Burnout Prävention: 1 Jahr nach der Kur

Heute vor einem Jahr bin ich mit unseren vier Kindern in Kur gefahren. Diagnose: Burnout oder auch „Akuter Erschöpfungzustand“. Ja, okay, so wird das nicht aufgeschrieben, weil Burnout (noch) keine anerkannte Erkrankung ist. Es heißt dann „Stress.“ Die Patientin hatte Stress und eine starke muskuläre Dysbalance im Rücken und so weiter …

Burnout. Und zurück. Heute schreibe ich dazu, was sich in meinem Leben durch die Kur und danach verändert hat.

Wie verlief das letzte Jahr? Was wurde anders und was blieb? Welche Herausforderungen gibt es noch und welche wurden gemeistert?

Hier könnt Ihr meinen ausführlichen Erfahrungsbericht im Stil eines Tagebuchs nachlesen.

Welche Ziele hatte ich nach der Kur?

Nun geht es bei einer Kur ja nicht darum sich drei Woche urlaubsmäßig zu erholen, um sich dann wieder für ein paar Jahre auszupowern und dann wieder in Kur zu fahren.

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In diesem Heft notierte ich während der Kur meine Ziele

Als Ziel ist eine Veränderung des Lebens gesetzt. Damit man glücklich lebt.

„Ein ausgeglichenes Leben erfordert niemals einen Urlaub.“

So sieht es aus. Wir alle sollten so leben, dass wir Erschöpfungen vorbeugen und notfalls Veränderungen vornehmen.

Aber wie war das gleich? 80 Prozent aller Menschen, die Veränderungen in ihren Leben vornehmen scheitern bereits am dritten Tag.

Hier sieht man schnell: Das ganze ist eine Mammutaufgabe.

Man muss durch und durch von der Veränderung überzeugt sein. Und: Sie muss mehr Nutzen haben als der aktuelle Zustand. Das Gehirn liebt nämlich Gewohnheiten – ja, auch schlechte. Es hat tagtäglich so viel zu leisten, dass alles, was easy-peasy abläuft (also ohne Nachdenken), im Gehirn Glück auslöst. Das Belohnungszentrum des Gehirns – das Limbische System – sorgt für Glücksgefühle. Zum Beispiel, wenn wir während einer krassen Diät die Chipstüte öffnen. Oder faul auf das Sofa fallen, statt abends noch eine Runde Laufen zu gehen.

Das Neue, das durch die Veränderung kommen soll,  muss einen so großen Nutzen haben (im Sinne von Glücksgefühlen), dass das Gehirn bereit ist, dieses neue Programm zu installieren. Wen es beispielsweise glücklich macht, jeden Tag zu Joggen oder zu Walken, der wird auch dranbleiben. Wer es hasst, der kann es gleich lassen und sich eine andere Sportart suchen.

Wer davon profitiert, sich jeden Morgen duftend einzucremen, der wird immer neue Creme kaufen müssen. Wen das eigentlich nur nervt, der braucht es gar nicht erst zu versuchen, weil es so in einer Zeitung empfohlen wurde.

In der Kur steckt man sich am besten also erreichbare Ziele.

Meine notierten Ziele waren: 

  •  Ich möchte lernen, auf mich und meine Bedürfnisse zu achten und mich von den Wünschen und Bedürfnissen Anderer gesund abzugrenzen.
  • Ich möchte Abstand vom Alltag schaffen können.
  • Ich möchte lernen, mit der Fremdbestimmung des Lebens umzugehen, indem ich Gegenpole finde.
  • Ich wünsche eine berufliche Veränderung.
  • Ich möchte weniger „Müssen“ und mehr „Wollen“ erleben.
  • Ich möchte die morgendlichen kalten Beingüsse beibehalten (Ob ich das packe? brr..).
  • Ich wünsche mir, meine Ziele zu erreichen.

„Butter bei die Fische!“ – wie sieht es denn nun aus?

Okay. Ich habe meine Kurziele im Kopf, daher habe ich die Unterlagen nicht herausgeholt. Ich wollte ganz bewusst schauen, was sich in 12 Monaten für mich verändern ließ und was ich aktiv verändert habe.

Um diese Ziele beibezuhalten habe ich einen Nachsorgekurs besucht.

Dieser besteht immer noch: Wir treffen uns ein Mal im Monat bei einer sehr guten Heilpraktikerin für Psychotherapie. Dann resümieren wir, schauen wie es gerade bei jeder von uns aussieht und besprechen diverse Themen. es gibt Übungen zur Visualisierung, Meditation, Arbeit mit dem Inneren Kind und Arbeit mit den Teilpersönlichkeiten (Nach „Psychosynthese“ von Roberto Assagioli – ein Hammer für die psychologische Arbeit!). Wir als Gruppe werden kreativ, wir machen Brainstorming, wir unterstützen einander urteilsfrei, wir lachen und weinen und behalten unsere Bedürfnisse im Blick.

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Ich habe einen Hefter für die wichtigen Notizen und Arbeit der Kurnachsorge-Gruppe angelegt

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Von wegen „Eigenlob stinkt“!  Diesen Unsinn durfte ich schnell über Bord werfen und lernen, zu meinen Stärken zu stehen. 

(Nicht wundern bei dem Bild oben – falls Ihr es lesen könnt: Die hinter den Stärken stehenden negativ wirkenden Worte sind die möglichen Schattenseiten der Stärken – dies gehört zur Arbeit mit der „Psychosynthese“. Hier geht es darum, immer im Gleichgewicht zu sein. dazu muss man eigene Stärken und auch deren Schatten sowie auch Schwächen und deren Lichtteile kennenlernen.)

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Und Ihr dürft noch einen Blick in den Hefter werfen: Notizen sind während Veränderungen das A und O, echt.

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Anleitung zur Muskelentspannung aus einer Frauenzeitschrift: Immer alles sammeln (und nutzen! :D), das hilfreich sein kann.

Zudem gibt es vom „harten Kern“ des Grüppchens aus „Kur-Kolleginnen“ eine WhatsApp-Gruppe. Wir quasseln ein wenig, durch den Kontakt sind wir latent immer an uns und die Ziele erinnert und ja, wir  vermissen einander inzwischen sehr. Der (Teenager-)Sohn einer Kur-Freundin kommt uns zwischen Weihnachten und Silvester besuchen. Wir wollen uns alle wiedersehen und hoffen, dass das irgendwie und irgendwann klappt.

Dies hilft sehr, um auf dem neuen Weg zu bleiben.

Habe ich gelernt, auf meine Bedürfnisse zu achten und mich abzugrenzen?

 

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So sieht es aus: Mama braucht mal Ruhe!

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Wer sich zurückziehen kann, der kann auch wieder geben (Cooler Türhänger, ne?)

 

Wir Frauen haben meistens überhaupt nicht gelernt, uns zu lieben, nachsichtig mit uns zu sein und unsere Bedürfnisse umzusetzen. Das ging mir nicht anders.

Ich war sehr mies darin, mir überhaupt Bedürfnisse zuzugestehen. Ich bin schließlich Mutter – da muss man sich doch für 20 Jahre selbst in den Schrank sperren und für die Bedürfnisse Anderer verschenken, oder?

Ich habe gelernt, meine Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen. Das war ein echt anstrengender Prozess. Ich kann sie leider nicht immer umsetzen. Viel zu selten, um genau zu sein.

Die Wahrnehmung ist ein guter Erfolg nach 12 Monaten, aber ich bin noch nicht ganz zufrieden. Nun ja: Im Sinne des Life long learning mache ich weiterhin meine Erfahrungen.

Und: Mit einem Kleinkind im Haus ist man eh so fremdbestimmt, dass wahre Entfaltung einfach warten muss.

Und wie sieht es mit Abstand vom Alltag aus?

Puh, hm. Na ja.

Das gelingt mäßig.

Unser Leben ist so voll. Voller Termine, Arbeit, Verantwortung, Hausverkauf, Alltagsbewältigung und bis vor Kurzem noch die Belastung durch das Mobbing.

Dauernde Selbstüberwindung ist alltäglich. Ich mache nichts Schönes so lange, wie ich es will. Sondern bis ich abberufen werden. Zu Terminen, zum aufwachenden Kleinkind, zur Haustür …

Viele Tage beginnen mit Disziplin und enden auch damit. Und zwischendurch auch wieder viel Überwindung. Ich habe zudem Bedürfnisse wie Ordnung: Ich habe immer ein gemachtes Bett, es gibt keinen „Chaos-Stuhl“ im Schlafzimmer – der wird rasch aufgeräumt. Ich räume gefühlt den halben Tag allen hinterher oder/und erinnere sie daran, ihren Kram wegzuräumen, sonst würden wir hier echt stolpern: Über Schulranzen, Sporttaschen, Zeug auf der Treppe etc.

Ja, Fünf gerade sein lassen habe ich schon gelernt. Das sind bereits meine Fünf – denn ich kann nicht leben wie in der Villa Kunterbunt.

Wir, mein Mann und ich, stellen fest, dass früher einfach mehr Lametta war. Es ist echt gerade hier die Rush Hour des Lebens. Es macht nicht halb so viel Spaß wie es sollte, aber doppelt so viel Arbeit, wie man bewältigen will.

Manchmal gehen wir aus. Wir haben unsere Rituale als Paar (der Samstagabend gehört uns!), aber diese lassen sich nicht immer einhalten und umsetzen. Wir hatten zwischendurch (durch meine Prägung auf Bedürfnissverzicht und Caring gegenüber dem Beziehungspartner) eine ungute Dynamik. Diese haben wir allerdings sehr, sehr gut aufräumen können, weil ich durch die Kur und ihre positiven Veränderungen in mir viel selbstbewusster war. Auch das war anstrengende Arbeit, von der man sich kaum erholen kann – wie von aller anstrengenden (inneren und äußeren) Arbeit.

Aber: Selbstliebe ist ein großes Thema für mich geworden, das ich auch richtig gut umsetzen konnte, wofür ich echt dankbar bin.

Und so weiß ich, dass ich Veränderungen schaffe, wenn es möglich ist.

Aber den Alltag selber finde ich immer noch anstrengend und inhaltlich echt etwas lahm. Es ist noch zu freudlos. Ich arbeite daran.

Wie viel Fremdbestimmung ist noch da? Gibt es die erhofften Gegenpole?

Ich fühle mich immer noch sehr fremdbestimmt. Und das ist auch der einzige echte Knackpunkt für  mich persönlich. Ich habe drei Kleinkindphasen (eine mit gleichzeitiger Säuglingsphase) durch. Voller Hingabe. Jeden Tag war ich stolz, was ich alles geschafft hatte mit so kleinen Kindern. Und hatte immer etwas, auf das ich mich freute: Ausgehen am Wochenende, ein Abend zu zweit, ein gutes Essen, Besuch von Freunden…

Das ist viele Jahre her. Und ich muss sagen, dass ich meine wiedergewonnenen Freiheit schon sehr liebte. Und die sind nun weg. Für Jahre. Ich habe diese enthusiastische Hingabe der ersten und zweiten und dritten Phase mit so kleinen Kindern einfach nicht mehr. Die würde mir helfe. Aber ehrlich: Die euphorische Liebe, mit der man sich über süßes Spielzeug freut, mit der man jeden Schritt des Kindes bestaunt und mit der man jeden keinen Erfolg mitteilen will, die ist einfach beim vierten Kind nicht mehr so dicke vorhanden. Die Fremdbestimmung regiert mich und vermiest mir echt oft Laune, obwohl ich ganz brav innerlich Gegenentwürfe mache und auszubalancieren versuche.

Ja, psychoanalytisch gesehen ist mein inneres Kind tief unbefriedigt: es musste sich immer zu Gunsten Anderer zurücknehmen. Seine Eltern „be-eltern“ und galt sofort als egoistisch, wenn es mal „ich“ sagte oder etwas wollte. Will gar nicht wissen, wie persönlich meine Mutter wohl meine Autonomiephase (landläufig gemeiner und fälschlicher Weise als „Trotzphase“ bezeichnet) aufgefasst hat … meine heftige Biographie ploppt immer wieder auf und muss auch noch bearbeitet werden, damit die Ganzwerdung, das Sich-Selbst-Finden- und-Entfalten funktionieren kann.

Und Gegenpole habe ich kaum. Der Tag ist immer noch voll. Voll Kieferorthopäden, Logopäden, Zahnärzten, Kinderärzten (oh Mist! Muss heute noch einen U-Termin für Nummer 4 machen!…), Lehrergesprächen, voller Besorgungen und Erledigungen (allein die Logistik gebrauchter Kleidung ist hier ein Kracher…).

Ich schaffe es kaum, mir Räume einzurichten. Das sagte ich vorgestern auch zu Mister Essential: „Ich kann mich fast gar nicht zurückziehen. Seit fast drei Jahren. das ist furchtbar für mich.“

Ja, ich habe neulich morgens ein Mal nichts gearbeitet, sondern gebadet. Ich kam mir wie eine Revoluzzerin vor. Und ja, ich nähe manchmal, während Nummer 4 schläft (er macht noch Mittagsschlaf, yeah!) und ich schicke die Kinder weg, die wirklich immer vor der Badezimmertür ‚rumlatschen, sobald mein Popo die Klobrille berührt.

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Noch mehr Einblicke in mein Leben: Was tut man nicht alles aus Liebe? Pudelkleidung nähen für den „Therapiehund“ Nummer 2s zum Beispiel. (Echt, ja. Das Tier hat keine Unterwolle und zittert bei Kälte. Bei Regen bleibt es einfach stehen und will nicht mehr laufen – daher der Regenmantel …)

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Ich nähe auch „vernünftige“ Sachen, wirklich! Und das tut mir wirklich sehr gut. Seine Interessen zu pflegen ist wirklich wichtig.

Aber ich wäre so glücklich, wenn ich beispielsweise eine Mutter hätte, die manchmal käme und mir helfen würde. Oder sonst irgendwen. Hach, das wäre vermutlich toll.

So komme ich eben recht langsam voran beim Gegenpol-Schaffen.

Wie steht es denn um die berufliche Veränderung?

Tja-haa: Das habe ich volle Kanne geschafft.

Ich bin während der ersten paar Treffen der Kurnachsorge-Gruppe darauf gekommen. es war plötzlich sonnenklar, während ich den anderen Teilnehmerinnen zuhörte und ihre Probleme analysierte. Irgendwann sagte unsere Gruppenleiterin:

„Das hätte ich ganz genau so gesagt. dem habe ich nichts hinzuzufügen.“

Ich war so im Einklang mit mir während dieser Art der Unterstützung der Anderen. Bei der Analyse und auch den Ideen zur Veränderung!

Plötzlich wusste ich es: Das wird mein neuer Beruf!

Ja, ich hörte seit Jahren meine Freunde sagen: „Wieso wirst Du eigentlich nicht Psychotherapeutin? Das ist voll dein Metier!“

Na, mir war nicht nach einem erdrückenden Studium. So war das.

Als mir bewusst wurde, dass ich auch Heilpraktikerin für Psychotherapie werden konnte, da fiel dieser Ballast ab: Ich musste gar nicht studieren. Viel mehr hätte ich eine sehr viel freier Auswahl der Therapieformen und könnte sehr kreativ vorgehen.

Ich besprach diese Eingebung mit der Gruppenleiterin und sie lächelte.

Dann suchte ich mir (mit viel Bauchgefühl) die passende Schule und bin nun seit September angemeldet. Im Oktober 2018 ist meine Prüfung.

Und ich liebe es so sehr! Ich lerne so gerne – die Inhalte sprechen mich total an. Es ist echt mein Ding!

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So sieht mein Schreibtisch derzeit aus. Und mein Bücherregal erst: ziemlich voll …

Weniger „Müssen“ – mehr „Wollen“?

Es ist zu viel Müssen. Habe ich ja bereits beschrieben: Sechs Personen, Haus(-verkauf/kauf), Ausbildung, Alltag vom Hemdenbügeln bis zur Erinnerung des Kindes an das Verstellen der Zahnspange. Ihr kennt das.

Ich arbeite im Moment am „Wollen“. Es ist so, dass ich Thema für Thema angehe und schaue, was gerade möglich ist. Nicht ohne Frustrationen, muss ich zugeben.

Ich wäre gerne viel freier. Aber im Moment kann ich echt nur nehmen, was möglich ist.

Ich habe die beiden großen Kinder auf deren Wunsch hin (und vor allem, weil es das einzig Sinnvolle ist) zu mehr Selbstständigkeit begleitet. Nummer 1 ist inzwischen echt ein Hammer, was das angeht! Sie ist noch ein bisschen Kind und zugleich sehr erwachsen – 14 Jahre alt – und bemerkt genau, wann sie etwas tun kann, um die Familie zu unterstützen. Meistens tut sie das auch. Ich bin ebenso froh, wenn mal blockiert und durchhängt – schließlich habe ich immer noch die Bedürfnisse und psychischen Befindlichkeiten von uns allen Sechsen im Blick … Abgrenzung ist wirklich ein Balanceakt für Mütter.

Nummer 2 erholt sich gerade so wunderschön von der schlimmen Zeit des Mobbings. Sie muss in teilen „nachreifen“ – Sie übersprang die dritte Klasse und musste sich schnell reifemäßig angleichen. Wir bemerkten aber neulich im Gespräch, dass ein teil von ihr noch 8 Jahre alt ist. Und dieser ist noch nicht gut in den Disziplinen der Größeren: Bedürfnisaufschub. Einsicht, Selbstdisziplin – alles noch ziemlich auf Null. Sie wünscht sich nun aber, dass dieser Teil in Liebe und Ruhe auch reifen kann. Und dabei begleite ich sie.

Und die kalte Dusche am Morgen? Aus dem Ziel is‘ doch nix geworden, oder?

Man glaubt es kaum: Doch. Ich mache es immer noch. Außer am Wochenende.

Ich habe mir angewöhnt, jeden Tag genüsslich zu duschen. So ganz in Ruhe und rituell. Den Abschluss bildeten die kalten Güsse über die Beine hoch bis zur Taille mit abschließendem Abduschen der Fußsohlen.

Dann hörte ich, tägliches Duschen sei Gift für die Haut (Schutzbarriere und so). Ich habe dann umgestellt und mache es so, dass ich jedes zweite Mal den ganzen Körper einseife (gönne mir immer wunderbar duftende Naturkosmetik) und an den anderen eben nur die Zonen, bei denen mir Hygiene besonders wichtig ist (wir nennen sie hier zärtlich die „Stinkzonen“). Ich fühle mich morgens dadurch wunderbar belebt und gepflegt. Danach nehme ich mir Zeit zur Gesichtspflege inklusive Make-Up. Und ja: ich entferne das Zeug wirklich jeden Abend wieder und verwende danach eine Nachtcreme.

Ausnahmen? Selten.

Ziele erreicht?

Ich bin zufrieden mit den Veränderungen. Ich bin nicht zufrieden mit dem Ist-Zustand.

Hä?

Ja, ich finde, was ich binnen 12 Monaten verändert habe, das war eine gute Leistung.

Aber Punkte wie das dauernde Abarbeiten von Terminen und Verpflichtungen bei viel zu wenig Freizeit und zu kurzem Feierabend und die Fremdbestimmung durch Nummer 4 – nerven mich immer noch.

Ich habe diese Dinge im Blick und nutze die kleinen Lücken und Möglichkeiten, bis diese sich erweitern und ich noch mehr Raum für mich, für Freude und für Selbstentfaltung habe.

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Bald ist wieder Weihnachten – ein Jahr ist um.

Tipps oder so?

Ein paar Tipps habe ich:

Wenn Ihr gerade im Erschöpfungszustand seid oder einen hinter Euch habt und keinen mehr haben wollt, dann gibt es gut Möglichkeiten.

Es gibt gute Literatur zur Burnout-Prävention und alles drumherum.

Fachlich sehr gut gestaltet ist dieses Buch: Thomas M.H. Bergner: „Burnout-Prävention“ Zusammen im Set mit 27 Tests und 94 Übungen. Ist nicht umsonst – aber man sollte es sich wert sein. Selbstliebe und so.

Da wir fast alle Probleme damit haben, ist Arbeit mit dem Inneren Kind gut. Dazu gibt es inzwischen Hörbücher mit Übungen wie „Das Kind in Dir muss Heilung finden“ von Stefanie Stahl. Hier sind klassische Übungen die Ergänzung zu kurz gefasstem Fachwissen. Auch „Versöhnung mit dem inneren Kind“ von Thich Nhat Hanh ist sehr gut. Empfohlen wurde es mir durch unsere Gruppenleiterin.

Michaela Huber schreibt in „Der innere Garten. Ein achtsamer Weg zur persönlichen Veränderung“ über die Möglichkeiten der Selbstentwicklung. CD und Buch sind nicht nur von meiner Heilpraktikerschule wärmstens empfohlen, sondern absolut für jeden geeignet, der spürt, dass er sich selbst kennenlernen und entfalten möchte.

Im Moment lese ich „Achtsamkeit. Der Weg zur eigenen Wertschätzung“ von Jutta Vogt-Tegen. Ganz großartig! Alltagstauglich, einleuchtend und umsetzbar. Dieses Buch wurde mir auf der „WestFam“-Bloggerkonferenz vom Verlag Lingen zur Verfügung gestellt. Ich plane dazu demnächst hier eine Rezension. Achtsamkeit ist ein unglaublich wichtiger Punkt. Als Gegenpol zum Stress und zur Hetze. Als Erinnerung an die Schönheit des Augenblicks. Als Hilfe bei Angsterkrankungen. Achtsamkeit ist ein Geschenk. Inzwischen ist der Begriff so bekannt, dass es viel Literatur, Seminare und viele Übungen zum Thema gibt.

Wichtig sind auch Erinnerungen in Form von Botschaften und Zetteln.

Was auch immer man verändern will, muss man dem Hirn „unterjubeln“ – dieses träge und zugleich megafleißige Ding in unserem Kopf sucht immer den einfachsten Weg. Schließlich filtert es ja schon den ganzen Tag so viel und schaltet und wirkt. Also:

Zettel schreiben und ab an den Badezimmerspiegel, den Kühlschrank, auf den Nachtisch – wohin auch immer. Und da kann alles draufstehen, außer Verneinungen.

Bitte immer positiv formulieren. Auch im geistigen Umgang mit sich selbst:

„Boa, schon wieder hab ich es nicht gepackt!“ ist nicht so günstig. So, wie Ihr nicht mit Euren Kindern reden würdet, so dürft Ihr auch echt nicht mit Euch reden.

Hilfreich ist eher: „Beim nächsten Mal schaffe ich es!“

Frau Vogt-Tegen (siehe oben) schreibt übrigens in ihrem Buch, dass die erschreckende Mehrheit menschlicher Gedanken negativ ist. Achtet mal darauf – das ist wirklich krass, was man so denkt!

Auf Eure Zettel könnt Ihr schreiben:

„Heute schon 30 Minuten für mich eingeräumt?“

oder

„Augen schließen, drei Mal durchatmen.“

oder

„Bitte sich selbst zulächeln!“(Klingt beknackt, fand ich auch. ist aber echt klasse! Einfach ausprobieren.)

„Ich bin auf einem guten Weg. Komme ich ab, bemerke ich es, lobe mich für dieses Bemerken und gehe wieder zurück auf den Weg.“

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Hier: Einer meiner „Kühlschrank-Zettel“

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Manchmal hilft einfach nur Humor: Launischer Kühlschrankmagnet für meine Zettel

Ja, wirklich: So sollten wir eigentlich mit uns umgehen. Man hat mehr davon.

Stopp!

Das Wort „eigentlich“ kann man aus dem Wortschatz streichen. Es schmälert, es ist unentschlossen und leider wenig hilfreich. Auch hier könnt Ihr darauf achten, wie oft Ihr das (eigentlich) sagt! Und am besten, sofort damit aufhören. Es hat eine sehr kraftvolle Wirkung, wenn man nicht „Eigentlich gerade Hunger hat und eigentlich nach Hause möchte“, sondern klar mitteilt „Ich habe Hunger und möchte nun nach Hause.“

Und „man“? Ja, dieses Indefinitpronomen habe ich auch extra oben mal verwendet.

Kann man auch weglassen. Nicht ganz. Sondern nur, wenn man von sich spricht:

„Tja, man fühlt sich dann irgendwie übergangen und enttäuscht.“ greift beim Anderen weniger als: „ICH fühle mich übergangen und enttäuscht.“

Gerne verstecken wir uns hinter dem „man“. Das verhindert aber oft, dass wir unsere Gefühle klar mitteilen. Und so werden diese leicht übergangen. Was enttäuschend ist. Siehe oben.

Liebt Euch, achtet auf Euch, atmet durch und vergesst nicht: Ihr seid zum Einen als Mütter Vorbilder (Sollen unsere Kinder sich denn später auch mal verausgaben?) und zum Anderen in Eurem Leben nicht zum Abarbeiten des selbigen da.

Ganz gleich, ob Ihr gläubig seid oder nicht. Einerlei, ob Ihr glaubt, dies sei Euer einziges Leben oder es gab viele und wird noch viele geben:

Das Leben endet, ohne dass wir (meistens zumindest) wissen, wann es das tun wird. Es ist dazu da, mit Sinn gefüllt zu werden.

Wir können angesichts dieses Fakts im Grunde nur glücklich sein. Oder uns pausenlos fürchten.

Verändern können wir nur uns selber. Und wenn wir unglücklich sind, dann ist es unerlässlich zu schauen, welchen Anteil wir selber haben. Andere sind nur sehr bedingt schuld daran. Meist gibt es etwas in uns, das uns unglücklich werden lässt. Oft auf Umwegen. Wenn man sich verändert, geschehen Verschiebungen im System, im eigenen Umfeld, in der Familie. Ganz automatisch. Es werden Dinge wie von alleine möglich, an die man so nicht geglaubt hätte.

Bei akutem Burnout ist zudem eine Therapie absolut empfehlenswert und kann mit der Hausärztin oder dem Hausarzt besprochen werden. Das gleiche gilt für eine (Mutter-Kind-)Kur.

Der, wie ich finde, wichtigste Satz zum Thema Burnout ist:

„Ausbrennen kann nur, wer in Flammen stand.“

Burnout ist kein peinlicher Zusammenbruch von Memmen. Sondern das Endergebnis von Verausgabung bei gleichzeitigem Verlust des Gefühls von Sinnhaftigkeit. Ein Mensch hat geleistet ohne Anerkennung zu erfahren. Er nahm seine Bedürfnisse nicht mehr wahr und ernst. Er stand lange unter druck und wollte möglichst perfekt handeln. Irgendwann bricht er zusammen. Das ist Burnout. Auch wenn das Burnout-Syndrom noch keine anerkannte Erkrankung nach dem ICD-10 ist, so trifft dieser Erschöpfungszustand immer mehr: Bereits jede 5. (!) Mutter zeigt Zeichen einer Erschöpfung bis hin zum Burnout.

Burnout ist das Ergebnis eines falschen, selbstschädigenden Lebensprogramms. Dieses muss verändert werden, damit ein weiterer, vorhersehbarer Zusammenbruch verhindert werden kann.

Eine recht gute Übersicht zum Thema findet man bei Wikipedia.

In diesem Sinne: Lasst es Euch gutgehen. Und wenn es nicht gut geht: Sorgt für Euch genau so gut wie für Eure Kinder und schaut, dass das Leben wieder besser und lebenswerter wird.

Alles Liebe für Euch!

Eure Lareine

 

Mobbing: Unser Update

Wie läuft es denn im Moment bei uns?

Wie versprochen halten wir Euch auf dem Laufenden, was das Mobbing gegen Nummer 2 betrifft.

Im Moment sieht es so aus – auf Facebook hatte ich das bereits erwähnt, aber so erreiche ich Euch alle:

Seit der Veröffentlichung und Euren vielen lieben Mails, Nachrichten und Kommentaren geht es Nummer 2 sehr viel besser.

Eure Worte waren heilsam.

Sie zeigten ihr, dass sie nicht alleine ist und dass auch viele heute erwachsene Menschen einst Opfer dieser perfiden Form von Gewalt wurden.

Nummer 2 zog verschiedene Erkenntnisse aus den Artikeln und Mails:

  • Es sind vor allem intelligente, warmherzige und empfindsame Menschen, die Opfer von solchen Angriffen werden
  • Viele LehrerInnen scheinen mit dem Thema überfordert zu sein
  • Viele Eltern sind, wenn sie von den Kindern in#s vertrauen gezogen wurden, oftmals hilflos, da keine Zusammenarbeit mit der Schule entsteht, die einen guten Ausgang findet
  • Es gibt viel mehr Mobbing, als man zunächst annimmt. Letztlich erinnert sich sehr viele daran, entweder selber attackiert worden zu sein oder dass es ein Kind in der eigenen Klasse gab, das Ziel irgendwelcher Angriffe wurde
  • Mobber sind meistens entweder selbst gemobbt wurden und wechseln die Seite oder fühlen sich durch Eigenschaften des Opfers tief verunsichert.
  • Gespräche mit den Eltern von Mobbern bringen meistens keinerlei Verbesserung. Auch, weil die Eltern eher durch Verleugnung oder Verharmlosung das Thema abwehren

Wir danken Euch allen sehr für die so liebevollen Wünsche und auch für den Mut, Eure Erfahrungen aufzuschreiben, was ja schließlich nicht einfach ist.

Aktuell 

Nummer 2 hat nun so viel Selbstbewusstsein durch all die lieben Wünsche und empfindsamen Nachrichten wachsen lassen, dass sie in der Schule nicht mehr angegriffen wird. Sie wirkt ganz anders auf uns: Fröhlicher, mutiger, gestärkter und immer wieder ziemlich humorvoll und losgelöst.

Und was lief auf dem offiziellen Weg?

Wir hatten vor einigen Wochen das Schulamt angeschrieben. Dies geschah auf Empfehlung der Klassenlehrerin, die dies für eine gute Idee hielt. Wir erbaten weitere Informationen oder einen Rat, wie wir gemeinsam dieses festgefahrenen fall von Mobbing lösen könnten.

Freitag erhielten wir dann, ohne zuvor eine Antwort auf unsere Mail erhalten zu haben, einen Brief vom Schulamt.

Diesen fasse ich mal eben zusammen:

Man habe Rücksprache mit der Schule gehalten. Hierbei sei Einsicht in die Schulakte bezüglich Nummer 2 genommen worden. Dies habe ergeben, dass Nummer 2 aggressiv sei und den Konflikt aktiv vorantreibe. Dies bewiese sich dadurch, dass sie einem Jungen (dem zu der Zeit aktiven Haupt-Mobber) die Brille von der Nase geschlagen habe. Sie sei auch aggressiv gegen ihre Schwester (klar, sie war aggressiv gegen jeden, als sie sich wie ein gehetztes Tier fühlte). Zudem habe ihr Vater sie zur Gewalt aufgerufen (sicher, wir haben mal irgendwann gesagt, dass wenn ihr kein Lehrer hilft und auch Worte die Jungs nicht bremsen und diese sie auch physisch angreifen, sie sich ebenfalls physisch wehren darf. Dies tat sie während der drei Jahre zwei Mal.)

Ich kontaktierte die Schulpsychologin, die mit dem Schuldirektor sprach. Sie erfuhr, dass die Inhalte der  Schulakte Interna sind, die nicht weitergereicht werden.

Schön. Aber leider zeigen sie dennoch, wie das Schulsystem wahrnimmt und das Schulamt reagiert:

„Du bist kein Opfer (und bekommst keine Hilfe vom Schulamt), wenn Du Dich gegen Gewalt wehrst!“

Wir werden noch einmal ein (abschließendes) Gespräch mit dem Direktor abstimmen und mitteilen, wie wir es finden, dass eine Gegenwehr nach Jahren des Mobbings dergestalt aufgezeichnet wird.

Die Schulpsychologin führte an, dass sowohl das Schulamt als auch die Schule schließlich irgendwie vermutlich ihr System schützen wollen und kaum anders handeln können. Sie nähme aber an, dass in der besagten Schulakte mehr stehen würde, sicherlich auch Positiveres und das Schulamt dies nur nicht erwähnt habe, um seine eigene Darstellung nicht zu gefährden.

Ich persönlich glaube das so nicht. Aber wir werden sehen.

Ich möchte nicht behaupten, an dieser Schule könne man nicht einfach ganz normal und unbehelligt lernen. Fachlich hat die Schule große Kompetenzen.

Leider aber eben auch Schwächen, wenn es um ein so sensibles Thema wie das Mobbing geht. In unserem „traurigen Einzelfall“ zeigte sich das in unserer Stadt sehr angesehene Gymnasium zumindest Jahre lang nicht als wahrnehmend und unterstützend. Dafür hat es nun alles getan, das ihm möglich war, um uns zu unterstützen.

Okay, und da ist dann noch die Schulakte, die unser Vertrauen dann wieder maßgeblich störte.

Unser Fokus

Im Augenblick liegt der Fokus auf dem Erhalt des Ist-Zustandes:

Nummer 2 berichtet, wie einer der Mobber sie für etwas lobte und sie ihm die Tür aufhielt, als er seinen Geburtstagskuchen in die Klasse trug.

Man feuerte sie im Sportunterricht an (wobei sie natürlich zuerst wieder von Hänseleien ausging …) und insgesamt verhalten sich die MitschülerInnen derzeit positiv menschlich.

Wir gestalten in Absprache mit der Schulpsychologin mit viel Bedacht den inneren Abschied aus der Schule und diesem Wohnort. Nummer 2 erhält zudem Unterstützung durch eine Jugendpsychologin. Bei unserem zweiten Gespräch in der Praxis war das Resümee des Psychologen ungefähr so:

„Dieses Kind hat eine starke und sehr gut entfaltete Persönlichkeit. Ich erkenne dies deutlich, obwohl sie sehr wenig sagte und schüchtern wirkte. Das ist sehr gut wahrzunehmen.

Mit ihrer elterlichen und unserer fachlichen Begleitung werden wir die Folgen dieser Erlebnisse sehr gut aufarbeiten können, so dass das Kind keine allzu großen Beeinträchtigungen mit durch das Leben nehmen wird.“

Das stimmt doch optimistisch, oder?

Blogparade #NoMobbing: Die Links

Blogparade #NoMobbing: Die Links

Hier werden fortlaufend die Links zu den Artikeln aktualisiert, die im Rahmen der gemeinschaftlichen Blogparade von Dani und mir ausgerufen wurde.

Die Blogparade läuft noch bis zum 25.11.2016.

Uns erreichen viele Kommentare und Mails, in denen LeserInnen eigene Erfahrungen schildern. Die Artikel sind berührend, belastend, machen wütend, lassen mitfühlen, werfen Fragen auf.

Das Leid, von Gleichaltrigen, der eigenen Gruppe also, nicht angenommen zu werden, ist unermesslich groß. Die Verletzungen des Ausgestoßenwerdens sitzen tief.

Schreibt uns gerne weiterhin – wir veröffentlichen sehr gerne Eure Artikel oder verlinken sie. Auch Gastbeiträge sind sehr willkommen.

Die Beiträge zur Blogparade

Die Rabenmutti  Yasmin schreibt hier über ihr Martyrium. Genau so muss man es nennen, was ihr während ihrer Kindheit und Jugend widerfahren ist.

Bei Krümel und Chaos könnt Ihr lesen, wie es Tanja erging, die so unter den Attacken ihrer Umwelt litt, dass sie mehr und mehr abmagerte und eine Essstörung bewältigen musste.

Hart zu lesen ist auch der Beitrag von Kaddi auf Papmami.de Wie es sich anfühlt, wenn das Kind einer schwer erkrankten Schwester gemobbt wird, erfährt man hier. Ich fragte mich ein Mal mehr: „Kennen manche Menschen den gar keine Grenzen?“

Valerie weiß leider ebenfalls, wie sich Ausgrenzung und Verletzungen anfühlen – sie schreibt auf ihrem Blog Raus mit Dir, Baby über die Angriffe der MitschülerInnen auf sie. Schmerzhaft zu lesen, dass Kinder anderen Kindern Wasserflaschen hinterherwerfen und wie viel Hass die Atmosphäre der Klasse vergiftete.

Auf 2KindChaos liest man „Ich hielt mich für einen wertlosen Haufen Scheiße, der widerlich stinkt, beschissen aussieht, niemals eine richtige Frau werden kann, bodenlos dumm ist und nie, niemals nie irgendetwas richtig machen kann “ und erfährt, was für ein schrecklicher Weg zu diesen Gefühlen geführt hat.

Bei Top-Elternblogs macht sich Anne Gedanken über das Thema Cybermobbing. Hier findet man ein gute Beispiel für das Vorgehen von „Internettrollen“ und kann sich ein realistisches Bild von diesem ätzenden Phänomen machen.

Roksana schreibt auf Lottes Motterleben ganz kurz und direkt zum Thema. Sie erinnert noch einmal daran, wie wenig es braucht, um eben niemanden zu mobben – wie durch „Bodyshaming“ im Internet oder auch analog. Hier kann man im Artikel „Ein guter Tag“ lesen, wie sie sich das Mobbing aus Tätersicht vorstellt. Aggressiv, hässlich und herzlos wirkt es, was man da liest – und genau so muss es sich für sie als Opfer auch angefühlt haben.

Auf Hallo liebe Wolke erzählt Susanne, wie ihre wunderschöne Welt der Grundschulzeit binnen weniger Momente zerbrach und dem Mobbing Platz machte. Hier erfahrt Ihr aber auch, wie sie lernte, sich anzunehmen, obwohl sie als Erwachsene immer noch mit ungerechtem Denken ihrer Umwelt konfrontiert ist.

Auf dem Blog Impressions of Life ist zu lesen, wie oft einem Mobbing während des Lebens begegnen kann: Im Kindergarten, in der Schule, auf der Arbeit. Man erlebt es mit oder am eigenen Leib und fürchtet, das eigene Kind könne auch irgendwann betroffen sein.

Für Elli, die auf Nerdmaedle über ihre Erfahrungen schreibt, scheint keine soziale Gruppe wie Kindergartengruppe oder Schulklasse ohne Mobbing erlebt zu haben und leidet noch heute, als erwachsene Frau, sehr unter den Folgen.

Warum ich bei der Geburt doch nicht nutzlos war

Geburtsbericht aus der Sicht eines Vaters

Mir ist vor einiger Zeit aufgefallen, dass ich mittlerweile ein alter Hase bin. Als Vater, meine ich. Wie Ihr vielleicht wisst, waren wir ja früh dran (für heutige Verhältnisse), was dazu führte, dass wir auch unter unseren Freunden und Bekannten relativ allein waren. Und gegenüber den meisten Mit-Eltern – insbesondere den Vätern, die auch damals schon häufig beim ersten Kind graumeliert waren – kamen wir uns fast wie Teenie-Eltern vor. Wir waren 25, als Nummer 1 auf die Welt kam.

25 sein und ein Kind bekommen, das bedeutete für uns: jede Menge Verantwortung, jede Menge Zweifel, ein Gefühl des „Abgleitens“ gegenüber vielen anderen in unserem Alter, die einfach weiterlebten wie bisher. Für mich als Vater bedeutete das auch: jede Menge Sorgen, weil ich mir vorwarf, es beruflich noch nicht weit genug gebracht zu haben (ich war erst Student mit Zwischenprüfung damals) und eine Menge geistige Auseinandersetzung mit dem, was ich den „Bodensatz der Männlichkeit“ nenne.

Die Geburtsvorbereitung

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Wir sind heute ja alle moderne und aufgeklärte Väter, die selbstverständlich mit zum Geburtsvorbereitungskurs gehen, sich mit der Partnerin auf den großen Moment vorbereiten, im Haushalt unterstützen und jede Menge Fußmassagen verteilen. Das war zumindest das, was man so in den Elternzeitungen las, damals (2002 a.D.) Ich fand das auch alles toll und wollte vieles davon selbstverständlich erfüllen, aus Liebe oder manchmal aus Verantwortungsgefühl. Trotzdem gab es Dinge, die mir Schwierigkeiten bereiteten und an die ich mich herantasten musste. So war für mich beispielsweise immer klar, dass ich bei der Geburt dabei sein wollte – weniger klar war für mich hingegen, welche Rolle ich dabei spielen würde. Es gibt ja immer eine Menge Geschichten von Vätern, die einschlafen, sich hinter dem Camcorder (das ist so was wie ein Smartphone, aber eher würfelförmig mit großem Objektiv und ohne Apps, liebe Jung-Eltern) verstecken oder in Ohnmacht fallen. Zwar hatte ich das alles nicht vor, aber ich hatte schon ein wenig Bammel, ob ich der Situation gewachsen sein würde. Irgendwo tief in mir drin hatte ich auch Probleme damit, mich so weit zurückzunehmen und meine Rolle komplett auf die Unterstützung zu reduzieren, anstatt so zupackend und tatkräftig zu sein, wie man es sich als Mann immer gerne vormacht. Die Behauptung, man würde als Mann ja auch einen wichtigen Beitrag leisten, kam mir damals ein wenig vor wie die berühmte Möhre, die man dem Esel hinhält. Es ist, so dachte ich mir, doch völlig klar, dass ich keinen wichtigen Beitrag leisten kann! Händchen halten und Handtücher anreichen sind doch schließlich für einen Mann™ keine wichtigen Beiträge.

Diese Gedanken haben mir um ehrlich zu sein vor meiner ersten Geburt am meisten Probleme gemacht. Ein Teil von mir – mein eigener Bodensatz, könnte man sagen – ging sogar so weit, sich vor dieser Situation lieber drücken zu wollen. Ich bin weiß Gott niemand, der immer im Mittelpunkt stehen muss – aber der Gedanke, vollständig zum Händchenhalten verdammt zu sein, machte mir schon Schwierigkeiten. Ich wollte irgendwie einfach nicht glauben, dass das wirklich wichtig ist. Aber ich dachte mir, wird ja schon einen Grund dafür geben, warum Frauen behaupten, dass ihnen das hilft, also werde ich meinen Teil beitragen.

Im Geburtsvorbereitungskurs kam ich mir wie viele andere Männer durchaus etwas deplatziert vor. Atmen üben und das ganze Zeug – ich würde das ja nicht brauchen, aber immerhin war mir klar, dass ich meine Frau da auch nicht alleine lassen wollte. Also machte ich mit, auch wenn ich tief in mir immer noch davon überzeugt war, dass das alles nur Scharade sei und man als Mann am Ende doch nichts Nützliches würde beitragen können.

Die Ängste vor der Geburt

Was mir recht leicht viel wiederum war das Kümmern, das im letzten Drittel der Schwangerschaft eine immer größere Rolle spielte. Die Schwangerschaft war sehr mühsam und schien irgendwie kein Ende zu nehmen und ich beobachtete, wie es meiner Frau (im Hochsommer) immer schlechter ging. Also kochte, putzte und massierte ich, so gut ich konnte. Das fiel mir leicht, denn das war etwas Greifbares, etwas das man Anpacken konnte.

Wir sprachen damals auch häufig über ihre Angst vor der Geburt und ich baute sie auf. „Du wirst das schon gut hinbekommen, Du hast ein so gutes Körpergefühl und bist gleichzeitig hart im Nehmen. Das ist eine sehr gute Kombination dafür.“ Meine eigenen Fähigkeiten empfand ich wiederum als viel weniger passend für die Geburtsbegleitung und so hatte am Ende ich (heimlich) vermutlich genauso viel Angst wie meine Frau. Ich wollte halt nicht alles Vermasseln durch Müdigkeit, Hektik oder sonst irgendwas. Zwar hatte ich mir bereits überlegt, dass meine Strategie „Zurücknehmen und Unterstützen“ sein würde, aber die Angst, dass mir genau das in einem so intensiven Moment misslingen würde, begleitete mich durch die gesamte Schwangerschaft.

Dazu kamen noch die zwei Wochen Übertragung, die meine Frau wirklich fertig machten. Sie wollte gern ins Geburtshaus, aber das wäre nicht gegangen, wenn das Baby nicht innerhalb dieser maximal 14 Tage kommen würde. Zu allem Überfluss würde auch noch unsere Hebamme dann in den Urlaub gehen, so dass wir uns doppelt beeilen mussten. Also probierten wir alle klassischen Tricks unserer Hebamme durch, leider bis zum allerletzten Tag erfolglos. Wenn wir in die Geburtsmaschinerie eines Krankenhauses geraten würden, fürchtete ich, würde nicht nur meine Frau davon überrollt werden. Ich würde es auch nicht hinbekommen, sie dort so zu unterstützen, wie sie es braucht, und alles würde schrecklich werden. Ich massierte, streichelte und redete gut zu, hatte aber am Ende auch eine Menge Angst, dass das alles außer Kontrolle geraten würde. Es wäre jetzt falsch zu sagen, dass diese Sorgen umsonst waren: Wir schafften es zwar noch ins Geburtshaus, aber dort wurde es dann zwischendurch wirklich schwierig. Doch der Reihe nach.

Es war der Abend des letzten Tages unserer Geburtshausfrist. Wir hatten alle Möglichkeiten der alternativen Geburtseinleitung erfolglos durchprobiert und waren beide langsam ratlos, meine Frau zunehmend verzweifelt. Ich hatte die ganze Zeit behauptet, dass es schließlich noch klappen würde, aber mit jeder weiteren Stunden schrumpfte meine Hoffnung, mit dieser Prophezeiung richtig zu liegen. Sie war mittlerweile vom dem dauernden Druck, dass es endlich losgehen musste, so entnervt, dass sie irgendwann meine Schwiegermutter und mich bat, rauszugehen. Endlich mal allein und unbeobachtet zu sein gab dann scheinbar den Ausschlag – kaum waren wir draußen, ging mein Handy und meine Frau sagte: „Ich glaube es geht los!“

Es geht los!

Tief durchatmen, jetzt gilt es, schon konzentriert und ruhig erscheinen, sagte ich mir und eilte zurück in unsere Wohnung. Ein kurzes Gespräch mit der Hebamme machte uns klar, dass es doch noch ein wenig dauern würde, und so verbrachten wir die nächsten Stunden dabei, den Abstand der Wehen zu beobachten wie schon alle anderen werdenden Eltern vor uns. Nachdem klar war, dass „Es geht jetzt los“ im Rahmen einer ersten Geburt ein sehr dehnbarer Begriff ist und meine Frau momentan sowieso alleine sein wollte, legte ich mich ein wenig auf die Couch und döste. Ich weiß bis heute nicht, ob meine Frau das pragmatisch fand oder es mir heimlich übelnahm. Mir kam es jedenfalls sinnvoll vor, da ich erwartete, die Nacht durchzumachen – es war immerhin schon 21.00 Uhr – und ich keine Schmerzen haben würde, die mich ohnehin wachhalten würden.

Gegen 22.30 Uhr waren die Wehen so weit fortgeschritten, dass wir uns auf den Weg ins 30 Minuten entfernte Geburtshaus machten. Im nähergelegenen in unserem Wohnort hatte man uns leider nicht mehr annehmen können. Die Fahrt war knifflig gegen Ende – jede Bodenwelle löste eine Wehe aus und wir fuhren nicht gerade eine dahinschwebende Limousine, sondern einen in die Jahre gekommenen Fiat Punto. Zum Glück gab es keine Verkehrsprobleme und wir kamen zügig durch. Jetzt war es also soweit.

Die Wehen kamen immer schneller, und nach relativ kurzer Zeit boten die Hebammen an, ins Wasser zu wechseln. Ich setzte mich neben die Badewanne und meine Frau begann mit dem Part der Geburt, den ich fortan immer als „Walgesänge“ bezeichnen würde – sie wechselte wellenartig in eine andere Welt, aus der sie in immer kürzeren Abständen wieder auftauchte, mich anlächelte und Sachen sagte wie „Mir geht es gut“ oder „Ist gar nicht so schlimm“. Dazwischen verfiel sie in einen animalischen Singsang, der mit fortschreitender Geburt immer intensiver wurde – es klang jedoch stets eher nach großer Anstrengung denn nach großem Schmerz. Zumindest in dieser Phase der Geburt. Ich sprach sie regelmäßig kurz an, wenn sie auftauchte, feuerte sie an oder fragte, ob sie etwas brauchte, aber das war selten der Fall. Ab und zu wechselte ich die Sitzposition oder trank einen der Energydrinks, die ich in meiner Geburtshaustasche hatte. Auch wenn das eigentlich nicht nötig war, Müdigkeit war irgendwie kein Thema, aber ich wollte sicherstellen, dass es das auch nicht wurde …

An die Grenze und darüber hinaus

So ging es einige Stunden weiter, und ich war die meiste Zeit ganz erstaunt, dass es ihr gut zu gehen schien. Irgendwann meinte eine der Hebammen jedoch, dass der Muttermund sich einfach nicht weit genug öffnen würde und sie jetzt eine Eipollösung vornehmen wollte. Ich muss gestehen, dass ich nicht so recht wusste, was das war – aber den Schmerzensschreien zufolge, die den Prozess begleiteten, etwas extrem Unangenehmes. Denn ehe ich oder die Betroffene selbst zugestimmt hatten, legte sie bereits los. Zum ersten Mal schien meine Frau aus dem Flow zu kommen, und ich als Assistent direkt mit ihr. Ich streichelte sie, riss mich zusammen und feuerte weiter an. Aber dieses Erlebnis war so einschneidend, dass ich mich in den folgenden drei Geburten niemals wieder dazu hinreißen lassen wollte, wie ein Schaf daneben zu sitzen, wenn Arzt oder Hebamme etwas machten – denn etwas ankündigen und direkt umsetzen, während die Frau in einer Wehe versunken ist, kommt gar nicht so selten vor. Es gab um ehrlich zu sein in jeder Geburt einen Punkt, an dem ich jemanden stoppen musste, damit er auf Einwilligung wartete – nur damals bekam ich das halt noch nicht hin.

Nach der Eipollösung geriet alles ins Straucheln, die Schmerzen schienen schlimmer zu werden, gleichzeitig feuerten die Hebammen meine Frau an zu Pressen, obwohl der Muttermund scheinbar noch nicht weit genug geöffnet war. Es folgten nicht enden wollende Stunden voller Presswehen, die sich völlig anders anfühlten als der erste Teil der Geburt. Wobei, das muss man sicherlich betonen, es sicher keine Geburt gibt, die ohne solche Extreme abgeht. Dennoch dauerte es bei uns sehr lang, zumindest erschien es mir so. Ich verfiel wieder in meinen Rhythmus aus ansprechen, streicheln und anfeuern, der mir immerhin als das Passendste erschien, das ich so tun konnte.

Nach einer Weile begannen wir neue Stellungen zu testen und die Hebamme bezog mich da mit ein. Das empfand ich als gut, da es schmerzhaft und anstrengend war und ich so auch etwas tun konnte, zumal meine Frau sich mehr und mehr auf die Geburt konzentrierte. Mittlerweile war es rund fünf Uhr morgens, als uns die Hebamme endlich mitteilte, das etwas Bewegung in die Sache kam. „Nicht mehr lange, bald hast Du´s geschafft“, flüsterte ich. „Alles ok mir mir“, kam immer noch dann und wann als Antwort, auch wenn das immer weiter von der Wahrheit entfernt zu sein schien. Walgesänge waren abgelöst worden von echten Schmerzenslauten, irgendwann war der berühmte „Ich kann und ich will jetzt nicht mehr“-Punkt erreicht, und wir mussten darüber hinausgehen.

Wie jede Geburt endete auch diese schließlich in einem Crescendo aus Schmerz, Blut und Tränen – sowohl des Leids als schließlich auch der Freude – und irgendwann hielten wir eine empörte, weinende, schmierige Nummer 1 in den Händen und waren verliebt.

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Was ich damals gelernt habe

Ich bin auch heute noch – nach vier Geburten, die ich in Geburtshaus, zuhause und zweimal im Krankenhaus begleitet habe – der Meinung, dass man sich über den Part, den man als Vater während einer Geburt übernehmen kann, keine Illusionen machen sollte. Man wird kein Held an einem solchen Tag, sondern bestenfalls der Sidekick der Heldin. Nichtsdestotrotz habe ich verstanden – und so hat es mir meine Heldin auch immer wieder bestätigt – dass in einer solchen Extremsituation jede Unterstützung willkommen und dringend notwendig ist. Und man kann und sollte das Sprachrohr seiner Partnerin sein, die das selber nicht immer kann. Ich habe das bei Nummer 1 einmal nicht hinbekommen und auch wenn alles am Ende funktionierte, habe ich meine Lektion gelernt. Vielleicht, liebe werdende Väter, hilft dieser Bericht ja dem einen oder anderen von Euch – ich würde mich freuen!

 

 

 

Danke, Scoyo!

Danke, Scoyo!

Lieben Dank, Scoyo, dass Ihr uns zum Blogliebling des Monats Oktober ernannt habt!

Wir sind nach wie vor ganz dankbar für die große Resonanz, die dieses Thema auslöste.

Uns schreiben und kommentieren Eltern, die fürchten, ihre Kinder könnten Opfer werden. Viele schildern eigene Erlebnisse, die sie bis heute verfolgen oder berichten, dass ihre Kinder Opfer von Mobbing oder Bossing sind.

Wir möchten mit unserer Blogparade #NoMobbing, zu der wir zusammen mit Dani von „Glucke und so“ (hier findet Ihr auch einen guten Artikel zum Thema „Cybermobbing„) aufrufen, auf dieses Thema aufmerksam machen, da wir inzwischen wissen, wie viele Opfer aus Scham schweigen. Man muss sich das mal anschauen: Die Opfer schämen sich! Wir – ich bin ja selbst als Kind betroffen gewesen – wissen, dass man so fühlt. Aber zugleich ist es wichtig zu sagen:

Kein Opfer trägt die Schuld am aggressiven Verhalten eines Täters!

Durch den so häufig erlebten Vorgang des „Victim Blaming“ fühlt es sich immer wieder so an. Daher ist es ganz wichtig, dass ein Umdenken angeregt wird. Sei es in der (vollkommen unsinnigen) Debatte darüber, ob ein Minirock zu Vergewaltigungen führt oder eben darum, ob ein Mensch selbst schuld ist, wenn er angegriffen wird.

Mobber suchen sich einfach irgendeinen Aufhänger für ihr Verhalten.

Sie haben eigene Motive für ihr Handeln. Angst, geringes Selbstwertgefühl, Frustration, Langeweile und manchmal auch den Abbau der Demütigung durch selbst erlebtes Mobbing.

Wir möchten uns austauschen, vernetzen, Tipps geben und zeigen, dass man nicht schamvoll und hilflos alleine ist mit diesem Thema.

Aufruf Blogparade #NoMobbing

Aufruf Blogparade #NoMobbing

Ein wichtiges Thema

Nachdem Dani (die liebe „Glucke“) einen Artikel zum Thema Cybermobbing und ich über das Mobbing an Schulen geschrieben habe, merkten wir an der Resonanz aber auch beim gegenseitigen Lesen der Artikel, wie wichtig und weitreichend das Thema Mobbing ist.

Viele Menschen haben eigene, sehr schlimme Erfahrungen machen müssen. Viele von ihnen spüren die Verletzungen noch als Erwachsene. Andere begleiten ihre eigenen Kinder durch die schweren Erlebnisse. Andere erlebten Mobbing in der Kindheit und sehen teilweise hilflos mit an, wie ihrem Kind das Gleiche widerfährt.

Nicht schuld

Hier fragen sie sich schnell, ob sie vielleicht schuld am Mobbing sind. Oder es vielleicht als Kind bereits waren.

Vermutlich waren sie irgendwie „seltsam“ oder hatten äußere Auffälligkeiten wie Übergewicht, Narben, Behinderungen, „billige Kleidung“, Sprachfehler oder Anderes.

Und nun geschieht ihrem Kind vielleicht das Selbe. Vermutlich haben sie es falsch auf das Leben vorbereitet oder es teilt diese äußeren Auffälligkeiten ja vielleicht.

Diese Gedanken sind verständlich. Psychologisch gesehen wollen wir Menschen dadurch die Kontrolle über das Unkontrollierbare erhalten. Wenn wir Auslöser sind und Schuld haben, dann haben wir ja eben doch irgendeinen Einfluss. Kontrollverlust gehört für uns Menschen nun mal zu den schlimmsten Erlebnissen.

Oftmals wird Gewaltopfern die Schuld an der Tat eingeredet. Wir kennen das besonders bei  als sehr unmoralisch empfundenen Gewalttaten: Sexuelle Handlungen werden schnell mit dem „Victim Blaming“  (‚dem Opfer die Schuld geben‘) beantwortet. Bei Quälereien, die einen scheinbar schlechten, hässlichen oder sadistischen Charakter des Täters zeigen, reagieren viele Beteiligte ähnlich: Gemobbte Kinder (und natürlich auch Erwachsene) werden in eine Ecke gedrängt:

„Du bist auch zu empfindlich!“

„Du fühlst dich eben immer gleich als Opfer.“

„Du verstehst eben keinen Spaß.“

Zeugen oder Beteiligte wollen mit dem Konflikt – mit den Taten – am liebsten nichts zu tun haben. Sie wollen so etwas nicht in ihrem Umfeld wissen und fürchten zugleich, selber Opfer zu werden. Daher beschuldigen sie das Opfer. Wieso tun sie das?

Um sich selbst zu suggerieren, dass man die Gewalt selbst verursacht. Und wenn sie nur genau das nicht tun, was das Opfer vermeintlich tat, dann wird ihnen auch nicht das Gleiche zustoßen.

„Geh im Dunkeln eben nicht raus und trage keine sexy Kleidung. Selbst schuld, wenn dich einer anpackt. Man muss als Frau eben aufpassen.“

oder

„Wer auch so blöd ist und Nacktfotos von sich herumschickt, muss sich nicht wundern, wenn die ganze Firma/Klasse sie zu sehen bekommt.“

Selbstverständlich ist ein Gewaltopfer niemals schuld.

Es ist immer der potentielle Täter, der sich entscheidet. Für oder gegen den Angriff.

Ebenso, wie selbstverständlich auch Frauen, die Hosen tragen, Opfer sexualisierter Gewalt werden, so kann jedes Kind Opfer von Mobbing werden.

Es liegt nicht an den Opfern. Die Verantwortung liegt alleine bei den Tätern und im Falle von Kindern dann auch bei den Eltern, Lehrern und weiteren lebensbegleitenden Erwachsenen.

Eure Erfahrungen

Diese Informationen wollte ich vorweg nehmen, um sie wie einen Weg für Eure Erfahrungen auszubreiten.

1. Niemand ist schuld

2. Jeder hat ein Recht auf Hilfe

3. Mobbing kann beendet werden

4. Kein Gewaltopfer muss sich für die an ihm verübte Tat schämen

5. Es gibt viele Hilfsangebote und Möglichkeiten

6. Man sollte frühzeitig gegen das Mobbing vorgehen, auch wenn dies mit sich bringt, dass man als empfindlich gilt.

Gemeinsam können wir aufräumen mit dem Bild des schuldigen Opfers, das sich zu schämen hat und im Gegenzug einander trösten, Respekt zurückgeben und einander spüren lassen, dass die uns umgebenden Menschen durchaus sehr liebevoll sind.

Diejenigen, die komplexbehaftet und sadistisch vorgehen – also die Mobber – sind in der Minderheit.

Mobbing (eigentlich ist dies die Attacke einer Person gegen eine andere, bei einer Gruppe heißt das dann „Bullying“) ist kein „Ärgern unter Kindern“. Es ist eine Gewaltsituation, die tiefe Verletzungen im Opfer hinterlässt und diese für ihr Leben prägt.

Meine Erfahrung

Ich machte den Start zum Thema Mobbing an der Schule ja bereits durch den Brief an unsere Tochter.

Doch auch ich habe eigene Erfahrungen in meiner Kindheit gemacht. Ich wurde von der Klasse 2 bis zur Klasse 8 gemobbt.

Beleidigungen und Ausgrenzungen sowie Bedrohungen begrüßten mich an der Bushaltestelle am Morgen. Mittags gab es etwas wie „Gleich verhauen wir dich an der Haltstelle!“ – was dann auch passierte, wenn nicht mein Lieblingsbusfahrer fuhr und mich vor der Haltestelle nahe meines Elternhauses aussteigen ließ …

Es gab immer mindestens einen Jungen, der mich quälte. In der Grundschule und auch in der weiterführenden Schule. Meist waren es mehrere.

Einer wohnte in meiner Nähe und war – in der Retrospektive – ein sehr vehaltensauffälliges Kind. Er legte sich beispielsweise während einer Busfahrt auf mich und versuchte mich zu küssen. Er stellte mir richtig nach. Zwischen Prügeln und diesem Bedrängen waren seine Attacken gelagert.

Ich besuchte ihn anfangs zu Hause einmal, da er neu in der Klasse war und in meiner Nähe wohnte. Zu diesem Zeitpunkt griff er mich noch nicht an. Da erzählte mir seine kleine Schwester, dass er sie manchmal einsperren und fesseln würde. Er würde sie mit einem Gürtel schlagen und dabei lachen.

Ich hielt das wohl für eine Phantasiegeschichte oder ich nahm es auf die Weise an, wie Kinder nun einmal skurrile oder bedenkliche Dinge annehmen.

Inzwischen sehe ich durchaus den Zusammenhang zwischen der Gewalt zuhause und seinem Verhalten mir gegenüber.

Es gab viele Situationen. Ich wurde wegen meiner Brille gehänselt und wegen meines „bescheuerten“ Bruders (mein Bruder fiel durch seinen, leider erst sehr spät diagnostizierten, Asperger Autismus in unserer Dorf-„Gemeinschaft“ doch ziemlich auf) oder einfach auch weil „ich so komisch sei“. Klar, ich war ein ehemaliges Missbrauchsopfer, Kind zweier persönlichkeitsgestörter Eltern, die keine erwachsene Verantwortung für mich übernehmen konnten. Sicherlich war ich „komisch.“

Aber ich hätte auch rotes Haar oder/und Sommersprosssen haben oder einfach mal an einem tag mir den Kakao zum Amüsement der Klasse versehentlich auf die Hose schütten können: Mobber finden immer einen Ansatzpunkt. Am besten die verletzlichen Punkte eines anderen Kindes.

Ich fühlte mich irgendwann lächerlich. Egal, wo ich war. Ich war fehl am Platz, seltsam und eine Art Alien. Ich war immer verunsichert. Das war ich ohnehin schon, da meine Eltern mir keinen Halt geben konnten in ihrer überbordenden und unzuverlässigen Art von Bindung sowie ihrem zerfahrenen Emotionalhaushalt.

Das Mobbing war daher einfach nur eine weitere Bürde in meinem Leben. Ich musste mich verteidigen und genau das hatte ich nicht gelernt. Die „Glaubenssätze“ (hier gemeint als: psychologischer Fachbegriff für die negativen Sätze/Formulierungen/Annahmen über einen selbst, die man in der Kindheit verinnerlicht) meiner Kindheit waren: „Halte still und harre aus.“ sowie „Sei brav und störe uns nicht!“ Ich erzählte daher wenig und immerhin kam meine Mutter eine Weile lang mit zur Haltestelle. Dies gefiel den Mobbern natürlich, da sie es aufgreifen konnten. Meine Mutter war schon immer eine auffallend attraktive Frau, die stets mindestens zehn Jahre jünger aussah.

„Hat dich deine Schwester gebracht, hä, Müller?“ (Sie sprachen mich stets mit meinem Nachnamen an. Diese Mädchennamen habe ich aus Gründen der Anonymität meiner Eltern geändert)

Da war ich noch recht schlagfertig, denn am kommenden Morgen wurde einer der Jungs von seiner Mutter begleitet, welche äußerlich eher der Gegenentwurf meiner Mutter war und so konnte ich kontern: „Na, und hat dich heute deine Oma gebracht?“

Ich dachte. „Mann, sind die dämlich. Als ob mich das ärgert, dass meine Mutter jung aussieht. Wie blöde sind die eigentlich?“

Das Menschenbild verzerrt sich im Eindruck vom Mobbing sehr negativ. Auch einer der vielen schlimmen Effekte.

Ein Mal ging mein Vater, nachdem meine Mutter ihn wochenlang bequatscht hatte, zu den Eltern eines der Bushaltestellen-Mobber und wurde deutlich. Danach ließ mich der Junge in Ruhe. Natürlich beschwerte er sich bei mir über diese Beschwerde – er hatte ziemlichen Ärger bekommen. Aber das war für mich völlig in Ordnung.

In der nächsten Schule gab es so einen Jungen, den mein bester Freund mal als „Klassenarsch“ bezeichnet. Diese Rolle erfüllte der Junge gut.

Einmal im Schwimmunterricht im Freibad öffnete er mir vor der gesamten Klasse im Vorbeigehen das Bikinioberteil. Dies rächte ich damit, dass ich ihm umgehend – ich stellte mich dazu hinter ihn – die Badehose bis zu den Knien herunterzog. Sehr zur Belustigung der Klasse.

Den Ärger bekam natürlich ich. Ganz typisch.

Schule bedeutete für mich Angst und Demütigung. Ich hatte Freunde und diese gaben mir Halt. Aber die Angst war immer da. Und das Gefühl, wertlos und lächerlich zu sein.

Dieses hatte ich ja ohnehin schon und dann wurde es aufgegriffen und verstärkt.

Apropos „verstärkt“: Stärke ist etwas, das ich aus diesen Erlebnissen auch zog. Neben all der Verletzung, der Verunsicherung und dem Schmerz. Ich hatte schon früh – im Rahmen meines ausgeprägten Selbsterhaltungstriebs – eine gute Analysefähigkeit. Ich begann, ab der Klasse 7 mein Umfeld noch genauer zu beobachten und zu analysieren. Dann ging ich planvoll vor und zog einen nach dem anderen Klassenmitglied auf meine Seite. Es endete darin, dass ich fast nicht mehr gemobbt wurde, sondern in jenem Jahr sogar zur Klassensprecherin gewählt wurde. Diese Manipulation war das Endergebnis. Und irgendwie schämte ich mich dafür, so vorgegangen zu sein, da ich es als unmoralisch empfand. Aber es hatte geholfen.

Dies schildere ich alles als groben Umriss meiner Erfahrungen, die ich recht gut verarbeiten konnte. Auch, weil Mobbing leider nicht das größte Problem meines Lebens war. Ich habe es so „mitverarbeitet“ als ich ohnehin schon in der Therapiephase meines Lebens war.

Zusehen zu müssen, wie jemand mit meinem Kind ähnlich umgeht, ist natürlich dennoch ein Albtraum. Oder vielleicht auch gerade deswegen: Ich weiß, wie es sich anfühlt.

Immerhin kann ich ihr dadurch geben, was mir damals fehlte: Eltern, die auf meiner Seite waren. Klar, mein Vater gab mir tolle Tipps, wie ich die Überzahl an Jungs einschüchtern sollte und fand auch, ich sei wohl ein wenig feige, wenn ich mich immer wieder nur beschwerte, anstatt mal ordentlich „auf den Tisch (oder in’s Gesicht) zu hauen.“

 

#NoMobbing

Jede Erfahrung, jeder Tipp ist wichtig und kann dazu beitragen, dass wir aufgeklärter sind und wache Augen haben, um Mobbing begegnen zu können.

Schreibt Eure Erfahrungen auf und schickt mir oder auch Dani den Link zum Blogpost. Wir werden die Artikel lesen und die Links gemeinsam veröffentlichen.

Ihr lieben Leserinnen und Leser kommentiert ruhig. Schreibt Eure Erfahrungen als Kommentare und teilt sie dadurch mit Anderen.

Und vielleicht ist auch jemand unter Euch, der (vielleicht anonym) mitteilen will, dass er selber einmal Mobber war und vielleicht berichten möchte, wie sehr er sich veränderte.

Hier sollen keine Verurteilungen entstehen, sondern der Wunsch im Zentrum stehen, alle Beteiligten und die Vorgänge des Mobbings zu begreifen.

Die Blogparade läuft bis zum 25. November 2016.

Das Bild könnt Ihr sehr gerne als Element nutzen.

Hier geht es zu Danis Artikel #NoMobbing

Gemeinsam können wir einander unterstützen!

Mobbing #NoMobbing

 

Mobbing: Brief einer Mutter an ihr Kind

Mobbing: Brief einer Mutter an ihr Kind

Heute geht es um unsere Tochter, Nummer 2.

Es geht um Ausgrenzung, Demütigungen, Einschüchterungen und menschliche Hässlichkeit. Es geht um Mobbing.

Ein Thema, das viele – viel zu viele – Kinder und auch Erwachsene betrifft. Ein Thema, das viele verharmlosen. Eine furchtbare Sache im Zusammenleben, die inzwischen Gang und Gäbe zu sein scheint und nicht nur krank machen kann, sondern immer wieder Kinder und Jugendliche zum Äußersten treibt.

Meine Gefühle zu diesem Thema habe ich noch nie dezidiert ausgedrückt. Ich bin traurig, hilflos wütend, ungeduldig und enttäuscht. Ich will zeigen, wie sehr man als Mutter mit einem Kind leidet, das ausgegrenzt und verletzt wird. Vielen Kindern geht es wie unserem und viele Eltern fühlen wie wir – das weiß ich. Ich möchte sagen: „Wir sind nicht alleine!“

Meine Gefühle drücke ich in Form eines Briefes an meine Tochter aus, dessen Inhalt sie kennt und den ich für diesen Artikel verfasste. Mit der Veröffentlichung ist sie ausdrücklich einverstanden.

Meine liebe Tochter, 

„Sie haben mich alle ausgelacht und gesagt, dass jemand, der neben mir sitzen muss, sich besser umbringen sollte!“

„Er sagte, er will mich fertigmachen bis ich weine!“

„Das war wieder so demütigend heute in der Schule!“

„Sie hat gesagt, sie will mich zusammenschlagen und mir einfach nur in’s Gesicht schlagen, wenn sie mich sieht!“

„Sie haben mich an den Armen und Beinen festgehalten und über den Schulhof gezerrt.“

„Sie haben ein Spiel erfunden, in dem es irgendwie darum ging, mich umzubringen.“

„Sie haben schon wieder mit Bällen auf mein Gesicht gezielt im Sportunterricht. Das machen die echt, während die Lehrerin daneben steht! Sie leugnen hinterher immer alles und nie bekommt ein Lehrer es mit.“

„Diejenigen, die mich fertigmachen, fragen im Kunstunterricht immer, ob ich ihnen helfen kann – ich verstehe die nicht. Kapieren die nicht, was die mir antun? Halten die das für Spaß, wenn sie mich quälen, bis ich weine? Können die denn nicht für zwei Cent nachdenken?“

Solche und ähnliche Dinge höre ich seit Langem immer wieder von Dir.

Und ja, mein Herz tut weh. Ich höre, wie mein Kind verbal gequält und körperlich angegriffen wird. Phasenweise tagtäglich, immer wieder, seit drei Jahren.

Die Angriffe begannen wie harmlose Kommentare und steigerten sich zu verletzenden und geschmacklosen Höhepunkten. Du, ich – wir als Familie – haben einen langen, schmerzhaften Weg hinter uns.

Ich möchte ausdrücken, wie sich all das aus meiner Sicht anfühlt. Es sind so viele Bereiche Deines Lebens betroffen.

Es sind zum Einen einfache, äußere Umstände, aber auch tiefgreifende Veränderungen.

Durch den Druck in der Schule erträgst Du keinen weiteren Druck. Keine Forderungen, keine größeren Erwartungen. Während ich Deine Geschwister an ihre einfachen Aufgaben erinnern kann, ist Dir der zusätzliche Druck zu viel.

Du ziehst Dich zurück, hattest immer weniger Freunde.

Ich erinnere mich, wie Du Dir hübsche Sachen aussuchst und Dich für die Schule anziehst, um dort dann ausgelacht zu werden und traurig nach Hause zu kommen.

Ich sehe inzwischen, wie Du langsam die Lust daran verloren hast, Dich besonders um Dein Äußeres zu kümmern.

Du fühlst Dich hässlich, nicht wirklich liebenswert innerhalb der Außenwelt, zutiefst verunsichert, „seltsam“ und wie zusammengefasst wie eine Ausgestoßene. Gleichaltrige amüsieren sich , hängen zusammen ab – Du stehst alleine in der Nähe, aber abseits.

Das Mobbing ist ein alltägliches Thema, das wir kaum noch ertragen können. Es gibt ja inzwischen sogar meine Anordnung, erst nach dem Mittagessen von der Schule zu erzählen, damit wir wenigstens in Ruhe essen können.

Wir haben immer wieder Gespräche, Termine und Telefonate mit der Schulleitung, mit Lehrern, Psychologen, dem Kinderarzt …

Ich liebe Dich so sehr und habe täglich das Gefühl, Dich jeden Morgen den Löwen zum Fraß vorzuwerfen. Es tut unglaublich weh, mitzuerleben, wie das eigene Kind leidet und nach und nach jede Möglichkeit verliert, sich zur Wehr zu setzen.

Ich bin inzwischen so wütend. Am liebsten würde ich die Klassentür aufreißen, mich vor die Klasse stellen und sagen (und ich bin selbst entsetzt über das Ausmaß an Wut in mir):

„Ihr seid ein Haufen anstands- und empathieloser Würmer ohne Rückgrat. Ihr seid das Klischee der respektlosen, verwöhnten Narzissten ohne Blick für andere Menschen, die in den vielen Zeitungsartikeln über eure Generation erwähnt werden. Ein Haufen Frustrierter und ihre Mitläufer  – gesegnet mit willentlich blinden Lehrern und Eltern, die Euch keine Möglichkeit auf eine gute und wünschenswerte Weiterentwicklung geben. Ihr wisst gar nicht, was ihr anrichtet!

Weder meinem Kind gegenüber, noch den anderen in der Klasse. Das Klima ist bestimmt von Hässlichkeiten und der Angst davor. Von Loyalitätskonflikten, von Aggressionen und Verletzungen.

Es ist mir inzwischen egal, dass eure bisherige Klassenlehrerin keine Führungsqualitäten hatte und sich anscheinend eher bei euch anbiederte, statt euch ein gutes Vorbild zu sein. Und dass ihr dadurch als Gruppe wenig Chancen hattet. Was ich sehe, sind die hässlichsten und traurigsten Seiten an Menschen: Die Bereitschaft, den Schmerz Anderer zu ignorieren oder sich sadistisch an ihm zu erfreuen, die Angst davor, mutig gegen Ungerechtigkeit aufzustehen, das allgemeine Duckmäusertum und die ebenso furchtsame Mitläuferschaft. Alles gefördert in einer angesehen Schule, die sehr gerne in der Zeitung die Leistungen ihrer Schüler vorzeigt. Unter anderem auch die Leistungen meiner Tochter, die ihr scheinheilig gefeiert habt, als sie einen Schullesewettbewerb gewann.

Ich habe meinen ansonsten sehr zuverlässigen Sinn für Gerechtigkeit und Analyse genau da verloren, wo ihr lacht, wenn meine Tochter weint.

Ich sollte euch bemitleiden, weil ihr nach rund 13 Lebensjahren bereits derart komplexbehaftet seit, dass ihr aus dem Gefühl eigener Minderwertigkeit heraus eine Unbeteiligte auserkoren habt, um euch an ihr auszuagieren und euch durch ihre Tränen mächtig zu fühlen.

Ich bin einfach nur entsetzt, weil ich beobachten kann, dass es keinerlei Worte und Zwischenfälle gibt, die euch verändern können. Jetzt nicht und vermutlich auch in Zukunft auch nicht. Ich setze nicht mehr darauf, dass ihr Eltern habt, die genug Interesse besitzen, ihren Mut zusammenzunehmen und sich anzusehen, wie ihr wirklich seid. Denn bisher waren sie ja auch nicht in der Lage, euch das zu geben, was ihr wirklich braucht. 

Ja, man hätte Euch besser beobachten und begleiten müssen. Die Gemeinschaft stärken und dafür sorgen, dass ihr einander wenigstens an der Basis vertraut. Leider geschah das nicht und ihr zeigt nun, was dabei herauskommt, wenn man eine Gruppe Kinder nicht anleitet.

Ich wünsche euch, dass euch das Gleiche widerfährt wie meiner geliebten Tochter. Leidet! Schlaft nicht mehr! Haltet euch für den letzten Menschen! Schaut auf eure zitternden Hände! Weint! Fühlt euch hilflos!“

Das würde ich am liebsten laut formulieren.

In der Wirklichkeit bleibe ich natürlich auf meiner Wut sitzen, wie Du auf der Deinen.

In Wirklichkeit würde ich niemals zu Kindern auf eine solche Weise sprechen, das weißt Du. Aber das Bild der Vorstellung hat eine fast therapeutische Wirkung auf mich.

In der wirklichen Welt begegnete ich einer Klassenlehrerin, die Dir selbst die Schuld an der Quälerei gab:

„Du bist ja auch wirklich ziemlich komisch! Kein Wunder, dass die dich mobben! DU musst dich mal verändern!

oder „Du musst auch mal deine Persönlichkeit zurücknehmen, damit die dich mögen!“

oder „Na toll, jetzt sind deine Eltern wegen dir zum Direktor gerannt und ich hab einen ‚Anschiss‘ bekommen – ich hätte meine Klasse nicht im Griff, hieß es! Danke auch!“

sowie der Klassiker: „Vielleicht bist du einfach nur empfindlich. Die meinen das nicht so. Die halten das für Spaß.“

Ich möchte nicht, dass solche Menschen mein Kind unterrichten. Ich habe aber keine Wahl. Ich bezahle sogar dafür durch meine Steuern. Selten war mein Geld derart schlecht angelegt, wirklich.

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Ich würde Dich die Schule wechseln lassen, aber die einzige Schule in der Nähe unserer Kleinstadt ist weit weg. Du hast zugleich Angst, dass es mit dem Mobbing dort gleich wieder losgeht. Statistisch gesehen besteht das Risiko definitiv – meistens ist man als Opfer schon so paranoid, dass man alles auf sich bezieht, was den möglichen Mobbing-Charakteren als Schwäche auffällt und sie gleich zur Tat schreiten lässt. Du hast vor allem Angst vor dieser Art Neuanfang, der sich anfühlt, als habe man Dich hinausgeekelt.

Du willst nicht vor den Mobbern fliehen, sie nicht siegen und über Dein Leben bestimmen lassen.

Nun haben wir einen Neunanfang für uns alle beschlossen:

Wir werden unser Haus verkaufen und umziehen. Nicht nur wegen des Mobbings, aber definitiv auch. Wir haben alle sehr viele Veränderungen durchlebt in den letzten zwei Jahren und diese können wir in einer neuen Umgebung und neuen sozialen Gruppierungen frei entfalten. Du genau so wie wir Anderen.

Wir möchten zurück in die Nähe der Stadt, in der Du geboren wurdest. Dort fühlen wir uns beheimatet. Ich für meinen Teil habe mich hier nie zuhause fühlen können. In der dörflichen Atmosphäre einer Kleinstadt, in der man entweder „sein eigenes Ding macht“ oder ewig die „Neue und Zugezogene“ ist.

Desaster von Anfang an

Bevor Du in das Schulsystem eingetreten bist warst Du ein Kind voller Freude, Euphorie, Sensibilität und Liebe für die ganze Welt.

Du warst inspiriert von winzigen, niedlichen Dingen, hast gerne draußen gespielt und auch gerne viel gelesen. Wenn Du eine traurige Geschichte gelesen hast, dann warst Du viele Tage ergriffen davon und hast darüber erzählt.

Du warst nachdenklich und feinfühlig. Und zufrieden. Mein Lieblingszitat von Dir war das herrlich glücklich geseufzte:

„Hach, das ist eine schöne Welt.“

Mobbing

Die Herausforderungen wachsen – manchmal wird es schwer, mitzuhalten

Inzwischen habe ich das Gefühl, Dich einer Horde Wölfen vorgeworfen zu haben, als ich Deine Schultüte füllte.

Von Anfang an war der Wurm drin. Deine erste Lehrerin hielt Dich, Zartbesaitete (Hochsensible, um mal das Modewort zu nennen), für unreif und weinerlich. Weil Du Dich in ihrem Unterricht gelangweilt und dadurch gestört hast, erklärte sie Dich für ein wenig zurückgeblieben.

Dann kam der Lehrerwechsel zur einzigen Lehrerin, mit der Du jemals glücklich warst. Und das war ausgerechnet mitten in der Phase unseres Umzug nach hier.

Diese Frau erkannte Dich so, wie Du warst:

„Es ist eine Freude, als Lehrerin mit einem so wissbegierigen und intelligentem Kind zu arbeiten! Ich liebe den Umgang mit ihrem Kind. Und ich erkenne genau, wie schnell ihr Verstand arbeitet. Ich kann das Zeugnis meiner Vorgängerin nicht begreifen. Ich sehe Ihre Tochter ganz anders. Ihr Kind ist wunderbar gebildet – sie fangen wirklich sehr gut alles ab, das in der Schule fehlt. Und immer fehlen wird.“

Du bist aufgefallen – das gefiel nie wieder einer Lehrperson so sehr wie dieser.

Der Eindruck durch Dein erstes Schuljahr, in dem Du Dich fühltest als hielte man Dich für dumm, hat sich tief eingefressen in Dich. Schule hast Du fortan abgelehnt. Auch wenn Du ihr immer wieder eine Chance gegeben hast, dieser Institution. Um immer wieder enttäuscht zu werden. Wie hab ich immer wieder auf Dich eingeredet und damit mehr Reife und Kompetenz von Dir als von den Lehrern verlangt.

Auszüge aus der Schulkonferenz, die wir hatten, damit Du eine Klasse vorgesetzt werden konntest:

„Ich habe ihrer Tochter ja nun wirklich genug Lernstoff gegeben. Aber diesen wollte sie ja nicht machen!“

Meine Frage daraufhin: „Meinen sie Lernstoff der Klasse 2? Das Problem ist Unterforderung hier. Wieso soll sie dann noch mehr von dem machen, das sie bereits beherrscht und  das sie langweilt?“

Antwort der Lehrerin: „Tja, manchmal muss man eben einfach auch etwas Unangenehmes machen, so ist das nun mal! Es ist schon ein bisschen…arrogant, sich hinzusetzen und nicht mitmachen zu wollen.“

Oder auch die Schulleitung: „Nun ja, es gibt eben Lehrer, die sich durch ein solches Kind angegriffen fühlen. Nicht jeder wird gerne berichtigt. Auch wenn er berechtigt berichtigt wird.“

„Das Kind muss Verständnis dafür entwickeln, dass Erwachsene sich auf den Schlips getreten fühlen, wenn es mit acht Jahren mehr weiß als sie. Und da müsste es vielleicht mit mehr Verständnis reagieren.“

Schule. Eine lange, ermüdende Geschichte. Würde ich nicht in Deutschland leben, würde ich meine Kinder längst selber unterrichten. Weniger aus tiefer Überzeugung als aus resignierter Konsequenz.

Wir mögen dich nicht, weil …

„Wir mögen dich nicht, weil du eine Klasse übersprungen hast – du durftest das bestimmt, weil du zu blöd für den Lernstoff warst!“

Das war der erste Satz, der direkt gegen Dich ging. Das war in der neuen, der vierten Klasse. Ich erinnere mich gut daran, weil ich ein ganz mulmiges Gefühl hatte, als Du mir davon erzählt hast. Auch wenn Du damals noch selbstbewusst und schlagfertig aufgetreten bist:

„Klaro, immer, wenn man den Schulstoff nicht versteht, kommt man eine Klasse weiter. Kannste ja auch mal probieren …“

Nach dem Schulwechsel brauchte die neue Klasse dann eine Weile, um sich in ihrem System einzufinden. Es ging leider erneut gegen Dich, die Seltsame, die Jüngere, die Verständige, das Kind mit dem tief verankerten Gefühl von Selbstwert. Sie fühlten sich verunsichert. Und es wurde immer heftiger.

Ich riet Dir Tausend Dinge. Dir Hilfe durch die Lehrerin zu suchen („Ihr Kind steht dauernd an der Lehrerzimmertür nach der Pause und weint. Das ist ganz schön anstrengend. Ich kann schließlich nichts tun, um zu helfen.“), mit den Kindern zu reden, sogar ihnen verbal wehzutun und letztlich riet ich Dir, was ich durch das Buch „Ender’s Game“ gelernt hatte: Schnapp Dir den Anführer und hau ihm eine, so feste Du kannst. Dann drohe seinen Mit-Mobbern das Gleiche an.

Mobbing

Das half. Fast ein dreiviertel Jahr lang war Ruhe. Sie schenkten Dir sogar Kekse und boten Dir Hilfe an. Dann schlich es sich wieder ein. Eine Weile versuchten wir erneut es zu selbst zu lösen, weil wir seitens der Schule gar keine Unterstützung erwarteten. Bis es mir irgendwann reichte.

Ich traf zusammen mit Deinem Vater den Schuldirektor, ein Anti-Mobbing-Programm wurde gestartet. Innerhalb dieses Programms sollten die Eltern der Mobber nicht informiert werden, damit sie den (vermutlich ohnehin nicht) folgenden Ärger durch dieselbigen nicht auf Dich übertragen würden. Das Ganze war leicht anstrengend, weil Du dauernd jeden Vorfall melden gehen musstest und er immer wieder abwechselnd Dich und später dann die betreffenden Kinder aus dem Unterricht holte. Letztlich standest Du durch die dauernden Meldungen als kindische Petze da. Aber immerhin:

Es brachte insgesamt rund drei Wochen Ruhe. Wir atmeten auf, wagten vorsichtig zu hoffen.

Dann ging es wieder los. Neue Gespräche, wieder neue Versuche. Wieder kurz Ruhe. Und so weiter.

Ich besuchte mit Dir eine Psychologin, die Dich ein wenig stärken konnte. Ich las viel über Mobbing. Wir redeten viel.

Die Sommerferien kamen und es ging anschließend wieder los.

Der erste Eklat gleich am vierten Schultag. Die neue Klassenlehrerin (Hurra, eine neue Chance!) reagierte schockiert von einer derart aggressiven Klasse, sagte sie später.

Du bist weinend zur Toilette gerannt.

Wir haben mit Deiner Lehrerin sofort telefoniert.

Deine Lehrerin sagte, so etwas wie am betreffenden Freitag habe sie noch nie erlebt. Dass eine Klasse sich binnen Sekunden zu solcher Aggression hochschaukelt, das sei noch nie in ihrer Anwesenheit vorgekommen.

Sie weiß inzwischen, dass ihre Vorgängerin vor den Schülern über Kollegen lästerte. Und auch vor der ganzen Klasse über einzelne Schüler. Mobbing ist immer ein Systemfehler sagt man. Und auch „Der Fisch stinkt vom Kopf her“: In dieser Schule lästern Lehrer übereinander! Und über einzelne Schüler! Nichts, das man uns geglaubt hat, wenn wir es vorbrachten. Das System verschließt eben gerne die Augen vor sich selbst und möchte sich blind erhalten. Verständlich, aber nicht ohne Kollateralschäden.

Sie beschweren sich bei Kindern darüber, dass Eltern sehr angemessene Gespräche mit ihrem Vorgesetzten führten.

Und Lehrerinnen, die nach einem Mobbing-Vorfall sagen: „Nun lasst uns doch ein Stück Kuchen essen und das Ganze vergessen.“ 

Wie sollen diese den Kindern dann Respekt und ein angenehmes Miteinander vorleben?

Die Denkrichtung der Schule ist eher abwartend, zu sehr die Täter schützend, zu wenig opferempathisch. Von Dir verlangen sie dauernd Vertrauensvorschüsse, Geduld, Aushalten müssen. Von den Mobbern verlangt man nicht viel.

Ein klassischer Fall eines Systems, das sagt:“ bei uns ist alles perfekt, Sie sind ein trauriger Sonderfall.“ Unseren Hinweis, unsere Psychologin habe erwähnt, es häuften sich gerade die Mobbing-Fälle der betreffenden Schule sagte der Schulleiter: „Das stimmt nicht. Und die darf nicht über andere Fälle reden!“ (Doch, sie darf Tendenzen und Beobachtungen nennen, ohne namentlich ihre Klienten oder im Gespräch erwähnte Namen zu erwähnen.)

Victim Blaming ist – neben dem Augenverschließen und Herabspielen –  eine beliebte Methode, die Schwere des Konflikts nicht sehen zu müssen. Und das wird an dieser Schule gern betrieben:

„Grenz dich nicht so aus, Kind. Du bist es selber schuld, wenn die gemein zu dir sind!“

„Wenn du deine Materialien vergisst, ist es kein Wunder, dass eine Mitschülerin die ganze Stunde lang diesen Vorfall kommentiert. Natürlich pfeife ich dann dich an, wenn du dieses Mädchen genervt anbrüllst.“

Diese Sätze fielen, nachdem wir mit Deinem Direktor gesprochen haben. Unfassbar, wie schwierig es zu sein scheint, seine Mitarbeiter über das Thema eingehend zu informieren, finde ich.

Und innerhalb eines Systems, das solche Beteiligte hat, da soll „das Klima an der Schule sehr gut sein“, wie uns die Schulleitung mehrfach versicherte?

Klar, sicher auch für das rothaarige Mädchen aus der Parallelklasse mit dem Hauch Übergewicht und dem mehr als einem Hauch Autismus, das in der Pause immer wieder terrorisiert wird und mit dem Du und Deine Schwester sich immer wieder solidarisieren.

Und für die Schüler der oberen Klassen, welche inzwischen auch schon in dämlicher Art Deinen Namen rufen, wenn diese den Schulhof betritt gilt sicherlich, dass sie die traumhafte Atmosphäre des Schulklimas komplett missverstanden haben …

Zum Vorfall, während dem Deine Mitschülerin in den Unterricht brüllte, dass sie Dich zusammenschlagen und dir „eins auf’s Maul hauen“ wolle, kam von Deiner Lehrerin:

„Ach, auf die Clothilde (Name natürlich geändert) muss du nicht hören, die ist kein Maßstab. Die hat ganz massive Probleme.“

Du fragtest: „Ach? Und ich etwa nicht?“

Und Du bekamst keine wirkliche Antwort, wie wir wissen.

Das bekommen wir meistens: Keine Antwort, mal ein sehr kurzer betroffener Blick. Viel Kleinreden, eine gute Portion Leugnen und Bitten um noch mehr Geduld. Und noch mehr Verständnis. Verständnis dafür, dass in erster Linie doch auch die Mobbenden eine Chance bräuchten.

Echtes Mitgefühl für Dich, mein Kind, hat bisher jedoch keine/r der LehrerInnen gezeigt. Nicht eineR sagte: „Oh Gott, das arme Kind! Es tut mir leid, dass so etwas passiert ist. Ich werde alles tun, um das zu ändern. Sollten mir Informationen fehlen, dann beschaffe ich sie mir. Und ich würde sie bitten, mir aufzuzeigen, wie weit die Folgen in das Leben des Mädchens und der Familie hineinreichen. Ich will verstehen, was da geschieht.“ Nix.

Diese Schule ist sicherlich gut, wenn es um das Vermitteln von Lerninhalten geht, keine Frage. Wenn man als SchülerIn dort keine Probleme hat, dann ist man eventuell ganz gut aufgehoben.

Wir haben alle aktiviert, die Dir helfen können: einen Jugendpsychologen, eine Diplompsychologin, die Schulleitung, den Jahrgangsstufenkooridnator, den Kinderarzt und ich frage mich, ob es etwas bringt, wenn ich das Schulamt kontaktiere.

Wenn wir unser Haus verkauft und ein Haus in der Heimatstadt Deines Vaters gefunden haben, dann gehst Du auf die Schule, die er einst besucht hat. Das fühlt sich für uns sicherer an, als wieder einen neuen Vertrauensvorschuss in eine fremde Schule zu geben.

Wie geht es Dir, mein Liebling?

Ich sehe, wie Deine Hände oft zittrig sind. Du bist angespannt und fahrig. Du weinst oft. Du hast Schlafstörungen, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen. Du bist aggressiv uns gegenüber, weil Du den Schauplatz nach Hause verlagerst, da Du in der Schule hilflos oft genug 10 bis 15 aggressiven Kindern gegenüber stehst.

Dein Gesichtsausdruck hat sich verändert von fröhlich, offen, selbstbewusst bis nachdenklich zu traurig, introvertiert, aggressiv und ablehnend.

Du hast einige Kilos zugenommen, weil Essen Dich tröstest. Unter der Zunahme leidest Du, weil Du gerade dabei warst, mit Deinem eigenen Stil zu experimentieren und Deine Klamotten nun eng und unbequem sind. Du trägst keine ausgefallenen Sachen mehr, sondern versteckst Dich in „Jungs-Klamotten“. Kein Interesse mehr am Schminken und Experimentieren wie vorher. Das Mobbing beeinträchtigt Deine Entfaltung und Entwicklung. Du willst wie ein Junge aussehen, damit Du Dich stärker fühlst, weil die Mobber alle männlich sind. Wenn man darüber in Ruhe nachdenkt, möchte man schon wieder ausflippen.

Du fühlst Dich hässlich und dabei sagen mir so viele Menschen, wie hübsch Du bist und ich selber sehe es natürlich , aber Du siehst es nicht mehr.

Du hattest zwischenzeitlich Deinen Instagram-Namen in „Trash“ geändert und Deine Status in „Please don’t hate me“. Es ist herzzerreißend.

Der Kinderarzt dokumentierte Deine Symptome, die laut seiner Aussage typisch für eine solche Situation sind. Er sprach Empfehlungen aus und lächelte Dir sehr mitfühlend zu, was Dir sichtlich gut tat.

Wenn Du leidest leide auch ich. Ich sage Dir das bewusst selten, damit Du weißt, dass ich mit Dir fühle, aber Du nicht zusätzlich von meinen Gefühlen belastet bist.

Ich liebe Dich so sehr – ich würde Dich am liebsten den ganzen Tag drücken, halten und vor der Welt verstecken. Ich habe Dich stark gemacht, so weit ich es vermochte. Aber irgendwie hat es nie gereicht. Das ekelhafte Verhalten Deiner Mitschülerinnen und Mitschüler hat Dich immer mehr verletzt als ich auffangen konnte. Und aufgefangen habe ich das Verhalten der Schüler und Lehrer bis zum Burnout. Ja, die Schulsituation war einer der Faktoren meiner völligen Erschöpfung, wegen der wir zur Mutter-Kind-Kur fuhren.

Ich sehe beinahe hilflos zu, wie Du leidest. Es ist mir unerträglich geworden.

Die liebe Tagesmutter Deines kleinen Bruders, die ein sehr gutes Auge für Menschen hat und vor allem mit dem Herzen auf Kinder blickt, sagte neulich:

„Deine (also meine) Kinder sind so selbstbewusst. Sie wissen, dass sie geliebt werden. Um ihrer Selbst Willen. Sie brauchten keine dauernde Bestätigung von außen. Sie sind sehr reif, haben viel Einfühlungsvermögen und auch Selbstbewusstsein. Das vertragen viele Andere nicht. Sie fühlen sich verunsichert davon. Ich sehe deine beiden großen Töchter und merke, wie die Jüngere richtig müde ist. Das Kind ist einfach ermüdet vom dauernd Kampf, vom vielen Aushalten, von all den Verletzungen, vom Sich-Wehren-Müssen.. Ich bin so froh, dass ihr umzieht und das ist ein wunderbarer Ausdruck von Liebe: Sehen, wie die Familie leidet und dann so eine große Entscheidung treffen. das wird vieles von alleine heilen.“

Das war tröstlich zu hören. Ich hoffe, sie behält Recht mit der Einschätzung, dass es heilsam wird.

Mein süßes, geliebtes Baby, das keines mehr ist!

Die Erinnerung daran, mit welcher Freude und Neugier Du die Welt erkunden wolltest und mit welcher Wucht sie sich Dir dann in’s Gesicht warf, ist furchtbar.

Mobbing macht ängstlich, Mobbing nimmt Selbstwertgefühl.

Mobbing sorgt dafür, dass Du Dich immer ängstlich umdrehst, wenn auf der Straße jemand lacht. Obwohl er Dich natürlich gar nicht meint. Ich habe das beobachtet und es tat furchtbar weh.

Du bist ein wundervoller Mensch!

Du bist witzig, klug und vielseitig talentiert. Du bist sensibel und Du hast mit mir in der zweiten Klasse bereits Hamlet gelesen und Dich über die wunderbaren Metaphern gefreut. Nun hast Du keine große Lust mehr an Literatur, am Lernen selber. Du hast Wissen voller Freude aufgesaugt. Jetzt sagst Du: „Ich bin enttäuscht von meiner Intelligenz. Wegen ihr werde ich ausgegrenzt und geholfen hat sie mir bei diesen Problemen dann auch nicht.“

Du hast Albernheit geliebt und Unsinn jeder Art. Wenn irgendwo ein winziger Marienkäfer oder niedlicher Schmetterling aufgedruckt war, warst Du verzückt.

Zugleich in der Phase der eigenen Metamorphose namens Pubertät zu stecken und dann so verletzt und gedemütigt zu werden, das ist furchtbar und hinterlässt Spuren.

Du bist stark, das sehe ich. Aber ich will nicht, dass Du Deine Stärke an kleine Wichte abgeben musst, die keine eigene haben. Ganz gleich, ob sie eigentlich in Wahrheit ebenfalls Mitgefühl brauchen. Sie leben von Deiner Kraft und Deiner Energie. Ich möchte, das Du beides für Dich selber nutzen kannst, wie es Dir zusteht. Sie holen Dich andauernd aus Deiner Mitte, weil sie keine eigene haben.

Deine ganze Familie liebt Dich und freut sich, wenn wir dieses Kapitel irgendwann in den kommenden Monaten abschließen dürfen.

Du nimmst gerade sehr erfolgreich ab, begegnest Deinen Angreifern mit wachsender innerer Abgrenzung und spürst, wie wenig sie Dich dadurch noch erreichen oder gar verletzen können. Anstrengend ist Schule natürlich immer noch. Aber nicht mehr zerstörerisch. Du hälst es aus, weil Du weißt, dass ein Ende in Sicht ist.

Du sollst Dich selber wieder gerne entdecken und liebevoll annehmen können. In der eigenen, inneren Liebe zu bleiben ist ein Weg, die Außenwelt anzunehmen. Es ist sehr schwierig, aber Dank all Deiner Fähigkeiten wirst Du das schaffen.

Wir sind für Dich da. Immer.

ich-liebe-dich

Deine Mama

             und Deine ganze Familie

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Nachtrag:

Liebe Eltern,

wie mir Deine Lehrerin sagte, reagieren die Eltern der mobbenden Kinder meistens mit Leugnung.

Das ist einerseits verständlich, aber auch sehr traurig. Sie sind vermutlich geschockt über das Verhalten des eigenen Kindes. Aber so nimmt man nur seinem Kind die Möglichkeit dazuzulernen, sich zu entwickeln und negative Seiten abzulegen. Man kann daraus etwas ablesen: das eigene (mobbende) Kind braucht auch Unterstützung, nicht nur dessen Opfer.

Auch Mitläufer, die aus Angst mitmachen, brauchen Hilfe.

Und jene, die sich still wegducken, damit die Gewalt sie nicht trifft auch – nach einem aggressiven Vorfall im Unterricht, der gegen Nummer 2 ging, lief eines der unbeteiligten Mädchen raus und übergab sich. Daran sieht man, wie gestresst auch die sind, die scheinbar nichts „abbekommen“: Jeden Tag haben sie Angst und verdrehen ihre Persönlichkeit, passen sich an, ducken sich still weg, um nicht auch Opfer zu werden.

Meine Bitte

Bitte nehmt es an, wenn jemand über Eure Kinder sagt, sie würden andere Kinder bewusst ärgern und helft ihnen dabei, stärker zu werden, damit sie sich nicht auf Kosten Anderer mächtig fühlen müssen. Es kann immer sein, dass man als Eltern etwas übersehen hat. Das macht nichts. Es macht nur etwas, genau dies eben nicht sehen zu wollen.

Bitte hört ihnen zu, wenn sie aus der Schule über aggressive Vorfälle erzählen, die ihnen Angst machen. Sprecht mit den Lehrern, der Schulleitung, einem Psychologen.

Lasst Eure Kinder nicht zu Mitläufern werden, weil sie sich davor fürchten, selber Opfer zu werden.

Bitte ermuntert Eure Kinder mit Opfern Allianzen einzugehen, damit alle lernen, dass man in einer Gemeinschaft auf Unterstützung hoffen kann. Denn diese erhalten Eure Kinder dann auch, wenn sie sie selbst einmal brauchen sollten.

Wir alle wollen eine Welt ohne Gewalt und wir alle müssen etwas dafür tun.

Hilfe bei Mobbing

Informationen zum diesem Thema, das sehr viele Kinder betrifft – immerhin erfuhren fast die Hälfte aller SchülerInnen dies bereits am eigenen Leib – gibt es an verschiedenen Stellen.

Zunächst sollte der/die KlassenlehrerIn angesprochen werden, auch zusammen mit der Schulleitung, falls nötig.

Weitere Hilfen, falls die Schule überfordert sein sollte, können über den/die SchulpsychologIn, Erziehungsberatungsstellen, das Jugendamt und den Kinderarzt erwirkt werden.

Sicherlich ist auch das jeweils zuständige Schulamt ein Ansprechpartner.

Online findet man gut Informationen hier:

Ministerium für Schule und Weiterbildung

Schüler gegen Mobbing

Schüler Mobbing Portal

Betreut

Zudem gibt es zahlreiche Bücher zum Thema und auch einige, die sich direkt an die Betroffenen richten und ihnen Tipps geben, wie sie sich selber wehren können.

Eines davon wird hier vorgestellt:

www.poehm.com (Seite des Autors)

Hier geht es zur Blogparade #NoMobbing, mit deren Hilfe wir Erfahrungen austauschen und einander unterstützen möchten.


Selbstverständlich haben wir kein Geld bekommen, um Empfehlungen auszusprechen, sondern tun dies aus eigener Motivation und Respekt vor dem Thema, um anderen zu helfen.