Allein über Nacht – Teil 2

Die Früh-Reha
Nachdem mein Mann zwei Tage ohne Probleme atmete und man sich auf der Intensivstation nur kurz darüber wunderte, wieso dies vorher nicht möglich war, wurde er endlich verlegt.
Früh-Reha. Das klang verheißungsvoll.
Rehabilitation – der Freifahrschein zurück in das normale Leben! Da war man quasi schon so gut wie kurz vor dem Marathon, man würde bald fit wie ein Turnschuh sein dank all der Physiotherapie und den anderen unterstützenden, herausfordernden Maßnahmen. Man wäre den ganzen Tag mit Fernsehen, Musik hören, Therapien und irgendwann mit Essen beschäftigt. Man wäre bald wieder ein sprechender, gehender – ach was – joggender Teil der Gesellschaft!
Man wäre…
…allein unter überwiegend für die Therapien zu demotivierten und/oder stummen Mit-Patienten. Man würde lernen, wie unglaublich weit und steinig ein Weg zurück sein kann.

Der erste Zimmergenosse meines Mannes war Herr Müller oder Herr Meier oder Herr Schmidt – nehmen wir doch letzteren Namen.
Herr Schmidt lag im Bett, weil er einen Schlaganfall erlitten hatte. Wenn man ihn zur Therapie holen wollte, lehnte er stets mit wütendem Knurren ab. Er wollte lieber schlafen.
Mein Mann wollte unbedingt mit Therapien starten, sollte aber lieber schlafen. Und ärgerte sich. Herr Schmidt trug zu Übellaunigkeit meines Mannes sehr motiviert bei, da er ein richtig ambitionierter Hobbyschnarcher war. Vielleicht auch schon ein Berufsschnarcher. Nach Umschulung. Wie auch immer. Wenn mein Mann endlich mal einschlief, dann sägte Herr Schmidt ihn wach. Also ersann mein Mann sich eine Taktik. An seinem Finger steckte ein Pulsüberwachungssensor, der über einen angeschlossenen Monitor ein übelst lautes Warnsignal starten konnte. Also startete mein Mann das Warnsignal indem er sich dieses Teil vom Finger streifte. So viel Bewegungsfreiheit hatte er bereits zurückerlangt. Es dauerte, bis er das Ding herunter hatte, aber dann gab es den Alarm und die Schwester kam. Durch den enervierenden Ton war dann auch Herr Schmidt aus dem Schnarch-Schlaf erwacht und hörte mit dem Sägen auf bis er wieder im Tiefschlaf war. Dann startete er wieder und mein Mann machte sich zum Pulsüberwachungssensor-Gegenschlag bereit.

Immerhin konnte er inzwischen so viele Finger bewegen, dass er den iPod benutzen konnte. So härte er sich „Das Lied von Eis und Feuer an“ und noch vieles Andere. Er war wirklich glücklich darüber. Ich will mir gar nicht vorstellen wie es ist, wenn man nur liegen kann. Blind und stumm und unbeweglich. Da ist ein iPod wirklich etwas ganz Besonderes.

Mein Mann träumte sehr viel und sehr schräg während der Krankheit. Die erwähnten medizinischen Experimente waren ein Teil davon. Aber ein Traum, in dem ich bei strahlendem Sonnenschein ausgelassen ins Meer lief und er mir folgen wollte, während ihn jedoch ein medizinischer Schlauch irgendwo an seinem Körper davon abhielt.
Und dann noch der Traum, der bis heute immer mal wieder erwähnt wird, weil er so viel ausdrückt und weil er einfach weh tut, wenn man ihn hört.
Er träumte er sei gesund und zuhause. Er war nicht genesen sondern eben einfach gesund, nicht krank gewesen. In diesem Traum kuschelte er mit unserer mittleren Tochter auf dem Sofa.
Und wachte in seinem gelähmten Körper auf, um ganz allein zu sein.

Die Kinder zu Besuch
Die Kinder durften zu Besuch kommen, sagte die eine Schwester. (Später, bei einem weiteren Besuch, wurden sie der Station verwiesen, weil Kinder dort verboten waren. Wie auch immer – es herrschte eine Sicherheit spendende Einigkeit innerhalb des Personals).

Sie freuten sich, mein Mann freute sich und ich natürlich auch.
Sie waren aufgeregt und wollten die Station stürmen. Ich hatte ihnen natürlich immer wieder gesagt, dass der „Dada“ nicht gucken und sprechen und schon gar nicht laufen konnte. Ich hatte ihnen gesagt, er sähe ein bisschen anders aus. Im Liegen fielen die Gesichtslähmungen, die das zusätzlich zum GBS aufgetretene Miller-Fisher-Syndrom verursacht hatte, zum Glück kaum auf. Es war ein bisschen wie nach einer umfangreichen Botox-Behandlung – einer unserer Scherze…
Ich mahnte die Kinder jedenfalls zur Ruhe soweit möglich. Sie entdeckten ihn und rannten zu ihm an das Bett.
Bis dahin war der Besuch schön.

Danach war er einfach nur noch total stressig und furchtbar für alle Beteiligten. Die Mittlere legte vorsichtig ihre Hand auf den Arm ihres trotz allem schlecht wiederzuerkennenden Papas und dieser hatte sofort Schmerzen. Er war so druckempfindlich, dass sich die Kinderhand wie eine heftig aufgeblasene Blutdruckmanschette angefühlt habe, sagte er später.
Wie auch immer. Die Kinder waren in der Krankenhausumgebung nicht glücklich. Wer ist das schon? Sie wuselten herum. Ich mahnte sie pausenlos zur Ruhe, dirigierte sie zu den Malstiften und trug die Jüngste herum. Dann begannen sie, sich heillos auf dem Boden herumzuwälzen. Eigentlich war das nicht ihre Art aber es war ja auch eine Ausnahmesituation.
Einige Wochen darauf wusste ich dann, dass sie im Krankenhaus immer die Neigung hatten, sich auf solche für sie untypische Arten zu verhalten…
Leider war es also überhaupt nicht schön, so wie man es sich immer ausgemalt hatte, um sich innerlich aufrecht zu halten, wenn es mal wieder besonders schwierig war.
Ich wunderte mich, dass sie so schnell das Interesse an ihrem Lieblingspatienten verloren. Nachher verstand ich die Situation schon. Während dessen gingen sie meinem Mann gehörig auf den Zeiger, so dass er immer wütender gestikulierte, weil er einfach zu krank für so ein Gewusel und Geplapper war. Schließlich schnappte ich sie und ging.

Neues Zimmer
Mein Mann wurde in ein anderes Zimmer verlegt und ich hatte diese Szene, die in schlechten Filmen für Dramatik sorgt: Das Bett war leer als ich ankam. Straff gezogene Laken, zugezogene Gardinen. Mann verschwunden. Ich machte mich auf die Suche und eine Schwester teilte mir dann mit, dass er nun zwei Zimmer weiter läge. Danke für die Info.
Mein Lieblingspatient lag wieder in einem Zweibettzimmer. Neben ihm ein junger Mann, der im Koma zu liegen schien. Sein ebenmäßiges, auffallend attraktives Gesicht lächelte engelsgleich zu welchen Träumen auch immer. An seine Bett saß an manchen Nachmittagen seine Freundin sowie auch seine Familie. Seine Freundin spielte vom Notebook Musik für ihn ab und sprach leise mit ihm. Die Familie wies irgendwann darauf hin, wie gut es meinem Mann bereits gehe und dass er selbst sicherlich auch irgendwann so toll durch Augenzwinkern buchstabieren können würde.
Ich wünschte es ihm ganz fest. Er lächelte ohne Unterbrechung und sah wirklich sehr zufrieden aus.

Mein Mann sah weniger zufrieden aus. Man hatte ihn am Morgen in das Bad geschoben und er hatte sich im Spiegel gesehen. Er musste wohl den „Cast-Away-ich-habe-Feuer-gemacht-Look“ erst einmal verarbeiten. Das volle Haar bildete einen wüsten Rahmen für ein ziemlich gelähmtes Gesicht. Und nicht zu vergessen: Der schief rasierte Bart. Ja, er sah wirklich schon viel, viel besser aus. Geduld war auch hier das Zauberwort wie an allen anderen Baustellen dieser Lebensphase.

Von der Schüchternheit zum Mut
Mein Mann wurde häufig durch den Tubus in seinem Hals abgesaugt. Und musste ewig darauf warten, dass eine Schwester kam, die dies erledigte. Währenddessen stieg der Schleim in der Lunge dann auf Unterseite Oberkante. Oder heißt das Oberseite Unterkante? Ich kann mir das einfach nicht merken…

Er bat um mehr zu trinken und man sagte ihm, das sei nicht möglich, weil ihm nach der Gabe zwei Litern Wasser durch die Magensonde quasi ab dem begonnenen dritten Liter das Wasser in die Lunge laufen würde. So sagte man es ihm wirklich. Und er? Konnte auf diese Frechheit nicht antworten.
Aber ich. Ich lief zur Höchstform auf. Eigentlich hatte ich immer einen gute Portion sozialphobischer Anwandlungen. Bis zu dieser Krankheit. Ich legte mich mit jedem an, wenn es nötig war. Von der Krankenschwester über den Physiotherapeuten bis zum Chefarzt. Ich habe vermutlich furchtbar genervt. Aber es hat sich immer wieder gelohnt.
Wie bei der Beatmungsmaschine, da war ich aber noch sehr nett gewesen.
Nach dem Unsinn mit dem Wasser in der Lunge habe ich dies sofort im Scherzton den Physiotherapeuten erzählt. Die in das Lachen einstimmten:“Ja genau, daher ertrinken auch so viele Leistungssportler, die fünf Liter am Tag trinken. Wenn 2 Liter im Magen sind, öffnet sich der unsichtbare Magen-Lungen-Kanal. Und schwupps ist man ertrunken. Noch während man auf dem Sofa sitzt.“
Die fanden das superlustig. Mein Mann fand es ein bisschen respektlos, so angelogen worden zu sein.
Es gab viele solche ärgerliche Kleinigkeiten. Zum Beispiel nicht dicht geschlossene Cuffs (kleiner Ballon im Hals, der während der Intubierung den eventuell laufenden Speichel zurückhält), wegen denen Lungenentzündungen entstehen. Die wiederum dazu führen, dass dieser blöde Tubus noch ein bisschen länger im Hals bleiben muss. Und die Sprachtherapie warten muss. Und die Logopädin befürchtete, sie habe das irgendwie verschuldet, weil sie zu früh irgendwelche Übungen mit ihm gemacht habe, die sie dann wieder unterlassen wollte. Also sprach ich auch mit ihr und überzeugte sie vom Gegenteil. Woraufhin sie sich im Teamgespräch beim Arzt über die entsprechende Nachtschwester beschwerte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, jeden gegen jeden auszuspielen. Der gute alte Niccolò war ganz bestimmt sehr stolz auf seine strebsame Schülerin. Ganz bestimmt.
Zu dieser Zeit nahm ich zu Hause den Kater einer unserer lieben Freundinnen auf. Dies war als Quarantäne gedacht, da im Wohnort unserer Freundin ein Virus umging, das diese ihrer Samtpfoten bisher verschont hatte. Da der Kater den etwas femininen Namen „Missy“ trug und ich die Erlaubnis unserer Freundin für eine Umbenennung hatte, taufte ich ihn in Ehren an meinen neuen Lehrmeister Macchiavelli.

Fortschritt Rollstuhl
Der erste Rollstuhl war ein gepolstertes Modell mit Kopfstütze. In diesem saß mein Mann halb liegend und konnte sich zum ersten Mal wieder umsehen.
Und genau das konnte er wieder: Gucken- seine Augen waren wieder offen.
Ein guter Tag war das und ich war total glücklich. Ebenso wie es mich beglückt hatte, ihm endlich wieder eigene T-Shirts bringen zu können.
„Bringen sie aber keine guten Shirts, die müssen eh dauernd gewaschen werden – da landet immer der Schleim vom Absaugen drauf,“ sagte die Schwester.
War mir egal. Ich brachte ihm schöne Shirts mit Druck und in kräftigen Farben. Für irgendwas hat man ja seine Waschmaschine.
Schleim vom Absaugen. Worüber man sich plötzlich Gedanken machen musste. Nach der Krankheit sagte mal jemand zu mir:“Es ist schon ungewöhnlich, so eine Lebenssituation wie die ihre. Da lernt man seinen Partner von physischen Seiten kennen, die einem eigentlich erst im Rentenalter begegnen. Pflege bringt Aspekte mit sich, die eine Beziehung nachhaltig verändern.“
Da war was dran.
Viele Bilder muss man äußerst aktiv wieder vergessen.
Nun aber war er im Rollstuhl und ich war froh, ihn mal wieder irgendwohin mitnehmen zu können.
Man muss immer nur kleine Schritte machen in so einer Lebenssituation und sich über genau diese freuen. Es heißt einfach nicht mehr „think big“ sondern eben „think small“ oder auch „tiny“…

Ich habe mir seit meiner Kindheit eine Filmszene eingeprägt, die mir immer wieder geholfen hat, wenn ich mal wieder ungeduldig war:
Sie stammt aus dem Film Momo und zeigt den Straßenkehrer wie er Momo erklärt, dass man morgens niemals die ganze zu fegende Straße betrachten und verzweifeln sollte. Sondern immer nur einen Abschnitt. Diesen fegt man dann in Ruhe. Dann den nächsten Abschnitt und am Abend ist die Straße fertig und der Tag voller kleiner Erfolgserlebnisse.
Er sagte dabei so eine Art Straßenfeger-Mantra:“Ein Atemzug – ein Schritt – ein Besenstrich“ Das habe ich nie wieder vergessen können und manchmal sage ich mir das heute noch vor in nervigen oder überfordernden Situationen.
Das Schöne daran, wenn man zu kleinen Schritten und Straßenfeger-Mantren gezwungen ist, ist die Lehre, die man daraus ziehen kann: Erfreue dich an den kleinen Dingen und nimm ausschließlich, was das Leben dir gibt.

Sprechen für Anfänger
Die Sache mit dem Tubus war klar: Wir hassten das Teil und es musste weg. Wie erwähnt standen aber immer wieder kleine und größere Hürden im Weg. Doch es wurde auf Station von einem Sprechaufsatz erzählt. Ein mysteriöses Ding unter dem wir uns nichts vorstellen konnten. Würde er wie Darth Vader klingen mit dem Teil? Wäre das dann ziemlich cool oder eher furchtbar?
Letztlich war dieser Aufsatz einfach eine Art durchlässiger Stöpsel, der dahin auf den Tubus kam, wo vorher der Beatmungsschlauch angedockt gewesen war. Dadurch atmete man dann und sprach.

Doch bis wir ihn zu sehen bekamen buchstabierten wir. Und diese Ära endete dann mit einem kleinen Gerät mit Tastatur und Display. Witzig war, das die Hülle mit den Blättern auf die ich immer die einzelnen Buchstaben notierte an einem Tag noch exakt neun Blätter enthielt. Und ich dachte: „Wenn diese Hülle leer ist, dann brauchen wir die Blätter nicht mehr.“
Und es kam tatsächlich so!

Dann wurde getippt.
Mein Mann hätte gern so einen Apparat wie Mister Hawking gehabt, aber der war vielleicht etwas zu teuer für eine Kassenleistung. Also tippte er.
Er tippte als erstes – ganz feierlich – ein Zitat aus „Der Herr der Ringe“ und ich kapierte den Witz dahinter nicht: „Wir haben vergessen wie Brot schmeckt“ leuchtete es grün vom Display und ich guckte wohl doof.
Mein Mann gestikulierte und zeigte. Ich kapierte nichts. Dabei hatte er mir nur sagen wollen, dass auch er vergessen hatte wie etwas schmeckt. Erfuhr ich aber erst ein Jahr später als ihm die Situation wieder einfiel und es war mir etwas peinlich. Vielleicht sind Aufmerksamkeit und Empathie in einer Art Fass gelagert und wenn man viel daraus verbraucht, dann ist das gute Zeug irgendwann weg…
Nach dem Tippen kam also irgendwann dieses ominöse Star-Wars-Sprach-Accessoire zum Einsatz. Ebenfalls war uns feierlich zumute als die Schwester das Ding aus der sterilen Verpackung holte.
Wir hörten zum ersten Mal wieder seine Stimme.
Klang schräg, diese Stimme direkt aus dem Hals und auch gar nicht wie Darth Vader – aber wir waren restlos glücklich.

Und wieder nicht so schön
Nicht ganz so schön war, wie viel Geduld man brauchte. Unglaublich viel. Und dieses Vorratsfass mit der Aufschrift „Geduld“ ist bei mir ohnehin fast nie randvoll…
Mein Mann steckte sich zwei Ziele:
Er wollte den Gang entlang laufen und er wollte Weihnachten zu Hause sein.
Beim ersten entmutigten ihn die Physiotherapeuten und beim zweiten die Psychologin. Die nette Dame schaffte es, dass mein Mann sich zugleich wie ein Gemüse und ein Querschnittsgelähmter fühlte. Sie fragte ihn ob er wisse, wo er sei und wie er hieße. Und spielte ein tolles Spiel mit ihm, bei dem er kleinen geometrischen Formen bestimmte Farben zuordnen musste.
„Das ist jetzt vielleicht ein bisschen einfach für sie,“ hatte sie diese Beschäftigung eingeläutet und dann wollte sie ihn wohl motivieren als sie sagte: „Sie wollen Weihnachten zu Hause sein, Herr Eldorado? Peilen sie mal lieber Ostern an.“
Sie hatte wirklich ein Talent darin, ihn sich wie Pinky und nicht wie Brain fühlen zu lassen.
Er tippte mir das Erlebnis als grüne Botschaft und ich flitzte zum freundlichen Personal. Dort sagte ich meinen inzwischen auswendig aufgesagten Text herunter:
„Es mag vielleicht schwer zu erkennen sein, aber mein Mann ist eigentlich ein großer, muskulöser und sportlicher Mann. Er hat einen beachtlichen IQ, ist ein großartiger Vater dreier Kinder und zudem beruflich sehr erfolgreich. Er ist sehr, sehr willensstark und alles in allem eine außergewöhnliche Persönlichkeit wie ich finde. Nun ist er gelähmt. Nicht mehr und nicht weniger. Er ist im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.“

Zack! Damit hatten sie nicht gerechnet. Es änderte jedes Mal den Umgang mit ihm, wenn ich meinen Text aufsagte.
Der Willensstarke wollte mir nach einem Therapieerfolg unbedingt vorführen, wie toll er Stehen konnte. Diese Vorführung wurde wie ein Event geplant. Ich kam früher zur Besuchszeit, die Schwiegereltern passten auf die Kinder auf und ich wurde extra bei den Therapeuten angemeldet. Ich schob meinen Mann in den Therapie-Turn-Raum und die beiden Damen hievten ihn auf die Füße. Er stützte sich auf, stand zwischen einem Geh-Barren.
Zu diesem Zeitpunkt war er dazu verdonnert worden, Uhrglasverbände zu tragen. Kleine Plastikscheiben, die auf die Augen geklebt werden, wenn die Lider nicht richtig schließen. Damit die Augen nicht austrocknet und dauerhaften Schaden nehmen. Diese Gläser beschlagen immer, so dass er wieder nichts sah. Und wieder fand ich das gut-schlecht. Denn ich habe gar nicht stolz gestrahlt sondern mal wieder stumm geflennt.
Er zitterte und schwitzte Sturzbäche, bloß weil er stand. Ich ertappte mich kurz bei dem Gedanken, dass Weihnachten vielleicht ein wirklich hoch gegriffenes Ziel für eine Entlassung war.
Wie auch immer zerschlug ich den Gedanken und lobte meinen Mann lautstark.

Begegnungen
In der Zeit vor Weihnachten war die Heizung im Krankenhaus hoch eingestellt und die Zimmer sehr warm. Wir lagen im Bett und hörten Musik. Mein Mann bat mich irgendwann, das Fenster im Zimmer zu öffnen. Das Fenster war aber an der Seite des Bettnachbarn. Ich bin also zu ihm und fragte den – immer noch selig lächelnden – ob es ihm etwas ausmache, wenn ich das Fenster öffnen würde. Mir war klar, dass er nicht antworten konnte, aber fragen wollte ich dennoch.
Ich wusste inzwischen seinen Vornamen, hatte mit seiner Verlobten das ein oder andere Wort gewechselt und erfahren, dass er nach einem Motorradunfall so da lag. Und ebenso, dass er selber Arzt war.
Jedenfalls sah ich ihn an, während ich um sein Bett herum zum Fenster ging. Vermutlich klingt es geschmacklos, aber später hatte ich (vermutlich um den nun folgenden Schreck zu überspielen) einen Spitznamen von ihm aus der Welt der DC Comics: Harvey Two Face.
Die rechte Seite des Gesichts sah aus als habe ihm ein Riese einen Fausthieb verpasst. Es war so schlimm. Auch ihm fehlte ein Stück Schädel und auch bei ihm hing die Haut nach innen durch wo vermutlich vorher ein Teil seines Hirns gewesen war. Ich atmete tief durch und sagte zu meinem Mann, dass ich nun nicht mehr glauben würde, dass sein Mitpatient irgendwann wieder fit werden würde.
Rund zwei Wochen später traf ich auf dem Flur vor dem Zimmer die Verlobte und sie sah sehr unglücklich aus.
„Wie geht es ihrem Verlobten?“
Sie schüttelte den Kopf:

„Nicht gut. Leider gar nicht gut.“
„Das tut mir sehr leid.“
Wir sahen uns in die Augen. Ich sah ihre Tränen. Dann sagte sie:
„Wissen sie, was ich denke? Ich denke, es ist besser so, als wenn ihr Mann nicht mehr gesund würde. Sie haben drei Kinder, wir gar keine.“
Dann sah sie mir wieder in die Augen und nun weinten wir beide.
Wir haben uns noch gedrückt und dann ging sie.

Die Weihnachtsfeier stand an. Es hingen bereits Ankündigungszettel mit lustigen Weihnachtsmännern auf der Station. Die Kinder freuten sich, da sie nun offiziell dabei sein durften und auch weil die Schwestern etwas von Spekulatius und Schokolade andeuteten.

Meinem Mann machte die Aussicht auf das nahende Fest etwas Erfolgsdruck.
Doch er machte sich gut.
Die Therapeuten setzten ihm das Wochenziel von zwei Schritten und er machte Dreißig. Bald „spazierte“ er zum Ende des Ganges. Danach plumpste er aber in den Rollstuhl, so anstrengend war das. Inzwischen sprach man bereits von der Verlegung in die Reha.
Ich erfuhr, dass ich mir nicht aussuchen konnte, wohin er dann verlegt werden würde: „Irgendwas im Umkreis“ hieß es.
Doch die Aussicht auf einen weiteren Schritt nach vorne war klasse.
Die Weihnachtsfeier war nett. Man holte sogar die Komapatienten und ebenfalls bettlägerigen Schlaganfallpatienten hinzu. Mein Mann kommentierte die Feier mit: „Ja, da ist man Teil von etwas, von dem man nie Teil werden wollte.“
Die Kinder heimsten gefüllte Nikolausstrümpfe, Tonnen von Keksen und heißen Kakao ein.

Schritte vorwärts – Rennen wie Sisyphos
Als die Adventszeit da war konnte mein Mann mit Hilfe sitzen, mit Hilfe Stehen, ein bisschen Laufen, Sehen, Sprechen und – essen!
Der Tubus wurde entfernt, die Wunde geschlossen und er bekam einen großen Pudding. Und mein Mann fand das so eine Geschmacksexplosion, dass er sich fast schüttelte. Aber auch das war ein Highlight. Die Zeit der Höhen und Tiefen war nicht vorbei, aber sie hatte sich auf ein höheres Niveau begeben, so viel stand fest. Noch heute gucken wir diese Sorte Pudding in der Kühltheke immer schmunzelnd an. Unten Vanillepudding und obendrauf Schokosahne. Gefühlte 500 Gramm von beidem. Manchmal schlage ich vor, den Pudding zu kaufen und zusammen zu essen. Aber er lehnt das seit fast fünf Jahren jedes Mal ab.
Endlich wieder angenehme körperliche Gefühle. Er sagte mal, dass es Zeiten gab, in denen der Würgereiz beim Absaugen das einzige angenehme körperliche Empfinden in dieser Zeit gewesen sei. Da ist ein Pudding auf der Zunge ein blendend heller Paradies-Tag.
Ich konnte gar nicht glauben, dass ich bereits mit den Ärzten und Therapeuten darüber sprechen konnte, ihn an Heiligabend nach Hause zu holen. Nur für ein paar Stunden. Es klang himmlisch!

Und bald würde er in die Reha verlegt werden, wenn alles gut ging. Von dort aus dürfte er dann für einzelne Abende nach Hause.
Wenn alles gut ging
Ging es natürlich nicht: Mal wieder eine Lungenentzündung.
Die Aussicht, Weihnachten zu Hause verbringen zu können, wurde also noch ein weiteres Mal in Frage gestellt.

Weiter geht es in Teil 3.

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