Wider die Etikette

Ach, was ist das für ein schönes französisches Wort: Étiquette.

Vermutlich ist das in Frankreich sogar noch angesagt, das gute Benehmen. Es gibt das als Teleskopwort für das weltweite Netz als „Netiquette“. Auch ganz schön. Und Elternratgeber sowie Kinderseminare zum Thema Gutes Benehmen. Und ich bin so retro-tradiert, dass ich eine Menge darauf gebe.

Vorgestern bei uns:

Nummer 3 erfreut sich unter Gleichaltrigen großer Beliebtheit, was wiederum uns als Eltern freut. Sie scheint die richtige Persönlichkeit zu haben um sich a) durchsetzen zu können b) ausreichend empathisch und humorvoll zu sein.

Und so warteten vorgestern vor unserer Haustür sechs Kinder gemischten Geschlechts auf sie, während sie noch schnell drinnen die Hausaufgaben erledigen musste. Sie hatte schnell das Mittagessen hineingeschlungen und wir anderen saßen noch am Tisch. Als er klingelte.

Nummer 3 machte auf und es trat eine schnatternde, kichernde Stampede in unser Haus. Da wir die untere Etage in offener Bauweise haben (was ich nicht leiden kann, aber mir gefiel das Haus dennoch gut), standen sie auch gleich direkt neben mir.

„Sie sagen, sie haben Durst,“ verkündete Nummer 3 und Nummer 1 stand typisch hilfsbereit auf um Becher auszuteilen.

Ich wollte den Überfall ein bisschen unter Kontrolle bringen, der sich da binnen Sekunden vollzog.

„Hallo,“ grüßte ich die Kinder recht freundlich.

Und bekam keine Antwort.

Daraufhin nahm ich Blickkontakt mit einer Freundin Nummer 3s auf und wiederholte den Gruß.

Nichts.

Aber sie stampften durch meine Küche und grapschten nach Bechern, bestellten Wasser und Saft. Sagten nicht Danke und schwirrten wieder davon. Nummer 2 und ich tauschten einen argwöhnischen Blick.

Als der Überfall vorbei war, kippte noch müde ein stehen gelassener Becher um. Vor der Haustür auf den Stufen lag der nächste Becher.

Nummer 2:

„Sag mal, Mama, ist das meine Sozialphobie (sie nennt ihre für sie typische Unsicherheit so) oder war das gerade ein nerviger Überfall ohne Bitte und Danke?“

Ich: „Äh … ich muss mich gerade sammeln – ja, das war so einer.“

Nummer 2: „Finde ich komisch. Ich kann dir schwören, ich sage immer Guten Tag oder Hallo, wenn ich irgendwo reingehe. Und ich bedanke mich auch, wenn ich etwas zu trinken oder zu essen bekomme. Ist schon komisch, dass mir die Jüngeren schlechter erzogen vorkommen. Als wäre ich schon erwachsen und die Jugend würde nerven …“

Ich musste zwar schmunzeln aber es machte mich auch nachdenklich.

War das dieses Mal eine Ausnahme, weil sie als Horde hereinkamen wie die wilden Wikinger und in dieser berühmten Hordendynamik agierten?

Also gestern gleich wieder geprüft. Nächstes Kind, nächstes Glück:

Eine Freundin einer unserer Töchter ist sehr redselig. Dabei achtet sie grundsätzlich nicht darauf, ob jemand zuhört und schwatzt kategorisch dazwischen, wenn jemand etwas sagt. Fragen beantwortet sie nicht, weil sie nicht hinhört. Sondern sie wartet, bis man den Schnabel hält und redet dann weiter in ihrem Thema. Sie stellt sich auch locker neben mich während ich esse und guckt mir auf den Teller.

Wenn ich dann sage: „Kind, ich esse gerade.“ sagt sie nur: „Ach, das stört mich nicht.“

Auch sie hat nur gegrüßt, als ich drei Mal in steigernder Lautstärke: „Hallo Marianne!“ gerufen habe.

Kinder drängeln sich vor, wenn man mit dem Kinderwagen in ein Geschäft will, treten einem dabei auf die Füße. Befreundetes Kind warf mir schon seine Stiefel vor die Füße, damit ich sie ihm anziehe, nach meiner Weigerung trat es mich gegen das Schienbein.

Erst vorgestern fielen mir langsam all die kleinen Begebenheiten auf, die mich schon in der Vergangenheit stutzig machten.

Gibt es eine Unhöflichkeits-Epidemie oder bin ich einfach schon in dem Alter, in dem man die nächsten Generation als die schlechter erzogenen empfindet?

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8 Gedanken zu “Wider die Etikette

  1. Anscheinend leider nein, Mara. Es ist krass. Ich hätte mich früher nie getraut, mich einfach neben die Mutter meines besten Freundes zu setzen und sie beim Fernsehen vollzuquatschen. (Sie hätte aber auch etwas taff reagiert, so wie ich sie kenne.) Oder auch einfach an den Kühlschrank zu gehen. Ist vielleicht eine Mischung daraus, dass heute die Erziehung in diesem Thema oft etwas mau ausfällt und daraus, dass Erwachsene Kindern gegenüber immer sehr freundlich sein müssen? Müssen wir das? Ich habe hier schon den Ruf „etwas streng“ zu sein unter den Freunden der Nummern 1 bis 3. Nur weil ich eben ab und an eine Grenze setze. Wenn zum Beispiel mit pieksigen Kastanien auf andere Kinder geworfen wird oder ähnliches…

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  2. Hahaha..Dietrich und die zehn Scheiben Wurst. Hinterher kann man über alles lachen, hm? Und das Entleihen meiner Kinder als Gesellschafterinnen kenne ich auch. Nur muss ich mich immer revanchieren. Das bedeutet je nach Terminknappheit gern mal sieben Kinder im Haus. Und nach draußen wollen sie nur, wenn ich sie erst besäusele und dann bedrohe…

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  3. Ich lese gerne hier – wollte ich mal gesagt haben.
    ts ts ts, aber man darf doch nicht ‚anderer Leut’s Kinder‘ als unerzogen darstellen! Sie sind doch alle geliebte Kinder auf Gottes großem Erdenrund und ihre liebenswerten Eigenheiten sind naturgemäß von sehr unterschiedlicher Ausprägung… ähm ja. Und da es keine ’schlechter erzogenen Kinder‘ gibt, gibt es auch keine Eltern, die ’schlechter erziehen‘. Jeder ist anders und hey: lieben wir nicht alle unsere Kinder und wollen nur das Beste für sie? (Dieser Minimalkonsens = antipädagogischer Schutzwall gegen einen allzu differenzierten Diskurs über Erziehung). Jeder darf so machen, wie es für seinen Mattis-Leander passt, weil wenn das mit der Liebe stimmt, dann passt’s schon… Also bitte: in Zukunft einfach mal das Positive an dieser Invasion sehen: Agieren die Kinder nicht erfrischend frei, unkonventionell? Sind sie nicht bewundernswert zielorientiert (sachliche Kommunikation ohne unnützes Beiwerk) und willensstark?

    Wenn’s mit dem Schönreden nicht klappen sollte, stimmt deine Konklusion wohl doch *seufz*. Gibt’s bei amazon eigentlich Rollatoren?

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    • Haha, Cara. Aber im Ernst: Ich habe schon oft versucht, mir das ziemlich exakt so schönzureden.
      Landete aber immer wieder bei meinem eigentlichen Gefühl: Egal, wie sie erzogen sind und egal, wer sie erzieht und auch ganz gleich ob ich es einfach mal nicht allzu sehr bewerte: Sie verfügen anscheinend über wenig angewendete Kenntnisse im klassischen Benehmen.
      So behaupte ich nicht, andere Eltern würden ihre Kinder nicht gut erziehen 😀

      Manchmal finde ich es krass, wenn Eltern bei so etwas zusehen. Bin schon als Hochschwangere aus einer Ladentür geschubst worden, weil so eine Horde Jungs hinein wollte. Die Mutter kam hinterher und reagiert exakt überhaupt nicht. Das war für sie wohl normal. Ich habe dann zwar etwas gesagt, aber sie konnte ihre Mitmenschen ebenso gut ignorieren wie ihre drei Kinder…

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