Mea culpa.

Gestern haben wir etwas Unerhörtes getan: Wir haben an einer unserer „Sitzflächen“ im Garten eine neue Terrasse fertiggebaut. Sonntags, wohlgemerkt. Mit Säge und Hobel und so. 

Normalerweise, wenn ich so etwas vorschlage, tritt meine Frau mich vors Schienbein und zischt „Sonntagsruhe!“ Leider war das Wochenende bis dahin so arbeitsreich, ermüdend und frustrierend gewesen, dass ich das dringende Bedürfnis hatte, irgend etwas fertig zu bekommen. Was in diesem quasi singulären Fall sogar von meiner Frau akzeptiert und toleriert wurde.

Also war ich in der Tat den größeren Teil des Sonntags mit Arbeiten beschäftigt, von denen einige auch Lärm machten. Aber ich habe mir gedacht: Jemandem wie mir (mit Familie, einem recht aufwändigen Job und so) bleibt ja immer nur der Samstag zum Arbeiten am Haus. Wobei man da ja auch noch Einkaufen muss – Sonntags haben ja die Geschäfte zu …

Jedenfalls quittierte ein(e) anonyme(r) Nachbar(in) diese Aktion heute mit einem handgeschriebenen Beschwerdeschreiben. Sie „würden sich ja sehr über das lebendige und oft laute Spiel unserer zahlreichen Kinder und deren Freunde freuen …“ – aber eben nicht über das Sägen am Sonntag.

Moment mal. Hat da Wer-Auch-Immer gerade die „Sie haben ja viele Kinder und die sind sehr laut“-Karte gespielt, weil ich am Sonntag gesägt habe? Für „Hör auf zu sägen, Arschloch!“ hätte ich ja Verständnis gehabt. Aber dafür – oder für eine sozialverträglichere, persönlichere Variante davon – hat es dann ja doch nicht gereicht.

Im Ernst: Ich weiß, dass es egoistisch von mir war, sonntags Lärm zu machen, weil ich ein Erfolgserlebnis nötig hatte. Von daher hätte ich jedweden Rüffel für diesen Egoismus auch irgendwie akzeptiert, je nach Tonfall entweder zähneknirschend oder eben auch einsichtig. (Wobei in meinem moralischen Kosmos jeder erst einmal einen Freischuss hat und ich nicht bei einem Nachbarn, der einmal eine laute Party feiert, direkt die Polizei rufe – wobei, da kann man anderer Ansicht sein)

Aber den (gar nicht so) dezenten Hinweis darauf, dass wir ja viele Kinder haben (wow, das war mir ja noch gar nicht aufgefallen!) kann ich so nicht akzeptieren. Erst einmal ist diese Kritik in der Sache völlig fehl am Platze. Und wir müssen jedwede Art von kindlicher Lärmbelästigung (die es ja laut höchstrichterlichem Urteil offiziell gar nicht gibt) eigentlich weit von uns weisen, da …

  • … Nummer 1,2 und 3 gefühlt nur dann in den Garten gehen, wenn meine Frau sie mit dem Besen hinausjagt
  • … Nummer 4 irgendwie noch gar nicht in den Garten geht (der kleine Faulpelz)
  • … wir tunlichst vermeiden zu viele Kinder zu Besuch zu haben, da wir dann ja direkt fünf oder sechs im Haus haben (das wäre dann vielleicht „zahlreich“)
  • … wir die Mädels regelmäßig lärmmäßig zur Räson rufen, wenn sie dann doch mal draußen sind und laut werden.

(Vor diesem Hintergrund finde ich es ja fast positiv, dass unsere Großen scheinbar doch nicht so schlimme Smartphone-Zombies sind, wie wir dachten)

Als ich mich heute mit meiner Frau über diesen Vorfall und den zugehörigen Brief austauschte, war sie ziemlich niedergeschlagen und verunsichert. Vor allem natürlich, weil sie fast immer Sorge dafür trägt, dass die Kinder sich rücksichtsvoll und sozialverträglich verhalten. Und auch dafür, dass ich mich rücksichtsvoll und sozialverträglich verhalte – und sonntags nicht säge und so. Und dann passt sie einmal nicht richtig auf und BUMM – hat so ein schön giftig-aggressives, anonymes Schreiben im Briefkasten. Ich hingegen hatte es da leichter und konnte direkt in die „Hey, nimm Dir das nicht zu Herzen“-Kiste greifen. Wir haben kurz darüber diskutiert und kamen zu dem Schluss, dass die Sichtweise auf diesen beispielhaft deutschen Gartenzwerg-Konflikt vor allem vom eigenen Selbstbewusstsein abhängt.

Wie das halt so ist: Ich sorgte mich trotzdem ein wenig um ihren Gemütszustand, da die Erkenntnis allein, dass man mehr Selbstbewusstsein bräuchte, nur selten weiterhilft. Aber als ich nach Hause kam, hatten meine Frau und die Mädels das Problem schon auf ihre Weise gelöst. Kaum stieg ich aus dem Auto, da kam Nummer 2 angerannt und meinte verschwörerisch grinsend:

„Wir spielen Chorprobe! Komm mal und hör zu!“

Und da standen sie alle im Garten und sangen wie die Marines ihr neues Lieblingslied …

 

Lieber anonymer Nachbar. Ich möchte an dieser Stelle nicht vorenthalten, dass ich Dir in der Sache vollkommen recht gebe – meinen Egoismus habe ich ja bereits eingeräumt. Mea culpa. Mea maxima culpa. Es wäre überhaupt nicht notwendig gewesen, mit dem Hinweis auf unsere Kinder zu versuchen, noch mehr sozialen Druck aufzubauen. Sollte aber in Wirklichkeit das sonntägliche Sägen nur der Anlass für eine schon lange auf der Zunge liegende Kritik an unseren Kindern im Garten gewesen sein, dann … ja dann wirst Du die nun täglich stattfindenden Freiluft-Chorproben sicherlich genießen. Nicht.

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5 Gedanken zu “Mea culpa.

  1. Lasset die Kinder lebendig und laut spielen! :O)

    Also ehrlich. Vor allem dieses Schriftliche und dann noch anonym. Was spricht dagegen, sich über den Gartenzaun zu beugen und „Hey, Nachbar, ehrlich gesagt, ist mir das gerade ein bisschen zu laut!“ zu rufen. Gekoppelt mit einem „Nichts für ungut.“ Du bist ja durchaus kritikfähig.
    Ich finde, schämen sollten sich die anderen …

    Deine Frau kann ich gut verstehen. Ich hatte erst kürzlich eine Situation im Bus, wo ich versucht habe, es ALLEN recht zu machen (nicht nur meinen Kindern) und dann aus Versehen jemanden mit dem Schulranzen angestoßen habe. Was bleibt ist „diese unverschämte, freche Frau“ (ja, ich), wie ich erlauscht habe. Das tut echt weh. Ich hatte der empörten Dame, die sich empörte, ebenfalls empört geantwortet: „Ich habe das doch nicht mit Absicht gemacht!“ Bei näherer Betrachtung habe ich sie noch nicht einmal beleidigt. ( 😉 )

    Huch, da fallen mir noch ganz andere Sachen ein, bis hin, dass Familien ihren Kindern verbieten mit Kindern anderer Familie zu sprechen, geschweige denn zu spielen.

    Gmpf.

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  2. Sehr schön geschrieben, mit Herz und Verve. Und thematisch so breitenkompatibel! Ich bin nicht nur unglaublich tolerant, sondern auch unglaublich großzügig. So erwäge ich mittlerweile eine großzügige Spende an die Familie, die Wand an Wand zu uns im Nachbarhaus lebt. Sie könnten sich ihren Traum vom Eigenheim verwirklichen oder auswandern. Weit weg. Sie haben einen liebreizenden Sohn. Er spielt Schlagzeug. Und übt fleißig. Täglich. Nicht besonders talentiert, aber sehr, sehr laut! Ich habe schon angefangen zu sparen… Zumal die Tochter der Nachbarsfamilie jetzt neuerdings Keyboard spielt und die Eltern das musikalische Treiben mit Helene Fischer aus der Anlage komplettieren. In unserem Haus wird zur Gegenbewegung aufgerufen mit Flöte (unter uns) und vier Babies, die in der verstörenden Nachtruhe die musikalische Untermahlung vermissen und abwechselnd für Unterhaltung sorgen. Sollte noch irgendjemand eine Hand frei haben, um mit einer Säge mitzumachen beim großen Radau, kann er bei uns einziehen! Sonnige Grüße, Rike 🙂

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