (dabei sind sie prima!), doch wehe, als die erste es wagte zu posten „Finde die super!“ Dann ging es los.

„Also wir haben so was früher ja auch nicht gebraucht!“

„So was können doch nur Leute gut finden, die zu faul sind ihren Babys die Socken wieder anzuziehen!“

„Wenn man sein Baby liebt macht es einem doch nichts aus die Socken jede Stunde wieder anzuziehen!“

Und so weiter. Was man in diesem Kontext nicht vergessen darf: Es ging um Sockenhalter. Ich meine, die kann man ja gerne irgendwie unnötig finden – geschenkt. Ich finde 80 Prozent aller Baby- und Kinderprodukte irgendwie eigentlich unnötig. Aber die Art und Weise, wie da wirklich moralisch und emotional attackiert wurde, war schon irgendwo erschreckend.

Sockenhalter sind natürlich nicht das einzige Thema. Autositze, aber auch Mode und Spielzeug eignen sich ebenso gut, so lange man sich nur schön darüber streiten kann. Es darf halt nur nichts sein, wo wenigstens weitgehend Konsens herrscht. Wobei, um ehrlich zu sein fallen mir nicht so viele Dinge ein, die durch dieses Kriterium herausfallen …

Eltern sind natürlich nicht die einzige Gruppe, die von diesem Kontroversen-Clickbaiting betroffen sind. Was meint Ihr, warum Onlinemedien so gerne über Veganer oder Apple-Produkte berichten? Weil auch diese Themen Garanten für fiese Nahkämpfe unter den Lesern sind. Man kann es den Unternehmen aus meiner Sicht nicht einmal wirklich vorwerfen. Genausowenig wie man Apple-Nutzern und -Hassern vorwerfen kann, das sie eben jenes sind.

Wenigstens einer beteiligten Gruppe kann man aus meiner Sicht jedoch wirklich einen Vorwurf machen: den Müttern nämlich. Sie sitzen ja (anders als Veganer und Fleischesser) theoretisch in einem Boot. Dennoch schlagen sie genauso bereitwillig aufeinander ein wie diese Antagonisten und lassen sich allzu leicht für dieses Clickbaiting ausnutzen. Im Widerstreit um moralische Überlegenheit, sogar bei Sockenhaltern. Auch wenn ich die Erklärung schon herbeipsychologisiert habe – richtig astrein finde ich dieses Verhalten nicht …

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