Hipster-Alarm

Kennt Ihr diese Tage, an denen sie scheinbar in irgendeiner Anstalt Freigang haben? Gestern war so ein Tag. 

Erst fährt ein strunzbesoffener Radfahrer an einer Kreuzung dem Auto vor uns quer über die Kreuzung in die Karre. Einfach so, jeder Ampel oder Verkehrsregel zum Trotz. Ich hatte ja schon mal erzählt, dass eine ältere Dame letztens etwas ähnliches versucht hatte … 

Dann sehen wir auf dem Weg zum Opa plötzlch eine Gestalt auf dem Seitenstreifen der Bundesstraße stehen. Ein bärtiger Mann im abgewetzten Parka stand da und war scheinbar im Begriff zu pinkeln – nur richtete er sich nicht in Richtung der Leitplanke, sondern hielt seinen P…. geradewegs auf die Straße. 

Nummer 1 sah das auch und reagierte ganz cool. 

„Das ist ein Hipster,“ meinte sie nur. „Ganz klar.“

Okay, ich hätte jetzt ein anderes Wort gewählt, aber machen wir mal schnell den Hipstertest:

  • Vollbart? Check. 
  • Altmodische Vintage-Kleidung? Check.
  • Ironische Brechung gesellschaftlicher Konventionen? Check (Falschrumpinkeln).

So verkehrt liegt sie mit dieser Einschätzung ja nicht: Mit der Schnittmenge zwischen Pennern und Hipstern spielte letztens ja auch die Hinz&Kunz-Kampagne mit Kai Diekmann.  

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„Ich habe einen Zahnseidestick! Fliegen Sie sofort nach Bangladesch!“

Morgen fliege ich beruflich nach San Diego. Während die Mädels noch beim Opa sind, schläft Nummer 4 gerade oben in seinem Zimmer, und ich nutze die Gelegenheit schon mal ein paar Sachen zusammenzupacken. 

„Bei unseren Zahnseidesticks gibt es ein Reise-Etui,“ meint meine Frau aus dem Bad. „Willst Du welche mitnehmen?“

„Ich fliege in die US of A, da muss ich doch wohl Zahnseide mitnehmen …“

„Okay, wie viele willst Du denn mitnehmen?“

„Einer reicht, ich mache das ja nicht jeden Tag …“

„Ich packe Dir lieber zwei ein, wenn Du sonst im Baseballstadion siehst was die alle für gute Zähne haben, fühlst Du Dich ganz minderwertig.“

Das entbehrte nicht einer gewissen Logik, also stimmte ich zu. Gerade wollte ich das Reiseetui in meine Kulturtasche stecken, da fiel mir ein:

„Mist, die könnten als Waffe gelten.“

Meine Frau: „Häh? Die Zahnseidesticks?“

Ich nickte nachdenklich. Sie erwiderte: „Was sollst Du denn damit machen? Dir eine Stewardess schnappen und ihr Deinen Zahnseidestick an den Hals halten? ‚Ich habe einen Zahnseidestick – fliegen Sie sofort nach Bangladesch!‘

Ich nickte erneut. „Realistische Angriffsszenarien sind schon lange keine Grundlage mehr für Sicherheitsvorschriften auf Amerikaflügen.“

Nachdem wir also die wichtigsten Klischees durchdiskutiert hatten, fiel mir glücklicherweise ein: Der Kulturbeutel kam ja nicht ins Handgepäck. Nicht einmal ein Sky Marshall würde glauben können, dass ich ein Flugzeug mit einem Zahnseidestick im Frachtraum in meine Gewalt bringen kann. Puuuh …

 

80 über Nacht – Teil 5

Zu dieser Zeit saß ich einmal am Tag im Rollstuhl, konnte meinen iPod bedienen, Nintendo DS spielen und mich mittags an püriertem Schweinebraten verlustieren. Das klingt jetzt wie im Altenheim, und im Ernst, das war es auch – aber ich war ja auch ungefähr so fit wie ein sehr hinfälliger Greis. Der einen schlechten Tag hat.

Mir kam das trotzdem alles ziemlich großartig vor. Es war die erste Zeit, in der ich nicht mehr abends meine Frau um fünf weitere Minuten Gesellschaft beklammern musste, sondern relativ gut für mich selber sein konnte. Die erste Zeit, in der ich wieder richtig mit meiner Umwelt kommunizieren konnte. Und die Zeit, in der ich verstehen musste, dass es für meinen Geschmack immer noch viel zu langsam voranging. 

Ich hatte in den letzten Wochen erstaunliche Erfolge erzielt, aber ich war noch weit davon entfernt alleine laufen zu können. Nach den ersten Dezembertagen war klar, dass mein Plan, Weihnachten nach Hause zu laufen, wohl nicht komplett in Erfüllung gehen würde. Aber wenn man eines lernt durch diese Krankheit, dann ist es seine Wünsche der Realität anzupassen. Also relativierte ich mein Ziel: Ich wollte Weihnachten im Rollstuhl nach Hause. Nach so vielen Wochen im Bett ist ein Rollstuhl schon ein ziemlich großes Ding, kann ich Euch sagen. 

Die Tatsache, dass man nicht laufen oder stehen kann, hat einige unangenehme Nebenwirkungen, die ich hier nicht im Detail erläutern möchte. Nur eins möchte ich erwähnen: Wer nicht laufen oder stehen kann, kann auch nicht auf Toilette gehen. Damit man aber – wenn auch im Rollstuhl – nach Hause kann, muss man es wenigstens schaffen, sich vom Rollstuhl auf eine mit einer Sitzerhöhung ausgestattete Toilette zu befördern. Und das war etwas, was mir zu diesem Zeitpunkt noch schwerfiel. Also hing mein weihnachtlicher Ausflug am Ende an dieser Fähigkeit.

Meine Frau und ich nutzen jede Gelegenheit, mich in den Rollstuhl zu befördern. Angenehmerweise hatten die Schwestern schnell kapiert, dass wir das zu zweit ganz gut hinbekamen (okay, mein Part dabei war nicht sooo wesentlich …) – jedenfalls wurde das toleriert. Ich setzte mich auch so oft wie möglich auf die Bettkante und schaffte das irgendwann schon fast alleine. Dennoch war ich selbst nach solchen minimalen Bewegungen sehr schnell geschafft und war dann auch richtig froh, wieder zu liegen. Das hätte ich mir drei Wochen vorher auch nicht vorstellen können.

Einmal saß ich im Krankenhausbadezimmer und schaute dummerweise in den Spiegel. Es war schräg, in so ein eingefallenes, völlig vom Bart zugewuchertes Gesicht zu schauen aus dem mich Augen anstarrten die gleichzeitig weit aufgerissen und leblos wirkten. Auch der Lidschlag wird beim Miller-Fisher beeinträchtigt. Ich rollte den Stuhl zur Seite und blickte für viele Wochen nicht mehr in den Spiegel. 

Mitte Dezember sah es so aus, als ob mein Plan funktionieren würde. Ich kam mit Hilfe ganz gut rauf und runter vom Donnerbalken, konnte mehrere Stunden sitzen, und wir schafften es mich aus der Senkrechten in die Waagerechte zu bekommen und vice versa. Wir drängten die Stationsleitung, mich rechtzeitig in eine Reha-Klinik zu verlegen, da man von dort auch aus mal nach Hause darf, und es sah so aus als ob ich am 20. Dezember verlegt werden würde.

Dann bekam ich meine dritte Lungenentzündung. Lungenentzündungen sind im kontrollierten Umfeld eines Krankenhauses für junge Menschen kein Drama – man bekommt sofort Antibiotika, ist schlapp und drei Tage später sind sie weg. Aber drei Tage Lungenentzündung bedeutete drei Tage keine Therapie, keine Fortschritte, mit ein bichen Pech sogar Rückschritte. Ich hatte große Angst, dass sich meine Verlegung verzögern würde und mein Plan den Bach runterging. Wir versuchten uns mit dem Gedanken an ein Weihnachten im Krankenhaus anzufreunden, aber das gelang uns nicht. 

Wir hatten nämlich die Weihnachtsfeier der neurologischen Früh-Reha miterlebt. Am dritten Advent wurden nämlich alle Patienten auf die Gänge der Station geschoben und stöhnten, brabbelten und vegetierten so kollektiv vor sich hin. Wer konnte, mümmelte auf einem Keks herum (mich eingeschlossen, auch wenn der Keks lecker war ist es ein ekelhaftes Erlebnis sein Essen nicht vernünftig runterzubekommen), die anderen starrten halt so vor sich hin oder machten irgendwelche Geräusche. Dann wurden außer Reichweite der unberechenbaren Fuchtler Kerzen angezündet und zusammen ein Lied gelallt. 

„Hier ist man Teil von etwas, von dem man nie Teil sein wollte“, flüsterte ich meiner Frau zu.

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Ich weiß, dass das alles nett gemeint war. Aber ich war zu diesem Zeitpunkt so frustriert davon, wochenlang wie ein geistig Minderbemittleter behandelt zu werden, dass meine Toleranz für „gut gemeint“ einfach nicht mehr ausreichte. Ich sagte zu diesem Zeitpunkt ungefähr jeden Tag zu meiner Frau:

„Ich will ein T-Shirt auf dem steht: Ich bin gelähmt, nicht blöd!“

Das konnte auch ein gut gemeinter Keks nicht ausgleichen. Aber ich schweife ab …

Weihnachten im Krankenhaus war jedenfalls nicht das, was wir wollten. Also ignorierten wir diese drohende Gefahr und taten so, als ob nichts wäre. Nur mein Fieber beobachteten wir in diesen Tagen etwas bang …

Es wurde aber gut, mehr oder weniger. Drei Tage vor Weihnachten wurde ich endlich in eine Reha-Klinik verlegt, leider eine, die rund 25 Kilometer von unserem Zuhause entfernt war. Was dann dazu führte, dass ich mir tägliche Besuche abschminken konnte – aber gut, diesen Luxus (an den ich mich bis zur Verzweiflung geklammert hatte) genießt ohnehin nicht jeder. Wichtig war nur, dass das Weihnachtsprojekt funktionierte.

Das Leben in der Reha-Klinik ist geradezu ein Abenteuer – man kriegt dreimal am Tag Therapie, muss selber gucken wie man da hinkommt, und kann sogar allein zu einem Getränkeautomaten rollen. Über Gänge, die einem ziemlich lang vorkommen …

Leider heißt dreimal 45 Minuten Therapie am Tag immer noch sehr, sehr viel Zeit ohne Therapie. Und Ausflüge im Tempo einer fußkranken Schnecke durch die Gänge einer Rehaklinik sind auch nur die ersten drei Mal spannend. Kurzum: Es gab viel zu viel Zeit zum Fernsehen. Und mein Handy und meinen iPod (damals waren das noch zwei Geräte) hatte ich auch nicht mehr allzu lange. Denn es zogen regelmäßig Diebe durch die Station und klauten den Patienten ihre Wertsachen, während diese in der Therapie waren. Dafür gab es zwar einen Tresor im Zimmer – aber den konnte ich mit meinen Händen (die ich als „Krabbenscheren“ bezeichnete) nicht bedienen. Und es war utopisch, sich dreimal am Tag dabei helfen zu lassen …

Das geschah aber nach Weihnachten. Heiligabend hingegen ging der Plan auf: meine Frau kam mit meiner Schwester und holte mich nach Hause. Wir hatten einen Weihnachtsbaum, die Kinder bekamen die Geschenke, das Essen war von McDonalds und ich hockte die ganze Zeit im Rollstuhl.

Kurzum: Ich freute mich wie ein Schneekönig.

„Und was kann ich damit?“

Wir bemerkten letztens, das Nummer 3 am Fuß ein Überbein hat. Sie war natürlich sehr aufgeregt, als sie das hörte. Meine Frau klärte sie auf, dass das ganz harmlos ist, und meinte dann:

„Nummer 3, damit bist Du eigentlich ein Mutant …“

„Cool – was kann ich denn damit?

Ich sage jetzt mal nicht woher sie die Idee hat, das man als Mutant über besondere Fähigkeiten verfügt …

Weltraum-Streitkolben

Seit diesem Wochenende wohnen wir wieder in unserem eigenen Haus. Na ja, in unserer eigenen Baustelle …

Jedenfalls nutzte ich die Gelegenheit, um in Nummer 4s Zimmer die Gardinen anzubringen, da er mittlerweile gelernt hat alleine in seinem Bett einzuschlafen – was logischerweise dazu führt, dass wir wieder ein eigenes Schlafzimmer haben (Yay!)

So sieht das jedenfalls jetzt aus:

IMG_5349Als letztes schraubte ich die Aufstecker … Gardinenstangenpömpel … Wie-auch-immer-die-heißen auf. Meine Frau und ich blickten die blauen Dinger an.

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Ich: „Das hat so ein bißchen Lego Weltraum-Charme … und sieht ein bißchen aus wie ein Streitkolben.“

Meine Frau (die den Rest der Deko verantwortet hat): „Das passt nicht so richtig in ein Waldzimmer, oder? Findest Du´s nicht so gut?“

Meine Antwort: „Gut? Das ist großartig! Was kann es den Besseres geben als einen Weltraum-Streitkolben?“

Ich habe das Gefühl sie war nicht so 100%ig überzeugt. Aber die Dinger bleiben trotzdem dran. 😀

Fresstaurant

Bei uns in der Nähe gibt es so ein chinesisches Restaurant mit Buffet, zu dem wir sehr gerne gehen. Die Auswahl ist riesig, allein die Nachspeisenauswahl ist groß genug, als das man nicht alles bei einem Besuch probieren kann. Das kommt natürlich bei den Mädels gut an.

Für sie beginnt der Besuch daher typischerweise so: Sie strazzen los zum Buffet, schaufeln sich Reis, Erdnusssoße und Krabbenbrot drauf und kommen wieder. Währenddessen ziehe ich mir die erste Portion Sushi rein und sage dann:

„Na, was habt Ihr Euch denn heute an leckerem, gesundem Gemüse ausgesucht?“

Die Antwort: Panierte Hühnchen und zwei winzige Stücke Panade, die Spuren von Gemüse enthalten kann, unter einem weiteren Berg von Erdnusssoße. Ich seufze.

„Jetzt nehmt Euch gleich aber auch noch mal was Vernünftiges!“

Sie flüstern. Ich glaube, das Wort „Gemüsehitler“ zu hören, dann die offizielle Antwort:

„Ich muss aufs Klo!“
„Ich auch!“
„Und ich erst!“

Und weg sind sie. Zehn Minuten später kommen sie zurück mit einem Teller voller Eis, Kuchen und Pudding.

Ich: „Ich habe schon bemerkt, dass Ihr Euch auf dem Klo versteckt habt, als ich was von Gemüse gesagt habe, und jetzt mit Eis wiederkommt …“
Darauf Nummer 3: „Ach Dada, wir sind hier doch auch in einem Fresstaurant!“

Nummer 3 und der Kapitalismus

Letzte Woche wollten die Mädels zum Supermarkt marschieren und ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Vorwiegend Süßigkeiten, vermute ich, aber immerhin auch eine Tüte Milch. 

Nummer 3 hatte nicht mehr viel Geld im Portmonee. Um genau zu sein hatte sie genaue eine Münze. Ihre Schwestern hatten Mitleid und gaben ihr ein wenig Kleingeld ab. 

Daraufhin schüttelte Nummer 3 ihre (nun wieder klimpernde) Geldbörse und meinte lächelnd:

„Ach, ich liebe diesen Klang!“