„Dass diese Leute aber auch immer ihre lauten und klebrigen Kinder mitbringen müssen!“

Jedes Mal, wenn meine Frau und ich ohne Kinder in einem schwedischen Möbelhaus sind, können wir uns diesen Witz leider nicht verkneifen. Der richtet sich natürlich nur an uns selbst – wir gucken uns dann immer völlig entnervt an und kommen uns herrlich vor als verschnöselte Dinks, die sich eine kinderfreie Zone herbeiwünschen.

Das hier erinnerte mich heute daran. Das soll übrigens keine Empfehlung sein – selten so einen konfusen und nichtssagenden Artikel gelesen.

Wenn Du das machst, wird die Aliengurke sauer!

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Meine Frau checkte heute mit Nummer 3 die Hausaufgaben. Neben Deutsch und Co. stand auch das „Luboheft“ auf dem Plan.

Meine Frau: „Was ist denn das Luboheft?“
Nummer 3: „Na das hier!“
Meine Frau: „Ihr werdet von einer Gurke mit Armen namens Lubo durch die Welt der deutschen Sprache geführt?“
Nummer 3 (empört): „Das ist keine Gurke, das ist ein Alien! Und wenn Du ihn Gurke nennst wird er sauer! Und dann wirst Du seine Sauerkeit spüren!“

Oh Gott, bewahre uns vor der Sauerkeit der Aliengurke.

„Ich glaube, wenn jetzt jemand unfreundlich oder nervig zu mir ist, dann krieg ich einen Heulkrampf. Oder laufe Amok. Meine männliche und weibliche Seite streiten noch.“

Meine Frau, hochschwanger in einem völlig durcheinandergewirbelten Haus eingesperrt. Wir haben ja Die Handwerker ™ da.

Ich habe momentan ein bißchen Angst nach Hause zu kommen. Weil ich weder für den Heulkrampf verantwortlich noch Ziel für den Amoklauf sein möchte. 😉

Nummer 3 schreibt

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Wie Ihr ja vielleicht wisst lernt Nummer 3 momentan schreiben. Das führt, ähnlich wie das Sprechen lernen früher, mitunter zu niedlichen Verschreibern:

„Tälefon“

„Büglaison“

„Hont“

„Mölaima“

„Compjuta“

„Mota“

Meine Frau und die Mädels schauen sich das an und finden die Wörter sehr niedlich. Nummer 3 regt sich auf:

„Das ist nicht niedlich!“

(Sie hasst es, niedlich zu sein)

Schließlich fragt meine Frau:

„Und? Willst Du das noch verbessern?“

Darauf Nummer 3: „Nein! Das ist gut so!

Babyphone ohne Baby

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Das ist unser Babyphone. Wir haben zwar noch kein passendes Baby dazu im Moment (dauert noch ein wenig), die Mädels haben es sich aber begeistert unter den Nagel gerissen und damit CB-Funk gespielt. Den ganzen Abend klackert es aus dem Funkgerät.

*klack* Nummer 2: „Dad? Bist Du da? Ich wollte Dir noch was erzählen, aber die Mama darf das nicht hören.“
Ich: „Das ist aber schlecht, die sitzt nämlich neben mir.“ *klack* „Übrigens, ich stelle den Ton jetzt aus, ihr sollt ja schlafen. Gute Nacht!“
Mädels (im Chor): „Gute Nacht!“ *klack*

Dreißig Minuten später hüpfen die blauen Babywarnleuchten immer noch auf und ab. Ich drehe den Ton auf.

Nummer 2: „Dad? Dad? Geh endlich mal ran!“ *klack*
Ich: „Das ist doch kein Telefon! Ihr sollt jetzt wirklich schlafen!“
Nummer 2: „Darf ich das Babyphone mit in mein Zimmer nehmen? Das spielt so schöne Musik.“ *klack*

Ich glaube wir brauchen für die Drei jeweils auch noch ein Babyphone.

80 über Nacht – Teil 3

Nach einigen Wochen in der Frühreha ging es  langsam bergauf mit mir. Wenn ich sage langsam, dann meine ich Langsam. Mit großem L.

Mehrmals am Tag kamen diverse Therapeuten zu mir und übten mit mir die einfachsten Dinge des Alltags – kleine Holzstücke in kleine Holzlöcher stecken und wieder herausziehen, fünf Minuten Sitzen, meine obersten Fingerglieder oder meine Gesichtsmuskeln einige Millimeter bewegen. Das ging alles für meinen Geschmack viel zu schlecht, und vor allem ging es viel zu langsam voran. Wir hatten mittlerweile November, und mein Ziel stand fest: Ich wollte Weihnachten nach Hause. Aber zwischen mir und meinem Ziel standen vor allem zwei Dinge: die Tatsache dass ich nicht schlucken und nicht sitzen konnte. Nicht schlucken bedeutete Erstickungsgefahr ohne Tubus, nicht Sitzen bedeutete ich konnte mich nicht mal im Rollstuhl herumschieben lassen.

Regelmäßig wurde ich mittlerweile von Träumen geplagt, in denen mein Unterbewusstsein meinen Zustand vergessen hatte, und in denen ich mich ganz normal bewegen und laufen konnte. Es war immer sehr deprimierend, nach einer solchen Nacht aufzuwachen. Zumal die Fortschritte, die ich in dieser Zeit machte, sehr klein und keineswegs kontinuierlich waren.

Da ich nicht nur das Guillain-Barré-Syndrom, sondern auch noch das Miller-Fisher-Syndrom hatte, war mein Gesicht schwer mitbetroffen und ebenfalls gelähmt. Dies führte unter anderem dazu, dass ich eben nicht zuverlässig schlucken konnte – weshalb ich intubiert bleiben musste. Was wiederum dazu führte, dass ich nicht sprechen konnte. Meine Frau wurde in dieser Zeit immer wieder gewarnt, dass manche Männer (irgendwie ist das eine vorwiegend männliche Krankheit, warum auch immer) ihre Frauen ziemlich wüst beschimpfen, wenn sie erst einmal wieder reden können. Ja, dass man sich nicht verständigen konnte führte schon zu Wut – aber dass man seine Wut eh überhaupt nicht ausleben kann führt auch dazu, dass sie wieder verfliegt. Abgesehen davon hatte ich sowieso alles andere im Sinn als meine Frau zu beschimpfen – der fast immer tägliche Besuch von ihr war das Highlight meines Tages.

Beschimpfen wollte ich viel eher den Teil des Krankenhauspersonals, der mich behandelte wie einen Vollidioten. Zum Beispiel Doktor Guck und Doktor Blind.

Wochenlang hatte ich überhaupt nichts sehen können, weil ich meine Augen nicht öffnen konnte. Als ich meine Glubscher dann endlich halbwegs unter Kontrolle hatte und zum ersten Mal meine Frau mit offenen Augen empfangen konnte, begannen Doktor Guck und Doktor Blind einen Streit darüber, ob ich Augengläser tragen müsste. Augengläser (oder besser: „Uhrglasverbände“, wie sie eigentlich genannt wurden) ist ein euphemistischer Ausdruck für eine Augenbinde. Die Dinger verschließen die Sicht komplett, was ja medizinisch seinen Sinn hat (die Augen trocknen sonst aus). Aber nachdem ich zwei Wochen lang unter Doktor Gucks Obhut gar keine tragen musste, weil meine Augen geschlossen waren, kriegte ich die Dinger prompt wieder verpasst, sobald Doktor Blind spitzgekriegt hatte, dass ich meine Augen öffnen konnte. Die Gefahr war wohl, dass die Lider sich nicht richtig schlossen. Kann ich ja verstehen. Trotzdem war mein Verständnis begrenzt, als ich gerade zum ersten Mal meine Frau angeschaut hatte und dann prompt Doktor Blind beschloss, dass jeglicher Luftkontakt meine Netzhäute verbrennen würde. Doktor Guck hingegen hatte die Dinger schon seit Wochen vollständig abgelassen, weshalb es mir nicht so dramatisch vorkam, dies auch weiter so zu handhaben, nun, wo ich meine Augen besser kontrollieren konnte.  Es endete damit, dass ich auf einer augenärztlichen Untersuchung bestand, die genau Null Schäden feststellte, und plötzlich durfte ich die Dinger nicht nur mal für eine Stunde ablassen, sondern musste sie nie mehr tragen. Es ist aber auch eine Last mit diesen Patienten.

Meine neue Fähigkeit blieb nicht ohne Folgen. Kaum dass ich gucken konnte, setzte mich meine Psychologin vor ein Computerspiel. Ich dachte so: Wow – Computerspiel! Nachdem ich wochenlang nur meine Augenlider von innen gesehen hatte wäre mir Pacman wie Virtual Reality vorgekommen! Leider war das ein Spiel für Schimpansen: Man musste Formen und Farben auf einem Bildschirm erkennen und korrekt zuordnen. Sie hatte mich zwar gewarnt, dass dies „ein wenig einfach“ für mich sein könnte, aber sie hatte sich offensichtlich nicht genug mit mir und meinem Fall beschäftigt um zu verstehen dass ich a) nicht völlig auf den Kopf gefallen war und b) meine Krankheit meine geistigen Fähigkeiten überhaupt nicht einschränkte.

Nachdem sie mich mit entmutigenden Einschätzungen und unterfordernden Aufgaben einige Wochen lang fertig gemacht hatte, blies meine Frau weitere Schimpansenspiel-Termine mit ihr ab. Wir waren uns einig, dass Sich-deprimiert-und-verarscht-fühlen nicht mein Therapieziel war. Dies war aber nicht das letzte Mal, dass ich dieser Dame als psychologischem Endgegner gegenüberstehen sollte.

Bis dahin hatte ich allerdings noch einen Zwischenboss vor mir: Schwester Rabiata 2.0. Oder 3.0. Ich bin mir bei der Versionierung nicht völlig sicher.

Schwester Rabiata suchte mich alle zwei Wochen in der Nachtschicht heim und hatte es, wie erwähnt, auf die Integrität meiner Lunge abgesehen. Wenn SIE nachts an der Reihe war, wusste ich dass ich keinen Schlaf finden würde. Nächte mit IHR waren ein Albtraum aus beißenden Schläuchen, Atemnot, Geröchel und schließlich ihrem Gemecker, wenn sie nach drei Stunden einmal gucken kam, was der dämliche Herr Eldorado jetzt schon wieder wollte. (Die Antwort: LUFT!)

Schwester Rabiata schaffte es auch, mir meinen ersten Testlauf zur Tubusentfernung zu ruinieren. Ich hatte meine Logopädin (übrigens ein exzellentes Beispiel für eine freundliche, engagierte Therpeutin) tagelang bekniet, dass ich einen Sprechaufsatz probieren wollte – einen Spezialaufsatz für den Tubus, der die Luftröhre nicht abriegelte, sondern mir erlaubte durch den Mund zu atmen – so dass man (halbwegs) sprechen konnte. Das war ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für mich.

Leider war in dieser Nacht Schwester Rabiata an der Reihe. Meine Lunge war dauergereizt, ich röchelte wie der Marlboro-Mann, und irgendwie war der Aufsatz auch nicht korrekt verschlossen (mehr Details möchte ich nicht liefern, es war jedenfalls ätzend). Am nächsten Tag hatte ich Fieber und eine Lungenentzündung, und die Logopädin glaubte natürlich dass dies an dem von mir erbettelten Testlauf gelegen hatte. Stattdessen, da bin ich sicher, hatte die besondere Fürsorge von Schwester Rabiata mir diesen Rückschlag eingebracht.

Ich brauchte eine halbe Stunde um meiner Frau buchstabierend mitzuteilen, dass ich glaubte, dass gar nicht der Sprechaufsatz an der Pneumonie Schuld war, und sie musste dies der Logopädin mitteilen, und so weiter. Trotz allem warf mich das einige Tage zurück, und das waren LANGE Tage.

Schwester Rabiata hatte aber nicht nur keinen Respekt vor meiner Lunge, sie hatte auch von der Psychologin gehört, dass meine geistigen Fähigkeiten auf die eines Schimpansen geschrumpft waren. Als ich nämlich im Rahmen dieser Lungenentzündung nachts um zusätzliches Wasser bat (per Hand- und Klopfzeichen, versteht sich), meinte sie:

„Sie haben heute schon zwei Liter Wasser bekommen, Herr Eldorado, wenn ich ihnen jetzt noch etwas anhänge läuft das in ihre Lunge und sie ersticken!

Ich bekam das Wasser über einen Schlauch in meinen Magen, wohlgemerkt. Es änderte aber nichts: Ich musste mir ins Gesicht lügen lassen und Durst haben.

Hier geht es weiter. 

Abrissplanung

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Wir haben momentan die Handwerker im Haus.

(Die Handwerker, komischer Ausdruck, so als ob es davon nur eine Gruppe gäbe, die halt alles handwerkern müssen was in Deutschland so anfällt)

Dass das irgendwann so sein würde, stand schon etwas länger fest. Wir bekommen nach einem Wasserschaden in mehreren Zimmern einen neuen Boden, unter anderem in der Küche. Ohne Küche können wir, logischerweise, auch nicht kochen. Weshalb wir irgendwann – nur zwischen uns Erwachsenen – die Pläne besprachen, wie man die Familie in dieser Zeit am besten verköstigen könnte. Unter anderem stand auch für einen Tag McDonald’s zur Debatte.

Letzte Woche waren dann zuerst die anderen Zimmer dran. Als Nummer 3 am ersten Tag der Arbeiten aus der Schule kam, schaute sie sich um und fragte:

„Wann wird die Küche denn endlich abgerissen?“