Night out

Night out

Gestern abend waren wir mal wieder aus. Und zwar waren wir auf einer Housewarmingparty von Freunden, die jetzt zum ersten Mal zusammengezogen sind. Das Ganze wurde stilecht mit einer Sofortbildkamera an einer Pinnwand dokumentiert, und ich habe die Gelegenheit genutzt, dies mit dem iPhone abzufotografieren. Ein wenig verquer, oder? Aber das Ergebnis gefällt mir irgendwie.

Freizeitplanung…

Ich bin entschieden gegen eine Abschaffung des Ehegattensplittings! Zwar werde ich erst nächsten Monat heiraten und habe keine Kinder (und auch nicht vor welche zu bekommen), (…). So möchte ich mich vielleicht entscheiden, nur Teilzeit zu arbeiten, damit ich die übrige Zeit die ich allein zuhause verbringe dazu nutzen kann, den Haushalt zu schmeißen und zu kochen. Damit nach „echtem“ Feierabend die Freizeit eben besser gemeinsam genutzt werden kann. (…) Das wäre fair, für alle. Andernfalls haben wir hier den Weg zur Diskriminierung der (nicht notwendigerweise freiwillig) Kinderlosen.

Wow, das hat mich heute echt aus den Socken gehauen was ich da in den Kommentaren zum SPON-Artikel „Das Geld ist da – nur bei den Falschen“ gelesen habe. Da wird also ganz offen gefordert, dass das Ehegattensplitting bestehen bleiben sollte, damit frau sich auch dafür entscheiden kann, ohne Kinder nur Teilzeit zu arbeiten und den „Haushalt“ zu schmeißen. Die Anführungszeichen sind hier bitte als dramatische Unterstreichung zu verstehen. Wir Eltern wissen ja dass das, was kinderlose Paare unter „Hausarbeit“ verstehen, im Vergleich zur echten Hausarbeit in einer Familie bestenfalls ein müder Witz ist 😀

Nicht falsch verstehen: Ich halte den Ansatz für eine sehr gute Idee. Spaß haben und dafür Subventionen einfordern – das ist genau das, was unser Land braucht. Aber mir geht das nicht weit genug. Ich möchte nämlich auch nur Teilzeit arbeiten. Damit ich dann aber nicht weniger Geld habe würde ich vorschlagen, dass der Staat mir dafür die Steuerlast erlässt und bitte einen kleinen Bonus zahlt. Wir haben mit der Familie weiß Gott genug zu tun, da wäre es nur kommod, wenn die Steuerzahlergemeinschaft mir eine Teilzeitstelle ermöglichen würde. Oder etwa nicht?

Konsumhorror

Was mich am Elternsein mitunter wirklich nervt sind die Einblicke, die man durch die Kinder zwangsläufig in andere Familien bekommt. Das kann banal sein („Alle anderen Kinder in meiner Klasse haben einen eigenen Fernseher im Zimmer!“) oder auch ein wenig … schwierig („Der Moritz bekommt immer erst um zwei Uhr was zu essen und seine Mutter schläft nur“). Allen diesen Erkenntnissen ist gemein, dass man in soziale „Auseinandersetzungen“ kommt, in die ich eigentlich gar nicht will. Wobei ich nur die inneren meine, bis wir uns irgendwo einmischen muss schon etwas geschehen.

Die sehen bei mir so aus: Kaufen wir unseren Kindern nur keinen Fernseher weil wir zu geizig sind? Macht uns das irgendwie zu Medienpädagogik-Nazis? Ich hatte ja schon mal erwähnt dass ich eigentlich nicht gerne dogmatisch bin. Klar denke ich dass es Sinn macht keine sechs Fernseher im Haus zu haben. Aber irgendwie will ich auch nicht, dass die Mädels sich zurückgesetzt fühlen. Wobei das natürlich kein Grund ist, einen Fernseher zu kaufen. Weshalb sich der Konflikt irgendwie nie auflöst.

Ich muss ehrlich zugeben, dass mich als Hauptverdiener (und damit irgendwie Hauptverantwortlichem für die Höhe des Familieneinkommens) solche Konsumentscheidungen immer wieder beschäftigen. Es gibt heute so viele sagen wir mal „konsumverwöhnte“ Einzelkinder, dass irgendwo immer jemand schon den neuesten Scheiss hat. Zwar definiere ich mich nicht so sehr über’s „haben“ (denn ich weiß: alles was Du hast, hat irgendwie auch Dich), aber mir ist es schon wichtig dass die Kinder das Gefühl haben, dass es ihnen wirtschaftlich gut geht. Neben den Einzelkindern mit eigenem iPad, einem neueren iPhone als ich, sämtlichen Schleich-Elfen und einem vergoldeten und mit Swarovski-Steinen besetzen motorisierten Hochbett mit Wasserrutsche gibt es auch noch die zu kurz gekommenen, die sich all ihren Besitz mehr oder weniger zusammenfantasieren („Das hab ich auch, und zwar mit Flügeln!“). Und deshalb auch dauernd von ihrer Habe erzählen.

Dementsprechend war ich heute auch sehr angenehm überrascht über Nummer 2. Die kam nämlich aus der Schule und krönte meinen Konsumhorror mit einem neuen Höhepunkt: „Der Florian hat einen eigenen Beamer in seinem Zimmer.“ Woah, dachte ich, wenn die Kinder heute schon Beamer haben, müssen meine Mädels dann nicht vielleicht doch mindestens einen 42-Zoll-Fernseher haben? Nummer 2 fuhr fort: „Der hat sowieso total viel Elektronikscheiss in seinem Zimmer. Ich finde das ein bißchen komisch. Ich glaube das braucht man gar nicht. Aber der ist trotzdem nett.“

Förderverein – oder: Ja, ich trete ja schon ein!

Fördervereine für Schulen sind eine anerkannte und im maroden deutschen Bildungssystem sehr notwendige Angelegenheit. Bedingt durch drei Töchter, drei Einschulungen und drei Schulwechsel habe ich mir das schon neun mal plus X angehört (fühlt sich an wie 30 Mal). Ich will hier keineswegs die engagierte und ehrenamtliche Arbeit der Damen aus diesen Vereinen missrespektieren. Dennoch frage ich mich immer wieder, wie es eigentlich in einem rohstoff- und kinderarmen Land wie Deutschland sein kann, dass Schulen nur dann ihren „Basisfunktionen“ nachkommen können, wenn die Eltern persönlich dafür zahlen.

Vielleicht liegt das daran, dass das Geld bei Tiernahrung, Hoteliers und Drohnen steuerlich verrechnet wird, aber das ist natürlich nur eine Vermutung. Jedenfalls, so habe ich es bislang immer erlebt, zwingt diese desolate und eigentlich vollkommen unvertretbare Situation Schulen, Fördervereinen und Eltern folgende Situation auf:

– Sobald Eltern eine Schule betreten, werden ihnen Kaffee und Kuchen verkauft
– Sollten ihnen einmal nicht Kaffee und Kuchen verkauft werden, hält man sie an, für die nächste Veranstaltung Kaffee oder Kuchen zu spenden (was ihnen dann verkauft wird)
– Unabhängig davon müssen sie sich auf jeden Fall einen Werbevortrag des lokalen Fördervereins anhören, der ihnen nahebringt, was für eine trostlose Welt die Schule ohne sein Einwirken wäre (das man mit einem geringen Jahresbeitrag unterstützen kann)

Ich finde es gut, dass Menschen sich so für die Bildung engagieren. Trotzdem (dies sei mir bitte nach dem 15. derartigen Vortrag verziehen) will ich es nicht mehr hören. Ich hätte gerne eine „Du kommst aus dem Fördervereinvortrag frei“-Karte für meinen Mitgliedsbeitrag. Dafür würde ich auch gerne ein wenig mehr bezahlen.

Bonmots

Nummer 3 war heute mit ihrer Patin und Familie auf einem Ausflug im Zoo. Nummer 1, die mit der Tochter der Patin befreundet ist, war auch dabei. Wir haben uns also mit Nummer 2 einen sehr ruhigen Tag gemacht (nur ein Kind? Alles ist so leise und langweilig!), waren wählen, im Schnellrestaurant und am Ende haben wir uns auf der Wii in „Straßen des Glücks“ abzocken lassen.

Abends brachten unsere Freunde unsere beiden Mädels zurück. Nummer 3 hatte den Tag über einige Bonmots von sich gegeben, wie wir prompt hörten:

Thema 1 – Schwangerschaft:

„Meine Mama war schon viermal schwanger. Und wir haben vier Katzen.“

Thema 2 – Schlangen:

Nummer 3: „Wo ist denn der Bernd?“

Ihre Patin: „Der ist bei der Schlange zum Essen.“

Nummer 3: „Dann gehe ich da jetzt auch hin und hole mir so eine Schlange zum Essen.“

Thema 3 – Logik:

Nachdem die älteren Mädels sie darauf hingewiesen hatten, dass der von ihr erzählte Witz unlogisch sei, meinte sie:

„Dann ist das eben ein Witz für Unlogiker.“

 

Einzelkind auf Zeit

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Nummer 3 ist heute ganz schön gut weggekommen. Ihre beiden Schwestern sind zusammen auf einer kurzen Kennenlern-Klassenfahrt, und wir erinnerten uns daran, dass es ihr beim letzten Mal ziemlich schwer gefallen war auf sie zu verzichten. Also sagte meine Frau, sie dürfe sich ein wenig Haribo im Supermarkt aussuchen (sie nahm die 500 Gramm-Packung – und kam damit durch). Außerdem wünschte sie sich eine Häkelgiraffe.

Davon wusste ich nichts, als ich ihr Schokolade als Trost mitbrachte. Die sie dann innerhalb von 5 Minuten genüsslich verspeiste. Um dann noch in aller Ruhe mit mir Wii zu spielen und sich dann heimlich zum Schlafen in Nummer 1’s Bett zu legen.

Vielleicht war es ja doch nicht so übel, mal allein zu sein.

Mittagsmessen

Heute habe ich im Stau Gelegenheit gehabt, ein bißchen mehr WDR 5 zu hören als üblich. Es gibt heute einen Thementag „Essen für Kinder“ (ja, liebe Redaktion, das ist nicht der Titel sondern nur das was hängenbleibt). Neben Johann Lafer, der sich selbst dazu gratulierte dass er ein Kantinenessen für nur etwas mehr als 4,20 Euro hinbekommt, fand ich einen Beitrag über den täglichen Kampf beim gemeinsamen Essen interessant.

Einhellig hieß es da, dass Kinder eigentlich immer nur Pizza, Pommes und Nudeln als Lieblingsessen haben und ihre Eltern bei allem, was in die Kategorie „Gemüse“ fällt, mit Verachtung strafen. Das ist für mich nun wirklich nicht neu. Was mir aber auffiel war die Auswahl der Gegenstrategien der Eltern: zum Aufessen zwingen (altmodisch und zu Recht verpönt), der „Probierlöffel“ oder – jetzt kommt’s – für jeden einzeln etwas kochen was er mag.

Woah, wer hat denn dafür Zeit? Und kann man das als Gegenstrategie überhaupt gelten lassen? Da ließen sich doch allen Ernstes Eltern zitieren die sagten, dass sie manchmal für vier Personen vier unterschiedliche Mahlzeiten auf dem Tisch haben. Prost Mahlzeit, sage ich da.

Habe mich auch gewundert dass so etwas Simples wie das Ködern mit Nachtisch (beziehungsweise die Drohung von Nachtischentzug) nicht vorkam. Ja, pädagogisch mag man das diskutieren, es hat aber einen gewissen Effekt. Vor allem aber, so ist mein Eindruck, kommt es auf Durchsetzungsvermögen seitens der Eltern an. Vor einer Weile habe ich angefangen, relativ regelmäßig das Kochen am Wochenende zu übernehmen. Mittlerweile haben diverse andere Aufgaben das wieder eingedämmt, aber der Punkt ist: da ich vätertypisch etwas egoistischer bin als meine Frau habe ich den Mädels gesagt, dass es nur zwei erlaubte Meinungsäußerungen zu meinem Essen gibt: entweder es schmeckt gut, oder es schmeckt sehr gut. Wer motzt, lange Gesichter zieht oder Ekel auch nur andeutet beendet seine Mahlzeit sofort.

Zwei, drei Mal mussten wir das durchziehen, aber dann war es mehr oder weniger akzeptiert. Klar, wir servieren keinen Rosenkohl oder so, aber kinderfreundliches Essen muss ganz einfach akzeptiert werden. Mir schmeckt schließlich auch nicht immer alles gleich gut. Vermutlich wirkt die strikte Kommunikationsvorgabe ähnlich wie das System Kindergarten. Denn da, berichtete WDR 5, essen die kleinen Miesepeter komischerweise alles (was wir bestätigen können). Weil nicht so ein Aufheben um jedes einzelne Kind gemacht wird und man mit Gemotze folglich keine Aufmerksamkeit abstaubt.

80 über Nacht

Disclaimer: Ich hatte diesen Text vor mehr als vier Jahren einmal für eine andere Plattform unter dem Nickname Eldorado erstellt. Da der „Stichtag“ heute genau fünf Jahre her ist, will ich ihn hier noch mal reposten. Vielleicht nehme ich das Jubiläum zum Anlass, hier noch mal weiterzuschreiben – passt ja gut in einen Blog mit dem Titel „Essential Unfairness“.

Hier gibt es übrigens den Erfahrungsbericht meiner Frau aus der „Angehörigenperspektive“.

Vor fünf Jahren wachte ich auf und sah doppelt. Das war der Beginn einer langen Reise.

Ich war fünf Tage nicht auf der Arbeit, Erkältung oder so was ähnliches. An diesem Morgen wollte ich eigentlich wieder gehen. Aber als ich aufwachte, sah ich doppelt.

„Irgendwas ist überhaupt nicht in Ordnung. Ich muss zum Arzt.“ Zusammen bringen wir die Kinder in den Kindergarten, dann weiter zum Arzt. Ich halte mir ein Auge zu.

„Hast Du eine Ahnung was das sein kann?“ Die Ärztin jedenfalls auch nicht. Will erstmal Hirnblutung ausschließen – weiter zum Neurologen. Gedränge im Wartezimmer. Man schleust mich durch die CT, ohne mit mir zu reden. Ergebnis: keine Hirnblutung. Wiedersehen.

Wir halten noch beim Augenarzt, aber der hat zu. In der vagen Hoffnung das würde etwas ändern gehe ich schlafen.

Eine Stunde später ist mein Oberkörper taub. Ich taumele auf der Treppe, als ich ins Wohnzimmer gehe. Ich muss ins Krankenhaus, rufe meine Eltern an, damit jemand für die Kinder da ist. Die meinen, ich soll einen Krankenwagen rufen, aber das bringe ich irgendwie nicht fertig.

Auf dem Weg fährt meine Frau vor einen Poller. Stress. Ich mache Witze, um stark zu bleiben. Der Krankenwagen hätte das vermutlich lockerer gemacht.

Die nächste Ärztin schickt mich endlich mal wohin, wo man weiß was los ist. Mit den Worten „Sie sind ein neurologischer Notfall“ bugsiert sie mich in die Neurologie, wo man mich noch einmal in die Röhre schiebt. Der Arzt, der dann reinkommt, begrüßt mich mit den erfreulichen Worten: „Guten Abend Herr Eldorado. Na, Sie haben RICHTIGE Probleme, nicht wahr?“

Offensichtlich, denke ich und schiele ihn an. Mein Gesicht funktioniert irgendwie auch schon nicht richtig, ich rede ganz komisch.

Dutzende von Nadeln später, die man mir in diverse Teile meines Körpers gesteckt hat, weiß ich: ich habe nicht nur keine Hirnblutung, sondern auch keine Multiple Sklerose und keine Borreliose. Der Neurologe meint, dann bleibt nur noch eine Alternative, aber darauf könne man mich erst morgen wieder testen. Den Namen vergesse ich sofort wieder, wichtig ist an dieser Krankheit nur eins: Sie geht wieder weg!

Am nächsten Morgen liege ich halb blind auf einem Bett und kriege Nadeln in die Wade gesteckt, die dann elektrisch aufgeladen werden. Das ist mir so was von egal, ich denke die ganze Zeit nur: Bitte lass es dieses Dings sein, das wieder weggeht!

Ich habe Glück, na ja, jedenfalls irgendwie: Es ist dieses Dings. Es wird alles jetzt erstmal schlimmer werden, aber am Ende geht es wieder weg. Wow.

Als meine Frau mittags zu Besuch kommt kann ich schon kaum noch reden, sie wischt mir den Sabber mit einem Taschentuch ab. Ich sehe sie kaum noch und fühle mich grauenhaft. Schmerzen habe ich auch.

Als die erste Packung Taschentücher leer ist lalle ich: „Ich will Narkose“. Vielleicht geht es mir ja irgendwie besser wenn ich wieder da bin.

Vier Tage künstliches Koma und mehrere Blutwäschen später weiß ich: es geht mir so was von nicht besser. Während ich weg war, musste man mich intubieren, ich kann also gar nicht mehr sprechen. Bewegen kann ich quasi nur noch meinen linken Fuß. Meine Nerven, die wegen der Krankheit den Dienst versagen, konzentrieren sich lieber darauf, jede Berührung zu Schmerz zu verarbeiten. Teilweise reicht eine Decke, die auf meinem Arm liegt, für Schmerzen. Bewegen kann ich mich nicht, blind bin ich auch. Gnädigerweise gibt meine Frau, mittlerweile juristisch mein Vormund, den Ärzten den Freifahrschein für einen Drogentrip. Man pumpt mich so voll, dass ich kaum noch weiß wo oben und unten ist. Weh tut trotzdem alles, teilweise wird der Trip auch skurril und albtraumhatft – aber alles besser als die Realität.

Ich lerne mich zu verständigen. Meine Familie sagt das Alphabet auf, ich nicke wenn der richtige Buchstabe kommt. Fünf Sätze schaffen wir so in der Stunde am Anfang – nicht genug um ihnen zu erzählen dass ich davon überzeugt bin, das man hier heimlich Experimente mit mir macht. Drogentrip halt, ich beschließe aber die Experimente zu erdulden und zu schweigen. Sie würden mir ja doch nicht glauben.

Nach drei Wochen muss ich langsam runter von den Medikamenten, die Ärzte fangen an meine Dosis zu reduzieren. Leider bin ich mittlerweile ein Junkie, fühle mich grauenhaft durch den Entzug. Ich kann mich zwar immer noch nicht bewegen (30 Sekunden sitzen während der Physiotherapie macht mich mehr fertig als eine Stunde Gewichte stemmen vorher), aber ich bin so unruhig, das man mich in regelmäßigen Abständen mit Morphin vollpumpt. Auch nicht viel besser, ich weiß, aber das Leben ist so unerträglich ohne Drogen. Ich habe zu diesem Zeitpunkt zweimal eine Stunde Gesellschaft am Tag: morgens meine Frau, die mich wäscht, und abends der Rest der Familie. Dazwischen Krankenschwestern, die mich wenden wie ein Brathähnchen, und merklich unfreundlicher sind wenn niemand in der Nähe ist. Die medizinisch verbriefte Tatsache, dass ich während des Rumrollens im Bett Schmerzen habe, ignorieren sie und weisen mich nur immer wieder darauf hin, dass ich keine Angst zu haben brauche aus dem Bett zu fallen.

Rhythmus des Tages: Morgens um sechs geweckt werden, drei Stunden langweilen. Um neun geht die Sonne auf, dann kommt meine Frau, die es komischerweise fertig bringt mich zu waschen ohne üble Schmerzen zu verursachen. Dann Langeweile bis 18 Uhr. Wenn ich Glück habe fällt mir der iPod nicht aus dem Ohr und ich kann Hörbücher hören. Wenn doch, brauche ich meinen Morphinschuss nur um so dringender. Abends eine knappe Stunde Gesellschaft, dann Langeweile. Schlafen kann ich fast nicht mehr, seit ich keine Dauerdrogen mehr bekomme, der Rhythmus der vier bis fünf Schüsse am Tag bestimmt zu diesem Zeitpunkt den größten Teil meines Tages.

Einer meiner größten Feinde in dieser Zeit ist übrigens das Beatmungsgerät. Es piept dauernd, weil ich angeblich nicht richtig atme. In Wirklichkeit, davon bin ich überzeugt, war es nur falsch eingestellt und behinderte meine Atmung. Die Schwestern schreien mich teilweise an, wenn es zu oft piept. „Atmen Sie, Herr Eldorado!“ Ja, mach ich doch, ich bin doch nicht blöd. Ich glaube wer so fertig ist, dass er nicht mehr atmet, dem helfen solche freundlichen Hinweise auch nicht mehr, aber ich kann mich auch irren.

Irgendwann schnappe ich einen Gesprächsfetzen auf, am Wochenende beschwert sich ein Arzt, dass das Beatmungsgerät falsch eingestellt sei. Er ändert das, und nichts piept mehr. Montag morgens bemerkt die Besatzung den Fehler und korrigiert ihn wieder – und es fängt an zu piepen. „Atmen Sie!“ werde ich mal wieder angemault. Na super. Als meine Frau die Oberschwester (Hildegard, so hieß sie nicht, aber so war sie) davon überzeugt, es doch nur für ein paar Minuten abzunehmen, klappt das mittlerweile komischerweise super. Hat mich fast einen gesamten Besuch gekostet, meiner Frau den Hinweis zu geben, das möglicherweise nicht ich, sondern das Gerät das Problem ist. Ich werde nach diesen fünf Minuten das Gerät nie wieder benötigen.

Hier geht’s zu Teil 2.

Links:
GBS (die Krankheit die ich hatte)
Miller-Fischer-Syndrom (die seltene Variante der seltenen Krankheit, die ich auch hatte)