Allein über Nacht – Teil 3

Home und Castle und so

Weihnachten. Ich schmückte den Weihnachtsbaum als das Telefon klingelte und ich einen unerfreulichen Anruf meines Vaters bekam. Sehr anstrengend. Ich hatte keine Zeit für seine projektiven Generationskonflikte. Persönliche Krisen halten manchmal auch nahe Verwandte nicht dazu an, sich zurückzunehmen oder Probleme zu vertagen – das habe ich während dieser Lebensphase auch lernen müssen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich schmückte das Bäumchen (ich erinnere mich grad erst richtig daran. Hab ich den rangeschleppt oder wer war das?) und sah mir die Weltmeisterschaft im Baumfällen der Frauen an. Im Ernst. Ich war angespannt aus vager Vorfreude, weil meine Intuition mir sagte, mein Mann wäre Weihnachten zuhause. Und angespannt wegen vager Befürchtungen, meine Intuition sei in Wirklichkeit bloße Hoffnung. Ich wusste aber: Wenn ich nur richtig viele Kugeln an den Baum hänge, dann klappt es und mein Mann darf nach Hause kommen. In der Psychologie nennt man so was „magische Gedanken“ – wir alle haben das manchmal…

Der nächste Tag kam. Ich fuhr ins Krankenhaus. Und sah gleich beim Betreten des Zimmers, dass die Infusion weg war und mein Mann nicht mehr schwitzend vor Fieber im Bett lag. Die Lungenentzündung war weg! Ich suchte den Arzt auf und erfuhr, dass die Reha bereits feststand. Und von dort aus dürfe er dann Weihnachten nach Hause. Sie war jedoch weit weg von unserem Zuhause und ich würde meinen Mann nicht täglich besuchen können. Aber wir dachten noch, dass wir ihn ja an den Wochenenden nach Hause holen konnten. Nun vielleicht noch mal drei, vier Monate, dann ist er ganz Zuhause.

Das Weihnachtsfest kam und mein Schwiegervater holte meinen Mann zu uns nach Hause. Wir genossen unseren Weihnachtsschmaus von McDo. Mein Mann konnte schlecht kauen, allein den Mund beim Kauen zu schließen war schwierig. Uns war das alles egal. Er war zuhause und es schien Jahre her zu sein als ich dort auf dem Sofa gesessen und den Notruf gewählt hatte. Die Kinder bekamen ein Holzbarbiehaus und meine Schwägerin baute es (stundenlang und geduldig) mit mir auf. Leider waren meine Schwiegereltern erkältet und mussten etwas früher wieder aufbrechen. Meine Schwägerin und ich legten irgendwann nach dem Richtfest des Hauses die Inbusschlüssel nieder und brachten dann auch meinen Mann zurück in die Reha. Ich hätte heulen können als ich ihn verabschieden musste und dachte auf dem Heimweg immer: „Ich könnte ihn doch zuhause behalten. Wenn die zwei Therapien am Tag nicht wären.“ Er hatte mir ja schon gesagt, dass da nix Großes passiert am lieben langen Tag, aber er dennoch da bleiben sollte.

Auch am zweiten Weihnachtstag durfte er zu uns und wir feierten mit meinen Eltern – meine Mutter hatte gekocht und alles mitgebracht. Es gab Pute und es entstand ein jahrelanger running gag. Mein Mann bat um noch mehr Pute, doch durch die noch teils gelähmten Gesichtsmuskeln sagte er „Fute“. Unsere mittlere Tochter wähnte ganz begeistert, es gäbe noch eine Leckerei und fragte: „Was ist denn das? Fute?“ Es war jenes befreiende Lachen, das man manchmal erwähnt hört, das wir in diesem Moment erlebten.Mein Mann stemmte nach dem Essen die Hände auf den Tisch und stand kurz aus dem Rollstuhl auf. Meine Eltern applaudierten. Wir brachten ihn abends mitsamt Rollstuhl und Urinflasche wieder zurück. 

Im Autoradio lief in der Zeit der Krankheit immer mal wieder „Rehab“ von Amy Winehouse. Und immer wenn sie (so oder ähnlich) sang „They try to make me go to Rehab but I said no no no“ dachte ich stets: „Ja und mein Mann wird das genau so handhaben. Er sagt ganz sicher auch irgendwie No no no zu einer monatelangen Rehab.“

Heimweg mit Hindernissen

Ich hatte geplant, unser Bett im Schlafzimmer abzubauen und das schnörkelige Metallteil im Wohnzimmer aufzustellen. Ich war ja überzeugt, ihn von Freitag bis Sonntag zuhause haben zu dürfen. Ich besorgte eine Toilettensitzerhöhung und baute das Bett ab. Trug es nach unten und baute es mit einem Hochgefühl auf. Die Matratze stopfte ich die Wendeltreppe hinab. Dann überlegte ich, ob mein Mann in der Küche gewaschen werden konnte, denn die einzige Toilette im Erdgeschoss war das winzige Gästeklo. Ich telefonierte mit meinem Vater über die Reha und meinen vagen Gedanken, meinen Mann ganz nach Hause zu holen. Mein Vater meinte: „Ganz ehrlich? Mich würden da auch keine zehn Pferde hinkriegen. Und dein Mann ist auch so ein stolzer, sturer Bock wie ich. Lass ihn. Du und er, ihr werdet das zusammen hinbekommen. Ich habe daran keinen Zweifel. Ihr seid beide willensstark und belastbar. Das ist ein Ding, das ihr schaffen könnt, denn wenn er erstmal zuhause wäre, dann hättest du weniger Stress, weniger Fahrerei und es wäre entspannter. Ich traue Euch das zu. Ganz gleich, was Andere sagen werden.“

Dann fuhr ich am letzten Dezembertag mit den Kindern zu ihm in die Reha-Klinik, um ihn über Nacht für das Silvesterfest abzuholen. Da sagte der Stationsarzt: „Tut mir leid, Herr Eldorado. Sie können nicht über Nacht nach Hause fahren. Wir können dann ihr Bett nicht mit der Kasse abrechnen, wenn sie da nicht drin liegen.“ Wir waren aber bockig und bestanden darauf. Da kam der gute Mann autoritär um die Ecke (eigenwillige Patienten sind ja auch das Letzte):

„Also wenn sie jetzt da raus gehen (er meinte wohl eher „raus rollen“), dann entlasse ich sie!“

Und ich: „Und wenn sie das tun, was dann?“

Der Doc: „Ja dann, dann… müssen sie alle Therapien ambulant zuhause machen!“

Mein Mann: „Das geht?“ (mit Leuchten in den Augen)

Doc (zurückrudernd): „Da muss ihre Frau sie immer hinbringen. Täglich!“

Ich: „Wie? Kein Krankentaxi?“

Doc (leicht ertappt): „Öh ja…das…geht..auch. Aber ich empfehle ihnen dringend, bei uns zu bleiben. Ich geh jetzt zur Visite. Sie können sich das überlegen, bis ich zurück bin. Aber ich rate dringend, dringend ab.“

Okay, Stammesrat!

Mein Mann: „Du hast mich an der Backe. Ich bin ein Pflegefall. Ja, du bist Familienpflegerin und ich weiß, du kannst das bestimmt. Aber die Frage ist: Willst du das? Und das für einen unbekannten Zeitrahmen?Das ist ja ne Hausnummer, drei keine Kinder plus Pflegefall… Eigentlich kann ich das gar nicht entscheiden. Dass ich will ist ja klar.“

Ich: „Ja, ist okay. Kann ich. Ich hab Schiss, das wird ein Abenteuer. Aber du bist zuhause. Du bist nervlich fertig. Ich bin fertig. Die Kinder sind fertig. Du solltest bei uns sein. Wir sind alle ziemlich durch.“

Da stand ich auf und packte ein, was ich brauchen würde: Urinflasche, Waschschaum, Bettunterlagen, Schutzhosen und und und.

Der Doc kam zurück: „Und? Haben sie sich das überlegt?“

Mein Mann: „Ja, entlassen sie mich.“

Doc: „Haben sie sich das auch gut überlegt?“

Mein Mann (im Traum): „Nein, ich bin dämlich. Ich überlege derart wichtige Dinge nie gut. Ich agiere so aus dem Bauch heraus und ins Blaue hinein. Dafür bin ich bekannt. Ich sitze nicht wegen einer Autoimmunerkrankung im Rollstuhl, sondern weil ich versucht habe, auf einen galoppierenden Stier zu springen.“

Mein Mann (in Echt): „Absolut. Ich will nach Hause. Wir schaffen das. Meine Frau ist tiptop in Krankenpflege. Tschüss.“

Und was nach den folgenden Formalitäten kam, erinnere ich wie in einem witzigen Roadmovie. Die Else (so nenne ich mich manchmal) schnapp den Mann im Rolli, schmeißt ihm die kleine Tochter auf den Schoß und ruft zu den beiden Kindergartenkindern: „Lauft! Lauft los zum Auto!“

Und dann brausten wir schnell aber lautlos durch die teppichweichen Flure zur Eingangshalle, meldeten uns ab und verschwanden mit wehenden Mänteln und Schals zu unserem Auto. Ich benutzte den Rolli als Katapult und schleuderte ihn danach in den Kofferraum, warf die Kinder in die Sitze und verschwand mit – natürlich – quietschenden Reifen. Es war haargenau so. Wirklich.

Auf dem Rückweg waren wir zum Platzen gefüllt mit Glück. Der „Dada“ würde nach Hause kommen!

Unsere Kleinste sang einen spontan gedichteten, euphorischen Choral. Da war sie so siebzehn Monate alt. „Dada wieder Dada. Dada wieder Dada…“

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