Klopapier und Rosen

Ich habe ja schon langsam das Gefühl, Euch mit unserer aktuellen Vorliebe für The Middle zu langweilen. Aber leider ist die Show so unglaublich lebensnah, dass sich manche Sprüche bei uns regelrecht in den Alltag einschleichen.

Wie zum Beispiel Klopapier und Rosen. Hm, okay, eigentlich wird Klopapier und Rosen dort nie wirklich gesagt – aber wir fanden es so unglaublich treffend, wie der Vater am Valentinstag in der Tür stand, in der einen Hand Rosen, in der anderen … Klopapier.

„Ist das cool“, meinte meine Frau. „Genauso ist es doch in echt, man hat nicht mal Zeit in Ruhe Rosen zu kaufen, weil zuhause währenddessen das Klopapier ausgeht.“

Es gibt wirklich deutlich bessere Zeiten für Romantik als die Babyzeit. Jedenfalls ist Klopapier und Rosen seitdem unser Synonym für die zahlreichen Liebestöter des Alltags mit kleinen Kindern.

So auch heute morgen. Ich sitze im Auto und mir fällt ein, dass Nummer 3 Geld mit in die Schule nehmen muss. Also nehme ich schnell eine Sprachnachricht per Whatsapp auf, um meine Frau nochmal daran zu erinnern. Ihre Antwort:

„Da dachte ich, ich bekomme eine romantische Nachricht von Dir – und was kriege ich? Klopapier und Rosen.“

Meine Antwort: „Na ja, in diesem Fall eigentlich nur Klopapier.“

Ein weiteres Beispiel: Samstags fahren wir momentan nur mit Nummer 4 in den real und kaufen an. Manchmal will eines der Mädels mitkommen. Dann antworten wir:

„Nein, der samstägliche Einkauf ist im Moment unsere einzige Pärchenzeit, da nehmen wir Euch nicht mit.“

Das hat sich zwar durch aktuellen Babyeinfluss verschlimmert, aber Babys sind nicht die einzigen Treiber für diesen Effekt. Wie oft waren die Mädels bei meinem Vater und wir sahen uns einem kinderfreien Freitagabend oder sogar Wochenende gegenüber.

„Und? Was machen wir heute abend? Wir könnten Essen gehen oder eine Flasche Wein aufmachen…“

„Essen gehen? Klingt ziemlich weit … ich bin sooo fertig …“

„Okay, vielleicht bestellen wir uns einfach was und gucken einen Film?“

„Aber das können wir doch jeden Abend machen … wobei … lass uns einfach beim nächsten Mal rausgehen. Okay?“

Ihr könnt Euch denken, was beim nächsten Mal passierte. Klopapier und Rosen. Man kann sich gar nicht vorstellen, was es für Unmengen an Alltagsscheiss gibt, die einen von den schönen Dingen des Lebens abhalten, nicht wahr?

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Es gab auch andere Zeiten – und die kommen irgendwann auch wieder …

 

Full-Service-Eltern

Ich habe es ja vielleicht schon mal angedeutet – das Leben in einer großen Familie ist unfair. Dementsprechend erwarten wir von den drei Großen, dass sie auch ein wenig mit anpacken. Leider haben wir mit dieser unzeitgemäßen Initiative nur mäßigen Erfolg. Zwar bringt die Gegenseite nur selten schlagkräftige Argumente vor* („Boa, der Paul muss aber gar nicht im Haushalt helfen! Und der hat auch einen eigenen Beamer im Zimmer!“) – doch wo sie durch Rhetorik nicht zu punkten vermögen, setzen sie halt auf Sturheit. Jede Aufgabe, die wir ihnen zuteilen, wird entweder …

  • … nur in der Fantasie ausgeführt („Ja, ich hab das gemacht, Mama!“)
  • … künstlich verzögert und in die Länge gezogen („Ich gucke eben noch fertig hier …“)
  • … mit den Schwestern lautstark ausdiskutiert („Aber nur wenn Nummer 3 mir dabei hilft!“)
  • … oder so stümperhaft ausgeführt, dass man sich am Ende wünscht, man hätte es direkt selbst erledigt. („Wie jetzt – das hier ist Eure saubere Küche???!!!“)

Meine Frau und ich haben oft darüber diskutiert, was wir falsch machen. Einen (erheblichen) Teil der Problematik schiebe ich gerne auf kindliche Faul- und Sturheit. Ein anderer Teil ist aber auch einfach Zeitgeist – wie sagt unser neuer Lieblingsteenie Axl (The Middle) so schön:

„Warum habt ihr denn Kinder bekommen, wenn Ihr nichts für sie tun wollt?“

Tjaja, vielleicht wollten wir ja einfach Kinder, ohne für sie das Full-Service-Hauspersonal geben zu wollen? Ich bin jetzt schon mehrmals auf das Thema „Was sollte man Kindern eigentlich bieten können/ wollen“ gestoßen (beispielsweise hier und hier), und ich frage mich langsam welche Rolle Eltern heute eigentlich noch zugedacht ist. Was ich damit sagen will? Ich habe irgendwie das Gefühl, dass der Zeitgeist heute von Eltern Unmögliches erwartet – sie sollen (Qualitäts-)Zeit für die Kinder haben, aber sie Vollzeit betreuen lassen und die dicke Kohle mit nach Hause bringen (beide natürlich), sie sollen ihnen zahlreiche Hobbies ermöglichen, Fernreisen, Luxus-Gadgets und mehr – und ihnen gleichzeitig noch klaglos hinterherräumen, für gefüllte Kühl- und Kleiderschränke sorgen und bei der Pflege sozialer Kontakte unterstützen.

Works_Progress_Administration_maid_posterSo zusammengefasst klingt das wie – die Simulation des adligen Lebensstils des 19. Jahrhunderts. Nicht umsonst sind Kronen wohl eine beliebte Deko für Kinderzimmer. Seht her, wir haben unseren kleinen Prinzen/ unsere kleine Prinzessin geboren, nun ist sie unser einziger Lebensinhalt! Und damit klein Prinzchen auch seine einzige Aufgabe erfüllt, muss er sich immerhin repräsentativ arrangieren lassen. Nicht mit seinem Verhalten – nein! denn die deutschen Zeitgeist-Eltern wagen es ja nicht ihm Vorschriften zu machen! – sondern mit seiner Erscheinung und insbesondere seinem vorausgewählten Konsumstil. Im erwähnten 19. Jahrhundert war der livrierte Diener sehr schick, denn er hatte die folgende Aussage:

„Seht her, sogar mein Personal ist so unpraktisch gekleidet, weil es nicht arbeiten muss, sondern selbst Personal hat!“

Daran fühle ich mich dann und wann erinnert – denn wir haben es ja so gut, dass sogar die kleine Prinzessin Designerkleidung trägt. Obwohl sie in sechs Monaten rausgewachsen ist. Egal – wir haben es ja und zeigen es gern. Es ist zwar etwas teurer, aber dafür ist man unter sich …

Die Eltern hingegen, sollten sie mal von Anwandlungen des Unwillens betroffen sein, kriegen vom Zeitgeist dann folgendes zu hören:

„Aber ihr habt Euch doch für Kinder entschieden!“ (Also müsst Ihr auch alles klaglos hinnehmen, was diese Entscheidung so mit sich bringt!)

Ich bin mir sicher, dass es viele Gegenbeispiele gibt. Aber es gibt auch ebensoviele Beispiele für genau dieses unterwürfige, dienende, konsumstimulierende Verhalten gegenüber den eigenen Kindern, dass mir diese Gedanken nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Bei uns haben wir die Problematik gestern folgendermaßen abgearbeitet: Meine Frau war frustriert, weil unsere Kinder trotz immenser pädagogischer Anstrengungen gefühlt gar nicht so viel sozialer funktionieren als meine oben karikierten Prinzchen. (Hier noch mal kurz an den Anfang des Posts schauen 😉 )

Daraus leitete sich für sie ab, dass sie ja ihren Job nicht gut gemacht hätte – denn statt selbstständigen Wesen, die auch einen Beitrag im Familienleben leisten, sind sie notorische Drückeberger, wenn es um Arbeit geht.

(Die Tatsache, dass wir schon hundertmal gehört haben, dass unsere Kinder auffallend gut erzogen, empathisch, sozial und hilfsbereit sind, ignorieren wir in solchen Momenten des Frusts geflissentlich)

Nachdem ich eine Weile über diese Selbsteinschätzung nachgedacht hatte, wurde mir klar, was passiert ist. Also meinte ich zu meiner Frau:

„Du brauchst nicht zu glauben, dass Du bei der Erziehung einen schlechten Job gemacht hast. Du hast Dir nur die falschen Ziele gesetzt . Du hast unsere Kinder dazu erzogen, möglichst angenehm für sich selbst und für ihre Umwelt zu sein. Aber Du hast sie nicht dazu erzogen, angenehm für Dich zu sein. Von daher hat eigentlich alles perfekt funktioniert.“

Sie war über diese Aussage nicht wirklich amused – dankte mir aber für die Zusammenfassung. Was war jetzt die Moral von der Geschicht? Der Zeitgeist arbeitet schon gegen uns – da sollten wir es selbst nicht auch noch tun. 

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*Nummer 2 hat immerhin schon eine Umfrage unter ihrer Peer Group gestartet, um uns zu beweisen, wie unangemessen diese Forderung ist. Das (äußerst vielsagende) Ergebnis: 1 Befragte gab an, mehr als unsere Mädels machen zu müssen, die anderen hingegen mussten eigentlich nichts machen (sporadisch das Zimmer aufräumen – das zählt bei uns nicht). Erstaunlicherweise hat die 1 High Performerin auch 3 Geschwister … 

Mea culpa.

Gestern haben wir etwas Unerhörtes getan: Wir haben an einer unserer „Sitzflächen“ im Garten eine neue Terrasse fertiggebaut. Sonntags, wohlgemerkt. Mit Säge und Hobel und so. 

Normalerweise, wenn ich so etwas vorschlage, tritt meine Frau mich vors Schienbein und zischt „Sonntagsruhe!“ Leider war das Wochenende bis dahin so arbeitsreich, ermüdend und frustrierend gewesen, dass ich das dringende Bedürfnis hatte, irgend etwas fertig zu bekommen. Was in diesem quasi singulären Fall sogar von meiner Frau akzeptiert und toleriert wurde.

Also war ich in der Tat den größeren Teil des Sonntags mit Arbeiten beschäftigt, von denen einige auch Lärm machten. Aber ich habe mir gedacht: Jemandem wie mir (mit Familie, einem recht aufwändigen Job und so) bleibt ja immer nur der Samstag zum Arbeiten am Haus. Wobei man da ja auch noch Einkaufen muss – Sonntags haben ja die Geschäfte zu …

Jedenfalls quittierte ein(e) anonyme(r) Nachbar(in) diese Aktion heute mit einem handgeschriebenen Beschwerdeschreiben. Sie „würden sich ja sehr über das lebendige und oft laute Spiel unserer zahlreichen Kinder und deren Freunde freuen …“ – aber eben nicht über das Sägen am Sonntag.

Moment mal. Hat da Wer-Auch-Immer gerade die „Sie haben ja viele Kinder und die sind sehr laut“-Karte gespielt, weil ich am Sonntag gesägt habe? Für „Hör auf zu sägen, Arschloch!“ hätte ich ja Verständnis gehabt. Aber dafür – oder für eine sozialverträglichere, persönlichere Variante davon – hat es dann ja doch nicht gereicht.

Im Ernst: Ich weiß, dass es egoistisch von mir war, sonntags Lärm zu machen, weil ich ein Erfolgserlebnis nötig hatte. Von daher hätte ich jedweden Rüffel für diesen Egoismus auch irgendwie akzeptiert, je nach Tonfall entweder zähneknirschend oder eben auch einsichtig. (Wobei in meinem moralischen Kosmos jeder erst einmal einen Freischuss hat und ich nicht bei einem Nachbarn, der einmal eine laute Party feiert, direkt die Polizei rufe – wobei, da kann man anderer Ansicht sein)

Aber den (gar nicht so) dezenten Hinweis darauf, dass wir ja viele Kinder haben (wow, das war mir ja noch gar nicht aufgefallen!) kann ich so nicht akzeptieren. Erst einmal ist diese Kritik in der Sache völlig fehl am Platze. Und wir müssen jedwede Art von kindlicher Lärmbelästigung (die es ja laut höchstrichterlichem Urteil offiziell gar nicht gibt) eigentlich weit von uns weisen, da …

  • … Nummer 1,2 und 3 gefühlt nur dann in den Garten gehen, wenn meine Frau sie mit dem Besen hinausjagt
  • … Nummer 4 irgendwie noch gar nicht in den Garten geht (der kleine Faulpelz)
  • … wir tunlichst vermeiden zu viele Kinder zu Besuch zu haben, da wir dann ja direkt fünf oder sechs im Haus haben (das wäre dann vielleicht „zahlreich“)
  • … wir die Mädels regelmäßig lärmmäßig zur Räson rufen, wenn sie dann doch mal draußen sind und laut werden.

(Vor diesem Hintergrund finde ich es ja fast positiv, dass unsere Großen scheinbar doch nicht so schlimme Smartphone-Zombies sind, wie wir dachten)

Als ich mich heute mit meiner Frau über diesen Vorfall und den zugehörigen Brief austauschte, war sie ziemlich niedergeschlagen und verunsichert. Vor allem natürlich, weil sie fast immer Sorge dafür trägt, dass die Kinder sich rücksichtsvoll und sozialverträglich verhalten. Und auch dafür, dass ich mich rücksichtsvoll und sozialverträglich verhalte – und sonntags nicht säge und so. Und dann passt sie einmal nicht richtig auf und BUMM – hat so ein schön giftig-aggressives, anonymes Schreiben im Briefkasten. Ich hingegen hatte es da leichter und konnte direkt in die „Hey, nimm Dir das nicht zu Herzen“-Kiste greifen. Wir haben kurz darüber diskutiert und kamen zu dem Schluss, dass die Sichtweise auf diesen beispielhaft deutschen Gartenzwerg-Konflikt vor allem vom eigenen Selbstbewusstsein abhängt.

Wie das halt so ist: Ich sorgte mich trotzdem ein wenig um ihren Gemütszustand, da die Erkenntnis allein, dass man mehr Selbstbewusstsein bräuchte, nur selten weiterhilft. Aber als ich nach Hause kam, hatten meine Frau und die Mädels das Problem schon auf ihre Weise gelöst. Kaum stieg ich aus dem Auto, da kam Nummer 2 angerannt und meinte verschwörerisch grinsend:

„Wir spielen Chorprobe! Komm mal und hör zu!“

Und da standen sie alle im Garten und sangen wie die Marines ihr neues Lieblingslied …

 

Lieber anonymer Nachbar. Ich möchte an dieser Stelle nicht vorenthalten, dass ich Dir in der Sache vollkommen recht gebe – meinen Egoismus habe ich ja bereits eingeräumt. Mea culpa. Mea maxima culpa. Es wäre überhaupt nicht notwendig gewesen, mit dem Hinweis auf unsere Kinder zu versuchen, noch mehr sozialen Druck aufzubauen. Sollte aber in Wirklichkeit das sonntägliche Sägen nur der Anlass für eine schon lange auf der Zunge liegende Kritik an unseren Kindern im Garten gewesen sein, dann … ja dann wirst Du die nun täglich stattfindenden Freiluft-Chorproben sicherlich genießen. Nicht.

Die Biene

Nummer 3 suchte heute sehr aufgeregt ihre Biene. Diese Biene ist ein Mini-Radiergummi eben in Form einer Biene, die sie heute auf einem Kindergeburtstag geschenkt bekommen hatte. Leider war sie kurz nach ihrer Rückkehr verschollen. Nummer 3 war felsenfest davon überzeugt, dass die Biene in einer Muschel steckte. Aber sie bekam sie nicht heraus.

Gegen Abend hatte sie aufgegeben. Die Biene war weg – beziehungsweise unerreichbar. Um sie zu trösten, meinte meine Frau:

„Ich habe oben im Gästezimmer noch eine kleine Biene aus Metall, wenn Du willst, kannst Du die haben …“

(Sie hatte diese Biene irgendwo im Haus gefunden und wollte sie eigentlich für Scrapbooking verwenden)

Nummer 3 antwortete treu nickend: „Ich weiß. Die gehört auch mir.“

Meine Frau guckte sie verwundert an. Nummer 3 fuhr fort: „Ich habe viele Bienen. Ich mag Bienen halt sehr gerne.“

Sehr niedlich – nur leider wurde es so nichts mit der Trostbiene …

 

Das tat mir sowieso weh

Heute Nacht kam Nummer 3 zu uns ins Bett, nachdem sie einen Albtraum hatte. Das kommt sehr, sehr selten vor, weshalb wir uns direkt beide um sie kümmerten. Sie legte sich in meinen Arm und ich wartete, bis sie sich ein wenig beruhigt hatte.

Irgendwann fummelte ich mein Handy hervor und blickte auf die Uhrzeit. Mist – es war schon Zeit zum Aufstehen.

„Nummer 3, kannst Du Deinen Kopf mal eben hochnehmen, damit ich meinen Arm da rausziehen kann?“
„Kein Problem,“ meinte sie. „das tat mir sowieso weh.“

Habe ich schon mal erwähnt, dass Nummer 3 eine harte Sau ist?

Gegenbeweis

Meine Frau schmuste letztens mit Nummer 4, während die Mädels sie beobachteten. Sie blickte zu ihren Zuschauern und meinte:

„Kinder, mit denen viel geschmust wird, haben später eine bessere Sozialkompetenz.“ Kurze Pause. „Mit Euch habe ich ja früher auch dauernd geschmust und Euch im Tragetuch getragen und so.“

Nummer 2 dachte kurz nach. Dann meinte sie leicht empört:

„Dann ist das also eine Lüge!“

Wir sind ja mitunter schon ein wenig kritisch, aber so war das in diesem Fall nicht gemeint.