Freilaufende Kinder vs. Helikopter-Eltern

Im Moment ist Woche der Helikopter-Eltern (zumindest medial gesehen – siehe Spiegel. Langweiliger Höhepunkt: http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/helikopter-kinder-es-geht-uns-wunderbar-a-915552.html). Ein Thema, über das man sich als Eltern prima streiten kann, denn es machen ja alle entweder zu viel, oder zu wenig, oder sonstwas. Wie man´s auch macht, es ist falsch.

Ich finde es immer interessant zu beobachten dass Menschen, um von einer Norm abzuweichen, neue Namen für etwas brauchen. Zur Erklärung:

Helikopter-Eltern (HE) halte ich heute in der gebildeten Mittelschicht für Standard. Sicherlich nicht die HEs stärkster Ausprägung – aber man ist heute schon recht rotormäßig unterwegs: Kinder werden überallhin gefahren, werden mit Lernspielzeug bombardiert, dürfen Eltern jederzeit unterbrechen und ansprechen, werden in der Schule unterstützt und haben Geigen-, Ballett- und Schwimmunterricht. Zu dem sie natürlich die Mutter fährt. (Dramatisierung beabsichtigt)

Früher bin ich in den Ferien tagelang allein (also ohne Eltern) auf dem Bolzplatz oder im Wald gewesen, habe Skateboardrampen gebaut oder bin auf Schlackeberge geklettert. Das war super – heute wäre es Verwahrlosung, was wir da so getrieben haben. Die Gesellschaft erwartet, dass wir als Eltern, wenn wir schon nicht im Heli unterwegs sind, so doch wenigstens eine Aufklärungsdrohne in Bereitschaft haben. Man kann das entweder idealisieren oder muss sich davon lossagen – irgendeine Meinung muss man aber dazu haben. Meistens (so mein Eindruck) ist diese: Ja, das war schon schön und gut damals, aber das kann man ja heute nicht mehr machen. Wegen den Pädophilen.

Auftritt freilaufende Kinder (diese nette Übersetzung habe ich von der Nido geklaut (http://www.nido.de/artikel/interview-skenazy/): Man bezieht Position, indem man der Sache einen Namen gibt. Dann macht man sich nicht nur zu wenig Gedanken oder vernachlässigt seine Kinder – sondern verfolgt eine Ideologie. (Das meine ich nicht wertend, hier kommt nur mein Studium in mir durch)

Es gibt da auch eine ganz persönliche Problematik dahinter für mich. Ich halte HEs eigentlich nicht für das erstrebenswerte Modell. Sondern bin vielmehr der Meinung, dass man Kinder mit Kompetenzen ausstatten und ansonsten auch einfach mal machen lassen sollte. Klar will man Zeit mit ihnen verbringen, aber es ist ein Segen und für die Entwicklung aus meiner Sicht dringend notwendig, dass sie einfach mal mit Gleichaltrigen auf Tour gehen. Den Pädophilen im Busch halte ich in den meisten Fällen für viel ungefährlicher als den bösen Onkel in der eigenen Familie – sexualisierte Gewalt gegen Kinder findet nachweislich meist im eigenen Umfeld statt. Medial wird das natürlich sehr stark verfolgt, da die emotionale Komponente Einschaltquoten, Auflage, Klicks bringt. Jeder einzelne Fall ist natürlich tragisch – ich würde mir aber mehr echte Aufklärung über die Gefahren wünschen als Horrorkampagnen in den Medien und Mordaufrufe auf Autos. (Auch wenn das verständlich ist: Ist ja so schön dieses fiese Thema in den Busch zu stecken anstatt sich einmal anzuschauen wo es wirklich stattfindet)

Trotzdem bleibt da ein Aaaaber:

Wir sind jetzt – wie erwähnt – keine Helikoptereltern im Großen und Ganzen. Trotzdem haben die Mädels mehr Freilauf im Garten als in der Natur, und den ganzen Tag außer Haus sind sie in den Ferien sicherlich auch nicht (kommt aber vielleicht noch). Wir unterstützen sie dabei, eigenständige Schritte durch die Welt zu machen und Drillen sie weder auf Sport, noch Musik oder Erfolg. Sie werden – das ist meine Überzeugung – ihren Weg schon gehen. Es bleibt aber ein mulmiges Gefühl, wenn sie einmal länger alleine unterwegs sind. Das ist nicht einmal wirklich Angst oder Sorge, vielmehr ein Gefühl von Kontrollverlust. Das Gefühl, man kann sie doch nicht einfach so machen lassen, was, wenn doch mal was passiert? Also der Weg über die Ideologie, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Ich bin aber kein großer Ideologe. Was bleibt also? Die Erkenntnis, dass man es irgendwie falsch macht, wie man es auch macht. Was am Ende dann vermutlich aber doch wieder richtig ist.

So, und das war jetzt vermutlich ein saumäßig langweiliger Beitrag weil er keine Position bezieht. Aber irgendwie geht es in diesem Fall nicht anders. Oder wie seht Ihr das?

3 Gedanken zu “Freilaufende Kinder vs. Helikopter-Eltern

  1. Nein, langweilig war er nicht, eher eine schöne Zusammenfassung der Problematik und Basis für eine Selbstreflektion:
    Zoe’s Dienstag diese Woche: Kiga (wo wir sie natürlich hinfahren), danach nimmt die Mama ihrer besten Freundin sie mit zum Ballett, von dort ging es mit Mama zum Schwimmkurs, dann zum Kinderturnen und schließlich Abends zum gemeinsamen Schwimmen mit Mama und Papa. Sind wir HE’s? Ich denke nicht. Der Schwimmkurs lief nur zwei Wochen und der Dienstag ist die große Ausnahme. Unsere Angebote, einzelne Aktivitäten einzuschränken, lehnt sie kategorisch ab.
    Sie darf auch nicht einfach dazwischenquatschen und muß brav warten, wenn wir am Telefon sind (was bei mir im Homeoffice durchaus öfters vorkommt), aber bei nächster Gelegenheit werden sie und ihr Anliegen dazwischengeschoben.
    Dein vorletzter Absatz ist für mich der wichtigste: Sch*** auf die Schubladen! Die Kinder sollen sich selbst in der Welt bewegen können und ihre Grenzen kennen. Sorgen machen darf man sich trotzdem.
    Das geht allerdings nicht immer. Bei Bea waren wir HE’s in Perfektion: Schon mal kurz auf die Toilette gehen bedeutet, das Kind aus den Augen zu lassen. Freiwillig haben wir das nicht gemacht, es war (und ist) bei ihr einfach lebensnotwendig. Der Höhepunkt wurdeletztes Jahr im Frühling erreicht: Maximale Entfernung zwischen Bea und dem nächsten Elternteil: Armlänge.
    Lassen wir also die Schubladen weg, denn sie ignorieren die individuellen Belange der Kinder vollständig und versuchen wir lieber, unseren Liebsten einen möglichst perfekten Start in ein selbstständiges Leben zu ermöglichen.

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  2. Sebastian, ich glaube dass man bei Kindern bei denen es lebensnotwendig ist gut aufpasst, macht einen nicht zu Helikoptereltern (so man den Begriff den negativ verstehen und vermeiden will). Was hat die Kleine denn? Ansonsten – danke für Deinen Kommentar, freue mich, mit der Problematik und dem „Ideologiemangel“ nicht alleine zu sein! 😉

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    • Wenn ich weiß, was sie hat, werde ich es gleich bloggen 🙂 Spaß bei Seite, die Ursache und Krankheit sind unbekannt, aber sie hat immer wieder kleine Anfälle. Letztes Jahr gab es einen Medikamentenzwischenfall, danach war das „Helikoptereltern“ wörtlich zu nehmen.

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