80 über Nacht – Teil 2

Ich hatte mir schon lange vorgenommen, dies mal weiterzuschreiben. Aus verschiedenen Gründen habe ich mich in den letzten Wochen wieder einmal öfter mit diesem Abschnitt der Vergangenheit beschäftigt, daher nutze ich die Gelegenheit.

Nachdem ich das Beatmungsgerät losgeworden war, durfte ich die Intensivstation (endlich!) verlassen. Ich weiß, es klingt beinahe undankbar oder bedenklich, immerhin hat der Laden mir das Leben gerettet – aber in aktuter Lebensgefahr befand ich mich mittlerweile schon lange nicht mehr. Daher, so mein Plan, würde ich jetzt rapp-zapp mit der Reha anfangen und innerhalb von kürzester Zeit wieder auf die Beine kommen.

Zu diesem Zeitpunkt ging es mir folgendermaßen: Ich konnte meine Augen nicht öffnen (hatte also die Intensivstation in sechs Wochen nicht einmal gesehen – ein abstruses Gefühl, wenn man sich so lange in einem Raum aufgehalten hat) und meinen linken Fuß bewegen. Außerdem konnte ich meinen Kopf ein wenig drehen und leicht anheben. Mehr ging nicht.

Damit ich eine Schwester rufen konnte, legte man mir eine Spezialplatte ins Bett, auf die man quasi nur ein Taschentuch legen musste, um den Ruf auszulösen. Einen normalen Druckknopf zu bedienen, daran war momentan nicht im Entferntesten zu denken.

In der Früh-Reha angekommen, unterzog eine Ärztin mich einer Untersuchung meiner mentalen Fähigkeiten: Welches Jahr haben wir denn, Herr Eldorado, in welcher Stadt sind wir, und so weiter. Ich kam mir ein wenig ver*scht vor – hatten die meine Akte nicht gelesen? Oder wie kam sie darauf, dass mein Gehirn jetzt auch nicht mehr funktionierte?

Na ja, ich bestand die Aufnahmeprüfung und wurde zu Herrn Schulze, einem Schlaganfallpatienten, ins Zimmer gebracht. Nachmittags kam meine Frau zu Besuch. Wir freuten uns zu diesem Zeitpunkt sehr – die Verlegung war ein Riesenschritt, auf den wir seit Wochen hingearbeitet hatten. Sie fragte mich, wie es mir geht.

Ich wollte gerne buchstabieren „Wir haben vergessen wie Brot schmeckt„, verhaspelte mich aber mehrmals. Hatte schließlich seit sechs Wochen keine Nahrung mehr auf dem dafür vorgesehenen Weg zu mir genommen. Für meine Frau, die diesem Gedanken überhaupt nicht folgen konnte, machte „irgendwas mit Brot und vergessen“ nicht viel Sinn. Ich sollte dies erst viele Monate später aufklären können. Trotzdem waren wir froh, der erste Schritt zurück ins Leben war geschafft.

Es war aber nur der erste von sehr, sehr vielen. Und Laufen musste ich ja auch erst wieder lernen. Die Früh-Reha war nämlich leider nicht das gelobte Land, das ich mir auf der Intensivstation erträumt hatte. Herr Schulze schnarchte wie zehn Holzfäller, und das 23 Stunden am Tag. Die eine Stunde, in der er wach war, bestand aus Physiotherapeuten, die ihn weckten und dafür mit lautstarkem, lallenden Gemecker belohnt wurden. Herr Schulze hatte, so spürte man leicht, einfach keinen Bock. Derweil lag ich im Bett und dachte mir: „Dann kommt doch zu mir, ich will Training!“ Aber sie kamen nicht, beziehungsweise viel seltener als mir lieb gewesen wäre (auch wenn ich zugeben muss dass das, was ich in der Therapie zu diesem Zeitpunkt zustande brachte, nicht sehr weltbewegend war).

Nachts kamen sie dafür um so häufiger. Ein intubierter Patient wie ich hat permanent das Problem, dass sich Schleim in der Lunge sammelt, den man aufgrund von körperlicher Schwäche nicht abhusten kann. Deshalb muss er mit einer Art Staubsauger regelmäßig entfernt werden. Auf der Intensivstation waren alle Schwestern dafür ausgebildet, dies möglichst sanft und vorsichtig zu machen – die Patienten sind ja teilweise schon halb in der nächsten Welt. Auf der Früh-Reha hingegen sind sie halbwegs robust, weshalb manche Schwestern den Schlauch mit Schmackes in meine Lunge rammten, dass … Man kann dieses Gefühl gar nicht vergleichen. Es ist halt, als ob jemand einem einen Schlauch in die Lunge rammt. Jedenfalls, wenn Schwester Rabiata nachts an der Reihe war, sorgte der Vorgang des Absaugens für so eine physische Reizung, dass der entfernte Schleim fünf Minuten später schon wieder da war. Was dazu führte, dass ich nachts permanent nach einer Schwester klingeln musste. Meist dauerte es dann zwei Stunden, bis eine kam – und genervt waren sie häufig auch, weil der blöde Herr Eldorado dauernd klingelte. Ich konnte ihnen ja nicht sagen, was das Sch**ss-Problem war. Denn wenn eine Schwester das gut drauf hatte, hatte man die ganze Nacht mit einem Staubsaugereinsatz Ruhe. Und musste komischerweise auch nicht dauernd klingeln.

Das war aber nicht die einzige Hürde, die mir die Früh-Reha in den Weg legte. Da war auch noch die Psychologin.

In der ersten Woche wurde ich von ihr, einer sehr netten, verständnisvollen Person, besucht. Sie fragte mich, wie es mir ging (die Schwestern kommunizierten nicht mit mir, da dies zu zeitaufwändig war) und welche Ziele ich so hätte. Ich antwortete: „Weihnachten. Zuhause.“ (Wir hatten Oktober.) Die Psychologin schluckte und meinte dann: „Ich glaube das werden sie nicht schaffen, Herr Eldorado. Vielleicht sind sie ja Ostern wieder zuhause.“

Ostern? Ich wollte ausrasten. Ich würde hier ganz sicher nicht bis Ostern liegen. Wir hatten Oktober! Leider konnte ich nicht ausrasten. Nicht einmal antworten oder diskutieren. Stattdessen begann mein Früh-Reha-induzierter Optimismus zu bröckeln. Die kannten sich doch sicher aus hier und wussten, wie schnell man wieder auf die Beine kam. Die wussten, wie lange jemand wie ich hier rumschimmeln müsste.

Als meine Frau an diesem Tag kam war ich extrem niedergeschlagen. Um ehrlich zu sein hatte ich den ganzen Nachmittag geheult, na ja, was man so geheult nennt wenn man wie eine Leiche im Bett liegt. Ich übermittelte ihr, dass mich die Einschätzung der Psychologin extrem fertig machte, und wir hatten beide große Schwierigkeiten, optimistisch zu bleiben. Wir hatten uns fest vorgenommen, mich Weihnachten nach Hause zu bringen. Das war so etwas wie eine fixe Idee. Ihr dürft nicht vergessen, wir hatten drei kleine Kinder zuhause, die sich Sorgen machten. Das war ein extrem fragiles System, und die Aussicht,dass das so noch ein halbes Jahr geht, war nicht nur für mich ein Albtraum.

Zur Überwachung meiner Vitalfunktionen war ich an einen Monitor angeschlossen. Der reagierte aus unterschiedlichen Gründen immer mal wieder mit lautstarkem Gepiepse. Meist hatten diese nichts mit meinem Kreislauf zu tun. Nach einigen Tagen fand ich heraus, dass der Monitor mit einem Höllenlärm losging, wenn eine verkabelte Wäscheklammer von meinem Finger fiel. Und das, heureka, konnte ich willentlich herbeiführen!

Der Monitor wurde zu meiner einzigen Möglichkeit, sofort mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Wenn Schwester Rabiata mal wieder meine Lunge gepierct hatte und nicht auf den Schwesternruf reagierte – Bämm! – rutschte mir die Klammer versehentlich vom Finger und schon war sie da. Leider nahm sie von meinem Geröchel trotzdem keine Notiz und verschwand wieder, ohne mir zu helfen. Aaaaber: Ich fand heraus, dass der dauerschnarchende Herr Schulze auf den lärmenden Monitor reagierte. Wenn er gegen zehn Uhr in den Tiefschlaf wechselte und dabei so laut ratzte, dass er sogar meinen iPod mühelos übertönte, schüttelte ich fortan die Klammer vom Finger. MÖP MÖP MÖP ging es los, Herr Schulze wachte auf, und ich erkaufte mir fünfzehn wertvolle Minuten, in denen ich versuchen konnte einzuschlafen.

Hier geht’s weiter mit Teil 3.

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5 Gedanken zu “80 über Nacht – Teil 2

  1. Pingback: 80 über Nacht | Essential Unfairness

    • Ja, das ist schon echt hart wie abhängig man von der Kompetenz des Pflegepersonals ist – auch wenn ich nicht verschweigen möchte, dass es auch eine Menge sehr gute und engagierte Kräfte gab. Aber je nachdem wer Nachtschwester war wusste ich gleich: Diese Nacht kann ich vergessen. Ich hoffe es geht Dir wieder besser!

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