Bullyparade

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„Gewalt ist eine Sprache, die die Menschen verstehen“ ist eine Tagline, die gleichzeitig ironisch und wahr ist. Ich mag sie fast noch lieber als das gute alte Zaff Brannigan-Zitat:

„Seitdem die Menschheit zum ersten Mal ein fremdes Wesen mit einer eigenen Sprache und einer eigenen Kultur traf, hatte sie einen Traum: Den Traum ihn zu töten, um seine Sprache nicht lernen und seine Kultur nicht verstehen zu müssen.“ (sinngemäß)

Ich möchte hier keine kulturpessimistischen, martialischen Platitüden schwingen. Aber die Schule zwingt mich dummerweise dazu. Ganz im Ernst. Seitdem meine Mädels auf der Schule sind, wird vor allem Nummer 2 immer wieder von Jungs gestalkt und gepiesackt. Dabei ist sie gar nicht so der Opfertyp – auch wenn natürlich nicht von der Hand zu weisen ist, dass sie auf einen bestimmten, charakterschwachen Jungstyp offensichtlich eine Faszination ausübt. Ich will mich gar nicht darüber beklagen, dass es solche Jungs gibt (auch wenn ich die Kompetenzen ihrer Eltern gerne in Frage stellen möchte) – die gab es schon immer. Was mich richtig nervt ist die Umgangsweise damit an den Schulen. Ich gebe mal zwei Beispiele:

A) Ein Junge – nennen wir ihn Justin – ärgerte und nervte Nummer 2 über mehrere Wochen. Verbale Deeskalation, zu der wir sie daraufhin angehalten haben, funktionierte nicht. Auch keine deutliche, offene Absage. Wir rieten ihr, sich bei der Lehrerin über Justins Verhalten zu beklagen (ist ja als Eltern schwer das im Detail zu überwachen und zu beurteilen). Sie erhielt den Tipp, „Nein“ zu sagen und Justin aus dem Weg zu gehen. Nur hörte er halt nicht auf „Nein“ und verfolgte sie. Es gipfelte darin, dass er sich im Gebüsch als Nachwuchs-Exhibitionist betätigte und ihr seinen Penis zeigte – ohne dass sie das erforderliche Interesse daran an den Tag legte. In beiderseitigem Einverständnis wäre das ja noch okay gewesen. Kommentar der Lehrerin: „Ich frage mich ja auch, warum Du da mitgemacht hast, wenn Dir das keinen Spaß gemacht hat.“

Ein guter Punkt – das werde ich die nächste Frau, die von einem Exhibitionisten zwangsbeglückt wird, auch mal fragen.

Wir haben Justin mittlerweile den Spitznamen „Schniedelwedler“ verpasst, um der Situation die Schärfe zu nehmen.

B) Seit sie am Gymnasium ist, wird sie wieder von einer Bande von vier Jungs (die nennen wir „die Orks“) verfolgt, die sie ärgern und teilweise auch wirklich angreifen. Eine Freundin gab ihr den Tipp: „Die finden Dich komisch, weil Du eine Klasse übersprungen hast und so viel weißt.“ Na ja, vermutlich leider richtig – aber das ist ja nur ein Grund, aber keine Entschuldigung. Immerhin (!) hat die Lehrerin überhaupt mal die Eltern der beiden Rädelsführer kontaktiert. Nur dass die offensichtlich keinen (positiven) Einfluss auf ihre Brut haben. Geändert hat sich nichts. Als die Lehrerautorität versagte, bekam sie dann den Tipp, sie solle weglaufen. Oder auch „die Jungs vergessen und erst mal ein Stück Kuchen essen“.

Wow, ich bin beeindruckt von soviel Konfliktlösungskompetenz. Wir haben Nummer 2 jetzt (nachdem sie heute mit einer Brotdose vermöbelt wurde) beauftragt der Lehrerin auszurichten, dass sie sich jetzt richtig wehren wird. Weil die Unterstützung der Schule ja offensichtlich nicht funktioniert. Nummer 1 und Nummer 2 sind ja in der gleichen Klasse – wir haben sie jetzt darauf eingeschworen, den Anführer zu warnen und ihm dann zu zweit eins auf die Mütze zu geben. Und zwar richtig. Damit er schlicht und einfach Angst hat und sie in Ruhe lässt. Er wird sich dann zwar jemand anderen suchen (machen solche Kröten ja immer), aber das ist ja nicht unser Job. Das müssen dann ja die Lehrer verhindern, wir haben ja gesehen wie toll sie das können.

Ich habe mit den Mädels heute Boxen geübt und sie ordentlich auf mich einschlagen lassen, um ihnen die Hemmungen zu nehmen. Hoffen wir mal, dass die Lehrerin das Signal noch versteht. Ansonsten gilt: „Gewalt ist eine Sprache, die die Menschen verstehen.“

Ich habe Nummer 2 auch angeboten nochmal mit der Lehrerin zu sprechen oder den Eltern von diesen missgebildeten Charakteren mal ordentlich die Meiung zu sagen. Aber sie will das erst noch mal selbst versuchen. Fortsetzung folgt …

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3 Gedanken zu “Bullyparade

  1. Pingback: Pitches, Cyber-Missverständnisse, Orks und Empfehlungen | Essential Unfairness

    • Das ging eine Weile so weiter. Bis Nummer 2 ausflippte und (ganz frei nach „Ender’s Game“) dem Anführer zwischen die Beine trat und einem anderen der Drei eine schmierte.
      Das war exakt das Ende des Liedes. Beziehungsweise nein. Das findest Du hier:
      https://essentialunfairness.wordpress.com/2013/11/08/lernfahige-orks/

      Es wäre für uns schöner gewesen, wenn eine andere Lösung gefunden worden wäre. Aber für eine solche ist im Schulalltag kein Raum. Es gibt zwar so Streitschlichter an der Schule, aber zu denen scheint niemand zu gehen, weil „die nix bringen“. Da unterschreibt man dann einen Vertrag, dass man sich nie wieder streitet – das kommt den Schülern affig vor und an den Vertrag hält sich anschließend niemand. Solange in einem solchen Vertrag keine Konsequenz für Vertragsbruch steht, hat der wohl kaum eine starke Aussagekraft …

      Einerlei – ab und an ärgern sie Nummer 2 noch. Ich rate ihr weiterhin, auf Abstand zu bleiben. In die Unterstützung seitens der Lehrer*innen hat sie keinerlei Vertrauen mehr. Ich denke, wenn es ihr noch mal zu viel würde, dann gäbe es wieder eins auf’s Ziffernblatt.

      Gefällt 1 Person

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