Allein über Nacht – Teil 1

Vor ein paar Wochen habe ich einen Artikel in der „Welt“ gelesen, der von einem Mann im Koma handelte. Der Artikel war abwechselnd aus seiner Perspektive (er hatte überlebt) und der seiner Frau geschrieben. Meine Frau und ich fanden das interessant, und so kam die Idee, meinem Erlebnisbericht noch ihre Außenperspektive hinzuzufügen. 

Am Abend vor dem Beginn des Guillain-Barré-Syndroms waren mein Mann und ich uns sehr nah. Eine Eingebung schoss mir durch den Kopf:

“Genieße diesen Moment, denn es wird der letzte für eine sehr lange Zeit sein.“

Dieses frisch erwachte Bauchgefühl, diese tiefe Intuition, sollte mich durch die kommenden Monate (und Jahre) begleiten und mir aus vielem heraus helfen.

Wie es begann

„Mir geht’s irgendwie nicht gut. Ich seh‘ alles doppelt.“

Es gibt sie wirklich. Diese Sätze, die man nie wieder vergisst und die das Leben in „davor“ und „danach“ aufteilen.

Mein Mann hatte sich in den Tagen vor diesem Morgen, an dem er diesen Satz sagte, schon nicht besonders gut gefühlt. „Du siehst aus wie Braunbier mit Spucke“ hatte seine Mutter bei einem Besuch zu ihm gesagt.

Nun richtete er sich also neben mir im Bett auf und sah doppelt. Ich mahnte mich zur Ruhe und sah ihn mir an. Betrachtete das Gesicht, ließ ihn beide Arme ausstrecken, was er konnte. Es war nicht so, dass ein Arm hinabsank. Ich befragte ihn nach Symptomen. Schlaganfall schloss ich schnell aus. Seine Beschwerden waren einfach zu symmetrisch. Aber ich bin keine Ärztin.

Wider besseren Wissens steckte ich ihn ins Bett. Wohl in der Hoffnung, dass Verdrängung des sich zeigenden Problems dieses vielleicht gleich lösen würde. Ich holte das Bügelbrett ins Schlafzimmer, damit er nicht alleine war. Er schlief kurz ein.

„Mein Bauch und meine Füße kribbeln so komisch,“ sagte er beim Aufwachen.

Nun stellte ich das Bügeleisen ab und mich gleich der Realität.

„Okay, geh dich waschen. Du musst zum Arzt, hm?“

Die Kinder mussten in den Kindergarten und das Baby wollte versorgt werden.

Er rief aus dem Bad: „Mein Augenlid hängt so komisch, ich seh‘ aus wie Käpt’n Ahab.“

Ich rauschte zu ihm nach oben.

„Guck mal, wie ich aussehe…!“

Ja, da bekam ich Angst aber ich wusste gleich, dass sie Null Komma Nix bringen würde. Also packte ich das Baby und ihn ins Auto, schrammte im Stress einen Poller und düste zum Doc.

„Hm, ja, ich weiß auch nicht recht. Schlaganfall schließe ich aus,“ sagte die freundliche Ärztin.
„Und Borreliose?“ hakte ich nach.
„Unsicher. Eher nicht. Ich überweise sie ganz schnell mal zu einem MRT.“

Also Überweisung geschnappt, Baby verpackt, Mann an die Hand genommen und wieder ins Auto. Die Untersuchung ergab, so teilte man uns erst auf Nachfrage mit, dass er keine Gehirnblutung oder andere Auffälligkeiten im Gehirn zeigte.

O-okay – was nun?

Wieder nachfragen also. Von allein gab man uns keine Auskunft. Der Tipp war klar, da Hände und Füße und Bauch immer mehr kribbelten und sich das Augenlid immer weiter schloss: Krankenhaus – Notfallambulanz.

Zuhause Station gemacht. Mein Mann rief seine Eltern an. Und er sprach telefonisch mit einem Mann vom Rettungsdienst wegen eines Krankenwagens. Sei nicht nötig, sicherte man ihm zu. Schön, denn das hätte unsere unterdrückte Angst sicher sofort in Panik verwandelt.

Aber das Entsetzen in den Augen meiner Schwiegermutter habe ich noch in Erinnerung. Die Schwiegereltern kamen, damit die Oma sich um unser Baby kümmern konnte. Mein Schwiegervater fuhr uns zur Ambulanz- mein Puls war inzwischen etwas zu hoch für verantwortungsbewusstes Autofahren – sagte die Schramme an unserem Kotflügel, die der Poller hinterlassen hatte.

In der Ambulanz wurde mein Mann nicht lange untersucht. Nur wenige Reflextests, ein paar Fragen und ein prüfender Blick, dann:

“Sie sind ein Fall für die Neurologie. Wollen sie ins Krankenhaus A oder B?“

Wieder mein Bauchgefühl, das entschied, da mein Mann dazu in diesem Moment nicht in der Lage war.Krankenhaus B war die richtige Entscheidung, aber das erfuhr ich erst später, als die superliebe und empathische Ärztin uns dort mitteilte, dass sie Fälle dieser Krankheit häufiger behandelte im Gegensatz zu Krankenhaus A.

Wunderbar, da fühlte ich mich schon irgendwie ein homöopathisch kleines Bisschen besser. Während wir auf den Vater meines Mannes warteten, der sein Auto holte, fragte ich meinen Mann ganz direkt:

„Du willst jetzt nicht gehen, oder?“

Mit gehen meinte ich sterben. Er verstand mich. Und verneinte, während er mir in die Augen sah. So gut er das eben noch konnte.

Das Krankenhaus

Jedenfalls kam mein Mann im Krankenhaus zunächst einmal in die Ambulanz.

„Ja, sie haben wirkliche Probleme,“ stellte der junge Arzt dort treffend wie unsensibel fest und befragte mich nach medizinischer Familiengeschichte und weiteren Details meines Mannes, der kurz darauf in die Röhre geschoben wurde.

Nach einigen Untersuchungen bekam er eine Lumbalpunktion und scherzte dabei noch, dass dies ja sei wie eine PDA unter der Geburt und gar nicht so schlimm, wie die Frauen immer behaupten würden. Ich meinte, dass die Nadel der Punktion etwas heftiger ist und er auch nicht vorher lokal betäubt wurde – aber ich sagte ihm dazu nichts.

Als der Arzt dann zu einem Ergebnis kam, musste ich mich wirklich kurz an der Liege hinter mir festhalten:

„Also, Multiple Sklerose ist es schon mal nicht.“

Puh, dachte ich – so etwas Krasses steht hier im Raum? MS? So etwas Furchtbares könnte in mein, in UNSER Leben treten? Passiert hier gerade so etwas in dieser Größenordung?

„Was denn dann?“ hakte mein Mann zögerlich nach.
„Ich denke, das können wir nur per Ausschlussdiagnose sagen: Es ist wohl das Guillain-Barré-Syndrom.“
„Ach,“ fragte mein Mann, „das, von dem sie vorhin sagten, es würde erst schlimmer und dann wieder weggehen?“ Er schien innerlich erleichtert zu seufzen.
„Ja, genau das. Wir behalten sie nun hier.“

Mein Mann war weg. Auf unbestimmte Zeit.

Ich brauchte ihm nicht mal Sachen zu holen, sagte man mir. Er würde keinen Pyjama brauchen auf der Stroke Unit, der Halb-Intensiv-Station. Da gab es die prima Kittelchen, die ich bisher nur aus amerikanischen Krankenhausserien kannte. Wie auch die tollen Betten, von denen die Schwestern so schwärmten. Wie auch immer.

Aber Zahnbürste und Co durfte ich zumindest holen. Das tat ich dann auch.
Als ich ihn am Abend noch einmal sah, machte ich ihm den Fernseher an, als wäre es ein Trost, das TV im Zimmer zu haben. Ich sprach ihm kurz Trost zu und sagte dazu irgend etwas vermutlich sehr Belangloses.

Mein Schwiegervater fuhr zurück, ich saß neben ihm und meine Gedanken flitzten. Er rief dann seine Frau an, die gerade die Kinder ins Bett bringen wollte und teilte mit, dass es für mich sicher schöner sei, wenn ich erst einmal bei inne bleiben würde, statt mit den Kindern alleine im Haus zu sein. Sie war gestresst, weil sie die Kinder gerade in die Schlafanzüge hatte stecken wollen. Ich musste dann den Kindern erklären, dass ihr Vater für eine lange Zeit nicht bei ihnen sein konnte. Musste ihnen sagen, dass er im Krankenhaus bleiben würde, bis es ihm wieder gut ging.

Sie sahen mich mit großen Augen an.

Wie jetzt? Ihr Papa, der Mann mit den fast zwei Metern Größe und den riesigen Muskeln? Der, an dessen ausgestreckte Arme man sich hängen kann wie an einen Baum? Der sollte krank sein? So richtig? Kein Schnupfen sondern was Richtiges?

„Wie lange ist er denn krank, Mama?“

Ja, das wusste ich nicht. Erst Tage darauf war es klar: Irgendwas zwischen drei und zwölf Monaten hatte man mir mitgeteilt. Ja, etwas vage aber genauer ginge es nun einmal nicht bei so einer Erkrankung.

Mein Schwiegervater saß während des Arztgesprächs neben mir.

„Ihr Mann ist schwer krank im Moment. Das muss man ganz klar sagen. Er wird wieder gesund. Unser letzter Patient mit GbS trägt schon wieder seine Töchter durch die Gegend. Der lag auch so da oben.“

Die Intensivstation

So da oben liegen. Das sah ungefähr so aus:

Mein Mann litt ohne Ende unter den sich ausbreitenden Lähmungen. Natürlich tat er das. Und Schmerzen hatte er auch. Als ich ihn wiedersah war er auf die Intensivstation verlegt worden. Er konnte kaum noch schlucken  und so wischte ich seinen Speichel mit Tüchern von der Zunge. Er lallte schon als er sagte: “Ich will Narkose. Jetzt.“

Die bekam er. Als er wieder aufwachte – zwei Tage darauf und ein kurzes künstliches Koma später – war er stumm und gelähmt.

Er war durch einen Schnitt intubiert. Im Hals. Das bedeutet man kann nicht mehr sprechen und nichts mehr riechen. Nicht mehr schlucken und natürlich gehört eine Magensonde dazu. Ein Beatmungsgerät ebenfalls. Und bis zu 18 Perfusoren, welche die Medikamentierungen regelten. Sie bildeten zwei bis drei grüne Türme im Hintergrund des Bettes an der Wand. Mein Schwiegervater sah sie mit augenscheinlich mulmigem Gefühl an. Ich empfand sie zum Glück als Sicherheit. Gleiches galt für den Monitor der Vitalfunktionen.

Ich betrachtete die Kurven und Messwerte und war beruhigt, dass die Basis der Physis meines Mannes wie am Schnürchen lief. Aber wie er so da lag – das musste man kurz verarbeiten. Das, was ja viele Angehörige so schockt: Ein geliebter Mensch zwischen Kabeln und Schläuchen. Ja, aber…das alles erhielt ihn am Leben. Ein großer Blutwäscheapparat stand im Raum und „wusch“ die schädlichen Enzyme aus seinem Körper. Plasmapherese nennt sich das. Klang gut. Und auch beruhigend.

Ich sah ihn auch irgendwie anders als leblos zwischen Schläuchen:

Er erinnerte mich an eine Serie meiner Kindheit. Irgendwas mit zwei Indianer-Jungs, von denen ich den einen sehr aufregend gefunden hatte. Dieser war irgendwann richtig krank und lag flach in seinem Tipi. Ein richtiger Krieger war er. Und total am Ende.

So sah mein Mann für mich aus. Etwas hatte den riesigen Krieger völlig umgeworfen.

Nur was hatte ihn umgeworfen? Warum war das geschehen? Darüber würden er und ich bei gegebener Zeit schon noch nachdenken. Über das berühmte „Warum“? Man braucht viel Mut, um sich darauf eine Antwort zu geben oder geben zu lassen.

Doch als ich da auf der Intensivstation stand vertagte ich diese Gedanken. Ich weinte stumm – darin war ich schon immer gut. Das kann ich sogar während ich scherze. Ich dachte „Gut, dass seine Augenlider auch gelähmt sind und er mich nicht sieht. Sicher demotivierend, so eine weinende Ehefrau.“

Also scherzte ich. Sagte ihm, dass es sehr elegant von ihm sei, eine Krankheit mit französischen Namen zu bekommen. Klänge schöner als „Morbus Irgendwas“. Lachen konnte er nicht. Nur noch mit dem rechten Zeh zucken. Ich hoffe, er hat geschmunzelt. Man ahnt gar nicht, worüber man so alles lachen kann. Je nachdem, was das Leben einem so offeriert.

In den ersten Tagen fürchtete ich um sein Leben. Ich musste tatsächlich akzeptieren, dass diese Gedanken nun Teil meines, unseres Lebens waren. Gedanken wie: “Mein Gott, wie sagt man seinen Kindern, dass der Papa tot ist?“

Um ehrlich zu sein übte ich das im Kopf immer mal wieder. Stellte mir die Kinder dabei vor. Bekam Panik, beruhigte mich und härtete mich dadurch ein bisschen ab. Ich wollte gefeit sein. Das will ich am liebsten immer. Besonders, wenn etwas derart Großes und Unvorhersehbares in mein Leben getreten ist wie diese Krankheit.

Mein Alltag

Während mein Mann träumte, Außerirdische(?) und Ärzte würden mit ihm illegale Experimente machen (oder Ähnliches, aber Kafkaeskeres), schlug ich mich mit Behörden, gerichtlicher Vormundschaft, reduziertem Einkommen, meiner Arbeit, dem Noro-Virus im dadurch geschlossenen Kindergarten und vielem weiteren herum. Einer kaputten Spülmaschine zum Beispiel. Und plötzlich ausfallenden Glühbirnen an meinem Auto. Und auch plötzlichem unerklärlichem Ölverlust an dem selben. Ich lernte rasch, Glühbirnen zu wechseln und Ölstände zu kontrollieren…

Ich dachte: “Wow, nun werde ich aber selbstständig. Wie unglaublich emanzipiert. Das gefällt mir und das behalte ich bei, auch wenn er wieder gesund ist. Ich pfeif auf alle rollenbezogenen Tätigkeiten. Ich mache alles, das ich augenscheinlich auch tun kann! Okay…und muss…“

Wie sah mein Tag ungefähr aus in dieser Zeit?

  • Morgens gegen 6 aufstehen und sofort in der Klinik anrufen, wann ich zum Waschen kommen kann.
  • Schwiegereltern anrufen und Uhrzeit durchgeben.
  • Kinder zum Kindergarten bringen.
  • Auf Schwiegereltern warten und dann zur Klinik düsen.
  • Meinen Mann ausziehen, waschen, cremen etc.
  • Bei ihm bleiben, wenn die Physiotherapeuten kommen. (Ihn begeistert loben, wenn sie ihm im Bett aufrichten. Er war zausig, abgemagert, zitterte vor Anstrengung und war auch – wie ich da beim ersten Mal bemerkte – von mir sehr schief rasiert worden…)
  • Nach Hause fahren (ihn ungern alleine lassen), Schwiegereltern verabschieden
  • Hinsetzen und arbeiten (Ich bin Texterin, arbeite von zu Hause aus)
  • Kinder vom Kindergarten abholen und kochen.
  • Essen
  • Mit den Kindern spielen, fernsehen, kuscheln, reden
  • Auf Schwiegereltern warten. Mit Schwiegervater ins Krankenhaus zur Besuchszeit (1 Stunde)
  • Nach Hause kommen. Kinder bettfertig machen. Abendessen machen. Kinder in die Betten bringen. Spülen (die Spülmaschine musste ja streiken…)
  • Zeit für mich (Sport machen, Fernsehen. Oder Chatten oder Telefonieren, um mich von Freunden aufbauen und mir Mut machen zu lassen.)
  • In’s Bett. Direkt neben das Handy, das bei einem Notfall meines Mannes sofort klingeln würde. Man schläft übrigens recht schlecht neben so einem Handy…

Das Drumherum

Mein Mann hatte gerade eine neue Arbeitsstelle. Die er nun nicht antreten konnte. Wir fürchteten also um seinen Job. Und unsere daran hängende Existenz. Doch es stellte sich bald heraus, dass sein neuer Arbeitgeber eine formidable Art hatte, mit seinen Mitarbeitern umzugehen. Auch mit denen, die noch keine Sekunde für ihn hatten arbeiten können. Die neuen Kollegen schickten ihm sogar Genesungskarten und unterschrieben alle. Mein Schwiegervater übernahm die Korrespondenz mit dem Vorgesetzten meines Mannes und berichtete ihm immer über alle Fortschritte und den jeweiligen status quo.

70 Prozent des Gehalts zahlt die Krankenkasse bei einer längeren Erkrankung. Das ist gemein wenig, wenn man drei Kinder hat. Aber es ging. Der Dispo rutschte zwar, aber ich hatte zum Glück Einiges gespart, das ich nun verwendete.

Noch mehr Intensivstation

Die Zeit der Intensivstation dauerte neun Wochen, wenn ich mich recht entsinne. Fühlte sich an wie neun Monate…

Dauernd ging es auf und ab. Mit dem Gesundheitszustand und der untrennbar daran gekoppelten Gefühlsachterbahn. Die Werte, Aussichten und Diagnosen, ja, sogar die Menge der Perfusoren lenkten meine Gefühle. Bestimmten sie. Mal Lungenentzündung, dann wiederum zurücklehrende Beweglichkeit (so etwas wie „auch der zweite Zeh kann zucken“). Dann mussten wir uns als Besucher vermummen: Er hatte sich etwas eingefangen oder mitgebracht – da kann man mit Krankenhäusern lange drüber diskutieren…

Der Arzt sagte:

„Sie müssen heute Schutzkleidung tragen, ja, Frau Eldorado?“
„Okay. Warum?“
„Ja, ihr Mann hat ESBL. Also nicht schlimm und nur lokal begrenzt.“

ESBL. Diese vier Majuskeln hatte ich auf einem Bett stehen sehen. Tagelang. Ein Bett, das man mit Folie überzogen hatte und das vor der Intensivstation auf dem Gang stand, auf dem wir warteten, wenn wir zu Besuch wollten.

„Patient hatte ESBL“ hatte dort gestanden. Klang nicht ermutigend, dieses „hatte“. War es das letzte, was er gehabt hatte, ehe das Bett für ihn überflüssig geworden war? Wir vermummten uns jedenfalls. Der Arzt hatte erklärt, der ESBL-Erreger sei nur im Intimbereich aufgetreten und wir alle hätten den manchmal. Nicht Besorgnis erregend sei das.

War das nicht so ein multiresistentes Zeug, das Antibiotika außer Kraft setzen konnte, weil es irgendwas in diesen Medikamenten spaltete? Vielleicht irrte ich mich ja auch…

Zwei Tage darauf – ich kam morgens immer ins Krankenhaus um meinen Mann zu waschen (es tut einem kranken Menschen einfach gut, wenn bekannte Hände ihn überall betasten und zudem bekommt man morgens im Krankenhaus, wenn alle zu beschäftigt sind um einen zu beachten, eine Menge mehr mit als zu den Besuchszeiten) erfuhr ich dann etwas Interessantes:

„Ja, Frau Eldorado, heute müssen sie sich nicht mehr vermummen.“
„Prima. Also ist der Erreger weg oder wie?“
„Nein, aber wir wissen seit eben, dass er nicht gefährlich ist.“

Oh-ha. Hatte man mir nicht zwei Tage zuvor bereits zugesichert, dass der Erreger ungefährlich sei? Ich befand, das so eine Sache schlecht für das Vertrauen sei. Aber nicht zu ändern.

Die Schwestern drehten meinen Mann im Bett. Seine Gesichtsmuskeln schafften immerhin so viel motivierte Teamwork, dass sie Schmerzen ausdrücken konnten. Die Schwestern lasen daraus lieber Angst ab – einfacher. Sie sagten ihm immer wieder, dass er nicht fürchten müsse aus dem Bett zu fallen. Ich bekam das an einem Morgen mit.

„Er hat doch keine Angst. Er hat Schmerzen,“ sagte ich also.
„Wie kommen sie denn darauf?“
„Na, weil er aussieht wie ein Mensch mit Schmerzen. Und weil ich ihn schon ein paar Jährchen kenne.“

Und prompt bekam er Schmerzmittel. Ich ließ ihn danach regelrecht vollpumpen. Er war dauerhigh. Ich dachte, er würde mich dann zwar wegen des Entzugs verfluchen, aber in einem dämmerigen Zustand bekommt man vielleicht nicht mit, dass man ein Mehr-Monatsticket Hölle und zurück gebucht hat.

Also verlautbarte ich die Devise: Immer rein mit dem guten Zeug!

(Ja, der Entzug war fies und dauerte drei Tage – aber beschimpft hat mein Mann mich deswegen bis heute nicht.)

Während der Wochen der Intensivstation lernte ich haargenau, wie wunderbar Gefühle Achterbahn fahren können und wie abscheulich dabei alle Loopings, Winden und Steilfahrten (nach unten) sind.

Immer wieder war ich voller Mut, wusste, mein Mann würde wieder ganz fit. Dann sah ich mich aus dem Haus ausziehen, die Kinder an der Hand und hinein in eine kleine, behindertengerechte Wohnung, wie man sie als Rollstuhlfahrender eben braucht. Ich wusste tief in mir,  dass er ganz gesund werden würde. Ich wusste es einfach.

Aber Angst kann sehr, sehr stark sein. Zudem war ich damals schon eine Angst-Expertin. Mit einer Angst-Erkrankung und Neigung zu Panik-Attacken. In dieser Lebensphase jedoch kam so etwas nicht einmal vor. (Keine Angstgedanken, keine Panik. Kam aber später wieder und zwar mit Wucht. Wunderte mich dann aber nicht…)

Und ich dachte mir: “Hey, ich vertage meine Themen gerade. Jetzt geht es um meinen Mann. Panik ist gerade nicht angesagt. Irgendwann gönne ich mir eine Therapie. Später. Irgendwann.“

Mein Mann hatte wechselnde Bettnachbarn. Sie wechselten aus zwei Gründen: Verbesserung des Zustandes und Verlegung oder Tod. Letzteres ereilte den ersten Zimmergenossen. Er wurde aus der Intensivstation geschoben, während wir draußen auf die Besuchszeit warteten. Auch die zweite Mitpatientin wurde irgendwann verlegt. Ich erinnere mich aber, wie man während einer meiner morgendlichen Besuche das Trennrollo zwischen den Betten herunter zog. Die Mitpatientin musste sauber gemacht werden. Sie hatte abgeführt. So heißt das, wenn man es schafft, sich zu überwinden, einfach in das Bett zu machen. Was soll man auch sonst tun, wenn man nicht aufstehen kann?

Hinter dem schmuddelig wirkenden weißen Rollo kamen Sätze zu mir herüber, die meine Dozentin für Krankenpflege sicherlich sofort hätten ergrauen lassen.

„Boa Frau M.! Was für ’ne Sauerei haben sie denn hier veranstaltet! Guck dir das mal an, Esmeralda!“ rief die eine Schwester und ich fragte mich, wie Frau M. sich da liegend wohl gerade fühlte.
„Mein Gott, Frau M! Das reicht aber für ne ganze Woche! Bah!“ keifte die andere Schwester.

Um einen späteren schamhaften Moment vorwegzunehmen hüstelte ich. Das änderte nichts. Die Damen in Weiß waren in Fahrt.

„Das ist so typisch! Wenn die Ärzte dann mal wieder drei Kapseln Abführmittel verschreiben am Wochenende! Dann haben wir hier die Sauerei!“

Ich hörte sie mit Papier hantieren und Wasser plätschern. Okay und ich roch auch, worüber geflucht wurde.

„Echt toll, die Ärzte! Die sollten das hier mal wegmachen, dann wüssten sie mal, was sie da eigentlich verschreiben.“

Ich seufzte. Hab ich in der Zeit vermutlich oft getan.

Die dritte Mitpatientin kam mit dem Helikopter. Wurde operiert und dann in das Zimmer gebracht. Sie war eine junge Mutter. Sie verfrachteten sie in das Bett, bedeckten sie kaum. So lag die Frau da, eine Brust lag ganz frei, die Decke verlief nur über die andere Seite des Oberkörpers. Niemand änderte daran etwas.

Die Schwester sagte zur anderen: „Ich weiß auch nicht, ob man immer jeden auf Teufel komm raus retten muss…also das hier ist ja wieder mal…“

Der Kopf der Patientin war höllisch geschunden. Noch war dieser gnädig durch Verbände verdeckt. Doch einige Tage darauf lag der Kopf dann ohne weiße Binden da. Oben unter der durch wild anmutend verteilte wulstige Nähe verunzierten Kopfdecke fehlte ein Stück Schädel. Das sah man daran, dass der Kopf oben komplett flach war. Und die Haut etwas durchhing. Ich erinnere mich, meine Schwiegermutter gewarnt zu haben, nur ja nicht nach links zu gucken, wenn sie das Zimmer betrat. Sie wollte ihren Sohn an einem Abend besuchen und musste dafür an der Patientin vorbei.

Ich erfuhr, während ich zwei Tage später auf die Fotos ihrer beiden kleinen Kinder blickte, die von den Schwestern in Bettnähe aufgehängt wurden, dass die Frau einen Autounfall gehabt hatte. Ein Raser hatte sie nervös gemacht, sie hatte irgendwie die Kontrolle verloren. Sie war gefahren, Mann und Kinder waren mit im Auto gewesen. Die Kinder waren auf der Kinderintensiv. Der Mann hatte ein paar blaue Flecken.

Die Frau starb kurz nachdem mein Mann die Intensivstation verlassen durfte, wie ich später erfuhr. Den Namen der Frau werde ich vermutlich nie vergessen.

Und ihren Anblick.

Und die Fotos ihrer Söhne.

Einmal mehr war ich durchzogen vom schmerzendem Mitgefühl. Und auch heute bin ich es noch, wenn ich an die Familie denke.

Unsere Kinder

Ich sprach mit unseren Kindern während dieser Lebensphase immer stets sehr freundlich und richtig aufmerksam liebevoll. Es gab nur einen kleinen Schimpf-Anfall beim Abendessen. Da war eine Flasche Ketchup umgefallen. Super-Gau für die Nerven. Habe mich danach entschuldigt und bekam ein paar nachsichtige, weise Kinderblicke als Antwort.

Die Kinder verpackten das alles gut, wie es mir schien. Jahre darauf erst, wenn ihr Papa auf Geschäftsreise musste, merkte man noch wie traumatisiert sie im Grunde durch diese Erlebnisse waren. Sie hatten immer Angst, weinten und sprachen von der Krankheit. So heißt das bei uns „Dadas Krankheit.“

Sie nennen ihn „Dada“, ihren Papa.

Es gibt vor Dadas Krankheit und bei Dadas Krankheit.

Und sie erzählen von den Albträumen, die sie hatten und den Ängsten und wie es sich anfühlte, sich zu fürchten, er könne sterben. Aber das würde alles sehr viel später erst kommen.

In der akuten Krisensituation hangelt man sich von einem Tag zum anderen und meint, wenn man das Krankenhaus erst verlassen hat, dann sei alles gut. Man muss sich an diesem Glauben auch festhalten. Es ist einfach wichtig, um den Mut zu behalten.

Unsere Freunde

Ich bekam wunderbare Hilfe durch unsere Freunde – von denen man ja immer sagt, man erkenne sie in ihrer wahren Gestalt erst in der Not. Da ist etwas Wahres dran.

Ich bin noch heute sehr dankbar.

Sie kamen und backten Kekse mit den Kindern, sie kamen und badeten die Drei abends nach dem langen Spielen mit ihnen. Sie kamen und bastelten kleine Feen und Prinzessinnen. Sie kamen und fuhren mit den Kindern in den Zoo. Sie kamen und feierten mit  mir meinen Geburtstag, damit ich ein paar Stunden abschalten konnte. Später kamen sie ins Krankenhaus, lasen meinem Mann vor und noch später kamen sie und scherzten mit ihm.

Ich habe richtig echte Nächstenliebe erfahren und begann immer häufiger, abends im Bett mit Gott zu sprechen. Dann sprach ich nicht mehr, sondern hörte zu und tief in mich hinein. Und lernte. Lernte eine Menge Dinge, die mich durch diese Zeit begleiteten und leiteten.

Noch ein bisschen Intensivstation

Als die Zeit auf der Intensivstation sich ihrem Ende näherte und mein Mann auf die Früh-Reha-Station verlegt werden sollte, verhandelte ich mit der Ärztin um den Zeitpunkt.

Mein Mann musste selbstständig atmen. Das tat er (offiziell) noch nicht. Sie gestattete daher, dass die Kinder kurz zu ihrem Papa dürften. Den Tubus in seinem Hals würden sie abdecken, ebenso die Apparate. Mir gefiel der Gedanke und er gefiel mir nicht. Ich wollte, dass sie den Papa in der Vertikalen sahen – nicht stumm und unbeweglich liegend. Sie sollten so wenig wie möglich erschrecken. Und das Schicksal war uns ganz gut gewogen:

(Ja, auch diese Gewogenheit gibt es im Leben manchmal nur in homöopathischen Dosen, die man vermutlich wirklich genau betrachten und annehmen sollte, statt mit der Dosis zu hadern…)

Zuerst hatte mein Mann noch eine weitere Lungenentzündung (klassische Folge der maschinellen Beatmung). Er buchstabierte mir (Mühselige Angelegenheit. Wir schafften fünf Sätze pro Stunde), dass er atmen könne und wolle. Aber die Maschine sei falsch eingestellt und mache Ärger.

Also sprach ich mit einer der sympathischeren Krankenschwestern. Eine von denen, die zugleich auch etwas zu sagen hatten. Ich hatte inzwischen (hab ich Charme oder was?) nette Kontakte zu allen Schwestern geknüpft, köstlichen Bio-Kaffee verteilt, mir natürlich alle Namen und auch ein bisschen Familiengeschichten gemerkt und die Kaffeekasse gefüttert. Da ich ihnen die komplette Morgenpflege eines Patienten (meines Mannes eben) abnahm und dies wohl ganz anständig machte, dabei noch scherzen konnte und alles in allem niemand zur Last zu fallen schien, konnte ich mir ab und an etwas herausnehmen.

Ich tat wirklich absolut alles, das ich überhaupt tat, einzig und allein für meinen Mann. Ich kam mir vor, als habe ich nur für ihn den Macchiavelli gelesen. Das Ziel nie aus den Augen verlieren. Verhandeln wo nötig, Zähne zeigen wo nötig. Beides niemals verwechseln.

Ich musste also nun versuchen, diese Maschine von ihm entfernt zu bekommen.

Ich sagte etwas wie: “Guten Morgen Schwester Bernadette. Ich würde sie gern um einen kleinen Gefallen bitten. Nur um die Moral meines Mannes zu stärken. Wären sie so lieb, ihn noch einmal ganz kurz von der Beatmungsmaschine zu nehmen? Er würde gern ein paar wenige Züge selber atmen.“

Ich muss zugeben, dass ich genau wusste, dass er bereits selber atmen konnte. Man dies aber irgendwie nicht mitbekommen hatte auf der Station. Weswegen das dämliche Beatmungsgerät dauernd Alarm schlug und so tat, als könne er nicht atmen. Es war falsch eingestellt worden.

Die Schwester lächelte und willigte ein.

Klick…  das Ding war aus.

Pfft…. die restliche Luft floss aus dem Schlauch und mein Mann atmete.

Und atmete.

Und atmete und wurde von diesem Moment an tut er das bis heute ohne maschinelle Hilfe.

Der Verlegung stand also nichts mehr im Weg.

Weiter geht es dann im Teil 2.

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7 Gedanken zu “Allein über Nacht – Teil 1

  1. Ich jammere nie wieder über die Dienstreisen meines Mannes. Vielen Dank für diesen ehrlichen, sehr persönlichen Bericht. Ich kenne euch nicht, aber ich fühle mich euch gerade sehr nah. Alles Gute! Ihr seid ein tolles Paar!

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  2. Vielen Dank für den sehr bewegenden und persönlichen Bericht. Ich habe selbst gerade 2 Kindergartenkinder und ein Baby und ziehe meinen Hut davor, wie ihr die Situation gemeistert habt!

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