Genderfreies Hordenchaos

Zuerst fand ich es als Erstlings-Jungs-Mama witzig, in diesem Artikel vielleicht zu erfahren, was wirklich auf mich zukommt. Einen Haufen Klischees kannte ich schon, aber hier vermutete ich echte Erfahrungen.

Ich atmete durch und las Punkt für Punkt. Und während ich las, spürte ich wie ich nickte.

„Moment, das kenne ich doch alles!“

Zumindest die ersten 8 Punkte kann ich alle unterschreiben. Zum Beispiel Punkt 3 (Der Toilettenkampf): Klopapier ist bei uns auch überall. Es ist wie bei einem Halloweenstreich. Und sie nutzen das Klopapier auch um es zu nassen Kugeln zu formen und sich auf kleine Wehwehchen zu drücken. Dann lassen sie es liegen, es trocknet und saugt sich am Untergrund fest. Klodeckel kann man rauf – aber niemals runterklappen. Man kann die Spülung betätigen oder es zu Gunsten interessanterer Betätigungen einfach lassen. Als Überraschung für den Toiletten-Nachfolger.

Ich kenne auch den Schmutz, die Liter an Duschgel (1 Flasche pro Kind pro Bad), das Chaos überall, die Belehrungsresistenz, die vielen durchgerutschten, zerfetzten Jeans. Unsere Mädels sind etwas vorsichtiger und springen nicht mit einem Schirm als Fallschirm vom Dach. Aber ansonsten unterschreibe ich jeden Punkt.

Unter dem Bett einer Tochter(Unter dem Bett einer Tochter…)

Bei Punkt 9 (Ständige Nacktheit) dachte ich schmunzelnd zuerst an die Kelten, die gern mit Gips als Gel in den aufgetürmten Haaren und vollständig nackt in den Kampf zogen. Nacktheit als Ausdruck maskulinem Selbstbewusstseins und Dominanzgebarens. Klang interessant. Dann dachte ich nach. Okay, meine Mädels sind nicht dauernd nackt. Sie sind oft in Unterwäsche und noch lieber ständig im Nachthemd. Das dafür aber gerne bis es wieder ins Bett geht. Und sie ziehen sich dauernd um. Sie spielen Prinzessin Glitzi-Dingsda und wupps ist der rosa Tüllrock aus dem Schrank und das lila Tüchlein dran. Beides landet in der Ecke wenn sie wupps Schule spielen und als Lehrerin eine Hose und eine Bluse tragen wollen. Das wiederum landet dann wupps

Punkt 10 (Der Pimmelgriff): Okay, da fehlt unseren Mädels das Objekt. Aber es hält manche nicht davon ab, sich allabendlich beim Fernsehen in aller Ruhe zu erkunden. Obwohl sie sich bereits bestens kennen müssten.

Jungsmütter sagen gern zu mir etwas wie das Folgende:

„Ach, du hast es gut mit deinen Mädchen. Die sind immer sauber, spielen so lieb Teetrinken mit den Püppchen. Sie furzen nicht laut, sie rülpsen nicht, sie prügeln sich nicht, sie helfen im Haushalt. Sie lieben ihre ordentlichen und schönen Zimmer. Sie kämmen ihre Puppen und haben so kleine Schränkchen in die sie die Puppenkleidchen hängen. Das ist alles sooo süß! Hast du eine Ahnung, wie das mit meinen Jungs ist? Ein Albtraum. Wenn du wüsstest, wie viel ich wasche und ihnen hinterher räume und wie oft ich sie vom Prügeln abhalten muss. Oh, wie oft ich das Selbe predige, das ist so grausam! Mädchen sind da ja ganz anders! Sie sind so aufmerksam und hilfsbereit. Ich würde manchmal echt gern mit dir tauschen. Wenigstens für eine Woche…“

Aber gerne doch. Die Erkenntnis am Ende wäre aber eine andere als zuerst angenommen wurde…

Ich habe immer darauf geachtet, unsere Mädels so weit wie möglich von behindernden („Ich kann mich nicht wehren, weil ich ein Mädchen bin…“) und simplifizierenden (*klimperwimper*…“Räume mir doch ein paar Hindernisse aus dem Weg…“) Gender-Klischees fern zu halten. Heraus kam eine faszinierende Mischung aus sich mit Fäusten und akzentuiert verletzenden Worten wehrenden, ihr Mädchensein liebenden, Frisuren ausprobierenden, Bagger und Motorräder präferierenden, Prinzessinnen anbetenden Mädels, die erst Schwertkampf üben und danach ihre Püppchen bürsten. Sie sind aufmerksam („Mama, kann es sein, dass du einen Kaffee brauchst?) und ignorant („Echt? Das hast du schon tausend Mal gesagt Wann denn? Gestern als du so ‚rumgemeckert hast? Da war ich zu genervt zum Zuhören“).

Ich bin absolut zufrieden.

Ich glaube, es ist eher so, dass man bei vielen Kindern einfach einer Art Horde gegenübersteht. Geschlechterverteilung ist vollkommen egal. Da liegt einfach mehr Klopapier, weil man bei einer Rüge immer etwas erlebt, das ich den Childican Standoff nenne: Sie stehen in alter Western-Manier im Kreis und zielen mit den Zeigefinger gegenseitig aufeinander. „Ich war’s nicht!“

Man spricht im Plural über sie, denkt im Plural über sie und sie verstecken sich im Plural. Das sorgt für Chaos. Das Hordenchaos nämlich. Und dies ist eine Folge der urtypischen Hordendynamik.

Abschließende Gedanken zur Gender-Thematik:

Vielleicht kann man Mädchen in eine angepasste, ruhige und elegante Rolle hinein prägen. Und vielleicht ist das „Das sind halt Jungs“-Argument, das unsere Mädels in der Schule immer hörten, wenn eine Junge sie verhauen oder seinen Penis herumgezeigt hat, nicht hilfreich um die erwünschte Sozialkompatibilität bei Jungs zu erreichen. So nach dem Motto „Die sind halt so, da kann ich leider nichts machen…“ Bei Mädchen hört man so etwas ja nie als Entschuldigung, wenn sie aus Gründen der Macht und Dominanz Andere ausgrenzen und systematisch verletzen. Vielleicht gehen sie subtiler vor, weil das laaange Patriarchat ihnen keine anderen Möglichkeiten ließ und das große Geschlechterkarma in uns allen steckt. Vielleicht ist das auch einfach typisch Mädchen. Wir wissen im Grunde gar nicht, was typisch ist. Eine Type ist ein Buchstabe in einer Schreibmaschine. Das weiß ich. Aber nach Jahrtausenden mit partiell wechselnden und im Grunde gleichbleibenden Rollenbildern – wer kann da noch sagen, was wirklich typisch männlich oder typisch weiblich ist? Jeden Buchstaben „A“ und jedes „Z“ gleich aussehen zu lassen wie eine Schreibmaschine es tut- das ist es jedenfalls nicht.

Vielleicht sind gar nicht alle Jungs lauter, fauler und ignoranter. Ganz sicher ist: Horden sind es…

3 Gedanken zu “Genderfreies Hordenchaos

  1. Witzig, ich hatte in dem Originalartikel unsere Jungs gesucht und eigentlich nicht wirklich gefunden. So richtig typisch ist wohl alles wirklich nicht.
    P.S. Der Hordengedanke gefällt mir.

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  2. Interessant, oder? Die Typen gehören eben doch nur zur Schreibmaschine… Ich finde meine Mädels im „Jungs-Artikel“ bestens wieder und Du Deine Jungs eben nicht so wirklich.

    Freue mich, dass Dir der Hordengedanke gefällt. Irgendwann fiel mir einfach auf, dass man immer im Plural spricht und denkt. Ist irgendwie wie bei den Wikingern. Sie kommen in Vielzahl, nehmen sich was sie wollen und hinterlassen Verwüstung. Da sagt man hinterher auch nicht: „Das waren schon wieder Ragnar, Halvar, Thorfinn, Lasse und Hjorvar…“ Es war die Horde …. 😀

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  3. Pingback: The Man | Essential Unfairness

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