Full-Service-Eltern

Ich habe es ja vielleicht schon mal angedeutet – das Leben in einer großen Familie ist unfair. Dementsprechend erwarten wir von den drei Großen, dass sie auch ein wenig mit anpacken. Leider haben wir mit dieser unzeitgemäßen Initiative nur mäßigen Erfolg. Zwar bringt die Gegenseite nur selten schlagkräftige Argumente vor* („Boa, der Paul muss aber gar nicht im Haushalt helfen! Und der hat auch einen eigenen Beamer im Zimmer!“) – doch wo sie durch Rhetorik nicht zu punkten vermögen, setzen sie halt auf Sturheit. Jede Aufgabe, die wir ihnen zuteilen, wird entweder …

  • … nur in der Fantasie ausgeführt („Ja, ich hab das gemacht, Mama!“)
  • … künstlich verzögert und in die Länge gezogen („Ich gucke eben noch fertig hier …“)
  • … mit den Schwestern lautstark ausdiskutiert („Aber nur wenn Nummer 3 mir dabei hilft!“)
  • … oder so stümperhaft ausgeführt, dass man sich am Ende wünscht, man hätte es direkt selbst erledigt. („Wie jetzt – das hier ist Eure saubere Küche???!!!“)

Meine Frau und ich haben oft darüber diskutiert, was wir falsch machen. Einen (erheblichen) Teil der Problematik schiebe ich gerne auf kindliche Faul- und Sturheit. Ein anderer Teil ist aber auch einfach Zeitgeist – wie sagt unser neuer Lieblingsteenie Axl (The Middle) so schön:

„Warum habt ihr denn Kinder bekommen, wenn Ihr nichts für sie tun wollt?“

Tjaja, vielleicht wollten wir ja einfach Kinder, ohne für sie das Full-Service-Hauspersonal geben zu wollen? Ich bin jetzt schon mehrmals auf das Thema „Was sollte man Kindern eigentlich bieten können/ wollen“ gestoßen (beispielsweise hier und hier), und ich frage mich langsam welche Rolle Eltern heute eigentlich noch zugedacht ist. Was ich damit sagen will? Ich habe irgendwie das Gefühl, dass der Zeitgeist heute von Eltern Unmögliches erwartet – sie sollen (Qualitäts-)Zeit für die Kinder haben, aber sie Vollzeit betreuen lassen und die dicke Kohle mit nach Hause bringen (beide natürlich), sie sollen ihnen zahlreiche Hobbies ermöglichen, Fernreisen, Luxus-Gadgets und mehr – und ihnen gleichzeitig noch klaglos hinterherräumen, für gefüllte Kühl- und Kleiderschränke sorgen und bei der Pflege sozialer Kontakte unterstützen.

Works_Progress_Administration_maid_posterSo zusammengefasst klingt das wie – die Simulation des adligen Lebensstils des 19. Jahrhunderts. Nicht umsonst sind Kronen wohl eine beliebte Deko für Kinderzimmer. Seht her, wir haben unseren kleinen Prinzen/ unsere kleine Prinzessin geboren, nun ist sie unser einziger Lebensinhalt! Und damit klein Prinzchen auch seine einzige Aufgabe erfüllt, muss er sich immerhin repräsentativ arrangieren lassen. Nicht mit seinem Verhalten – nein! denn die deutschen Zeitgeist-Eltern wagen es ja nicht ihm Vorschriften zu machen! – sondern mit seiner Erscheinung und insbesondere seinem vorausgewählten Konsumstil. Im erwähnten 19. Jahrhundert war der livrierte Diener sehr schick, denn er hatte die folgende Aussage:

„Seht her, sogar mein Personal ist so unpraktisch gekleidet, weil es nicht arbeiten muss, sondern selbst Personal hat!“

Daran fühle ich mich dann und wann erinnert – denn wir haben es ja so gut, dass sogar die kleine Prinzessin Designerkleidung trägt. Obwohl sie in sechs Monaten rausgewachsen ist. Egal – wir haben es ja und zeigen es gern. Es ist zwar etwas teurer, aber dafür ist man unter sich …

Die Eltern hingegen, sollten sie mal von Anwandlungen des Unwillens betroffen sein, kriegen vom Zeitgeist dann folgendes zu hören:

„Aber ihr habt Euch doch für Kinder entschieden!“ (Also müsst Ihr auch alles klaglos hinnehmen, was diese Entscheidung so mit sich bringt!)

Ich bin mir sicher, dass es viele Gegenbeispiele gibt. Aber es gibt auch ebensoviele Beispiele für genau dieses unterwürfige, dienende, konsumstimulierende Verhalten gegenüber den eigenen Kindern, dass mir diese Gedanken nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Bei uns haben wir die Problematik gestern folgendermaßen abgearbeitet: Meine Frau war frustriert, weil unsere Kinder trotz immenser pädagogischer Anstrengungen gefühlt gar nicht so viel sozialer funktionieren als meine oben karikierten Prinzchen. (Hier noch mal kurz an den Anfang des Posts schauen 😉 )

Daraus leitete sich für sie ab, dass sie ja ihren Job nicht gut gemacht hätte – denn statt selbstständigen Wesen, die auch einen Beitrag im Familienleben leisten, sind sie notorische Drückeberger, wenn es um Arbeit geht.

(Die Tatsache, dass wir schon hundertmal gehört haben, dass unsere Kinder auffallend gut erzogen, empathisch, sozial und hilfsbereit sind, ignorieren wir in solchen Momenten des Frusts geflissentlich)

Nachdem ich eine Weile über diese Selbsteinschätzung nachgedacht hatte, wurde mir klar, was passiert ist. Also meinte ich zu meiner Frau:

„Du brauchst nicht zu glauben, dass Du bei der Erziehung einen schlechten Job gemacht hast. Du hast Dir nur die falschen Ziele gesetzt . Du hast unsere Kinder dazu erzogen, möglichst angenehm für sich selbst und für ihre Umwelt zu sein. Aber Du hast sie nicht dazu erzogen, angenehm für Dich zu sein. Von daher hat eigentlich alles perfekt funktioniert.“

Sie war über diese Aussage nicht wirklich amused – dankte mir aber für die Zusammenfassung. Was war jetzt die Moral von der Geschicht? Der Zeitgeist arbeitet schon gegen uns – da sollten wir es selbst nicht auch noch tun. 

—–

*Nummer 2 hat immerhin schon eine Umfrage unter ihrer Peer Group gestartet, um uns zu beweisen, wie unangemessen diese Forderung ist. Das (äußerst vielsagende) Ergebnis: 1 Befragte gab an, mehr als unsere Mädels machen zu müssen, die anderen hingegen mussten eigentlich nichts machen (sporadisch das Zimmer aufräumen – das zählt bei uns nicht). Erstaunlicherweise hat die 1 High Performerin auch 3 Geschwister … 

4 Gedanken zu “Full-Service-Eltern

  1. Pingback: Kinder helfen im Haushalt – Teil 2 | Essential Unfairness

  2. Sorry, aber wir haben 7 (sieben) Kinder, sind weder besonders strenge noch übermäßig intellektuelle Eltern. Und ohne angeben zu wollen, habe ich keine Ahnung von was Du da schreibst. Sind Eure Kinder so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft? Unsere jedenfalls achten vollkommen selbstständig darauf, dass alle etwas zum Gelingen der Familie beitragen (ok, das haben wir ihnen so im Laufe der zeit anerzogen). Haben wir einfach genetisches oder sonstiges Glück? Jedenfalls danke ich Dir, für Deinen offenen Beitrag, da er mir das Gefühl gibt, etwas richtig gemacht zu haben bzw. einfach Glück zu haben. Was ich Dir hiermit auch sehr wünsche. Immerhin scheinst Du es mit Fassung zu tragen und kannst dafür meiner Bewunderung sicher sein. Alles Gute!

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    • Danke für Deinen Kommentar – auch wenn er mich jetzt etwas ratlos zurücklässt. Ihr habt echt noch nie gemerkt dass vielen Kindern heute ziemlich der … nachgetragen wird? Cool dass es da Unterschiede gibt, scheinbar kennen wir die falschen Leute. 😉 Ansonsten finde ich es absolut richtig Kinder dazu zu erziehen einen Beitrag zur Familie zu leisten, bin mir sicher dass das bei sieben (wow) noch wichtiger ist als bei vier. 🙂

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  3. Ein seltener Fall! Ich habe in meiner pädagogischen Tätigkeit früher mehrere Großfamilien erlebt, aber keine, in der die Kinder selbstständig, ganz ohne Erinnerungen oder Lustlosgkeit im Haushalt mitarbeiten. Da kann man nur gratulieren!
    Das direkte soziale Umfeld prägt oft negativ mit: Unsere Kinder müssen alle bestimmte Aufgaben übernehmen und tun das meistens klaglos bis gern. Aber wenn sie sich sträuben, dann, weil ihre Freunde komplett bedient werden und sich in unseren Kindern ein (nachvollziehbarer und im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung zu wünschender) Widerstandsgeist regt. Das ist natürlich anstrengend für uns Eltern. Mitten zwischen dienstbeflissen ergebenen Eltern zu leben und quasi fast alleine ein ganz anderes Verhalten der Kinder zu erwarten und ihnen zu vermitteln. Und selbstverständlich wehrt sich ein Mensch gegen Zusatzarbeit – das ist ja ganz normal. Mithilfe in der Familie ist keine Frage der Genetik oder des fragilen Quäntchen Glücks im Leben. Sondern eine des reflektierten, alle Individuen gerecht betrachtenden, pädagogischen Miteinanders.

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