Ich nehm das mit der Kreuzfahrt

Ich nehm das mit der Kreuzfahrt

In der Welt tobt derzeit eine Debatte darüber, wann und warum Menschen überhaupt Kinder bekommen. Beziehungsweise, da wir hier in Deutschland leben, tobt die Debatte vielmehr darüber, wann und warum Menschen keine Kinder bekommen. Wir sind hier natürlich die Ausnahme, die die Regel bestätigt, daher hier mal kurz die ehrliche Stellungnahme einer kinderreichen Familie:

Ja, wir würden auch lieber ausschließlich Designerklamotten kaufen und Essen gehen, wann immer wir Lust dazu haben. Meine Frau hätte sicher auch nichts dagegen einen Spider zu fahren statt einen Van. Mir ist mein Schlumpfporsche zwar lieber als ein echter Porsche (wobei, den könnte ich verkaufen und mir einen Schlumpfporsche und JEDE MENGE ZEUG kaufen, also sagt bitte nicht ich wüsste den nicht zu wertschätzen), gegen eine echte Elise hätte ich auch auch wenig einzuwenden. Wir würden lieber dreimal im Jahr in Urlaub fahren, am besten jedes Mal teuer. Und gegen eine nette Wohnung mit Dachterrasse irgendwo in einer gentrifizierten, zentralen Großstadtlage würden wir nur zu weit auch nicht opponieren. 

Diese Liste könnte ich endlos fortsetzen. Fällt Euch was auf? Beinahe sämtliche gefühlten Nachteile der Elternschaft sind aus der Kategorie „Konsumverzicht„, induziert durch:

  1. Kosten für Zeug für die Kinder beziehungsweise einen kinderfreundlichen Lebensstil
  2. Opportunitätskosten durch den Verzicht auf Teile eines Gehalts.

Ja, Geld ist immer ein Thema wenn man Kinder hat, insbesondere bei mehreren. Die freie Verfügbarkeit von Geld ist aber, neben der freieren Verfügbarkeit von Zeit, auch der wesentliche Vorteil, den der Verzicht auf Kinder hat. All die Menschen aus diesem Welt-Artikel, die „jetzt noch keine Kinder“ wollen, wollen also in Wirklichkeit nicht auf Konsum und Freizeit verzichten. Ein Staat, der die Fertilität seiner Bürger antreiben möchte, müsste also dafür sorgen, dass Kinder etwas weniger Verzicht bedeuten.

Die Rechnung, oberflächlich betrachtet, ist für viele Frauen doch folgende:

„Hm, ich könnte jetzt mit der Familienumsetzung anfangen. Dann müsste ich erst einmal zuhause bleiben, dann Teilzeit wieder einsteigen. Dafür kann ich mich viel mehr mit Windeln und Bauklötzen beschäftigen (das ist ja irgendwie auch niedlich). Wenn ich mehrere Kinder bekomme, wird es mit dem Beruf eh nicht mehr so viel werden, ich werde also den größten Teil meiner Kommunikation nicht mehr mit Erwachsenen vollführen. Ansonsten muss ich meine Kinder ganz, ganz früh fremdbetreuen lassen und trotzdem mordsmäßigen Stress riskieren, weil meine kinderlosen Kolleginnen und Kollegen ganz locker Überstunden machen und sie nie abends oder gar nachmittags auf die Uhr gucken müssen. Oder ich spare zusammen mit meinem Partner noch ein wenig und wir gehen Endes des Jahres auf Kreuzfahrt.“

Die gesellschaftliche Tendenz, Kinder zu einem (eigentlich sogar extravaganten und teuren) Hobby zu erklären, für dass man doch bitteschön komplett allein verantwortlich ist (weil die kinderlose Mehrheit ja schon so viel Steuern für andererleuts Kinder zahlt), sorgt für ein Klima in dem frau dann verständlicherweise leicht sagt:

„Ich nehm das mit der Kreuzfahrt.“

Ich habe vor einigen Tagen in Politikum auf WDR5 einen interessanten Beitrag einer Politologin gehört, die der Meinung war, dass vor allem die staatliche Altersversorgung auf die Geburtenrate drückt. Kurz gesagt: so lange man keine Rente bekam, war man auf die eigene Brut für die Versorgung im Alter angewiesen. Durch das umlagefinanzierte Rentensystem kann man sich jetzt ja auch von andererleuts Brut versorgen lassen. Also kein Grund, die Mühen der Aufzucht auf sich zu nehmen.

Ich glaube, wir leben einfach in einem System, das es für einen Homo Oeconomicus unrentabel macht, Kinder zu bekommen. Ohne hier Patentrezepte liefern zu wollen: so lange Kinder so viel Verzicht auf Konsum und Freizeit bedeuten wie sie es aktuell tun, ökonomisch individuell aber gleichzeitig keinen Nutzen bringen, können oder wollen es sich viele Menschen einfach nicht leisten sich fortzupflanzen.

Glücklicherweise ist der Nutzen von Kindern nicht nur ökonomisch zu messen:
Januar2011_59

Trotzdem: Wenn die Mädels so richtig nerven, weisen wir sie gerne darauf hin, was für ein kernentspanntes Leben voller Wohlstand wir führen würden, wenn wir keine Kinder hätten. In unserer Welt wäre das nämlich so. 😉

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4 Gedanken zu “Ich nehm das mit der Kreuzfahrt

  1. Pingback: Koalitionsverhandlungen: Familien als Restposten der Politik | Essential Unfairness

  2. Das mag alles richtig sein, aber ich hätte mit einem großen Glücksgefühl auf all das verzichtet, für das Erleben, wie zwei Kinderarme sich um meinen Hals legen und für den Anblick des kleinen Menschen, der aus der Liebe entstand, die mein Mann und ich füreinander empfinden.
    Alle möglichen Freiheiten sind nicht die Tränen und den Kummer wert, den es bedeutet niemals das Kind des Partners zu sehen.

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    • Hallo Hep, danke für Deinen Kommentar. Ich bin mir sicher dass ein unerfüllter Kinderwunsch viel schwerer wiegt als der Verzicht, den ein erfüllter (mitunter) mit sich bringt. Tut mir leid, dass es sich bei Euch anders als gewünscht entwickelt hat. Herzliche Grüße – Pfh

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  3. Pingback: Ein paar Gedanken zu Kindern und Karriere … | Essential Unfairness

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